2014

Architektur fürs Alter


Martina Desax




Wohnen im Alter – eine spannende Geschichte. Nicht nur, weil es jeden von uns irgendwann betrifft. Sondern weil Fragen zu Architektur, individueller Lebens-geschichte und Gesundheit in einem sensiblen Bereich ineinandergreifen. Gute, hindernisfreie Architektur berücksichtigt nicht nur die Bedürfnisse von Menschen im Pensionsalter. Sie ist ein Gewinn für jeden Lebensabschnitt.


‹Altersgerechtes Wohnen› wird häufig mit ‹rollstuhlgängig› gleichgesetzt – aber die meisten Pensionierten sind weder gehbehindert noch auf den Rollstuhl angewiesen. Im Alter steigen allerdings die Anforderungen an die Wohnqualität und an den Wohnstandort – ein barrierefreies Zuhause und die Einbindung in gesellschaftliche Strukturen steigern die Lebensqualität massgeblich und beeinflussen so auch, wie ein Mensch altert. Auf die Architektur bezogen, helfen dabei kleine, überschaubare Wohneinheiten innerhalb von dörflichen oder städtischen Strukturen sowie kurze Wege zu Infrastrukturangeboten und öffentlichen Begegnungszonen.1


Normen und Planungsmerkmale für Barrierefreiheit

Für altersgerechtes Wohnen gibt es verschiedene Formen – von der selbstbestimmten Alters-WG bis hin zum Service-Wohnen. Für altersgerechtes Bauen gibt es Richtlinien. In Deutschland beschreibt die Norm DIN 18024 – respektive mit Anpassungen die DIN 18040 – Anforderungen für das barrierefreie Bauen öffentlicher Verkehrswege und Gebäude für ältere Menschen und Behinderte. Der Schweizerische Ingenieur- und Architektenverein (SIA) formulierte 2009 in seiner Norm SIA 500 entsprechende Massnahmen und die Schweizerische Fachstelle für behindertengerechtes Bauen publizierte 2010 die ‹Planungsrichtlinien für altersgerechte Wohnbauten›. Überall finden sich ausserdem konkrete Beispiele, wie Wohnungen für die Bedürfnisse im Alter umgerüstet oder neu gebaut werden können.


Hindernis- oder barrierefreies Bauen ist jedoch nicht nur eine Massnahme für Alter und Behinderung: Fachleute propagieren es für alle Neubauten, vor allem seit bekannt ist, dass daraus weder ein erhöhter Flächenbedarf resultiert, noch neuartige Grundrisse entwickelt werden müssen. Mehrkosten generiert Barrierefreiheit erst dann, wenn die Wohnanlage rollstuhlgängig sein muss. Dann ist beispielsweise aufgrund der Wenderadien von Rollstühlen mit einer Zunahme des Flächenbedarfs zwischen 8 bis 10 Prozent zu rechnen. Ansonsten liegen die Mehrkosten etwa bei 2 Prozent der Gesamtsumme. Der Mehrwert ist jedoch ungleich höher: Barrierefreie Wohnungen können länger von denselben Menschen bewohnt werden, die Unfallgefahr ist geringer als in konventionellen Wohnungen und die Investitionen für nachträgliche Infrastrukturanpassungen sinken.


Konkret müssen hindernisfreie Wohnungen oder Wohnanlagen eine einfache Struktur aufweisen und sind möglichst nutzungsneutral gestaltet. Übersichtlichkeit und architektonische Fixpunkte – etwa ein Innenhof – sind für Bewohner und Besucherinnen Orientierungshilfen. Die möglichst stufenlose Vertikal-Erschliessung – als Alternative zu Schwellen und Treppen können Rampen oder Lifte eingesetzt werden – hat per Definition oberste Priorität. Dazu gehört auch die farbige Markierung der Kanten von (Treppen-)Stufen und generell die Verwendung von optisch ruhigen und rutschfesten Materialien.


Im Wohnungsgrundriss bewähren sich Blickverbindungen zwischen Schlafen und Wohnen, kurze Wege zwischen Schlafen und Badezimmer und ein – schwellenlos zugänglicher – privater Aussenbereich. Ergonomische Überlegungen bestimmen in der Küche die Höhe von Kochherd, Kühlschrank und dergleichen; die Reihung der Elemente Spüle–Arbeitsfläche–Kochherd bietet gerade älteren Personen maximale Bedienungsautonomie. Diese manifestiert sich im Badezimmer in einer schwellenlosen Dusche und einer Toilette mit normaler Sitzhöhe, von der man problemlos wieder aufstehen kann. Eine Süd- oder Westorientierung der Wohnung stellt die optimale natürliche Beleuchtungsart dar; im Innern muss eine helle Ausleuchtung wie auch eine punktuelle, intime Lichtführung möglich sein.


