2015

Essen im Überfluss


Sibylle Meyrat




Zwei Millionen Tonnen Nahrungsmittel landen in der Schweiz jedes Jahr im Abfall. Die grössten Verschwender sind die privaten Haushalte. Beim Umgang mit überschüssigen Lebensmitteln gibt es unterschiedliche Strategien, wie eine Spurensuche in Riehen zeigt.




2 Millionen Tonnen: Diese Menge entspricht rund einem Drittel aller in der Schweiz produzierten Nahrungsmittel und landet jährlich im Abfall statt im Bauch der Konsumentinnen und Konsumenten.1 Die Verschwendung findet auf verschiedenen Ebenen statt. Aktivistinnen, die in den Containern der Supermärkte nach einwandfreien Lebensmitteln tauchen und Köche, die ganze Restaurants mit Produkten betreiben, die nicht oder nicht mehr verkauft werden können, haben die Aufmerksamkeit seit einigen Jahren auf den Detailhandel gelenkt. Die Abfälle, die dort entstehen, machen aber mit 5 Prozent der Gesamtmenge nur einen sehr kleinen Teil aus. Dagegen werden 30 Prozent der Lebensmittel zu Abfall, bevor sie überhaupt im Regal landen: Es handelt sich um Früchte und Gemüse, die nicht verkauft werden können, weil sie in Grösse, Farbe oder Form nicht den Erwartungen der Konsumentinnen und Konsumenten entsprechen. Der mit Abstand grösste Teil der Verschwendung, nämlich 45 Prozent, geht aber aufs Konto der privaten Haushalte. Exakte Zahlen liefert die Analyse des Hauskehrichts, die das Bundesamt für Umwelt seit 1982 im Zehnjahresrhythmus in verschiedenen Gemeinden durchführt. Im Jahr 2012 landeten pro Person mehr als 30 Kilogramm Nahrungsmittel im Kehricht. Ungeöffnete Lebensmittel mit abgelaufenem Verbrauchs-datum machten etwa 20 Prozent, gekochte Speisereste etwa 10 Prozent aus.2 


Für Riehen und Bettingen gibt es keine spezifischen Erhebungen, doch finden sich Hinweise in der Veränderung der Kehrichtmenge seit 2008. Damals führten die beiden Gemeinden ein neues Abfallkonzept ein, das es erstmals ermöglichte, Küchenabfälle und Speisereste gratis per Grünabfuhr entsorgen zu lassen, was zu einer Reduktion des gebührenpflichtigen, sogenannten Schwarzkehrichts von 4000 auf 3200 Tonnen pro Jahr führte. Rund 40 Kilogramm Küchenabfälle und Speisereste pro Einwohner und Jahr werden seither nicht mehr verbrannt, sondern zu Biogas verarbeitet. Es ist aber davon auszugehen, dass zusätzliche Mengen an Lebensmitteln im Schwarzkehricht landen, so etwa alle Lebensmittel, die aufgrund eines abgelaufenen Mindesthaltbarkeitsdatums samt Verpackung weggeworfen werden.3 Der Schluss liegt nahe, dass Lebensmittel, die etwa 10 Prozent eines Haushaltbudgets ausmachen, zu billig sind, um sie – schon nur aus ökonomischen Gründen – möglichst restlos zu verwerten, wie es noch vor ein oder zwei Generationen selbstverständlich war.




Abfallvermeidung durch kluge Planung


Ein grosser Teil der Abfälle liesse sich durch kluge Planung beim Einkaufen vermeiden – das gilt für Privatpersonen ebenso wie für den Handel oder die Gastronomie. 


