2012

Die Sprache der Jahrringe


Brigitta Kaufmann



Mit der Dendrochronologie kann das Alter von Holzbalken genau datiert werden. Auch in Riehen kam diese Technik der Jahrringanalyse bei baugeschichtlichen 
Untersuchungen mehrfach zum Einsatz.


Eben hat der Dendrochronologe Raymond Kontic mit einem Hohlbohrer mehrere Bohrproben aus den Kellerbalken eines Gebäudes in Bottmingen entnommen und wirft nun einen ersten Blick auf die dünnen Holzstäbchen. Was für den Laien wie eine völlig zufällige Anordnung von feinen Streifen aussieht, ist für den Fachmann ein Code, den er zu entschlüsseln weiss.Manchmal, wie in diesem Fall, sieht er dank jahrelanger Erfahrung bereits von blossem Auge und ohne die einzelnen Jahrringe zu vermessen, aus welcher Zeit eine Bohrprobe stammen muss.


Baumwachstum als Indiz

Die Dendrochronologie nutzt die Tatsache, dass Bäume der gleichen Art in weiten Gebieten (wie beispielsweise in Mitteleuropa) ähnlich wachsen. Nach einem Spätfrost oder in einem sehr heissen, trockenen Jahr entwickeln sie schmalere Jahrringe als in einem milden, feuchten. 
Der Dendrochronologe entnimmt verschiedenen Balken eines Gebäudes Proben, die möglichst viele, idealerweise mehr als 40 zusammenhängende Jahrringe enthalten, einschliesslich der sogenannten Waldkante – des zuletzt entwickelten Ringes unter der Rinde. Er vermisst die Jahrringe dieser Proben unter einer Stereolupe. Normalerweise werden die Ergebnisse direkt via Messtisch in den Computer übertragen. Da aber der Messtisch von Raymond Kontic seit einiger Zeit defekt ist, misst er wieder wie früher «von Hand» und überträgt die Ergebnisse selbst in den Computer – erstaunlich schnell sei er mittlerweile geworden, merkt er schmunzelnd an.


Das Computerprogramm nimmt nun den Vergleich mit einer Referenzchronologie vor. Eine Referenzchronologie ist ein Zusammenzug von mindestens 10 bis 20, aber besser 50 oder mehr Proben der gleichen Holzart aus einem bestimmten Gebiet, dargestellt in Form einer Mittelkurve. Durch das zeitliche Überlappen von solchen Jahrringmustern können ununterbrochene Referenzchronologien bis 12 000 Jahre zurück erstellt werden. Die Grafik illustriert, wie eine Referenzchronologie über einen langen Zeitraum entsteht: Die Jahrringe eines lebenden Baums werden vermessen. Die ersten Lebensjahrzehnte dieses Baums decken sich mit den letzten eines in einem Gebäude verbauten Holzbalkens, und dessen erste Jahrringe wiederum mit den letzten eines noch älteren Balkens und so weiter.


Manche Jahrringfolgen sind so typisch, dass das blosse Auge als erste ‹Referenzchronologie› dienen kann. So gab es zu Beginn des 16. Jahrhunderts in ziemlich kurzer Folge mehrere einschneidende Witterungsereignisse, die sich in besonders schmalen Jahrringen abbilden: Begonnen bei den Jahren 1503/04, über das Jahr 1514 bis hin zum Jahr 1517, zeigen die Kurven aus dieser Zeit einen sehr auffälligen Verlauf mit deutlich sichtbarem Knick nach unten in den erwähnten Jahren. Das Gebälk aus dem Meierhof in Riehen stammt beispielsweise aus diesem Zeitraum (siehe Kasten).


Die Analyse der Ergebnisse ist der zweifellos heikelste Moment in einer dendrochronologischen Untersuchung, können doch bei unsorgfältigem Vorgehen Fehlschlüsse gezogen werden. ‹T-Wert› und ‹Gleichläufigkeit›, zwei statistische Ähnlichkeitsmasse für Kurvenpaare, müssen ein bestimmtes Mass erreichen, damit Kontic eine Datierung als sicher einstuft – und er stellt dabei hohe Ansprüche an die statistische Relevanz, um Fehldatierungen zu vermeiden. 


