2016

Hand in Hand zu neuen Sichtweisen


Salome Bessenich und Kornelia Schultze




Mit Comenius Roethlisberger und Admir Jahic hat ein Künstlerduo den Riehener Kulturpreis erhalten, das mit viel Experimentierfreude und Lust an der Kombination verschiedenster Techniken in enger Zusammenarbeit ein vielseitiges Werk geschaffen hat. 




Seit acht Jahren bilden Jahic & Roethlisberger ein Künstlerduo. Die Zusammenarbeit hat sich allmählich entwickelt, beide sehen sie als Resultat eines natürlichen Prozesses. Comenius Roethlisberger, geboren 1971, ist in Riehen aufgewachsen und hat hier seine Schulzeit durchlaufen. Nach einem Auslandaufenthalt und der Ausbildung zum Fotografen hat er sich in Basel niedergelassen. Admir Jahic, geboren 1975, ist in Basel aufgewachsen und hat nach einer Ausbildung zum Rahmenvergolder von 1998 bis 2001 die Schule für Gestaltung in Bern besucht, um anschliessend als Grafiker und Konzepter zu arbeiten. 


Kunst, darüber sind sich die beiden einig, hat weniger mit Schönheit als vielmehr mit der Reflexion über Schönheit zu tun. Ihre Arbeiten entstehen Hand in Hand. Ideen werden gemeinsam entwickelt, lange und ausführlich diskutiert und hinterfragt. Für die Jury des Kulturpreises war die intensive Zusammenarbeit ein entscheidender Grund für die Preisvergabe. In einer Zeit und in einer Gesellschaft, in der Individualismus, Egoismus, Egozentrik gross geschrieben werden, sei eine solche Kooperation, wie sie beispielsweise auch Peter Fischli und David Weiss praktizierten, etwas Spezielles. Voraussetzung dafür ist neben der eigenen Fähigkeit zum künstlerischen Ausdruck die Gabe, diese innerhalb einer tragenden, vertrauensvollen Beziehung weiterzuentwickeln und in ein gemeinsames Werk münden zu lassen. 




Panini-Album fürs Kunstbusiness


Die Werke von Jahic & Roethlisberger sprengen oft den traditionellen künstlerischen Rahmen. Im Jahr 2008 entwarfen sie während der Fussball-Europameisterschaft eine Art Panini-Sticker-Album mit dem Titel ‹Artisti›. Statt Fussballerporträts enthielt es Fotos grosser Persönlichkeiten im Kunstbusiness. Eine Stärke der Arbeiten von Jahic & Roethlisberger ist es, dass sie die Besucherinnen und Betrachter dank ungewohnter Orte, Medien und Materialien zum Überdenken der eigenen Gegenwart und des künstlerischen Kontexts einladen. 


Die Vielfalt ihres Schaffens repräsentieren hier drei Arbeiten beziehungsweise Ausstellungen der letzten Jahre. Für die Ausstellung ‹Der Durchgang› mieteten sie 2014 die schon länger leerstehende Güterhalle des Basler Bahnhofs St. Johann, die als Fossil inmitten der neu überbauten Nordtangente beim Voltaplatz steht. Schon der Titel verrät die zentrale Rolle des Eingangs, der die Besucherinnen und Besucher durch einen immer enger und niedriger werdenden Gang führte, um sie allmählich in eine gebückte Haltung zu zwingen und schliesslich – wieder aufrecht – in die hohe luftige Halle treten zu lassen. Auf 1000 Quadratmetern waren hier die neusten Arbeiten von Jahic & Roethlisberger ausgestellt: Darunter überdimensionale Skulpturen aus insgesamt 2000 Metern Holzlatten, sorgfältig zusammengezurrt und ausbalanciert, fest gefügt und krummgebogen, eine ästhetisch ansprechende und fragile Konstruktion, die aussah, als würde sie jeden Moment auseinanderbrechen. Die Serie ‹Noire, Noire›, 300 kleinformatige quadratische Einzelwerke mit schwarzem Pigment in Polyesterharz auf Glas, wurde in kleinen Lichtboxen am Boden liegend präsentiert. Die schwarzen, von Lichtpunkten durchbrochenen Pigmentflächen weckten Assoziationen an einen Sternenhimmel zu Füssen der Betrachtenden, sodass man sich gleichzeitig an eine Wasseroberfläche erinnert fühlte.