In den Riehener Filialen der Grossverteiler Migros und Coop wird man mit der Frage nach dem brisanten Thema ‹Food Waste› an die Medienabteilungen weitergeleitet. Diese zählen mehrere Massnahmen zum verantwortungsvollen Umgang mit Lebensmitteln auf, darunter flexible Bestellsysteme, Abgabe zu reduzierten Preisen kurz vor dem Ablaufdatum oder die Abgabe von Frischprodukten an karitative Organisationen. So müsse am Schluss nur rund 1 Prozent der überschüssigen Lebensmittel als Tierfutter, in der Biogasanlage oder in der Kehrichtverbrennung entsorgt werden.4 Auch Rolf Henz sieht für seinen Feinkostladen in Riehen einen grossen Vorteil darin, dass er bei seinem Hauptlieferanten täglich zweimal und sehr flexibel bestellen kann. So komme es bei Fleisch und Fisch kaum je zu einem Überschuss. Da es sich bei seinen Kundinnen und Kunden zu einem grossen Teil um Stammkundschaft handelt, könne er die benötigten Mengen relativ gut abschätzen. «Lieber halte ich das Angebot an rasch verderblicher Ware überschaubar und bestelle für spezielle Kundenwünsche nach, als sieben exotische Fischsorten anzubieten, die dann doch niemand kauft», sagt Henz. Das Gemüse, das auf den Catering-Platten manchmal 
übrig bleibt, kann er am nächsten Morgen für die Suppe verwenden, die täglich frisch gekocht wird. Und wenn doch vereinzelt Frischfleisch oder frischer Fisch über das Verkaufsdatum hinaus übrig bleiben, seien seine Mitarbeitenden und seine Familie dankbare Abnehmer. 




Biogas statt Schweinefutter


Für Gastronomiebetriebe gab es bis vor Kurzem eine ökonomisch und ökologisch sinnvolle Möglichkeit, Speiseabfälle zu entsorgen. Sie gaben sie entweder an Betriebe weiter, die sie als Viehfutter verarbeiteten, oder liessen sie direkt von Bauern abholen, die damit ihre Schweine fütterten. Dies ist seit Inkrafttreten des neuen Seuchengesetzes 2011 verboten. Theoretisch wäre es weiterhin möglich, die rein pflanzlichen Abfälle an Tiere zu verfüttern, doch die Mühe der Abfalltrennung nehmen nur wenige auf sich. Etwa Miro Prihoda, der Wirt des Café ‹Dolce Vita›: «Ein Bekannter von mir kommt jeweils am Abend vorbei und nimmt die Speisereste mit, die er für seine Hühner oder für den Kompost brauchen kann. Den Rest gebe ich in die Grünabfuhr. So muss ich kaum etwas wegwerfen.»


Ein heikles Thema in der Gastronomie ist die Grösse der Portionen. Hier gilt es, eine gute Balance zu finden. Um nicht knausrig zu erscheinen, überladen viele Restaurants die Teller. Grosse Portionen mögen bei schwerer körperlicher Arbeit willkommen sein, überfordern aber die meisten Gäste, insbesondere ältere Menschen. Hier ist seit einiger Zeit ein Bewusstseinswandel zu beobachten. So trägt etwa das Anbieten halber Portionen zur Abfallvermeidung bei. Konsequent tut dies zum Beispiel Familie Berisha, die im ‹Sängerstübli› wirtet und alle Gerichte auch als halbe Portionen serviert. «Ausser bei der Bratwurst, die gibt es nur ganz», sagt Hasan Berisha und lacht. So bleiben kaum Reste auf den Tellern. «Meistens helfen sich die Gäste gegenseitig beim Aufessen. Und wenn Fleisch übrig bleibt, lassen sie sich das meistens einpacken», sagt Berisha. 


Nur rund die Hälfte der Gastronomiebetriebe nutzt wie das Sängerstübli die Möglichkeit der Grünabfuhr der Gemeinde. Damit die Speiseabfälle mit den vorgesehenen Fahrzeugen entsorgt werden können, dürfen sie nicht zu nass sein, sonst hinterlassen die Fahrzeuge wie in der Pionierphase Flüssigkeitsspuren auf der Strasse, deren Geruch an Gülle erinnert.5 Die Auflage, dass die Speiseabfälle nicht allzu flüssig sein dürfen, bedeutet für manche Betriebe einen zu grossen Aufwand. Nicht allen ist die Möglichkeit der separaten Grünabfuhr zur Herstellung von Biogas überhaupt bekannt. So entsorgt etwa der ‹Landgasthof› Speise- und Küchenabfälle bislang zusammen mit anderen Abfällen, nimmt aber die Frage des Jahrbuchs zum Anlass, die Entsorgung via Grünabfuhr zu prüfen.6 




