2016

Attraktiver, aber nicht für Kauflustige


Loris Vernarelli




Das Ende Oktober 2015 eingeweihte Dorfzentrum lockt wie erwartet mehr Leute in die ‹neue Mitte›. Von diesem Aufschwung profitiert aber ausgerechnet jener Wirtschaftszweig nicht, der es am meisten nötig hätte: der Detailhandel. Der attraktivere Dorfkern hat die Shoppinglust der Passantinnen und Passanten kaum gesteigert.




Pünktlich zur Mittagszeit füllen sich die Sitzplätze auf dem neuen Dorfplatz. Mit Salaten, Sandwichs und kühlen Getränken beladen, machen es sich besonders junge Menschen in Arbeitskleidung auf der Treppenskulptur unter den drei Winterlinden bequem. Das schöne Wetter lädt förmlich ein zu einem Picknick beim eigentlichen Wahrzeichen des neuen Dorfzentrums, der ‹neuen Mitte›. Unterdessen betreten zwei kleine Kinder zögerlich die Wasserfläche, welche die Bäume umspielt. «Es ist nicht tief», ermutigt sie ihre Mutter. Das lassen sich die Geschwister nicht zweimal sagen und erobern quietschend die nasse Ebene. 


Ein solches Bild ist typisch für das neue Dorfzentrum. Wo sich früher auch bei herrlichem Sonnenschein nur wenige Leute einfanden, trifft man jetzt öfter einmal auf eine Menschentraube. Riehens Herz ist – wie von den Planern vorgesehen – ein Begegnungsort geworden. Zugegeben, der absolute ‹Place to be› ist der Dorfplatz (noch) nicht. Vor allem abends fristen die beleuchteten Kunststein-Ellipsen – im Volksmund ‹Baumrondellen› genannt – ein einsames Dasein. Wer nach Sonnenuntergang vorbeikommt, huscht vorüber und verweilt nicht. Und lässt sich auch nicht von den Zitaten weltberühmter Künstler wie Joan Miró, Vincent van Gogh oder Alberto Giacometti aufhalten, die auf neun dieser Baumrondellen zwischen Wettsteinstrasse und Webergässchen eingraviert sind.


Was nicht ist, kann ja noch werden. Vielleicht brauchen die Riehenerinnen und Riehener einfach etwas Zeit, um die ehemalige Strassenkreuzung endlich als Dorfplatz wahrzunehmen und ihn in Beschlag zu nehmen. Diese Meinung teilen viele der Menschen, die an diesem herrlichen Sommertag unter den drei Linden gemütlich ihr Mittagessen zu sich nehmen. Insgesamt fällt die kleine Umfrage ohne repräsentativen Charakter zum neugestalteten Dorfzentrum positiv aus, stösst es doch mehrheitlich auf Wohlwollen. Dabei kommt die Pflasterung mit Porphyrstein am besten weg. «Das dezente Rot gefällt mir sehr», sagt ein Mann, der soeben sein Velo abgestellt hat. Einer jungen Frau, die gerade in ihrem Salat stochert, hat es der einheitliche Bodenbelag angetan.




Ein Damenschuh als Zankapfel


Die Pflastersteine waren vor der Einweihung des Dorfkerns, neben den Mehrkosten des Projekts, das am heissesten diskutierte Thema. In der ‹Riehener Zeitung› machten sich viele Personen Luft über den «gefährlichen Belag». So schrieb eine Leserin: «Die Pflasterung ist äusserst ungünstig für Kinder- und Einkaufswagen, für Rollatoren, Rollstühle und auch Damenschuhe.» Ein weiterer Leser schlug vor, «die Pflastersteine durch Asphalt» zu ersetzen. Offenbar kam die Kritik im Riehener Gemeinderat nicht gut an, denn Präsident Hansjörg Wilde konnte sich in seiner Ansprache am Einweihungsfest eine Spitze gegen die Nörgler nicht verkneifen. «Glauben Sie wirklich, dass im Winter, wenn der Dorfplatz zugeschneit und vereist sein wird, junge und ältere Damen mit so einem Schuhwerk von einem Laden zum anderen schlendern werden?», fragte er rhetorisch und hielt einen Frauenschuh mit hohem Absatz hoch. Mit dieser theatralischen Geste erteilte der Gemeindepräsident den Sorgen jener Einwohnerinnen und Einwohner, die sich über die unzweckmässige Pflasterung beklagt hatten, eine Abfuhr. Letzteren war danach wenig zum Lachen zumute.


