2012

Singendes Holz


Dominik Heitz



Christian Johannes Ganter weiss: Beim Geigenbau ist das Holz entscheidend. Er hat die Internationale Geigenbauschule in Cremona absolviert und dort im Atelier Lorenzo Cassi die praktischen Erkenntnisse erworben.



Sie hiessen Antonio Stradivari (1648–1737) und Giuseppe Guarneri (1698–1744). Sie stellten zu ihrer Zeit Geigen von herausragender Qualität her, von denen viele heute noch gespielt werden. Sie bauten ihr Können auf dem Wissen der Geigenbauerdynastie Amati auf. Und sie lebten und arbeiteten in der Lombardei, in der Stadt Cremona.


Cremona liegt in Norditalien, mitten in der Po-Ebene, wo Ahornbäume wachsen und sich zahllose Pappelhaine ausdehnen. Pappelholz wird in erster Linie für die Produktion von Kisten und Schachteln zum Transport von Gemüse und Früchten verwendet, aber auch für den Bau von Celli. Ahorn findet bei der Herstellung von Geigen Verwendung. Auch sie werden gewissermassen in Schachtelbauweise hergestellt: aus Boden, Decke und Seitenwänden, den sogenannten Zargen.


Man muss allerdings nicht nach Cremona reisen, um sich über den Bau von Geigen zu informieren. In Riehen an der Burgstrasse 57 kann der 41-jährige Christian Johannes Ganter bestens Auskunft geben. Der gelernte Möbelschreiner hat in Cremona innerhalb von drei Jahren die Internationale Geigenbauschule, die ‹scuola internazionale di liuteria›, abgeschlossen und die praktischen Kenntnisse im Atelier von Lorenzo Cassi erworben. Ganter arbeitet streng nach der Cremoneser Schule und hat sich mittlerweile auf den Neubau von hochwertigen Geigen, Bratschen und Celli spezialisiert, die Berufs- wie Laienmusiker ansprechen.


Um die Bedeutung des Holzes für den Geigenbau hervorzuheben, zitiert Ganter zuerst eine alte Geigeninschrift:


Viva fui sylvis; 

fui dura occisa securi;

Dum vixi, tacui; 

mortua dulce cano.


Als ich lebte, war ich im Wald;

mich fällte das harte Beil;

Als ich lebte, schwieg ich;

gestorben singe ich süss.


Dieses Singen kommt nicht von ungefähr. Physiker haben herausgefunden, dass das Klang-spektrum gerade einer Stradivari-Geige sehr dem Vokal ‹E› beziehungsweise ‹I› der menschlichen Stimme ähnelt, wodurch ihr Ton als angenehm, besonders vertraut und emotional bewegend empfunden wird.


Doch welches Holz ist es, das den süssesten Klang hervorbringt? «Das Fichtenholz ist für die Tonqualität des Instruments von grösster Bedeutung», sagt Ganter. «Es schwingt gut, denn es hat eine andere Zellstruktur.» Die Fichte wächst in der Gebirgswelt, wo dürrer und magerer Boden ein zu rasches Wachstum des Baumes und damit eine weite Maserung verhindert. Denn gutes Resonanzholz muss vor allen Dingen gleichmässige Dichtigkeit und Homogenität aufweisen. Nicht umsonst sind deshalb die Zentren des Geigenbaus in der Nähe der Alpen zu finden.


Ganter bezieht das Fichtenholz aus dem Südtirol, aus der Region um Bozen; sehr viele Geigenbauer aus der ganzen Welt kaufen dort ein. Ahorn bezieht er in der Schweiz. Das Holz muss natürlich getrocknet sein, bevor es für den Geigenbau verwendet wird. «Man kann jedoch sagen: Je älter die Bäume, desto besser, denn Holz verdichtet sich immer; man nennt das Verknöcherung», sagt Ganter. «Ein Holzinstrument hört nie auf zu arbeiten; es ist ein endloser Prozess.»


500 Gramm Holz

Eine Geige wiegt etwa 500 Gramm und besteht aus annähernd 70 Teilen und verschiedenen Hölzern. Für die Decke wird ausschliesslich Fichte verwendet, für den Boden und die Zargen Ahorn. Für die Zubehörteile wie Wirbel, Sattel und Saitenhalter kommt Ebenholz zum Einsatz. Und für den Saitenhalterknopf, die Kinnstütze und das Griffbrett tun Palisander und Buchsbaum gute Dienste – edle Hölzer, die hart sind. «Früher», sagt Ganter, «wurde auch Elfenbein verwendet; das ist heute aber nur noch selten der Fall.»


Bei jeder Geige finden sich auf der Ober- und Unterseite sogenannte Adern, die dem äussersten Rand entlang verlaufen. Ganter holt aus einer Schublade eine Rolle millimeterdünner Holzstreifen hervor. Diese Adern verhindern, dass das Decken- respektive Bodenholz in den Randzonen entlang der Maserung einreisst. Im heutigen Geigenbau bestehen diese Adern, die mit einer Intarsienarbeit zu vergleichen sind, aus dünnen Streifen Ebenholz oder gebeiztem Birnbaumholz, zwischen die ein ebenso dünner Streifen Ahornholz gesetzt wird.


«Zur weiteren Befestigung des Instruments dienen noch der Ober- und der Unterklotz im Innern, die einen rein statischen Zweck haben, sowie die Eckklötzchen – alle meist aus Lindenholz, Pappelholz oder Fichte.» Der Stimmstock, der zwischen Decke und Boden eingeklemmt steht, ist aus Fichtenholz. Ganter: «Der Stimmstock muss sorgfältig eingepasst werden, denn schon kleinste Verstellungen dieses Stockes bewirken klangliche Veränderungen.» Ebenfalls aus Fichtenholz gearbeitet sind der an der Unterseite der Decke angebrachte Bassbalken und der Steg, über den die Saiten laufen; er muss einen Bogendruck von bis zu 30 Kilogramm aushalten. Beim Cello führt der Cellist den Bogen mit noch grösserer Kraft über die Saiten; hier wird der Steg mit einem Druck von bis zu 60 Kilo belastet. «Bassbalken, Stimmstock und Steg bilden den Klangcharakter, die Seele des Instruments.»


Der Bogen schliesslich ist meist aus Fernambuk- respektive Brasilholz gearbeitet. Aber das ist eigentlich eine andere Geschichte. Denn dafür ist nicht der Geigen-, sondern der Bogenbauer zuständig.


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