Bananen, Brot und Crevetten


Aufgrund strenger Hygienevorschriften und hoher Kundenansprüche können viele Lebensmittel nicht mehr verkauft werden, obwohl sie qualitativ noch einwandfrei sind. Auf der anderen Seite gibt es eine wachsende Zahl von Personen, deren Geld kaum fürs Nötigste reicht. Hier setzen Stiftungen wie ‹Tischlein deck dich›, ‹Schweizer Tafel› oder ‹Cartons du Coeur› an, die bei Grossverteilern gratis Nahrungsmittel abholen und diese gratis an karitative Organisationen weitergeben. Diese verteilen sie an Personen, die ausweisen können, dass sie am Rand des Existenzminimums leben. Seit 2011 ist in Riehen eine Lebensmittelabgabestelle in Betrieb, die von der Schweizer Tafel beliefert und von der ‹Christlichen Gemeinde in Basel› betrieben wird. Sie befindet sich gegenüber der Tramhaltestelle Habermatten, in einem Gebäude, in dem neben der Christlichen Gemeinde eine weitere freikirchliche Gemeinde und eine christliche Schule eingemietet sind. 


«Heute ist ein guter Tag», sagt Monika Brunnenkant und zeigt auf zwanzig angelieferte Harassen voller Lebensmittel: Brot, Joghurt, Fertigpizzen, Konserven, frische, abgepackte Kräuter, Salate, frisches Fleisch, Würste, Ananas, Kirschen, Erdbeeren. Monika Brunnenkant leitet als 
Sozialmanagerin den Standort Kleinhüningen der Evangelischen Stadtmission Basel und ist an ihrem freien Tag als ehrenamtliche Mitarbeiterin für die Lebensmittelabgabe der Christlichen Gemeinde zuständig, unterstützt von ein bis zwei weiteren Gemeindemitgliedern. Jeweils donnerstags zwischen 11 und 13 Uhr erwarten sie die Lieferung der Schweizer Tafel. Welche Waren in welcher Menge sie erhalten, ist auch für sie eine Überraschung. «Bananen, Brot und Champignons sind praktisch immer dabei», sagt Brunnenkant. Oft packen sie auch Fisch, Fleisch und Salat oder Luxusprodukte aus den Harassen aus, heute etwa eine grössere Menge von teurem französischem Weich-käse sowie Crevetten- und Polpo-Carpaccio. Selten kommt es vor, dass nicht nur das Verkaufs-, sondern auch das Haltbarkeitsdatum der Produkte abgelaufen ist. Solche Produkte werden aussortiert und es wird den Bezügerinnen und Bezügern überlassen, ob sie sich trotzdem bedienen möchten. Früchte kontrollieren die Frauen einzeln, entfernen die angefaulten und packen sie sorgfältig neu ein. Fleisch und Milchprodukte werden gekühlt. Während ein paar Stunden verwandelt sich der ehemalige Jugendraum der Christlichen Gemeinde in einen kleinen Lebensmittelladen – mit dem Unterschied, dass hier nicht alle Zugang haben, dass das Sortiment immer eine Überraschung ist und dass für den Einkauf nur ein symbolischer Franken bezahlt werden muss.




Rund fünfundvierzig Bezüge pro Woche


Punkt 15 Uhr öffnet die Abgabestelle ihre Türen und die ersten Bezügerinnen und Bezüger erscheinen. Von den achtzig Personen, die Monika Brunnenkant auf ihrer Liste notiert hat, erscheinen pro Woche rund fünfundvierzig. «Anfangs kamen viele auch aus Basel und Baselland, doch wegen steigender Nachfrage nehmen wir bei den Neuanmeldungen nur noch Personen aus Riehen und Bettingen an», sagt Brunnenkant. Für Personen aus Basel und Baselland gibt es weitere Abgabestellen. Über die Schwelle treten heute nur bekannte Gesichter, der jüngste Bezüger ist 24, die älteste Bezügerin 61 Jahre alt. Manche verschwinden ebenso schnell, wie sie gekommen sind, andere bleiben auf einen Gratiskaffee und erzählen dem schreibenden Gast freimütig, warum sie hier sind. Einigen sind die prekären Lebensumstände deutlich anzusehen, während andere grossen Wert auf ein gepflegtes Äusseres legen und stolz berichten, wo sie ihr schickes Outfit günstig erworben haben.


