2012

Die Trompete, der Büchel und der Bär


André Baltensperger



Nachhaltige Wirkungen gehen auch von Persönlichkeiten aus: Der Musiker 
Rudolf Linder – Trompeter, Musiklehrer, Gründer der ‹Basel Sinfonietta›, aber auch 
Maler und Homo politicus – hat in der Region wichtige Akzente gesetzt. Dafür 
wurde er am 6. Juni 2012 mit dem Kulturpreis der Gemeinde Riehen ausgezeichnet.


Rudolf Linder ist Musiker, Trompeter mit Konzertdiplom. Er spielte und spielt sowohl solistisch wie auch in zahlreichen Orchestern und Ensembles. Zudem unterrichtet er seit Jahrzehnten an den Musikschulen Riehen und Basel, die zur Musik Akademie Basel gehören. Sein Repertoire ist breit und umfasst alle Epochen der Musikgeschichte. Eine Spezialität bildet indes sein Interesse für Neue Musik in all ihren Stilen und weltweiten Ausprägungen – und das ist nicht wenig!


In Riehen geboren und aufgewachsen, wurde ihm der Musikerberuf nicht einfach in die Wiege gelegt. Zunächst absolvierte Rudolf Linder eine Lehre als Maschinenmechaniker. Wenn er von Handwerk spricht, kennt er über dessen Bedeutung in der Musik hinaus auch den Geruch von Eisenstaub und Öl und weiss, was es heisst, tagtäglich in der Industrie zu arbeiten.


Von klein an war da jedoch die andere, künstlerische Seite seiner Persönlichkeit, die schliesslich die Oberhand gewann. Bereits in der Primarschule zeichnete und malte er und spielte Kornett. Dennoch war es eine grosse Entscheidung, als Rudolf Linder nach absolvierter Lehre seine Berufsstelle kündete und nach bestandener Aufnahmeprüfung ein Trompetenstudium an der Musik Akademie Basel begann. Ein mutiger Entschluss, der ihn definitiv in die Bahnen lenkte, die ihm bestimmt waren. Basel war damals, um 1970, eine ziemlich bewegte Stadt, in der Kunst, Kultur und Politik einen grossen Aufbruch feierten. Das ging nicht spurlos an jener jungen Generation vorbei. Erst recht nicht an Rudolf Linder.


Ein Kulturpreis – ein Musiker

Der angehende Musiker studierte nun also in Basel bei Mario Populin im Hauptfach Trompete und nahm auch Unterricht in historischen Blasinstrumenten bei Edward Tarr an der ‹Schola Cantorum Basiliensis›, dem renommierten Lehr- und Forschungsinstitut für Alte Musik. Nach dem glanzvollen Abschluss mit Bestnote folgten weitere Studien am ‹Conservatoire de Lyon› bei Guy Touvron sowie Studienreisen in die USA, ein längerer Aufenthalt in Paris und etliche Meisterkurse bei renommierten Lehrern.


Und in Basel begann die übliche Musikerlaufbahn mit Orchesterdiensten, Konzerten und Unterrichtstätigkeit zunächst an der Musikschule Liestal, dann an der Musik Akademie Basel. Es folgten Konzerte als Solist und Kammermusiker. Rudolf Linder war gefragt für Auftritte mit der hohen Trompete in den grossen Werken des Barocks, wo seine Könnerschaft besonders hervortrat. Nun gab es aber Dinge im Konzertleben, die ihn antrieben, neue Formen und neue Repertoires zu erkunden.


Ein neues Orchester, selbstverwaltet

Der traditionelle Orchesterdienst ist oft an etwas starre Bedingungen geknüpft. Rudolf Linder zog aus dieser Erfahrung seine Schlüsse und gründete 1980 mit befreundeten Musikschaffenden ein eigenes, selbstverwaltetes Orchester. Im Gegensatz zu vielen ähnlichen Projekten jener Zeit, die im Sande verliefen, gibt es die ‹Basel Sinfonietta› heute noch. Selbstbestimmung über Dirigenten, über Programme und über die zu engagierenden Künstler, das liest sich leicht; es war aber eine vielbeachtete Pionierleistung, die auf hohem künstlerischem Niveau Bestand hat und internationales Renommee geniesst.