Im Dienst der Bauforschung

Dendrochronologe ist keine geschützte Berufsbezeichnung mit einer bestimmten Ausbildung. Die meisten Dendrochronologen haben einen naturwissenschaftlichen Hintergrund, so auch der Biologe Kontic. Im Rahmen seiner Diplomarbeit zum Thema Waldschäden datierte er im Wallis lebende Bäume und konnte so erste Erfahrungen mit dieser Methode der Altersbestimmung sammeln. Später spezialisierte er sich auf die Altersbestimmung von gefällten, verbauten Hölzern und bildete sich auf dem Gebiet der Denkmalpflege und der Bauforschung weiter. Seit 29 Jahren arbeitet er selbstständig in seiner Einmannfirma in Basel. Seine Spezialgebiete sind das Spätmittelalter und die Frühe Neuzeit. Viele tausend Proben hat Raymond Kontic seither vermessen und verarbeitet, was ihm auch ermöglicht hat, eigene Referenzchronologien aufzubauen. In seine Analysen bezieht er aber auch Referenzchronologien von Kollegen ein. Eine öffentliche Referenzdatenbank besteht zwar noch nicht, Raymond Kontic begrüsst aber ein solches Projekt, würde es doch vermehrt erlauben, eigene Erfahrungen weiterzugeben und von denen anderer zu profitieren.


Die meisten Arbeiten von Raymond Kontic stehen im Dienst der Mittelalterarchäologie und der Bauforschung. Zu seinen wichtigsten Auftraggebern gehört die Basler Denkmalpflege, die seit 1978 auch in Riehen zahlreiche baugeschichtliche Untersuchungen an historischen Gebäuden durchgeführt hat. Diese ergeben sich immer aufgrund von Umbau- oder gar Abbruchabsichten und sind ebenso wie die Grabungen der Archäologischen Bodenforschung im Denkmalschutzgesetz von 1980 verankert.


Die archäologische Bearbeitung von Häusern und Siedlungsresten führt zu einer Arbeitshypothese, die durch den Einsatz vielfältiger Methoden verfeinert werden muss. In einem ersten Schritt werden die Bauphasen innerhalb eines gewachsenen Komplexes in chronologischer Ordnung bestimmt. So muss beispielsweise innerhalb eines mittelalterlichen Gebäudes eine Vorstellung darüber bestehen, in welche Bauphase die Dachhölzer aufgrund ihres Systemtyps und ihrer Einbettung ins Mauerwerk gehören. Erst wenn der Kontext so weit als möglich geklärt ist, können den vorgängig bestimmten Bauphasen mittels dendrochronologischer Untersuchungen exakte Baudaten zugeordnet werden. In Riehen kamen dendrochronologische Alters-bestimmungen bisher bei zwölf Bauuntersuchungen der Kantonalen Denkmalpflege zum Einsatz und erwiesen sich dabei als wichtiges Instrument der baugeschichtlichen Forschung.