Hindernisfreie Wohnungen berücksichtigen also mehrere Faktoren, die nicht nur im Alter von unschätzbarem Wert sind. Auch für junge Familien sind Bewegungsfreiheit, eine sinnvolle Anordnung der Räume und Stauraum – egal ob zum Verstauen eines Rollators oder Kinderwagens – zentral. Generell sind nachhaltige Wohnungen solche, die sich wegen ihrer Nutzungsneutralität den Lebensumständen anpassen können.2


Stand der Dinge – in Riehen

Das Konzept der Barrierefreiheit respektive des hindernisfreien Wohnens ist also für alle Generationen und alle Mitglieder der Gesellschaft interessant – die Pole ‹Kinderwagen› und ‹Rollator› nähern sich einander an. Was ‹altersgerechtes Wohnen› bedeutet, ist jedoch sehr individuell.


Die Forschung zeigt auf, dass Zweieinhalb-Zimmer-Grundrisse heute den Bedürfnissen älterer Paare nicht mehr entsprechen. Die Grösse entsprechender Alterswohnungen liegt aktuell im Bereich von drei bis fünf Zimmern. Befragungen weisen zudem eine positive Haltung gegenüber gemeinschaftlichen Wohnformen nach. Allerdings wird darunter nicht primär die Alters-Wohngemeinschaft verstanden, sondern die eigene Wohnung in Anbindung an gemeinschaftliche Strukturen – wie Gemeinschaftsräume, Mittagstisch oder vernetztes Haushalten. Ein gut funktionierendes soziales Netz wird vor allem dann wichtig, wenn die Mobilität abnimmt.


Besonders dringend stellt sich die Frage nach geeigneten Alterswohnangeboten in den stadtnahen Gemeinden, wo es viele Einfamilienhäuser und Reiheneinfamilienhäuser-Zeilen gibt, die ‹gemeinsam altern›. Gerade hier gibt es tendenziell zu wenig hindernisfreie Wohnungen, was dazu führt, dass sich der Generationenwechsel in diesen Gebieten verzögert. So sind ganze Siedlungen unternutzt und schlechter unterhalten, weil ältere Menschen ihr soziales Umfeld nicht verlassen möchten und folglich allein in zu grossen und nicht mehr handhabbaren Häusern leben.3


Die Gemeinde Riehen hat zwei Dinge erkannt und gehandelt: Die 2010 begonnene Zonenplanrevision sieht vor, die Landreserven im Moostal oder bei den Freizeitgärten nicht durch Neubauten weiter zu verringern, sondern anderweitig Erneuerungsraum zu finden. Riehen möchte langfristig das ‹Grosse Grüne Dorf› bleiben.4 Und das neue Seniorenkonzept der Gemeinde sieht vor, dass Genossenschaften und Hauseigentümer von der Gemeinde bezüglich altersgerechter Wohnanpassung sensibilisiert und beraten werden.5 Bauherrschaften erhalten Empfehlungen für den hindernisfreien Wohnungsbau und private Initiativen für alternative, generationenübergreifende Wohnmodelle werden unterstützt und angeregt. Das Vermitteln von Wohnpartnerschaften gehört ebenso dazu wie die Realisierung von zusätzlichen 20 bis 40 Alterswohnungen mit Serviceleistungen und die Optimierung der bestehenden Alterssiedlungen in den kommenden Jahren.6


Bauen fürs Alter: Im Oberdorf

Die Gemeinde Riehen setzt sich sehr für eine lebendige, altersgemischte Bewohnerschaft ein. Um attraktiven Wohnraum für Familien zu schaffen, ist sie auf die Nutzung der Wohnressourcen der älteren Bevölkerung angewiesen. Ein grosses Angebot an unterschiedlichen Wohnformen soll die Durchmischung fördern.


Exemplarisch für die vielfältigen Wohnformen im Alter ist das Areal des ehemaligen Landwirtschaftsbetriebs des Landpfrundhauses zwischen den Strassenzügen Oberdorfstrasse–Spittlerwegli–Inzlingerstrasse–Schützengasse. Hier besteht ein regelrechtes Zentrum aus Alterswohnungen, Alterssiedlung, Alters- und Pflegeheim. Auf dem Areal wohnen nur ältere Menschen – den Mehrgenerationenansatz gibt es hier nicht. 


