2016

Pflanzland für Gemüse und Gemüt


Corina Lanfranchi




Früher sprach man von ‹Pflanzblätz›, heute heissen sie Freizeitgärten. Im Niederholz befinden sich drei dieser grünen Stadt-oasen: Die Areale Spitalmatten, Bäumlihof und Landauer-Hörnli. Insgesamt bewirtschaften die privaten Gärtnerinnen und Gärtner dort 239 412 Quadratmeter Land. Ein Streifzug durch die Zeit und drei Besuche vor Ort.




Der Riehener Künstler Heiri Strub verdankt den ‹Pflanzblätzen› die Inspiration für sein erstes grosses Gemälde. 1939 besucht er die Kunstgewerbeschule in Basel. Mit dem Velo fährt er von seinem Wohnsitz an der Paradiesstrasse in die Stadt – vorbei an den Kleingärten im Niederholz. Strub ist ein kritischer Zeitgenosse. Mit Befremden beobachtet er die Menschen in ihren kleinen Idyllen. Geruhsam wirkt das Leben dort, derweil im Nachbarland die ersten Schüsse fallen. Und er fragt sich: Was spielt sich in dieser scheinbar heilen Welt hinter den Gartenzäunen wirklich ab? Als Antwort darauf entsteht das Gemälde ‹Pflanzplätz›. Es gibt seine Sicht auf das Dasein der Kleingärtner wieder.


Rund fünfundsiebzig Jahre später ist die Perspektive auf diese Gärten eine andere. Doch Strubs Frage reizt noch immer.




Natur und Leidenschaft


Ein sonniger Sommernachmittag im Juli 2016. Auf dem Bäumlihof-Areal ist es ruhig. Nur Bienen summen, Vögel zwitschern und ein einsamer Velofahrer rollt über den Kiesweg. Auf der Höhe von Heinrich Liechtis Garten hebt er den Arm, ein stummer Gruss. Heinrich Liechti kennt alle und alle kennen ihn. Seit 49 Jahren besitzt er hier einen Freizeitgarten. Als der gebürtige Oberaargauer 1966 mit seiner Frau Rosemarie an die Gotenstrasse ins Niederholz zog, war ihm klar: Ohne Garten geht es nicht. Und so bewarb sich das Ehepaar gleich um einen jener ‹Pflanzblätz›, die vor ihrer Wohnung lagen. Nach 35 Jahren wechselten sie in das Geviert der Eigenpacht1, wo sich Liechtis Wunschgarten befand. «Von hier hat man einen weiten Blick auf die Stadt», meint er und fügt schmunzelnd hinzu: «Vor allem aber ist dieser Platz grösser als mein erster.» 


Heinrich Liechtis Ackerland ist nicht nur gross, sondern auch eine Pracht. Die Natur sei seine Leidenschaft. Man glaubt es ihm sofort. Bis heute ist die Rollenteilung klar: Der Mann ist für Anbau, Pflege und Ernte zuständig, die Frau für die Verwertung der Erträge. In Liechtis sorgsam gehegtem und gepflegtem Garten scheint nichts zu fehlen. Stolze Auberginenstauden stehen in Blüte, dazwischen verbergen sich kleine Peperonitriebe. Im Treibhaus hängen die Stauden voller Tomaten. Stangenbohnen wuchern in die Höhe, es wachsen Karotten und Kartoffeln, Kohlrabi, Rot- und Spitzkohl, Lauch, der in keiner Küche fehlen darf, Krautstiel, Randen, neu auch Romanesco, Schwarzwurzel, Sellerie und Selleriestangen, Spinat – und aller Art Salat. Und natürlich Zwiebeln. Und Zuckermais. Kräuter. Etwas vergessen? Die Blumen! «Auch die gehören in einen rechten Garten», betont der Fachmann. 


Was Liechti bedauert: Es gebe einige Plätze hier, die brach lägen oder kaum benutzt würden. Dies zu sehen tue ihm weh. Zudem seien viele der Pächter ‹überaltert›, die Nachfrage klein und entsprechend rückläufig die Wartelisten. Deshalb habe er der ‹Stadtrandentwicklung Ost›2 zugestimmt. Anders als früher fehle den Jungen die Zeit für Gartenarbeit, meint er. «Heutzutage kann man es sich auch leisten, den Salat zu kaufen.» Anfang des 20. Jahrhunderts war dies noch ganz anders.




