2015

Ein schwieriges Jahr für den Detailhandel


Toprak Yerguz


Am 15. Januar 2015 entschied sich die Schweizerische Nationalbank, den Mindestkurs des Euro nicht länger zu halten. Der Franken wurde dadurch noch stärker. Das war eine grosse, aber nicht die einzige Herausforderung für den Detailhandel.




Es hat sie schon immer gegeben, die Besucherinnen und Besucher von jenseits der Grenze. Und zwar auf beiden Seiten: Dort, wo heute der Singeisenhof steht, parkierten im letzten Jahrhundert Autos aus Lörrach eng nebeneinander, weil deren Fahrerinnen und Fahrer in der Migros am Webergässchen Schweizer Teigwaren und Kaffee holten, die hier besser waren als in den deutschen Läden. Umgekehrt gingen die Riehenerinnen und Riehener gerne mal über die Grenze in die nahen Wirtsstuben von Lörrach, Weil, Inzlingen und Grenzach. Und ja, auch damals wurden drüben schon Fleisch und Kosmetikartikel eingekauft, weil sie einfach billiger und trotzdem gut waren. Aber die Basler Bevölkerung empfand das nahe Ausland tendenziell eher als folkloristische Eigenheit des Dreilands, die man Aussenstehenden gerne als ‹kulturelle Vielfalt› verkaufte.


Diese Zeiten sind zumindest in der medialen Wahrnehmung vorbei. Das Ausland ist zur Bedrohung für den Detailhandel geworden, denn der Einkaufstourismus hat massiv zugenommen. Seit sich der Schweizer Franken als stabile Währung behauptet und der Euro ihm gegenüber an Stärke verloren hat, sind Herr und Frau Schweizer noch mehr auf den Geschmack gekommen, in Deutschland einzukaufen. Dem Schweizer Einzelhandel entgehen Beträge in Milliardenhöhe.


Unter dem grassierenden Einkaufstourismus haben gerade die Riehener Läden sehr stark zu leiden, die grossen Detailhändler Migros und Coop genauso wie die kleinen Fachgeschäfte im Dorf und im Rauracherzentrum. Die Grenznähe wird ihnen zum Verhängnis, denn das nahe Deutschland lockt: Wer sich sowieso ins Auto setzt, um einkaufen zu gehen, muss nur ein paar Minuten länger fahren, um statt ins Riehener Dorfzentrum in die Lörracher Innenstadt zu gelangen.


«Alle haben zu kämpfen», bestätigt Jürg Blattner. Der Inhaber der Papeterie Wetzel und Co-Präsident der Vereinigung Riehener Dorfgeschäfte (VRD) sieht, dass der Einzelhandel im Dorf unter äusserst starkem Druck steht. Das weiss auch die Bevölkerung: Gerüchte um Ladenschliessungen oder Personalentlassungen sind stetige Dorfgespräche. Gerade deshalb ist es für den VRD-Co-Präsidenten schwierig zu beurteilen, wie prekär die Situation bei den einzelnen Vereinsmitgliedern tatsächlich ist: «Es wird viel geredet. Aber letztlich weiss nur der Ladeninhaber selbst, wie gut es ihm geht.» Das war die Situation der letzten Jahre. Es war nicht einfach. Aber 2015 wurde es noch schwieriger. 




Ein Unglück kommt selten allein


Kurze Rückblende ins Jahr 2011: Als sich die schwierige Situation für die Schweizer Wirtschaft weiter zu verschärfen drohte, gab die Schweizerische Nationalbank bekannt, dass sie zum Schutz des hiesigen Werkplatzes mit Ankäufen einen Euro-Mindestkurs von 1.20 Franken halten wolle. Dieser Kurs konnte zwar lange gehalten werden, was die Exportindustrie ein bisschen schützte, aber gegen den Einkaufstourismus schien die Massnahme nicht zu wirken. Zwischen 2011 und 2015 wanderte immer mehr Kundschaft des Einzelhandels ab.


Zu Beginn dieses Jahres wurde dann der Währungsdruck sogar für die Nationalbank zu gross: Sie sah sich nicht mehr imstande, den Mindestkurs zu halten, und gab am 15. Januar 2015 den Franken frei. Nach einem heftigen Taucher in den ersten Tagen hat sich der Kurs knapp über der Parität eingependelt: Für einen Euro gab es im Sommer 2015 nur noch einen Fünfräppler zum Franken.