2002 fiel der Entscheid, das Areal für ein Neubauprojekt mit Alterswohnungen zu nutzen und das Tagesheim des Alters- und Pflegeheims Zum Wendelin dorthin auszugliedern. Der Studienauftrag und das Projekt ging an die Basler Architekten Stump & Schibli. Sie platzierten ihren Neubau mit Abstand zu den bestehenden Bauten nahe bei der S-Bahn-Linie, was den Grünraum des Gevierts vergrösserte. Der Bau wurde unterirdisch mit dem Haus Zum Wendelin verbunden. Durch den Auszug des Tagesheims stand dem Wendelin wieder mehr Raum für die Betreuung seiner Bewohnerinnen und Bewohner zur Verfügung. Das neue Tagesheim verfügt über 400 Quadratmeter, 100 mehr als zuvor. Die Wohnungen des neuen Altersszentrums Im Oberdorf sind selbsttragend, sie müssen keine Rendite abwerfen – und wie bereits in den 50 Jahren zuvor, hoffte die Gemeinde Riehen, damit Anreize für ältere Menschen zu schaffen, aus ihren zu gross gewordenen Einfamilienhäusern auszuziehen und dadurch Platz für junge Familien zu schaffen.9


Das neue Alterszentrum von Stump & Schibli wurde 2008 mit der Auszeichnung guter Bauten honoriert. Es ergänzt das Geviert mit dem Wendelin und den verschiedenen Alterswohnungen und -siedlungen um einen Neubau. Das viergeschossige Gebäude umfasst zwölf Drei- und Vierzimmer-Wohnungen. Sie alle sind mit durchgängigen Fensterflächen über Eck nach zwei Seiten orientiert und über eine Halle erschlossen, die als Begegnungsort dient. Die Wohnungen lassen sich bei Bedarf zu Wohngemeinschaften oder Pflegeeinheiten zusammenschlies-sen. Der Gebäudesolitär macht die Loggien und Laubengänge der umliegenden Häuser zum eigenen Thema: Umlaufende Veranda-Bänder strukturieren die zweischichtige und in der Tiefe variierende, geknickte Fassade. Dadurch entsteht für jede Wohnung ein grosszügiger Aussenraum. Das Erdgeschoss ist dem Tagesheim vorbehalten – vom Entrée aus bietet sich ein Einblick. Auch dieses Geschoss ist grosszügig verglast und steht so in direktem Bezug zu seiner Umgebung.10


Raumplanung fürs Alter und die Zukunft: Humanitas und das Projekt ‹Blume›

Im Niederholzquartier wird zurzeit mit einem Mehrgenerationenprojekt ein anderer Ansatz verfolgt. Das Basler Architekturbüro Bachelard Wagner reichte 2004 einen Projektentwurf für das neue Alters- und Pflegeheim Humanitas ein – das ursprüngliche Gebäude liegt an der Inzlingerstrasse und muss dringend erweitert werden. Aufgrund von dessen Nähe zum Areal mit den Alterswohnungen im Oberdorf bevorzugte die Gemeinde für den Neubau einen Standort im Süden Riehens.11


Die Verdichtung des Niederholzquartiers um die S-Bahn-Station soll aber nicht nur mit dem Neubau des Humanitas erreicht werden. In einer grosszügigen neuen Parkanlage sollen 2016 acht Wohnhäuser mit 96 Wohnungen bezugsbereit sein: Wohnungen für Gross- und Kleinfamilien, für Alleinstehende und Seniorinnen und Senioren sind im Projekt ‹Blume› des Wohnbaugenossenschafts-Verbands Nordwest geplant. Ein ganzer Wohnblock ist für Alterswohnungen mit Betreuung reserviert. In einem Quartier, wo es bereits viele günstige Genossenschaftswohnungen gibt, bestimmt ein Anreiz, die zu grosse Wohnung einer jüngeren Familie zu überlassen, die sozialen Kontakte aber nicht zu verlieren. Dass alle Wohnungen der ‹Blume› barrierefrei gestaltet werden, versteht sich von selber.12



Alterswohnen im Oberdorf


Oberdorfstrasse 15: Alterssiedlung Oberdorf Die ersten Wohneinheiten wurden 1960 vom Landpfrundhaus Riehen initiiert. Nach der Sanierung 1985 entstanden auf vier Etagen 30 Zweizimmer-Wohnungen und ein Gemeinschaftsraum. Tagsüber gibt es eine Betreuung durch die Siedlungsleitung, seit 1988 kann der Mittagstisch im Wendelin genutzt werden. Die Zimmer sind nur bedingt rollstuhlgängig.