Eine Million Kilo Gemüse 


Die ersten Samen zur Entstehung der Basler Kleingartenkultur setzte das weibliche Geschlecht. 1908 gelangte der ‹Frauenverein zur Hebung der Sittlichkeit› an den Staat, die Kirchenverwaltung und das Bürgerspital mit der Bitte um ein Stück Land. Die Frauen waren inspiriert von der deutschen ‹Schrebergartenbewegung›, die auf den Orthopäden Gottlieb Moritz Schreber zurückging: Jugendliche Fabrikarbeiterinnen und -arbeiter, so die Idee, sollten sich in den Gärten von ihrem trüben Arbeitsalltag erholen, indem sie Blumen pflanzten. Das Vorhaben stiess bei der Jugend indes auf wenig Begeisterung und führte dazu, dass deren Eltern begannen, Gemüse anzubauen. Die Schrebergartenbewegung war geboren. 


Die Bemühungen des Basler Frauenvereins waren erfolgreich. 1909 wurden beim Hilfsspital (heute Felix Platter-Spital) 25 Gärten angelegt, wenig später stellte die Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige (GGG) Schulkindern und später auch Familien Gärten zur Verfügung. Als 1911 auch noch der ‹Naturverein Basel› 20 Plätze anbot, umfasste die Kleingartenlandschaft geschätzte 84 000 Quadratmeter. Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs erkannte man angesichts der ungesicherten Lebensmittelversorgung den existenziellen Nutzen der Gärten  – auch für die Allgemeinheit. Der Staat übernahm die Verwaltung der Parzellen und setzte eine ‹Staatliche Kommission zur Beschaffung von Pflanzland› ein. 150 Kleingärten zu je zwei Aren wurden zur Verfügung gestellt, der Pachtzins betrug jährlich 3 Franken. Die Menge des damals angebauten Gemüses betrug rund eine Million Kilogramm.3 1918 wurde der Zentralverband der Basler Pflanzlandpächtervereinigungen gegründet. Bereits 1919 umfasste der Verband 20 Sektionen, unter anderem die beiden Niederholz-Areale Spitalmatten und Bäumlihof. 


Gegen Ende des Kriegs verlor die Pflanzlandbewegung (vorübergehend) an Bedeutung. Der Verband beklagte nachlassendes Interesse und brach liegende Gärten. Dennoch erwarb die 1929 vom Verein Gemeinnütziger Wohnungsbau Basel gegründete Pflanzlandstiftung im Hirshalm ein Stück Land und verpachtete die Gärten der Sektion Bäumlihof. 


Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs änderte sich die Situation schlagartig. Wieder waren es die ‹Pflänzler›, die – neben den Erträgen aus der sogenannten ‹Anbauschlacht› – die Basler Bevölkerung mit frischem Gemüse versorgten. Zudem beauftragte die Regierung die Gärtner, je ein Drittel ihrer Plätze mit Kartoffeln und Beeren zu bepflanzen. 


Die Geschichte wiederholte sich: Auch nach dem Zweiten Weltkrieg sank die Zahl der Gartenaktivisten. Anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Zentralverbands erschien 1968 eine Jubiläumsbroschüre mit einer Chronik. Zum Jahr 1957 steht darin: «Mit einer gewissen Enttäuschung musste festgestellt werden, dass den Aufgeboten zur Regiearbeit fast keine Folge mehr gegeben wird. Gegen eine angemessene Entschädigung sorgen jetzt meist Arbeitsgruppen für den Unterhalt der Areale. […] Präsident Metzger erachte diese Übelstände als Zeichen unserer Zeit voller Nervosität und Überbeanspruchung, aber auch dafür, dass der egoistische Materialismus bei uns Oberhand gewinnt und die Gier nach Luxus, Wohlstand und Vergnügen sich immer breiter entfaltet.»4


Bis heute spiegelt sich in den kleinen Gärten der grosse Wandel der Zeit: Einst dienten die ‹Pflanzblätz› der privaten Selbstversorgung, während den mageren Kriegszeiten waren sie die Retter im Ernährungssektor. Und welche Rolle übernehmen sie heute, die grünen Paradiese, die seit 2009 Freizeitgärten heissen?




