2016

Freiraum für Spiel und Begegnung


Dominik Heitz




1977 öffnete das heutige ‹Freizeitzentrum Landauer› in einer ehemaligen Kiesgrube und Abfalldeponie seine Pforten, zuerst für die Kinder im Niederholzquartier, dann für alle Generationen. Die Erfolgsgeschichte des Projekts fusst auf ehemals christlich-sozialen Ideen. 




Eigentlich war es nicht mehr als eine Holzbaracke mit einem kleinen Glockenturm. Und doch war das, was die Stadtmission 1948 am Rande der damaligen Landauergrube errichtete und im selben Jahr am Bettagnachmittag des 19. Septembers einweihte, viel mehr als das.


Zu jener Zeit war der in der Nähe gelegene Friedhof am Hörnli schon seit über fünfzehn Jahren in Betrieb. Strassen waren projektiert, Häuser und Genossenschaftssiedlungen schossen in die Höhe. Innert weniger Jahre sollten viele der weiten Felder dort überbaut sein. Die Stadtmission hatte offensichtlich ein gutes Gespür dafür, dass hier – im südlichen Entwicklungsgebiet der baselstädtischen Landgemeinde – ihre christlich-soziale Aufgabe auf fruchtbaren Boden fallen könnte.




Abenteuerfeld für Kinder


Die damalige Leitung des Landauerkirchleins unterstand der Stadtmissionarin Hanny Wartenweiler. Von 1949 bis 1956 amtete sie hier als Pfarrerin, wobei es ihr vor allem auch darum ging, die Frauen und die oft sich selber überlassenen Jugendlichen und Kinder diesseits des Bahndamms die christliche Nächstenliebe spüren zu lassen.


Fünf Jahre nach Wartenweilers Weggang trat Elisabeth Müller-Bühler auf den Plan. Als Mitglied einer ‹Abbé Pierre›-Gruppe betreute sie ehrenamtlich eine in den ans Landauerkirchlein angrenzenden Notwohnungen lebende Familie, deren Kinder als sogenannte ‹Schlüsselkinder› herumlungerten und von Lehrern und Schülern diskriminiert wurden. Elisabeth Müller suchte auf ihre Weise nach Wegen, Kindern aus den Notwohnungen einen Ort der Begegnung, des Spiels und der Freizeitbeschäftigung zu ermöglichen, weil deren Mütter zum Teil überfordert und die Wohnverhältnisse zu eng waren. Ihre Idee: eine Baracke in der Landauergrube. Die ehemalige Kiesgrube diente in den 1950er- und 1960er-Jahren als Abfalldeponie. Als ‹Mondlandschaft› wurde sie beschrieben. Aber eigentlich war sie eine Art Wildnis – ein Abenteuerfeld für Kinder.


Doch Elisabeth Müller musste sich in Geduld üben. Gut fünf Jahre dauerte es, bis die ihr von Basel versprochene und als Provisorium gedachte Baracke im Jahr 1967 stand. Sie sollte die Vorläuferin der späteren Freizeitanlage Landauer werden. Elisabeth Müller gründete zusammen mit Gertrud Rudin und weiteren Helferinnen die ‹Interessengruppe Clubhaus› und erbettelte von der Ciba Möbel und Vorhänge für die Hütteneinrichtung. Bücher, Spielzeug und Werkzeug stammten von Nachbarn und der Pro Juventute. Sogar eine kleine Küche fand Platz. Die Baracke verströmte bald den herben Charme einer ganz eigenen Romantik.


Bastel- und Spielnachmittage fanden hier statt. Und von Anfang an durften sich neben den Kindern aus der Umgebung auch Pfadfinder oder etwa die ‹Gegenseitige Hilfe› in der Baracke aufhalten. Schnell entwickelte sich auch eine Eigendynamik: Mehr und mehr Kinder kamen. Die Baracke wurde zum Treffpunkt für Jugendliche. Und da die Kinder aus der Nachbarschaft wegen der Fremdbenutzung die Hütte nicht immer für sich hatten, untergruben sie diese wortwörtlich und richteten sich einen ‹Keller› ein. 


Neben der Baracke bestand das Landauerkirchlein weiterhin – mit ähnlicher Ausrichtung zwar, aber auf christlicher Basis: Gottesdienste für Kinder und Erwachsene fanden hier statt, nachmittags gab es Kinderstunden und abends Frauengruppen, einmal pro Woche traf sich eine Bibelgruppe und jeden Samstagnachmittag die Jungschar. Als jährliche Anlässe standen ein Erntedankfest, ein Missionsbazar, verschiedene andere Missionsanlässe, Musikabende, Blaukreuzabende sowie Film- und Dia-Vorträge auf dem Programm.




