2011

Eine sichere Burg

Dominik Heitz

Das aus Raumnot entstandene Burgschulhaus hat in seiner 100-jährigen Geschichte bisher alle Schulreformen überdauert.

Es war zeitweise fast kein Durchkommen mehr an jenem sonnigen Freitag des 13. Mai. Hunderte von Besucherinnen und Besuchern drückten sich die Treppen des alten Burgschulhauses hoch zu den einzelnen Klassenzimmern. Sogar in der Zeitrechnung geriet man momentweise in Bedrängnis: Schrieb man wirklich das Jahr 2011? Überall tauchten Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer gekleidet wie vor 100 Jahren auf – knielange Schürzen, Zöpfe, kurze Hosen, klobige Schuhe oder barfuss.

In den Gängen standen ehemalige Burgsträssler vor alten Klassenfotos, die bis in die 1930er-Jahre zurückreichten, und versuchten sich an die Namen der Lehrer und Schüler zu erinnern. Ein Klassenzimmer mit historischem Mobiliar aus dem Schulmuseum Köniz wurde zur Kulisse einer in altem Stil geführten Schulstunde. Und im Zeichensaal hatten die auf anno dazumal kostümierten Schüler alle Hände voll zu tun, um den Wünschen der Gäste nach Kaffee und Kuchen gerecht zu werden.

Das Fest zum 100-Jahr-Jubiläum des Burgschulhauses war ein voller Erfolg – nicht nur zahlenmässig. Es kam auch das zustande, was solch ein Fest anstrebt und ausmacht: der Kontakt zwischen verschiedenen Generationen, zwischen Schülern und Ehemaligen, zwischen Elf- bis 80-Jährigen.

Seit 1911 steht das Schulhaus an diesem Ort an der Burgstrasse. Anfänglich gab es hier kaum Häuser; die Schule stand noch auf offenem Feld ausserhalb des Riehener Dorfkerns, vom Tram aus als markanter Bau gut sichtbar. Heute ist es beinahe unsichtbar hinter grossen Bäumen inmitten eines dicht besiedelten Wohnquartiers.

Hoch ragt das Krüppelwalmdach mit dem spitzen Türmchen in den Himmel. Streng gliedern rechteckige Fenster die Fassade des dem Heimatstil verpflichteten Schulhauses. Mit Rücksicht auf den Standort sollte es «einfach und ländlich» aussehen, hiess es damals im Ratschlag des Grossen Rates.

Gebaut wurde das Burgschulhaus 1910 nach Plänen der Firma Bernoulli und Wenk: ein Schulgebäude mit sechs Klassenzimmern für je 48 Schüler, ein Zimmer für Handarbeit und ein Lehrerzimmer. Der Dachstock sollte als Zeichensaal dienen und das Untergeschoss Platz bieten für Zentralheizung und Brausebad mit sieben Wannenbädern und sechs Brausen. «Der Gemeinderat hat uns zu Ende des letzten Jahres ersucht, eine solche Anlage in dem Schulhaus vorzusehen», schrieb der Regierungsrat am 16. Juni 1909 in seinem Baukreditbegehren an das Parlament. Der Grund für diese gemeinderätliche Bitte: In Riehen gab es im Winter keine öffentliche Badeanstalt und im Sommer bloss die Anstalt am Weiler Teich. Das Brausebad sollte diese Lücke schliessen – wohl verstanden: nicht nur für Schüler, sondern für die gesamte Öffentlichkeit. Denn damals waren längst nicht alle Wohnungen mit einem Bad ausgestattet.
 22 Lehrkräfte in drei Jahren

