2015

Aya möchte Lehrerin werden


Barbara Imobersteg




Der Mattenhof ist wieder belebt. «Sipas», sagen die Flüchtlinge, die hier ein vorläufiges Zuhause gefunden haben, in ihrer Muttersprache. «Danke» sagen sie auch auf Deutsch. Die neue Sprache wird ihnen langsam vertraut, die neue Umgebung schätzen sie sehr.




«Wir sind in Riehen mit offenen Armen empfangen worden.» «Wir», das sind zugewiesene Flüchtlinge und Renate Gäumann, Asylkoordinatorin des Kantons Basel-Stadt. Solch eine gute Zusammenarbeit sei nicht selbstverständlich. Riehen hat eine eigene Geschichte der Flüchtlingsbetreuung. Seit 1991 war das Diakonissenhaus im Auftrag der Gemeinde und des Kantons für die Betreuung der Flüchtlinge im Durchgangszentrum Moosrain zuständig.1 Als das Zentrum im Jahr 2005 geschlossen wurde, blieb auch eine unerfüllte humanitäre Aufgabe zurück, die vielen Riehenerinnen und Riehenern am Herzen lag. Angesichts der Zunahme zugewiesener Flüchtlinge seit 2012 und aufgrund des ausgetrockneten Wohnungsmarkts in der Stadt entschied die Sozialhilfe des Kantons Basel-Stadt Anfang 2014, den Mattenhof als kantonseigene Liegenschaft für die Flüchtlingsunterbringung zu nutzen. Als zweiten Standort bestimmte sie ein Mehrfamilienhaus am Bockrainweg.


Riehen hat primär nichts mit der Betreuung der Flüchtlingsfamilien zu tun – sie obliegt der Sozialhilfe Basel und umfasst grundsätzlich die Existenzsicherung, Deutschkurse, Tagesstruktur und Beschäftigung, Förderung der Selbstständigkeit und Eigenverantwortung sowie Unterstützung bei der Arbeitssuche. Die anfallenden Kosten werden dem Kanton vom Bund erstattet. Die Gemeinde Riehen engagiert sich gleichwohl für ‹ihre› Flüchtlinge und beteiligt sich mit eigenen Integrationsangeboten, insbesondere mit dem Arbeitsintegrationsprogramm. Der Gemeinderat legt zudem grossen Wert auf ein gutes Miteinander oder zumindest ein friedliches Nebeneinander. So wurden die Nachbarn sorgfältig informiert und den Flüchtlingen Kontaktpersonen zur Seite gestellt, die ihnen die hiesigen Gepflogenheiten vermitteln können. Es sei auch schon vorgekommen, dass sich ein Bürger über den mangelhaft gemähten Rasen beim Mattenhof beschwert hätte, erzählt die zuständige Gemeinderätin Annemarie Pfeifer, aber im Grossen und Ganzen sei die Aufnahme bei der Riehener Bevölkerung sehr positiv verlaufen. Viele Menschen zeigten sich sehr betroffen vom harten Schicksal der Flüchtlinge, bekundeten ihre Solidarität und würden spontan Hilfe anbieten.


Der Krieg hat alles zerstört


«Wir konnten es kaum glauben», sagt Ezzadin Shech Mohamed, «es war wie ein Sechser im Lotto.» Der syrische Familienvater ergreift als erster das Wort, um zu schildern, wann und wie das neue Leben in der Schweiz seinen Anfang nahm. Im Jahr 2013 führte der Bundesrat in der Schweiz den erleichterten Familiennachzug für Menschen aus Syrien ein. Die Familie Shech Mohamed war damals noch auf der Flucht und hielt sich in der Türkei auf – ohne irgendeine Perspektive. Das Haus in Damaskus gab es bereits nicht mehr, der Krieg hatte alles zerstört. Von der Schweiz hatten alle schon viel gehört. Sie hatten Bilder im Kopf von Bergen und grünen Landschaften, aber auch von einem Staat, der die Menschenrechte hochhält und eine gute medizinische Versorgung sicherstellt. In der Schule hätten sie die Schweiz behandelt im Geografie-Unterricht und die Verwandten, die schon länger hier lebten, liessen ihnen Informationen zukommen. «Und es ist genau so, wie wir es uns vorgestellt hatten», bekräftigen die Familienmitglieder.