An jenem 31. Oktober konnte man auf dem neuen Dorfplatz aber auch viele strahlende Gesichter beobachten. Insbesondere den Ladenbesitzern im Dorfkern war die Erleichterung ins Gesicht geschrieben. Das Ende der Bauarbeiten kam für sie dem Ende eines Albtraums gleich. Die halbjährige Baustelle hatte ihnen nämlich schon vor dem Auffahren des ersten Baggers Kopfzerbrechen bereitet. Ihre Sorgen stellten sich schliesslich als begründet heraus: Lärm, Schmutz, Absperrungen, starker Franken und ein ungewöhnlich heisser Sommer luden nicht wirklich zum Einkaufen ein. Vor allem der Juli 2015 war für den Detailhandel ein schlimmer Monat.


Ein Jahr später ist die Baustelle Geschichte. Von Euphorie ist bei Jürg Blattner, Co-Präsident der Vereinigung Riehener Dorfgeschäfte (VRD) und Inhaber der Papeterie Wetzel, allerdings nichts zu spüren. Natürlich sei er froh, dass die Baumaschinen endlich weg seien. Und auch er sei der Meinung, dass sich das neue Dorfzentrum sehen lasse. Wirklich mehr Kundschaft habe der Umbau bisher aber nicht in sein Geschäft gebracht. Doch genau das war den gebeutelten Ladeninhabern von der Gemeinde in Aussicht gestellt worden. Ein attraktiveres Dorfzentrum würde auch die Shoppinglust der Passanten steigern, hiess es. Blattners Gesicht spricht Bände: «Von diesem Aufschwung habe ich bisher nichts gespürt.» Er hoffe, in den kommenden Monaten wenigstens jene Kunden zurückzugewinnen, die während der Bau-arbeiten dem Dorfzentrum ferngeblieben seien.




Wohlfühlatmosphäre auf dem Dorfplatz


Rund hundert Meter weiter, im Webergässchen, klingt es ähnlich. «Mehr Kunden als vor dem Umbau des Dorfkerns? Nein, bestimmt nicht. Aber ich hatte mir diesbezüglich nie Illusionen gemacht», sagt Andreas Cenci, Inhaber des gleichnamigen Sportgeschäfts. Trotzdem kann er der neuen Situation fast nur Positives abgewinnen. Die Leute blieben länger sitzen und hätten sichtlich Freude am Dorfkern. Es habe sich eine wahre Wohlfühlatmosphäre entwickelt, erzählt der zweite VRD-Co-Präsident. Den Geschäften nutzt das freilich wenig, die Kassen klingeln noch zu leise. Wie kann man das ändern? Cenci hat eine Idee: «Der Dorfplatz sollte attraktiver werden und sich zu einem ‹Must See› entwickeln. Mit einer aussergewöhnlichen Skulptur oder einer Art Tinguely-Brunnen würden die Passanten hängen bleiben.» Und danach in einem Café etwas trinken und in den Läden stöbern. 


Nicht mit einem Kunstobjekt, sondern mit regelmässig stattfindenden Anlässen hat die Gemeinde zusammen mit Vertretern von Handel und Gewerbe Anfang Jahr beschlossen, den Dorfplatz zu beleben. Neben den traditionellen Wochen- und Flohmärkten, die fester Bestandteil des Riehener Dorflebens sind, fanden deshalb schon verschiedene Veranstaltungen statt. So gaben sich bisher mehrere ‹Guggenmusiken›, der Musikverein Riehen und das ‹Lancraft Fife and Drum Corps› aus Connecticut im Herzen der Gemeinde ein Stelldichein. Aber auch Events wie das ‹Dorfplatz-Fescht› unter der Regie der Hausbrauerei Zur grünen Amsel oder der ‹Naturmärt› zogen viele Besucherinnen und Besucher an. 


Grundsätzlich kann man sagen, dass sich das neue Dorfzentrum bislang als Begegnungs- und Festort, nicht aber als Einkaufszone bewährt hat. Somit hat sich die Hoffnung des Detailhandels auf eine (finanziell) entspanntere Zukunft vorerst zerschlagen. Viele Ladeninhaber müssen weiterhin ums Überleben kämpfen – schöne Treppenskulptur hin oder her. 




^ nach oben