Farbige Pigmente und ein Künstlerkochbuch


In ihrem Atelier im Hinterhof einer ehemaligen Giesserei experimentieren Jahic & Roethlisberger ausgiebig mit Materialien und Farben. Nach der Serie ‹Noire, Noire› inspirierte die Kombination von Polyesterharz und farbigen Pigmenten einen Grossteil der kürzlich entstandenen Werkgruppen. Auf Glas verteilt sich diese Masse flach und gleichmässig. Auf Papier aufgetragen, verformt sie dieses während des Trocknens zu Reliefs. In PET-Flaschen abgefüllt und davon wieder befreit, lässt sich die Masse zu Skulpturen verarbeiten: Die an Alltagsgegenstände erinnernden Formen und die fliessenden Farbverläufe bilden dabei einen auffälligen Kontrast. Sie reihen sich einerseits in die Tradition der Abstraktion ein, anderseits thematisieren sie die Bewegung innerhalb des künstlerischen Prozesses in einer unverwechselbar eigenen Sprache, die ein altersdurchmischtes Publikum in ihren Bann zu ziehen vermag. 


In der Ausstellung ‹Neues› waren 2015 mehrere Werke dieser Gruppe zu sehen. Auch hier war der Kontext wiederum ein sehr ungewöhnlicher: Die Galerie ‹Idea fixa› an der Feldbergstrasse in Basel wurde zu einem Schlaf- und Wohnzimmer umgebaut. Eine massive Holztreppe führte von einem Fenster im Erdgeschoss hinaus und hinauf in den ersten Stock des privaten Hauses und dort wieder hinein in die Küche. Ein Raum der Wohnung wurde mit Neonlicht und kahlen Wänden zum ‹White Cube› umfunktioniert. Die Küche bildete als Ort des Zusammenkommens und Zusammenseins das Scharnier zwischen öffentlichem und privatem Raum. Neben ihrer fruchtbaren künstlerischen Kooperation ist es auch die Liebe zum Essen, die Comenius Roethlisberger und Admir Jahic seit vielen Jahren verbindet.


Daraus entstand die Idee für das Kochbuch ‹Artist’s Recipes›. Die beiden Preisträger fragten sich, was wohl andere Kunstschaffende kochen, wenn sie Gäste empfangen. Sie entwickelten einen Fragebogen für 120 Künstlerfreundinnen und -freunde in aller Welt. So entstand eine Publikation, in der über 80 international bekannte Kunstschaffende ihre Lieblingsrezepte sowie eine dazugehörige Zeichnung, Fotografie oder Collage präsentieren. Das Buch enthält eine Vielfalt von Inspirationen für Speisen und Getränke: einfache Cocktails und Vorspeisen, üppige Desserts, im Nu zubereitete Fertigsuppen bis hin zu einem stundenlang eingekochten Curry mit Gemüse aus eigenem Anbau. Mit ihrem einfachen, aber durchdachten Konzept boten Jahic & Roethlisberger einen geeigneten Rahmen, den die angefragten Künstlerinnen und Künstler bereitwillig ausfüllten. Das Duo liess es sich auch nicht nehmen, für die Vernissage-Gäste aus aller Welt eigenhändig zu kochen. Dabei wurden auch jene nicht vergessen, deren primäre Sorge nicht die Kunst, sondern der Kampf ums tägliche Überleben ist: Den Erlös des Buches lassen die Künstler einem Trinkwasserprojekt in Nepal zukommen. 


Aus den Werken von Jahic & Roethlisberger sprüht eine grosse Experimentierfreude, eine Lust am Umgang mit verschiedenen Farben, Materialien und Techniken. Ihre Freiheit im Denken und die den beiden gemeinsame Neugier, wie auf unverwechselbare Art Neues geschaffen werden kann, eröffnen dem Duo immer wieder überraschende Wege zu neuen Sichtweisen. Unbeschwert lotet es den Spielraum der Kunst aus und verschiebt seine Grenzen. Dabei geben Jahic & Roethlisberger, wie sie selber sagen, auch der Möglichkeit des Scheiterns Raum. 


Das neuste Projekt ist dem Thema Wind gewidmet und führt die beiden Künstler an die Küste Portugals, anschliessend brechen sie für einen längeren Aufenthalt in die USA auf. Möge der Wind sie herumwirbeln und sie immer wieder zurück in den Heimathafen wehen.






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