2014

Die Zollfreistrasse ist provisorisch eröffnet


Peter Schenk




Seit Anfang Oktober 2013 ist die viele Jahre umstrittene Verbindung zwischen Lörrach und Weil am Rhein in Betrieb. Die in Riehen erhoffte Verkehrsentlastung des Dorfkerns hält sich bisher in Grenzen. Der noch ausstehende Anschluss in Lörrach und Arbeiten in Riehen selbst sollen den Durchgangsverkehr weiter reduzieren.


Für viele war es ein ‹historischer Tag›: Am 4. Oktober 2013 wurde die Zollfreistrasse, die über Riehener Boden führt und Weil am Rhein und Lörrach verbindet, feierlich eröffnet. Obwohl es genau genommen eine provisorische Inbetriebnahme war, da in Lörrach eine wichtige Anbindung fehlt, sparten die Politikerinnen und Politiker nicht mit grossen Worten. 


Ein symbolträchtiger Anlass

Für die Freiburger Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer war die viele Jahre höchst umstrittene Strasse, deren Vorgeschichte bis ins Jahr 1852 zurückgeht, ein Symbol für das gute grenzübergreifende Miteinander. Lörrachs Oberbürgermeisterin Gudrun Heute-Bluhm und der Weiler Oberbürgermeister Wolfgang Dietz lobten das Stück Strassengeschichte fast euphorisch, berichtete die ‹Basellandschaftliche Zeitung›. Symbolträchtig war der Anlass auch für den Basler Regierungsrat Baschi Dürr. Riehens Gemeindepräsident Willi Fischer zog, bei allem Verständnis für den langjährigen Widerstand gegen die Strasse, im Ganzen gesehen eine positive Bilanz. Zufrieden äusserte er sich auch zu den Naturausgleichsflächen, die im Gegenzug zur Strasse angelegt wurden.


Die Bevölkerung hatte schon am Vortag, am 3. Oktober, Gelegenheit, die Strasse zu besichtigen und den Tunnel zu durchqueren. An beiden Tunnelenden gab es einen Festwirtschaftsbetrieb. Zur Einweihung am 4. Oktober waren, zum Leidwesen insbesondere der deutschen Politiker, weder Vertreter des Bundes aus Berlin noch aus der baden-württembergischen Landeshauptstadt Stuttgart gekommen. Grund dafür war, dass der Bau der Strasse noch nicht vollkommen fertig ist. Für den Abschluss der Bauarbeiten, der Ende 2015 sein dürfte, ist dann aber eine grosse Feier geplant; ein genauer Termin ist dafür noch nicht bekannt. Die Gesamtkosten des Projekts belaufen sich auf 59 Millionen Euro, umgerechnet rund 72 Millionen Franken.


In Weil am Rhein war bereits 1998 ein erstes, 2,9 Kilometer langes Teilstück der Zollfreistrasse in Betrieb genommen worden. Der fehlende, 735 Meter lange Teil, der über Schweizer Territorium führt, war der bautechnisch schwierigste Abschnitt. So gestalteten sich die Arbeiten, die 2007 begonnen hatten, wegen der Lage im Grundwasserschutzgebiet komplizierter als angenommen, was zu Verzögerungen bei der Inbetriebnahme führte, die ursprünglich schon für Oktober 2010 geplant war. Höchst anspruchsvoll war der Bau des 388 Meter langen Tunnels.


Riehen hofft weiter auf stärkere Verkehrsentlastung im Dorfkern

Wie die deutschen Nachbarstädte Weil am Rhein und Lörrach erhofft sich Riehen durch die Eröffnung der Zollfreistrasse eine spürbare Verkehrsentlastung. So fuhren bis zum Oktober 2013 im Durchschnitt täglich 18 000 Fahrzeuge durch das Dorfzentrum. Der Gemeinderat rechnete mit einer Reduzierung von bis zu 50 Prozent. In den ersten sieben Monaten nach der Eröffnung der Zollfreistrasse machte sich die Entlastung allerdings vorerst hauptsächlich in der Lörracherstrasse vor dem Zoll nach Lörrach bemerkbar. So fahren laut Basler Tiefbauamt statt 18 500 Autos vor der Eröffnung der Zollfreistrasse derzeit noch 12 500 Fahrzeuge über den Riehener Zoll nach Lörrach. 