Sozialer Treffpunkt


Seit Heinrich Liechti pensioniert ist, verbringt er viel freie Zeit in seinem grünen Paradies. Wegen dem Gemüse. Aber auch wegen dem gesellschaftlichen Leben. An seinem Gartentisch sitzen derweil Edi und René. Letzterer spricht 23 Sprachen, wenn auch keine richtig. Und sind Liechtis in den Ferien, wässert er den Garten. Später stösst noch Godi dazu, sein Reich liegt grad nebenan. Heiris Garten sei ein sozialer Treffpunkt, meint René, und Heiri die Seele vom Bäumlihof. Die Runde nickt zustimmend. Man komme hier unangemeldet vorbei, politisiere, lokalisiere und schimpfe auch mal über die ‹Obrigen› von Riehen Dorf. 


Der Oberaargauer ist der Fremdeste von allen. In seinem Garten weht die Berner Flagge. Lässt man den Blick über das Areal schweifen, flattern aber auch fremde Landesfahnen im Wind. In den Gärten im Niederholz widerspiegle sich die Bevölkerungsveränderung, der Ausländeranteil sei in den letzten Jahren sehr gestiegen. Doch doch, nickt die Schweizer Männerrunde, man kenne sich schon, helfe, wenn nötig, aber das Bier trinke man unter sich. Oder anders formuliert: Man lebt nebeneinander, aber nicht miteinander. 




Gartenarbeit als Genuss


Von einer Vermischung der Kulturen könne keine Rede sein, meint auch Vreni, die gleich neben Liechtis ihren Garten besitzt. Sie bedaure das, denn sie sei überzeugt, dass die Freizeitgärten eine ideale Möglichkeit zur sozialen Integration wären. Viele der Ausländerinnen und Ausländer seien gute Gärtner, betont sie. Das habe sie erfahren, als sie vor fünf Jahren in das Kleingartenleben eingestiegen sei – ziemlich ahnungslos, aber mit viel Neugier. Sie habe von überall Ratschläge erhalten. «Man lebt Garten an Garten und hilft sich.»


Früher sei sie oft bei ihren Freunden hier zu Besuch gewesen. Just im Moment, als sie pensioniert wurde, sei der Platz nebenan frei geworden. Sie brauchte zwei Stunden für die Entscheidung. «Jetzt habe ich eine neue Welt entdeckt.» Grosse Ambitionen hege sie nicht, meint sie, sie schätze das Draussensein, die körperliche Betätigung und das gemütliche Zusammensitzen. Rund zwei Tage Arbeit verlange ihr der Garten ab. «Das ist für mich aber nicht Arbeit, sondern ein Vergnügen.» Sie sei eine Genussgärtnerin, meint Nachbarin Rosemarie. Vreni lacht: «Bin ich das?» Ihre grösste Freude sei es zuzusehen, wie die Pflanzen wachsen. Zudem staune sie immer wieder über die hier herrschende Artenvielfalt. 


Auch aus ökologischer Sicht würden die Gärten Sinn machen, ist Vreni überzeugt. Sie begrüsst denn auch die 1994 vom Grossen Rat beschlossene Auflage, dass die Bewirtschaftung der Gärten nur noch nach naturnahen und biologischen Grundsätzen erfolgen darf und die Anwendung von Herbiziden ausdrücklich untersagt ist. Auch Vreni hat derweil einen Ratschlag: «Wer einen Garten möchte, sollte unbedingt gerne jäten.»




Goji-Beeren aus dem Niederholz


Ob ich wisse, was das für eine Pflanze sei? Xaver Arnold zeigt auf einen Strauch, dessen Zweige sich leicht bogenförmig um die Kletterhilfe ranken, die Laubblätter sitzen einzeln am Ast. «Das sind Goji-Beeren aus Asien.» Die letztjährige Ernte sei reich gewesen, betont er stolz, wohl auch, weil er vermutlich der einzige auf dem Areal ist, der diese Super-Food-Früchte anpflanzt. 


