2016

Botschafter zwischen Verwaltung und Politik


Michèle Faller




Nach 16 Jahren verabschiedet sich Gemeindeverwalter Andreas Schuppli und geht in Pension. Er hat in Riehen viel bewirkt und erlebt, hat sich aber stets als Teil eines Ganzen verstanden.




Andreas Schuppli überlegt. «16 Jahre sind eine gute Zeit.» Der Gemeindeverwalter sitzt in seinem Büro im Gemeindehaus und sinniert über den richtigen Zeitpunkt des Aufhörens. Er hätte noch zwei Jahre anhängen können, da seit 2016 das Pensionsalter 65 gilt, doch er hält am ursprünglichen Plan fest. «Mit der Routine wächst die Gefahr einer gewissen Betriebsblindheit», sagt der Mann, der so jugendlich wirkt, dass man ihm den baldigen Pensionär kaum abnimmt, und an dem keinerlei Spuren einer Abnutzung durch Routine zu erkennen sind. «Ich habe diese Arbeit sehr gerne und mit Herzblut gemacht. Aber jemand Neues bringt neue Schwerpunkte und das tut dem Betrieb gut.»


Es ist Ende Juni 2016, in einigen Tagen bezieht der neue Verwaltungsleiter Jens van der Meer das schöne Büro mit Blick in die grünen Baumwipfel und Schuppli zieht sich für einen letzten Monat der Übergabe in einen anderen Raum zurück. Der Rechtsanwalt, der von 2000 bis 2016 Riehens Gemeindeverwaltung geleitet hat und zuvor 14 Jahre lang als Departementssekretär des Sanitätsdepartements Basel-Stadt arbeitete, hat auch einen persönlichen Grund, nun zusammenzupacken: Nach 30 schönen, aber intensiven Jahren im öffentlichen Dienst freue er sich auf eine Zeit mit weniger Verantwortung.


Die Erinnerung ans Jahr 2000, als Schuppli in Riehen angestellt wurde, entlockt dem Gemeindeverwalter ein Schmunzeln. «Ich bin noch beamtet worden – das glaubt man heute kaum mehr!» Nachdem er bereits beim Kanton als Beamter anfing und als Angestellter aufhörte, wiederholte sich das in Riehen – wobei Schuppli mit der Gemeindereform ‹Prima›, bei der er als Projektleiter fungierte, diesmal selber dazu beitrug, den eigenen Beamtenstatus abzuschaffen. Ebenfalls ein Thema war damals Schupplis Wohnort Basel, doch für ihn und seine Familie sei ein Umzug nach Riehen nicht in Frage gekommen. Von der täglichen Velofahrt durch die Langen Erlen schwärmt der Gemeindeverwalter: «Das war eine Stunde pro Tag für mich, in der ich mental den Tag vorbereitete, mich abends erholte und die Jahreszeiten erleben konnte – ein wunderbarer Arbeitsweg.


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Im Niederholzquartier geboren


Dabei war ihm sein Arbeitsort von Anfang an nicht fremd. Seine Wurzeln habe er in Riehen, betont Schuppli, der als Sechsjähriger von Riehen nach Bettingen zog, aber in Riehen die Primarschule besuchte und als Teenager wieder zurück nach Riehen kam. «Ich bin sogar in Riehen geboren, im Niederholz!» Der damalige Gemeindepräsident Michael Raith habe im Bewerbungsgespräch bemerkenswert gefunden, dass der künftige Gemeindeverwalter eine Hausgeburt war und somit ein veritabler Eingeborener des Niederholzquartiers.


Von Michael Raith spricht Andreas Schuppli immer wieder. Wie sie beide einen halben Tag bei der Kehrichtabfuhr arbeiteten und sich am nächsten Tag nicht nur der Rücken, sondern auch eine noch höhere Wertschätzung für diese Arbeit bemerkbar machte. Oder beim Thema Kultur, die an der Prosperität von Riehen massgeblich beteiligt sei: «Michael Raith sagte bereits im Jahr 2000, Riehen könnte das Kulturdorf von Europa sein. Das kann ich nur unterschreiben und teile auch seine Bewunderung für die kulturellen Aktivitäten hier – von der Fondation Beyeler über das Spielzeugmuseum bis zur vielfältigen Vereinskultur, sogar mit eigenem philharmonischem Orchester.»


Und natürlich spricht der Gemeindeverwalter auch vom Schock, als Michael Raith im Amt starb, begleitet von Mitarbeitenden im Bus auf einem Betriebsausflug. «Das war vor ziemlich genau elf Jahren, und den Ort, wo ich war, als der Anruf kam – in Österreich am Wandern – werde ich nicht vergessen.» Aber er erinnert sich auch daran, wie gut der Gemeinderat zusammen mit der Verwaltung die Übergangszeit bis zur Nachwahl meisterte.




