2013

Das Niederholzquartier im Wandel


Rolf Spriessler-Brander




Bevor die Vorbereitungen zur Überbauung des Rüchligareals begannen, wurde das Gelände als Freizeitareal zwischengenutzt. Mit dem Bau eines Alters- und Pflegeheims und einer Wohnüberbauung erhält das Niederholzquartier im Lauf der kommenden drei bis vier Jahre ein neues prägendes Element.


Es begann mit einem Paukenschlag: Nachdem die letzten Mieterinnen und Mieter aus den als Provisorien errichteten Notwohnungen auf dem Areal zwischen Rüchligweg, Rauracherstrasse und Kohlistieg ausgezogen waren, wurde das Areal an einem Freitagabend Mitte Oktober 2009 besetzt. Dazu aufgerufen hatte ein Netzwerk, das sich ‹Village Sauvage› nannte. Gekommen waren nach verschiedenen Quellen zwischen 1000 und 4000 Personen. Während zwei Nächten fanden zahlreiche Gratiskonzerte statt. Am Sonntag wurde das Gelände von den Organisatoren aufgeräumt und wieder freigegeben. In der Folge wurden die Gebäude abgerissen.1 


Humanitas-Neubau und Wohnungen

Die Zukunft war bereits in Planung – auf dem Gelände sollte ein neues Alters- und Pflegeheim entstehen als Ersatz für das heutige Alters- und Pflegeheim Humanitas, das dann aus seinen bisherigen Räumlichkeiten an der Inzlingerstrasse ausziehen und dort einer Wohnüberbauung Platz machen wird.


Abklärungen hatten ergeben, dass sich das bestehende Gebäude aus dem Jahr 1967 nicht mit vernünftigem Aufwand hätte sanieren lassen, und ein Neubau in der Nachbarschaft war nicht möglich. Der Gemeinderat brachte daraufhin das Rüchligareal als Alternative ins Spiel. Sein Hauptargument war die bessere Verteilung der Altersheime auf dem Gemeindegebiet, denn im inzwischen bevölkerungsreichsten Quartier fehlt bislang ein Altersheim, während in der Nähe des Dorfzentrums gleich mehrere dicht beieinander liegen. Auf dem restlichen Teil des Rüchligareals inklusive Tennisplatz war als Gegenpart eine familienfreundliche Wohnüberbauung vorgesehen. Diese Entwicklung eines Areals in unmittelbarer Nähe zur 
S-Bahn-Haltestelle Niederholz und zum Einkaufszentrum Rauracher macht aus städtebaulicher Sicht Sinn. Die Überbauung war allerdings noch nicht geplant und allen Beteiligten war klar, dass es noch einige Zeit dauern würde, bis auf dem Gelände tatsächlich gebaut werden kann.


Zwischennutzung statt Brache

Die überraschende Besetzung des Geländes – etwas völlig Neues für Riehen – hatte Christian Lupp, Fachbeauftragter Freizeit und Sport bei der Gemeinde Riehen, hellhörig werden lassen. Und bald liefen Gespräche, ob und wie das Gelände zwischengenutzt werden könnte und welche Chancen und Risiken dies bergen würde. Die Idee: Das Rüchligareal sollte vorübergehend als Freizeitgelände zur Verfügung stehen. «Uns war es wichtig, auf dem Areal die Sicherheit gewährleistet zu wissen», erklärt Rudolf Koechlin, Sachbearbeiter Immobilien Basel-Stadt, der das Areal gehört. Heikel gewesen sei nur eine Trafostation in einem vorläufig noch stehen gelassenen Gebäude, das aber zugemauert und gesichert worden sei. Immobilien Basel-Stadt schloss mit der Gemeinde Riehen einen Nutzungsvertrag ab, die Gemeinde übernahm die Organisation und den Unterhalt. Zwei Tore wurden aufgestellt, Sitzgelegenheiten geschaffen und auf entsprechende Anfrage ermöglichte man einer Gruppe von Velobegeisterten die Erstellung eines ‹Pumptrack›, eines Bike-Rundkurses mit vielen kleinen Hügeln und Steilwandkurven. Einige Jugendliche erhielten die Erlaubnis, das leer stehende Gebäude am Rand des Areals mit Spraybildern zu schmücken.


«Die Jugendlichen haben das Areal bald einmal als Treffpunkt entdeckt und hielten sich vor allem in der Arealmitte auf, weil sie hier einen Ort fanden, wo sie ungestört unter sich sein konnten», sagt Ronny Zindel von der Mobilen Jugendarbeit Riehen. «Es ist schade, dass das Rüchligareal als Treffpunkt bald wieder wegfällt, und wir fragen uns bereits, wo es die Jugendlichen danach hinzieht», sinniert er – nicht ohne anzufügen, dass sich die Treffpunkte auch so immer mal wieder ändern würden.


Die Freifläche gleich nebenan wurde auch von den Verantwortlichen des Freizeitzentrums Landauer sehr geschätzt, wie Joachim Schmidhofer betont. Allerdings sei 2013 wegen des lange Zeit schlechten Wetters und der bevorstehenden Schliessung weniger los gewesen als in den Jahren davor. «Das Rüchligareal war als Freizeitfläche ein idealer Platz, weil dessen Grösse vieles nebeneinander ermöglichte», fügt er an. Auch Veranstaltungen fanden dort statt, das Nachwuchs-Musikfestival ‹Young Stage› beispielsweise, Spielnachmittage für Kinder oder das Mittsommernachtsfest des Quartiervereins. Wenn immer mehr Flächen innerhalb des Siedlungsgebiets überbaut würden, verschwänden auch immer mehr Freiräume, die sich für die Freizeit nutzen liessen, bedauert Schmidhofer.


Der Trend ist geradezu typisch für das Niederholzquartier: In den 1970er-Jahren gab es dort noch ausgedehnte Gärtnereien und die Brache an der Rauracherstrasse, wo vor dem Bau des Einkaufszentrums lediglich ein Kiosk stand und sich die Jugend auf verschiedenen Dreckpfaden mit Velos und anderen Fahrzeugen vergnügte. Auch das Hupfer-Areal am Rüchligweg diente vor der Realisierung der heutigen Wohnüberbauung jahrelang als Freizeitfläche.


Einbettung ins Quartier

Diese Zeiten sind vorbei, auch auf dem Rüchligareal. Die Planungsarbeiten für das Alters- und Pflegeheim mit rund 100 Plätzen sind inzwischen abgeschlossen. Nun laufen die weiteren Vorbereitungen. Humanitas-Leiterin Stefanie Bollag rechnet im Herbst 2014 mit dem Baubeginn. Die Bauzeit ist auf zwei Jahre veranschlagt. Das Altersheim wird Arbeitsplätze ins Quartier bringen und soll auch für die Anwohnerschaft eine gewisse Zentrumsfunktion einnehmen – mit Restaurant und Cafeteria, mit einem öffentlich zugänglichen Park und einem Veranstaltungsraum, der auch extern für Feiern aller Art nutzbar sein wird. Die Wohnüberbauung mit rund 100 Wohnungen – vorgesehen ist ein Mix aus grosszügigen Familienwohnungen und Seniorenwohnungen – wird von der Wohnbaugenossenschaft Nordwest realisiert. Bevor auch mit diesem Bau begonnen werden kann, muss zuerst die Deponie unter dem ehemaligen Tennisplatz saniert werden, was etwa ein Jahr dauern dürfte.


1 Zur Besetzung des Geländes vgl. Franz Osswald: Eine Spielwiese auf Zeit, in: z’Rieche 2010, S. 118–121.

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