Die Situation traf jedoch nicht alle gleich hart, wie Daniel Hettich erklärt. Der Inhaber der Schreinerei Hettich ist seit Mai dieses Jahres neuer Präsident des Handels- und Gewerbevereins Riehen (HGR). «Handwerker haben nicht viel mehr gespürt als die normalen Schwankungen», sagt er zu den Auswirkungen der Frankenstärke. Einzelne Ausnahmen, wie etwa der Küchenbau, bestätigten zwar die Regel, aber grundsätzlich verzeichneten die Riehener Handwerker eine fast unveränderte Auftragslage. Wer über eine breite Stammkundschaft verfüge und nicht von wenigen Grossaufträgen abhängig sei, habe auch im Sommer gut arbeiten können. Gerade im Baugewerbe sei zu beobachten gewesen, dass dank der tiefen Zinsen vermehrt in Gebäude investiert werde. Frankenstärke und rekordtiefe Zinsen seien für Handwerker zwei Effekte auf dem Markt, die sich gegenseitig abschwächen.


Es seien vor allem die Vertreter des Detailhandels, die unter den neuen Umständen am meisten zu leiden hätten, sagt Daniel Hettich. Das sieht Jürg Blattner aber nur bedingt so. Zwar sei die Situation tatsächlich schwierig, aber das habe wenig mit den Ereignissen um die Kursfreigabe zu tun: «Wir haben noch treue Stammkunden. Was in den letzten Jahren fehlte, ist die normale Laufkundschaft.»


Was diesen Sommer für eine Verschärfung der ohnehin prekären Situation gesorgt hat, waren zwei an sich erfreuliche Ereignisse: die Neugestaltung des Dorfzentrums und der heisse Sommer. Die Verschönerung des Riehener Dorfzentrums ist als Attraktivitätssteigerung und damit auch Hilfe für die gebeutelten Dorfläden gedacht, entwickelte sich aber vorübergehend zum weiteren Standortnachteil: Während der Bauzeit war es auf den Strassen lärmig und schmutzig, die Läden waren nur umständlich zu erreichen. Ein ungewöhnlich heisser Sommer liess zudem jede Lust auf Shopping vergehen. Jürg Blattner fasst zusammen: «Der starke Franken, die Baustelle und das heisse Wetter – so kann es keinen guten Sommer für uns Ladeninhaber geben.» Er unterlegt seine Aussage mit dem Geschäftsgang seiner Papeterie: «Das ist der schlimmste Juli der letzten 29 Jahre.»




Kundschaft erreichen


Baustelle und Sommerhitze gehen wieder vorbei, was aber bleibt, ist die wirtschaftliche Grosswetterlage. Bereits Anfang Jahr – zwölf Tage nach der Ankündigung der Schweizerischen Nationalbank, den Mindestkurs nicht mehr zu halten – zeigten VRD, HGR und die Gemeinde Riehen in einer gemeinsamen Mitteilung Geschlossenheit. Man werde noch enger miteinander arbeiten und die Bevölkerung für die Wichtigkeit der lokalen Wirtschaft sensibilisieren.


Die Frage ist, ob solche Botschaften die Kundinnen und Kunden erreichen. Die nationalen, kantonalen und kommunalen Wirtschaftsverbände und Interessengruppen weisen schon lange auf die Auswirkungen des Einkaufstourismus hin. Der damalige Direktor des Gewerbeverbands Basel-Stadt, Peter Malama, verteilte bereits vor Jahren am Zoll zwischen Riehen und Lörrach eigenhändig Flugblätter, um auf die Folgen des Einkaufstourismus aufmerksam zu machen. Damit verschwand das Phänomen aber nicht. 


Kritik an der Gemeinde äussern sowohl Daniel Hettich als auch Jürg Blattner dezidiert nicht. «Die Gemeinde tut, was sie kann», sagt Hettich und auch Blattner findet: «Die Gemeinde kann den Markt nicht beeinflussen, sondern nur gute Rahmenbedingungen schaffen.» Man könne die Riehenerinnen und Riehener nicht dazu zwingen, in Riehen einzukaufen.


Zwingen vielleicht nicht, aber die Gemeinde unternahm den Versuch, die Bevölkerung zum Einkauf in Riehen zumindest zu animieren. Als Reaktion auf die Kursfreigabe der Nationalbank veranstaltete sie gemeinsam mit der VRD, dem HGR und der Vereinigung Rauracherzentrum einen Wettbewerb: Kundinnen und Kunden, die in Riehen eingekauft hatten, konnten ihre Einkaufsbelege in einen Lostopf werfen. Unter Anwesenheit von Gemeindepräsident Hansjörg Wilde wurden an sechs Tagen im Februar und März je drei Kassenzettel gezogen und den Gewinnern wurde ihr Kaufbetrag zurückerstattet.


Der Wettbewerb gehört der Vergangenheit an, der heisse Sommer ist mittlerweile vorbei, die Arbeit auf der Baustelle abgeschlossen. Das Riehener Dorfzentrum erstrahlt in neuem Glanz. Die Frage ist, ob nun auch die Kundschaft wieder nach Riehen zurückkehrt, die das Überleben der Läden sichert.




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