Politik tickt anders


Beim persönlichen Rückblick des Gemeindeverwalters ist die Liste der Highlights lang. Als erstes nennt er die Gemeindereform ‹Prima›, deren Vorbereitungen er bei seinem Arbeitsantritt aufnahm und deren umfassend erneuerte Rechtsgrundlagen bereits Anfang 2003 in Kraft traten. «Es herrschte Aufbruchsstimmung», berichtet Schuppli und betont, dass genau dies eine schlüssige Gesamtreform möglich machte – nicht nur eine Verwaltungsreform, sondern auch eine Politikreform. Wichtige Errungenschaften des neuen Systems seien die konsequente Ausrichtung auf die Dienstleistungen für die Bevölkerung sowie die Nachhaltigkeit mit mehrjährigen Leistungsaufträgen und Globalkrediten. Besonders betont er die neue Führungskultur mit klarer Kompetenzaufteilung zwischen den drei Ebenen Einwohnerrat, Gemeinderat und Verwaltung. Natürlich sei in der Praxis die Vermischung dennoch ein Thema, doch das sei in allen Systemen so, auch auf Bundesebene. Es gehöre auch dazu, mal offen zu sagen: «Du, hör mal, liebes Gemeinde- oder Einwohnerratsmitglied, das ist jetzt wirklich operativ. Wir berichten dir dann, wie wir es gemacht haben.» Doch wer in der Verwaltung arbeite, müsse aushalten, dass die Politik anders ticke, dass sie im Gegensatz zur Verwaltung auch mal unvernünftig handeln dürfe. Seine eigene Rolle hat Schuppli stark als Botschafter zwischen Verwaltung und Politik verstanden.


Als weitere Höhepunkte nennt Schuppli die neue, 2005 verabschiedete Kantonsverfassung, auf deren Gemeinde-Paragrafen Riehen grossen Einfluss genommen habe. In diesem Zusammenhang erwähnt er speziell die mit der Neuordnung erfolgte Kommunalisierung der Primarschulen. «Seither ist die Welt der Kinder erfreulicherweise auch in Riehen zu einer zentralen Aufgabe für Verwaltung und Politik geworden.» Als «phänomenal» bezeichnet Schuppli den Erwerb des Moostals: «Da kaufte eine Gemeinde für teures Geld Bauland, um es als grüne Oase für die nächste Generation zu erhalten!» Ein schöner Erfolg für Riehens Energiepolitik mit der Nutzung von Geothermie sei ausserdem der 2004 erstmals verliehene ‹European Energy Award› in Gold – 2013 noch getoppt durch den Zusammenschluss des städtischen und des Riehener Wärmenetzes beim Bäumlihof.




‹Dorfplatz-Feeling› und öffentliches Wohl


Als besonderer Anlass bleibt Schuppli der ‹Donnschtig-Jass› auf dem Gemeindehausplatz 2010 in bester Erinnerung: «Da kam zum ersten Mal das ‹Dorfplatz-Feeling› auf.» Dass dieses ‹Feeling› nun Realität geworden ist, freut den Gemeindeverwalter, doch sei es auch Zeit geworden: Immerhin war die Neugestaltung des Dorfkerns bereits vor 15 Jahren Thema. Ein weiteres Highlight betreffe die jüngste Einwohnerratspräsidentin aller Zeiten, Salome Hofer, die den damaligen Ratssekretär mit ihrer Souveränität beeindruckte. Bisweilen Mühe habe er hingegen mit der Debattenkultur des Gemeindeparlaments gehabt, vor allem wenn die Person und nicht die Sache im Fokus stand. Der Stil sei ruppiger geworden. «Salus publica suprema lex», auf deutsch «das öffentliche Wohl ist oberstes Gesetz», stehe über dem Eingang des Einwohnerratssaals. «Ab und zu kommt es mir aber vor, als ob es das oberste Ziel sei, Einfluss und Macht der eigenen Partei oder Person zu verstärken – teilweise sogar losgelöst vom Inhalt.»


Sehr schwierig seien auch die unheimlichen Brandstiftungen gewesen, die nicht nur Staatsanwaltschaft und Polizei, sondern auch den Gemeinderat hilflos zurücklies-sen. Oder die Schliessung des Gemeindespitals. Wegen der starken Emotionen sei es schlicht nicht kommunizierbar gewesen, dass dieses Spital keine Zukunft hatte. Nun freut sich der Mann, der selber vor über 40 Jahren als Hilfspfleger im damaligen Diakonissenspital arbeitete, dass Riehen mit dem Adullam-Neubau das «modernste private Geriatriespital der Nordwestschweiz» bekomme. Riehen habe nun wieder ein Spital, stellt er selbstbewusst fest. «Und zwar eines, das es braucht.»


Bei einem Gespräch über Riehen keinesfalls fehlen dürften die Nachbarn, findet Schuppli. Der Kontakt zu Bettingen sei sehr intensiv und die Zusammenarbeit toll. Genauso der enge Austausch mit den deutschen Nachbarn, der sogar dazu geführt habe, dass Lörrach schweizerische Energiestadt wurde. Nun liegt die Antwort auf die Frage, welches die bleibendsten Erinnerungen an seine Arbeit sind, fast schon auf der Hand: «Am stärksten bleiben die faszinierenden Begegnungen und die tolle Zusammenarbeit mit den unterschiedlichsten Menschen, die für unsere Bevölkerung Gutes tun wollen: die Politikerinnen und Politiker in Gemeinderat und Einwohnerrat und vor allem auch die Kolleginnen und Kollegen in der Verwaltung. Diese Kontakte werde ich vermissen.»


Nun freut sich Andreas Schuppli aber auf die Zeit für anderes, wohl wissend um die Herausforderung: «Bisher war ich stark gesteuert und nun darf ich selber steuern», stellt er fest. Das wird er auch ganz konkret tun: Mit dem Velo fährt er weg, nimmt Abschied und Abstand, um den Kopf durchzulüften und freizumachen für Neues. Doch nicht ohne Plan: Er rechne mit sechs Wochen, um sein Reiseziel Oslo zu erreichen, sagt der Gemeindeverwalter und fügt mit einem Schmunzeln an: «Geplant ist eine Fünftagewoche …»


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