Die Zahlen stammen von der Dauerzählstelle am Riehener Zoll. Der Rückgang um 6000 Fahrzeuge ist auf zwei Gründe zurückzuführen. Erstens benutzen die Verkehrsteilnehmenden zwischen Lörrach und Weil am Rhein, die bisher via Lörrachstrasse und Weilstrasse fuhren, also über den alten Weiler Zollübergang, neu die Zollfreistrasse. Zweitens fliesst der Verkehr zwischen Lörrach und Basel nicht mehr längs durch Riehen, sondern neu via Zollfreistrasse und Freiburgerstrasse.


Die Verkehrsabnahme ist vor allem auf den ersten Grund zurückzuführen. Wie viele von den 6000 Autos weniger durch den Dorfkern fahren, ist unklar. Es könnten 2000, aber auch wesentlich weniger sein. Der Riehener Gemeindepräsident Hansjörg Wilde kommentiert das so: «Dass die Zollfreistrasse auch zu einer – wenn auch kleineren – Entlastung im Dorf geführt hat, ist trotzdem erfreulich.» Grundsätzlich wünsche er sich aber mehr Verkehrsentlastung auf der Achse Baselstrasse – Lörracherstrasse.


Erreicht werden soll das auch durch die Umgestaltung dieser Achse, für die immerhin 31,24 Millionen Franken zur Verfügung stehen. Sie soll als flankierende Massnahme zur Eröffnung der Zollfreistrasse die Verkehrsreduktion in Riehen dauerhaft sichern. Dazu gehören auch verkehrshemmende Massnahmen. Der Beginn der Hauptarbeiten in der Baselstrasse ist für Mitte 2015 geplant.


Eine weitere Entlastung wird die auf Ende 2015 geplante Fertigstellung des neuen Kreisels an der Dammstrasse in Lörrach bringen. Der Kreisel wird den Anschluss an die Zollfreistrasse erheblich verbessern. Verbesserungen sind auch in der Freiburgerstrasse in Basel nötig. Hier staut sich zwischen Zoll Otterbach und Wiesekreisel der Verkehr, der von der Zollfreistrasse kommt, was deren Attraktivität mindert. Geplante Kapazitätssteigerungen in der Freiburgerstrasse sollen deshalb zu einer weiteren Abnahme des Durchgangsverkehrs durch Riehen führen. Die Problematik des Rückstaus bei der Lichtsignalanlage am Wiesekreisel soll sich durch die Fertigstellung des Hafenanschlusses an die Autobahn ändern, die für August 2015 geplant ist.



Anspruchsvoller Tunnelbau

Der Bau des 388 Meter langen Tunnels stellte eine Herausforderung dar. Ein Grund dafür war, dass am Fuss des Tüllinger Bergs, am Schlipf, gebaut wurde, der als rutschig gilt. Um ein Abrutschen zu verhindern, wurden die bis zu 14 Meter langen Spundwände an der Bergseite mit 350 Ankern, die bis zu 35 Meter lang sein konnten, im Berg befestigt. Spundwände sind aus Stahl und werden zur Sicherung der Baustelle in die Tiefe gerüttelt. Der Tunnel wurde in der sogenannten offenen Bauweise erstellt. Nachdem weitere Spundwände auch auf der Seite der Wiese parallel zum Fluss in den Boden getrieben worden waren, wurde das Erdreich ausgebaggert. Dann wurde der Betonboden des künftigen Tunnels gegossen, gefolgt von den Wänden und schliesslich der Decke. Diese wurde nach der Fertigstellung mit bis zu zwei Metern Erde bedeckt. Hier befindet sich heute die Liegewiese des neuen Riehener Naturbads, das im Juni 2014 eingeweiht wurde.

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