Gastfreundschaft


Drei syrische Familien wohnen seit April 2014 im Mattenhof an der Grendelgasse 77. Die alte Bauernstube ist nun mit Teppichen ausgelegt. Im Hintergrund läuft tonlos der Fernseher: Wüstenbilder, arabische Schriftzeichen – ein Fenster zur alten Heimat. Auf den Sofas sitzen die Erwachsenen, die Kinder und Jugendlichen auf dem Boden – still und scheu versuchen sie dem Gespräch zu folgen. Alle haben schon Deutschkurse besucht, aber noch wagt keiner, das Erlernte spontan anzuwenden. Der Dolmetscher gehört auch zur Familie, lebt aber schon seit Jahren hier und spricht fliessend Deutsch. Er übersetzt auch kulturelle Inhalte. Zurzeit ist Ramadan – erst wenn die Sonne untergeht, wird gegessen und getrunken. Der Gast soll aber etwas zu sich nehmen, das möchten die Anwesenden unbedingt und der neunjährige Munir serviert Wasser und Cola. Er wird dabei etwas mutiger und erzählt von der Schule, vom ‹Burgi› und von einem besonderen Ereignis. Da sind alle Augen auf ihn gerichtet: Seine Lehrerin hat geheiratet und er durfte mit der ganzen Klasse zur Hochzeit gehen. Diese Einladung erfüllt die Familie mit Freude und Stolz. Hochzeiten haben in ihrer Kultur eine grosse Bedeutung.


Die freundliche Aufnahme in Riehen wird immer wieder aufs Neue lobend erwähnt. Rassismus hätten sie in keiner Art und Weise erlebt, im Gegenteil. Sogar der Gemeindepräsident habe ihnen persönlich ein Willkommensgeschenk gebracht und immer wieder kämen Leute aus Riehen zu Besuch, mit kleinen Geschenken und mit ihren Fragen nach ihrer Geschichte und nach ihrem Leben. Wenn am Sonntag die Verwandten zu Besuch sind, wird der Mattenhof-Garten von einer grossen Gesellschaft belebt und die Spaziergänger bleiben erstaunt am Zaun stehen. «Die Leute aus Riehen sind neugierig», freut sich Ezzadin Shech Mohamed. «Sie sprechen uns an und möchten wissen, was da los ist, und wir laden sie gerne ein.» Die Gastfreundschaft ist etwas vom wenigen, das die Flüchtlinge aus ihrer Heimat mitnehmen konnten.


Die Familie Shech Mohamed kommt ursprünglich aus einem kurdischen Bauerndorf in Syrien. Nach einer fünf Jahre anhaltenden Dürre mussten sie die Landwirtschaft aufgeben und sich in Damaskus eine neue Existenz aufbauen. Fünfzehn Jahre später trieb sie der Bürgerkrieg auf die Flucht. Als Kurden waren sie in Syrien vielen Diskriminierungen ausgesetzt. Sie wurden als staatenlos erklärt, sie hatten keine Papiere und keine Rechte. Das hat denn auch den ersten Eindruck nach der Einreise in die Schweiz geprägt. «Wir wurden – anders als bisher – in keiner Art und Weise belästigt», erinnert sich Ezzadin Shech Mohamed dankbar. «Und wir haben gesehen, wie die Leute Sorge tragen zu ihrem Land», ergänzt seine Schwägerin Khansa Ayub und lacht. «Sogar auf den Strassen ist es ordentlich – jeder fährt in seiner Spur.» Nach ihren Erfahrungen im Krieg und auf der Flucht schätzt die Familie die gepflegte Umgebung ganz besonders.




Offene Wünsche


Wohin ihre Wege sie nun führen werden, wissen die Familienmitglieder nicht. Mit dem sogenannten F-Ausweis haben sie den Status vorläufig aufgenommener Ausländer. Das heisst, sie haben nach wie vor keinen Pass und dürfen die Grenze wieder nicht überqueren. Waren es früher die Hochzeiten in der Türkei, die sie nicht besuchen konnten, sind es heute die Hochzeiten in Deutschland, die ihnen verwehrt bleiben. Gleichwohl möchte niemand Kritik äussern an der Schweiz. «Was kann man denn Negatives sagen, wenn man aufgenommen wird und aus einem Land kommt, wo alles so viel schlimmer ist?» Ezzadin Shech Mohamed möchte, was die Schweiz anbelangt, nichts hinterfragen. 


Wünsche sind aber noch einige offen. Zum Beispiel eine eigene Wohnung für jede Familie. So eng haben sie noch nie zusammen gewohnt: Im Mattenhof teilen sich zwei bis vier Männer ein Zimmer. Und Arbeit natürlich. Alle lernen fleissig Deutsch, um ihre Chancen zu verbessern. Die jungen Männer suchen Lehrstellen. Mohamed Sharif möchte Schreiner werden, Hassan Friseur und Chalil Karosseriespengler. Sie wissen, dass es schwierig ist. Die vierjährige Aya hat inzwischen ihre Hemmungen verloren: «Ich möchte Lehrerin werden», sagt sie plötzlich in akzentfreiem Deutsch und mit grosser Überzeugung. Der neunjährige Munir hat vorerst andere Pläne und verrät mit strahlenden Augen, dass nach den Sommerferien seine Fussballkarriere beginne – natürlich bei Amicitia Riehen.




1 Zur Geschichte der Flüchtlingsbetreuung in Riehen vgl. Arlette Schnyder: Kleine Geschichte des Riehener Asylwesens, in: z’Rieche 2013, S. 54–61.


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