Rudolf Linder war als Gründer dieses Orchesters während vieler Jahre dessen Präsident. Er beschreibt die Anfangszeit des Unternehmens selber als «wunderbare Aufbruchsstimmung», in der das neue Orchester unter sehr idealistischen Vorzeichen und ohne ausreichende Mittel seinen Weg beschritt. Die offene und basisbezogene Struktur erlaubte es der Sinfonietta von Beginn an, interessante, unkonventionelle Programme anzubieten und mit spartenübergreifenden Projekten Querbezüge zwischen Musik, Tanz, Schauspiel, Film, Video und Literatur herzustellen. Die Sinfonietta gehört längst zum festen Bestand der Basler Orchesterlandschaft und hat diese wesentlich aufgelockert.


Faszination des Bildes

Bei der näheren Beschäftigung mit Rudolf Linder stösst man auf eine weniger bekannte Tätigkeit: Seit seiner Kindheit ist für ihn Zeichnen, Malen, Formen, kurz, der bildhafte Ausdruck, ein starkes Movens. Und so entdeckt man Rudolf Linder als Maler, mit einem in der Privatheit seines Ateliers entstandenen, sehr beeindruckenden Œuvre.


Für Rudolf Linder ist die Malerei nicht nur ein Ausgleich, sondern ein zweites, ernst zu nehmendes Standbein seiner künstlerischen Tätigkeit. Ein Blick in das umfangreiche Œuvre eröffnet einen Raum der Selbstreflexion, bisweilen auch des Aufbegehrens. Grossformatige Gemälde in Öl, Acryl, Kreide und Sprühfarbe führen dem Betrachter eine komponierte Welt von Farben, Rhythmen und zuweilen Textfragmenten vor. Der Impetus der oft heftigen Bildsprache, die in wuchtigen Gesten Fragen an eine als ungerecht und unmenschlich empfundene Realität stellt, legt die gesellschaftliche Relevanz des künstlerischen Schaffens von Rudolf Linder offen. 


Erst in den letzten Jahren sind ausgewählte Ergebnisse dieser Arbeit dem Publikum in Gruppenausstellungen gezeigt worden, etwa 2007 im Gemeinschaftsprojekt ‹Kunstfelden› in Rheinfelden. 


Homo politicus 

Wo Musik, Kunst und Gesellschaft aktive Verbindungen eingehen, sind starke Kräfte am Wirken. Es ist deshalb auch wichtig, das politische und sozialpolitische Engagement von Rudolf Linder zu erwähnen, seine vielfältige Gremienarbeit in künstlerischen Projekten, im Orchester, aber auch im politischen Bereich. Obwohl nie einer Partei zugehörig, stand und steht er der damaligen POB (Progressive Organisationen Basel) und der heutigen BastA! (Basels starke Alternative) nahe. Dem liegt eine seit seiner Jugend bestehende Haltung zugrunde, sich für die sozial Schwächeren in der Gesellschaft einzusetzen, Ungerechtigkeiten und Missstände nicht einfach hinzunehmen, sondern politisch Position zu beziehen.


Diese Einstellung prägt auch Rudolf Linders künstlerisches Œuvre. Bei seinen Reflexionen über Politik und ökonomische Sachverhalte geht es aber letztlich um philosophische Fragen zum Schicksal und der Berufung der Menschen. Diesen Fragen nicht auszuweichen, heisst, alles im Leben ernst zu nehmen, Verantwortung zu tragen und die eigene Position stets zu überdenken. Wenn das Ziel die politische Aktion ist, setzt Rudolf Linder dafür die Kunst ein. Als ‹Citoyen engagé› sind Einspruch und bisweilen Widerspruch Teil seines Selbstverständnisses als Mensch, Bürger und Künstler.


Der Bär ist los!

Wenn die Rede von Aktionen ist, verdient es eine besonders, erwähnt zu werden. Alle kennen wir die drei Kleinbasler Ehrengesellschaften mit ihren Ehrenzeichen Vogel Gryff, Leu und Wilder Mann. Seit knapp 15 Jahren – daran ist Rudolf Linder nicht ganz unschuldig – gibt es eine weitere Gesellschaft in Kleinbasel, die Gesellschaft zum Bären. Einer Legende zufolge wurde der Bär in fernen Zeiten von seinen Gegnern im Rhein versenkt – im Jahr 1998 tauchte er wieder auf und tanzt seither am Bärentag auf den Kleinbasler Strassen. 