Xaver und Lisa Arnold gehören zum ‹Urgestein› auf dem Bäumlihof-Areal. 1964 zogen sie ins Niederholz, es war das Jahr, als das Geviert um 25 Gärten erweitert wurde. Sie bewarben sich sogleich für einen Garten. Die Wartezeit betrug ein halbes Jahr und von Freizeitgärten redete noch niemand. Denn für manche Arbeiterfamilie, die in den angrenzenden Genossenschaftswohnungen lebten, bedeutete die Pacht der zwei Aren eine Entlastung des Haushaltsbudgets. 


Die Selbstversorgung spielte bei ihnen auch eine Rolle, erinnert sich Lisa Arnold, aber mehr noch waren es ideelle Gründe. «Als Bauernkinder waren wir es gewohnt, in der Erde zu graben», erklärt Xaver Arnold. Und seine Frau fügt hinzu: «Ich habe es immer geschätzt, dass die Kinder die wechselnden Jahreszeiten und das Wachsen der Pflanzen miterleben konnten.» 


Schon seit 1964 führt Xaver Arnold ein ‹Bordbuch›. Darin notiert er fein säuberlich bemerkenswerte und erinnerungswürdige Ereignisse rund um den Garten. Das Jahr 2016 verzeichnet bislang unter anderem folgende Ereignisse: «12. Juli: erste rote kleine Tomate, 13. Juli: erste rote grosse Tomate. Früh fürs Jahr.» – «Portugal schlägt Frankreich im Final der Europameisterschaft.» Fussball im Bordbuch? «Ach, das ist einfach reingerutscht», schmunzelt der 84-Jährige. Er habe übrigens noch ein Hobby, das er ausschliesslich hier im Gartenhaus pflege, verrät er und holt eine Mappe mit Gedichten hervor. Fernab vom weltlichen Treiben widmet er sich hier der Poesie, lernt Verse von Dichtergrössen auswendig, um sie bei passender Gelegenheit vorzutragen. Und wie zum Beweis rezitiert er fehlerfrei: 




«In einem leeren Haselstrauch, / da sitzen drei Spatzen, Bauch an Bauch. / Der Erich rechts und links der Franz / und mittendrin der freche Hans. / Sie haben die Augen zu, ganz zu,   / und obendrüber, da schneit es, hu! / Sie rücken zusammen dicht an dicht, / so warm wie Hans hat’s niemand nicht. / Sie hör’n alle drei ihrer Herzlein Gepoch. / Und wenn sie nicht weg sind, so sitzen sie noch.»




«Das ist Morgenstern», sagt Xaver Arnold, und klappt die Mappe wieder zu.


Noch sitzen sie in ihren Gartenhäuschen und sorgen für grüne Oasen im Niederholz – die ‹Pflanzblätz›-Gärtner, die jetzt Freizeitgärtner heissen. Sie tun dies aus Liebe zur Natur, aus Freude an der Geselligkeit, weil das Gemüse aus dem eigenen Garten einfach besser schmeckt. Und weil die Zeit hier eine stillere ist. Bei aller Veränderung, etwas ist geblieben: Die Welt hinter den Gartenzäunen ist eine Welt für sich.


1 Das Geviert der Eigenpacht unterscheidet sich nur historisch von den anderen Gärten: Dieses Landstück wurde 1929 von der Pflanzlandstiftung erworben und gehört noch heute der Gemeinde Riehen.


2 Kantonale Abstimmung vom 28. September 2014 betreffend ‹Stadtrandentwicklung Ost›. Die Vorlage beabsichtigte, im Gebiet zwischen Bäumlihof und Rhein einen öffentlichen Stadt-Landschaftspark mit integrierten  Wohn-hochhäusern anzulegen. Bei einer Stimmbeteiligung von 52,45 % wurde die Vorlage mit 50,77 % Neinstimmen knapp verworfen.


3 Vgl. 25 Jahre Zentralverband der Pflanzlandpächter-Vereinigungen Basel, o. J., S. 9.


4 50 Jahre Zentralverband der Pflanzlandpächter-Vereinigungen Basel, 1918–1968, o. J., S. 25.

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