Oberdorfstrasse 21 und 25: Alterssiedlung Drei Brunnen Die tagsüber betreute Siedlung wurde 1972 von der Gemeinde erbaut. Die zwei Liegenschaften umfassen 18 Einzimmer-, 18 Zweizimmer- und 21 Dreizimmer-Wohnungen, einen Gemeinschaftsraum und eine Cafeteria; der Mittagstisch im Wendelin kann genutzt werden. Die Wohnungen sind nur bedingt rollstuhlgängig. Ende der 1990er-Jahre wurde über den Zuschnitt der Wohnungen debattiert, weil der Bedarf an Einzimmer-Wohnungen nachliess. Nach drei Vorlagen im Einwohnerrat wurde die Zusammenlegung zu altersgerechten Dreizimmer-Wohnungen forciert.7


Inzlingerstrasse 50: Alters- und Pflegeheim Haus Zum Wendelin Das Alters- und Pflegeheim verfügt über 60 Zimmer mit je 21 Quadratmetern und einem Balkon. Es wurde 1988 eröffnet, seit 1989 ist ein Tagesheim angegliedert.8


Inzlingerstrasse 46: Alterszentrum Im Oberdorf Der Neubau wurde 2002 mit 12 Alterswohnungen (Drei- und Vierzimmer-Wohnungen) sowie dem neuen Tagesheim des Wendelin eröffnet.


1 Vgl. Brigit Wehrli-Schindler: Wohnen im Alter: Zwischen Zuhause und Heim, Zürich 1997.

2 Vgl. dazu Rühm, Wohnen im Alter, S. 9f.; Dietmar Eberle: Vorsorge in der Grundrissplanung, in: Eckhard Feddersen, Insa Lüdtke: Entwurfsatlas Wohnen im Alter, Basel 2009, S. 42–45, hier S. 42; Felix Bohn, age stiftung: Hinweise für die Planung von altersgerechten Wohnungen, Zürich 2006; Felix Bohn, Schweizerische Fachstelle für behindertengerechtes Bauen: Planungsrichtlinien für altersgerechte Wohnbauten, Zürich 2010; Schweizerischer Ingenieur- und Architektenverein (Hg.): Hindernisfreie Bauten – Auslegungen zur Norm 500-2009, Zürich 2013.

3 Vgl. dazu Bettina Rühm: Unbeschwert Wohnen im Alter. Neue Lebensformen und Architekturkonzepte, München 2003, S. 8f.; François Höpflinger: Wohnformen im dritten und vierten Lebensalter – heute und morgen. Vortrag im ETH Forum Wohnungsbau, Zürich 2014.

4 Vgl. Zonenplanrevision der Gemeinde Riehen, www.riehen.ch/zonenplanrevision, Zugriff: 13.8.2014.

5 Vgl. Leben in Riehen – 60plus, www.riehen.ch/60plus, Zugriff: 13.8.2014.

6 Vgl. ebenda, Kurzbericht Alterskonzept / Leitbild, www.riehen.ch/sites/default/files/documents/kurzbericht_leben_in_riehen_-_60plus.pdf, S. 6, Zugriff: 13.8.2014.

7 Rolf Spriessler: Maisonnette-Wohnung gescheitert, in: Riehener Zeitung, 5.2.1999.

8 Katharina Steib, Wilfrid Steib: Haus Zum Wendelin, in: Werk, Jg. 76, 1989, Heft 12, S. 55.

9 Urs Rist: Alterswohnungen an Stelle eines Bauernhofs, in: Basler Zeitung, 19.8.2004.

10 Vgl. Stump & Schibli Architekten, www.stumpschibliarch.ch/index.php?c=projekte&cc=bauten&p=101, Zugriff: 13.8.2014.

11 Bachelard Wagner Architekten, www.bachelard-wagner.ch/work/u/Wohnen_und_Pflege__R; Immobilien Basel-Stadt, www.immobilien.bs.ch/print/projekte/aktuelle_projekte/niederholz.htm; Gemeinde Riehen, Planung für ein neues Alters- und Pflegeheim Humanitas sowie Wohnungen auf dem Rüchligareal, www.riehen.ch/wohnen-und-arbeiten/planen-und-bauen/planungen-der-gemeinde-riehen/planung-fuer-ein-neues-aph, Zugriffe: 13.8.2014.

12 Informationen von Ariel Dunkel, Projektleiter ‹Blume›, Rapp Architekten, Juli 2014; Rapp Architekten, www.rapp.ch/de/leistungen/gebaeude/architektur-generalplanung/Referenzen/ac-331_Kohlistieg.php; Wohnportal Region Basel, www.wohnportal-basel.net/de/projekte/riehen_ruechligweg.htm, Zugriffe: 13.8.2014.




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