Besorgte Nachbarinnen und Anwohner


Nicht allen gefiel, was sich in und neben der Landauergrube tat. Es gab Anwohnerinnen und Anwohner, die besorgt in die Zukunft blickten. Sie hatten auf eine Grünanlage mit Bäumen, Sträuchern und Ruhebänken für ältere Leute gehofft. Im Februar 1971 stand aus der Feder eines jener Bürger in der ‹Riehener Zeitung›: «Die Anwohner des Areals ‹alte Landauergrube› gehen voraussichtlich lauten Zeiten entgegen.» Einerseits werde die bestehende Tennisanlage der Firma Geigy vergrössert. «Dem Vernehmen nach ist auch eine moderne Beleuchtungsanlage mit Scheinwerfern vorgesehen, so dass in Zukunft auch des Nachts gespielt und auf der Terrasse gejohlt werden kann.» Andererseits sei zu befürchten, dass die Errichtung eines Spielplatzes im übrigen Teil der Landauergrube für die Nachbarn unangenehme Folgen zeitigen könnte. «Wer wird dafür sorgen, dass sich die Kinder und Jugendlichen ausschliesslich auf dem für sie bestimmten Spielplatz und nicht auf den Bäumen und Sträuchern der übrigen Anlage aufhalten, welch letztere sie für ihre Spiele wahrscheinlich mehr reizen und anziehen werden?» Die bisherigen Erfahrungen hätten nämlich gezeigt, dass kein Baum und kein Strauch vor ihnen sicher sei. Da würden «rücksichtslos ganze Sträucher zusammengeritten und Äste abgerissen.» Sogar die in der Nähe stehende kleine Kapelle sei bisher vor ihrem Angriff nicht sicher gewesen.


Zwei Jahre zuvor hatte die Gemeinde Riehen dem Kanton Basel-Stadt das Areal abgekauft. Und als jener Bürger seine Sorgen von der ‹Riehener Zeitung› veröffentlichen liess, war die Gemeinde bereits daran, nicht nur über einen Spielplatz, sondern über ein grosses Mehrzweckgebäude für Kinder, Jugendliche und Erwachsene nachzudenken. In den Köpfen der Spielplatzkommission nahm das Landauerzentrum erste Umrisse an.


Und dann ging es relativ zügig: 1973 wurde ein Projektwettbewerb durchgeführt, zwei Jahre später der Baukredit von gut 3 Millionen Franken gesprochen, und 1976 folgte das Aufrichtefest. Am 11. Juni 1977 schliesslich fand in Anwesenheit zahlreicher Riehener Politiker die Eröffnung der von Architekt Peter Zinkernagel und dem Gartengestalter Wolf Hunziker konzipierten ‹Freizeitanlage Landauer› statt. 




Das Gleichgewicht finden


Mit grossem Elan ging die Quartierarbeit in der veränderten Umgebung weiter: Die Stadtmission erhielt nach Abbruch des Landauerkirchleins in der neuen Anlage ihren eigenen Raum, und die aus der ‹Interessengruppe Clubhaus› hervorgegangene ‹Freizeit-Aktion Riehen-Süd› behielt ihr Konzept bis zu ihrer Auflösung im Frühjahr 1980 bei.


Wie überall, wo sich verschiedene Altersgruppen mit unterschiedlichen Bedürfnissen treffen, entstanden auch in der Landaueranlage grosse Reibungsflächen. Doch das durfte nicht verwundern. «Freizeitanlagen sind nicht Clubschulen oder Volkshochschulen, in denen sich ein Kurs nach dem anderen brav abwickelt», beschrieb die Pro Juventute das Phänomen in einem Bericht. «Es sind Dorfplätze, auf denen das Leben der Bevölkerung und deren Probleme aufeinanderprallen und manifest werden. Die Freizeitanlagen sind nicht in erster Linie dazu da, ein festes Programm für sogenannte brave Bürger anzubieten. Die gute und echte Freizeitanlage ist ein Prozess, ein Umschlagplatz, auf dem sich Konflikte artikulieren und austragen können.»


Die höheren Benutzerzahlen und damit verbunden die Schwierigkeiten im Betrieb lösten 1979 eine Krise im Leitungswesen aus. Änderungen und Aufstockungen wurden vorgenommen – auch im baulichen Bereich. Nach dem Einbau einer Cafeteria fanden 1982 die Einweihung des Brotbackofens und einer von Jugendlichen und Leitern gebauten Rollschuh-Rampe statt.


Die Freizeitanlage fand allmählich ihr Gleichgewicht, stellte sich auf neue Entwicklungen ein und wurde zu einem Quartiertreffpunkt, wie es ihn in dieser lebendigen Art in Riehen sonst nicht gibt.




‹Stiller Has› und Nicole Bernegger


10 Jahre Freizeitanlage, 20, 30 Jahre. Heute heisst die Institution nicht mehr Freizeitanlage, sondern Freizeitzentrum. Ein 14-köpfiges Team ist für den Betrieb im Gebäude und auf den Aussenanlagen verantwortlich; freiwillige Helferinnen und Helfer wirken unterstützend mit.


Die Palette des Angebots und der Nutzung ist gross: von Spielgruppen bis zu Tagesferien für die Kleinen, von ‹Töggele› über Billardtische und Musikproberäume bis Disco für die Jungen, von Malkursen über Seniorentanz und Marionettenbau bis Gymnastik für Erwachsene. Eine komplette Holzwerkstatt steht für Kinder bereit.


Im Jahr 1998 wurde eine Photovoltaikanlage auf dem Dach des Gebäudes installiert, vier Jahre später erfuhr das ‹Kaffi Landi›, das Herz des Innenbereichs, eine Erweiterung, und 2004 wurde ein Mittagstisch für Kinder im Primar- und Orientierungsschulalter aufgezogen.


Konzertmässig hat das ‹Freizeitzentrum Landauer› einen beachtlichen Schritt nach vorne gemacht: Im Jahr 2014 traten ‹Stiller Has› und Anna Rossinelli am Open-Air auf und zwei Jahre später erwiesen Nicole Bernegger und Roli Frei dem Quartierzentrum die Ehre.


Nächstes Jahr kann das ‹Landi› seinen 40. Geburtstag feiern. Die jüngste Generation wird staunen, wie damals, wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, alles seinen Lauf genommen hat in dieser ehemaligen Kiesgrube.


^ nach oben