«Ich bin so froh, dass es das hier gibt», sagt eine junge Frau, die in Riehen aufgewachsen ist und nach dem Tod ihres Exfreunds zuerst den Boden unter den Füssen und dann die Lehrstelle verloren hat. Eine zweifache Grossmutter erzählt, wie sie nach einem Unfall ihre Arbeit als Schneiderin verloren hat und nun von der Sozialhilfe und von ihren Kindern unterstützt wird. Sie wohnt zwar in Basel, bezieht ihre Lebensmittel aber lieber in Riehen. «Hier ist die Stimmung so gut und es ist so spirituell.» Beide können den grössten Teil ihres Lebensmittelbedarfs mit der wöchentlichen Ration abdecken, die sie von der Christlichen Gemeinde beziehen. Monika Brunnenkant kennt ihre Klientel und wirkt ausgleichend. Die sehr Fordernden bremst sie, die Bescheidenen macht sie auf das Fleisch aufmerksam, das separat im Kühlschrank gelagert wird, und steckt ihnen etwas frisches Obst zu. Grundlage für alle ist eine abgepackte Tüte pro Haushalt, die je nach Tagesangebot und individuellem Bedarf ergänzt wird.


Um die Schwankungen der unberechenbaren Lieferungen etwas auszugleichen, hat Monika Brunnenkant ein kleines Lager von Waren angelegt, die noch längere Zeit haltbar sind: Konserven, Teigwaren, Getränke, Toilettenpapier. «Ohne dieses Lager gäbe es Tage, an denen wir nur etwa zwanzig Säcke abpacken könnten und die anderen Leute nach Hause schicken müssten. Das wollen wir nicht.» Zuviel sei es hingegen selten. Wenn das Angebot wie heute grösser ist als die Nachfrage, dürfen sich zum Schluss auch die freiwilligen Mitarbeiterinnen bedienen. Vorher aber noch die junge Frau, die geduldig gewartet hat, bis alle gegangen sind, und dann höflich fragt, ob noch etwas übrig sei. Sie nimmt schliesslich mehrere Säcke mit und packt ein, was vorher keinen Abnehmer fand. Darunter auch das Crevetten-Carpaccio, Tessiner Spezialitätenwürste und verschiedene Sorten französischer Weichkäse.


Gibt es dann immer noch Reste – wie heute beim Brot –, finden diese in der Küche der ‹Christian Fellowship› Verwendung: Für das Mittagessen, das jeweils am Sonntag zubereitet und nach dem Gottesdienst für Asylsuchende gratis aufgetischt wird. So geht wirklich nichts verloren, was noch geniessbar ist – wie es zu Grossmutters Zeiten selbstverständlich war.






1 Vgl. im Folgenden WWF (Hg.): Lebensmittelverluste in der Schweiz – Ausmass und Handlungsoptionen, Oktober 2012, assets.wwf.ch/downloads/12_10_04_wwf_foodwaste_ch_final.pdf, Zugriff: 24.7.2015. 


Diese Studie basiert auf den Masterarbeiten von João Almeida und Claudio Beretta, die erstmals die Lebensmittelabfälle in der Schweiz über die gesamte Nahrungsmittelkette schätzen. 


2 Vgl. Bundesamt für Umwelt: Erhebung der Kehrichtzusammensetzung 2012, www.news.admin.ch/NSBSubscriber/message/attachments/ 33597.pdf, Zugriff: 24.7.2015.


3 Gespräch mit Christian Jann, Fachstelle Wasser und Entsorgung, Gemeinde Riehen, 16.7.2015.


4 Auskunft von Patrick Häfliger, Mediensprecher von Coop Nordwestschweiz, 20.6.2015, und Gespräch mit Dieter Wullschleger, Mediensprecher von Migros Nordwestschweiz, 22.6.2015.


5 Gespräch mit Christian Jann, Fachstelle Wasser und Entsorgung, Gemeinde Riehen, 16.7.2015.


6 Gespräch mit Pierre Buess, Geschäftsführer Landgasthof, Riehen, 10.7.2015.


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