 
Dendrochronologie angewandt – Beispiele aus der Bauforschung
Bernard Jaggi

Ein frühes Beispiel einer dendrochronologisch unterstützten Bauuntersuchung in Riehen ist das ‹Haus zur Waage› an der Baselstrasse 12. Die Liegenschaft erscheint erstmals 1591 in den Berainsurkunden mit einem konkreten Hinweis auf das Vorhandensein von «Haus und Hofstatt samt Garten», dazu existieren auch fragmentarische Jahrzahlen im Sturz des Tennbogens. Auf der Parzelle befanden sich zwei Gebäude: Das Hauptgebäude an der Strasse und versetzt dahinter der Scheunenbau. Der rückwärtige Scheunenbau konnte dank der Dendrochronologie exakt ins Jahr 1765 datiert werden.
Aus baugeschichtlicher Sicht ein eher trauriger Fall war der Umbau, in diesem Fall eine Auskernung, des sogenannten ‹Schweizer Hauses› an der Rössligasse 19. Das ehemalige Bauernhaus aus dem 17. Jahrhundert barg noch Reste eines älteren Gebäudes. Immerhin konnte die Untersuchung die wesentlichen Bauphasen belegen und das Kerngebäude dendrochronologisch ins Jahr 1649 einordnen.
Ein ähnlich unerfreuliches Vorgehen ereignete sich beim ehemaligen Bauernhaus an der Baselstrasse 74. Es wurde bis auf wenige Restmauern abgebrochen. Im Inneren kamen komplexe Baustrukturen aus vielen Jahrhunderten zum Vorschein: Es handelte sich um ein in der Giebelachse in Wohnhaus und Scheune mit Tenntor längs geteiltes Mischhaus mit imposantem Dachstuhl. Nach Ausweis der Den-drochronologie war die Grundkonstruktion mit Dachwerk ausserordentlich alt, sie stammte aus dem Jahr 1532!
Beim ‹Berowergut› an der Baselstrasse 77 brachten die baugeschichtlichen Untersuchungen vielfältige Aufschlüsse im ganzen Haus: Insbesondere konnte der spätere Anbau eines Kellerteils unter dem südlichen, älteren Hausteil nachgewiesen werden. Die Unterfangung der Kellermauern erfolgte im Jahr 1596, während die Mittelstütze im Erdgeschoss 50 Jahre früher datiert ist. Die komplexe Baugeschichte des Gutes mit mehreren Baukuben und individuellen Dachwerken konnte weitgehend entschlüsselt werden. Vieles klärte sich dabei jedoch ohne Einsatz der Dendrochronologie.
Eine ausserordentlich komplizierte Baugeschichte weist das ‹Werthemann-Stähelinsche Landgut› an der Baselstrasse 88 auf. Das älteste fassbare Gebäude stammt aus dem 16. Jahrhundert: Dieses umfasste die vordere Hälfte des Gebäudes, was im Keller anhand der noch vorhandenen Seitenmauern eindeutig belegt werden konnte. Es folgten ein Umbau und eine Erneuerung im Jahr 1625 sowie Ausbauten um 1690. Nach 1748 erfolgte ein umfassender Umbau zum Landgut und daraufhin die definitive Errichtung des Landguts im Jahre 1757 mit Fassadenmalereien. Dazu gehört auch das bestehende Pfettendachwerk. Der Anbau des rückwärtigen Treppenturms erfolgte um 1770. Die vielen Datierungshinweise setzten sich aus urkundlichen und dendrochronologischen Daten zusammen. Die Zuordnung all dieser Datierungshinweise war ein besonders schwieriges Unterfangen!
Im ‹Meierhof› am Erlensträsschen 9 wurden in den Jahren 2000 und 2009 dendrochronologische Untersuchungen durchgeführt. Die untersuchten Balken wiesen alle ein Fälldatum zwischen 1521 und 1524 auf. Dies bestätigte die Hypothese, dass der ins 12. Jahrhundert datierte Kernbau zu Beginn des 16. Jahrhunderts eine tief greifende Sanierung oder einen Wiederaufbau erfahren hatte, bei dem die Balken ersetzt wurden.
Das prominenteste Baudenkmal Riehens, die Dorfkirche St. Martin, war Anfang der 1990er-Jahre ebenfalls Gegenstand baugeschichtlicher Untersuchungen. Beim Turmmauerwerk konnten nach der Verputzentfernung verschiedene Bauphasen sowie eine Turmaufstockung nachgewiesen werden. Dank dendrochronologischen Untersuchungen gelang es auch, urkundlich überlieferte Baudaten des Turms jahrgenau zu bestätigen. Ebenso konnte das Dachwerk der 1694 verbreiterten Kirche dendrochronologisch bestätigt werden.
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