Der Bär und seine Gesellschaft stehen für ein Programm, das sich mit zahlreichen eigenen und fremden Projekten für das friedliche Zusammenleben der Menschen in Kleinbasel einsetzt. Jung und Alt, welcher Herkunft auch immer, sollen sich über sportliche, künstlerische, soziale und didaktische Projekte näherkommen, helfen und schätzen lernen. Dafür tanzt der Bär, der eine Bärin ist, zur Musik von Trommel und Büchel (einer verkleinerten Form des Alphorns), das der Mitinitiant und aktive Bärengesellschafter Rudolf Linder spielt.


Musik jenseits der gewohnten Bahnen

Die Verbindungen von Stilen und Musikarten, das Experimentieren mit unerhörten Klängen, das Schaffen von Verbindungen zwischen den Künsten mit dem Ziel, das Bewusstsein für gesellschaftliche Prozesse zu schärfen, dieses grossangelegte Cross-over ist für Rudolf Linder bezeichnend. Ein paar Beispiele mögen das illustrieren:


Neben dem Büchel hat auch das Alphorn Rudolf Linder mit seinen archaischen Tonfarben fasziniert. Als Mitglied des Ensembles ‹Hornroh›, eines Alphorn-Quartetts der Neuen Musik, erprobt er neue und experimentelle Formen des Zusammenspiels auf diesem Instrument. So werden Klänge laut, die man dem Alphorn gar nicht zutraut.


Einladungen nach Japan für Konzerte und Unterricht veranlassten Rudolf Linder, sich intensiv mit der japanischen Bambusflöte Shakuhachi zu beschäftigen. Er erlernte dieses anspruchsvolle Instrument beim Basler Meister Andreas Gutzwiller – eine neue Dimension der Auffassung von Musik und ihrer Verbindung zur Transzendenz tat sich auf und hat seine improvisatorischen Techniken beflügelt. Improvisation ist für ihn ein zentrales Feld der musikalischen Beschäftigung, da sie die Interaktion zwischen Spielern auf spannungsreiche Art stets aufs Neue erprobt.


Dann wäre da noch der Tango: Rudolf Linder und die ‹Basel Sinfonietta› waren von Astor Piazzollas Musik begeistert. Sie reisten an eines seiner Konzerte und fragten ihn einfach an, ob er mit einem grossen Orchester spielen wolle. So kam es, dass Piazzolla zum ersten Mal mit einem klassischen Orchester auftrat: mit der ‹Basel Sinfonietta›.


Diese vielfältigen künstlerischen Interessen und Tätigkeiten, diese unbegrenzte Neugier auf Fremdes, Anderes, Unbegreifliches – sie stehen bei Rudolf Linder in einem gesellschaftlichen Kontext. Sie leiten ihn durch Kunst und Politik, ja durch das Leben schlechthin. Der Ausbruch aus den gewohnten Bahnen ist sein Lebensnerv. Die Grenzen sind ja eh gesetzt, diese sollen die Verwalter des Normalen hüten. Aber Kunst, und bisweilen auch Politik, dürfen und sollen darüber hinausgehen.


Weitergeben, Unterrichten als Herzenssache

Ein bestimmtes Bild von Rudolf Linder hat sich mir besonders eingeprägt: An einer Basler Museumsnacht sitzt er spätabends im Naturhistorischen Museum, umringt von diversen Blasinstrumenten – und umringt von Jugendlichen, denen er das Spiel auf dem Muschelhorn beibringen will. Im Bild der Lehrer, die Schüler, die zu ihm aufblicken und es versuchen. Freude in den Gesichtern, ungläubiges Staunen – und ein verschmitztes Lächeln als Belohnung des Meisters.


Dieses Bild umfasst die Hingabe, mit der Rudolf Linder in seinem Brotberuf als Musiklehrer für Blasinstrumente seinen Schülern Erfahrungen, Einsichten, Techniken und Kniffs, Stil und Wissen vermittelt. Das Weitergeben des selbst Erfahrenen an die nächste Generation fliesst ganz selbstverständlich – eine weitere, wichtige Facette des Wirkens von Rudolf Linder. Unzählige Schülerinnen und Schüler, die möglicherweise heute nicht mehr viel mit Trompete oder Kornett oder Flügelhorn (oder dem Muschelhorn) am Hut haben, lernten bei ihm und nahmen wohl viel fürs Leben mit von seiner prägenden Persönlichkeit. Dies ist wohl sein kostbarstes, weil nachhaltigstes Geschenk an uns, an die Gesellschaft.


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