Von 1941 bis 1944 gingen sie zusammen in die Realschule im Burgschulhaus: Elsbeth Basler, Rosmarie Breisch, Vally Fritz, Hansruedi Spitz und Johannes Wenk. 42 Schülerinnen und Schüler zählte ihre Klasse damals. Rund die Hälfte trifft sich seit 20 Jahren wieder regelmässig zu Ausflügen und zum Bocciaspielen.
Kommt das Gespräch auf die Zeit im ‹Burgi›, sprudeln die Erinnerungen: «Unser Klassenlehrer Hans Renk war als Oberleutnant mehr im Militär als in der Schule», erzählt Rosmarie Breisch. «So kamen öfters junge Studenten von der Uni als Aushilfen. Wir fanden das zwar toll, haben aber nicht viel gelernt. Als Herr Renk aus dem Militärdienst zurück-kam, hatte er Tränen in den Augen: So wenig Fortschritte hatten wir gemacht.»
Bedenken wegen den vielen Lehrerwechseln hatte auch Johannes Wenks Vater. Fein säuberlich notierte er auf einer Liste alle Lehrkräfte, die die Klasse innerhalb von drei Jahren unterrichtet hatten, und kam auf 22 Personen. Er beschwerte sich beim Rektorat in Basel über die schlechten Bedingungen, die die Schüler aus Riehen beim Anschluss an eine weiterführende Schule hatten. Johannes Wenk relativiert: «Wir hatten zwar keine besonders gute Schule, aber es ist trotzdem aus allen etwas geworden.»
Als grössten Unterschied zu heute nennen die ehemaligen Klassenkameraden die geringe Mitsprache der Eltern: «Es gab zwar hin und wieder Besuchstage, aber von den Eltern erschien kaum jemand. Sie hatten anderes zu tun», sagt Elsbeth Basler, deren Vater als Hilfsarbeiter im Rheinhafen Säcke schleppte. Bei Konflikten standen die Eltern meist auf der Seite der Lehrer. Am ehesten von Interesse war das Zeugnis, das die Kinder nach Hause brachten.
Nicht nur die Lehrer waren Respektspersonen, sondern auch der Abwart des Burgschulhauses, Herr Vaterlaus. «Heimlich sagten wir ihm Mutterfloh, aber im Schulhaus hatten wir Angst vor ihm wie vor dem Lieben Gott», erzählt Hansruedi Spitz. Beim Eingang befand sich ein grosser Teppich, auf dem alle Schüler ihre Schuhsohlen abstreifen mussten. Der Abwart stand mit dem Stock bereit, falls er ein nachlässiges Kind erwischen sollte. Wer auf dem Boden schwarze Striche hinterliess, musste ihm am Mittwochnachmittag beim Putzen helfen. Eine Folge des Krieges waren die ‹Kohleferien›. Aufgrund knapper Kohlevorräte dauerten die Winterferien länger als gewöhnlich. Und bei Fliegeralarm mussten alle in den mit Baumstämmen verstärkten Keller gehen. Eine belastende Erfahrung, an die sich nicht alle erinnern. «Vielleicht blendet man das Schwere einfach aus», vermutet Rosmarie Breisch.
Die meisten Fächer besuchten Buben und Mädchen gemeinsam. Getrennt unterrichtet wurden sie in Religion und Turnen. Während die Mädchen in der Handarbeit Socken strickten, beschäftigten sich die Buben mit Hobeln und Kartonage.
An die ‹Tatzen› – Schläge mit einem Holzstock auf die Handflächen – können sich alle erinnern. «Man musste nicht besonders frech sein, ein bisschen schwatzen reichte schon», sagt Vally Fritz. «Ein Mädchen unserer Klasse wusste sich zu wehren. Sie nahm eine rohe Zwiebel mit und rieb sich damit auf dem WC die Hände ein. Die schwollen in kurzer Zeit an und sahen fürchterlich aus.» Körperliche Strafen waren sogar bei Hans Renk üblich, den die Schüler ansonsten wegen seines sanften Wesens schätzten.
Was blieb ihnen von all dem Gelernten, über die Zeit im Burgschulhaus hinaus? Elsbeth Basler zögert keine Sekunde: «Habt ihr gesehen, wie ich vorhin die Schuhe abgestreift habe? Das hab ich vom Vaterlaus fürs Leben gelernt.» Heiteres Lachen, wie so oft während des Gesprächs. Und schliesslich fügt sie hinzu: «Bestaubt und unrein schmolz im Hag / Das letzte Häuflein Schnee». Von allen Gedichten, die sie in der Realschule auswendig lernen musste, prägte sich diese Gedichtzeile aus Gottfried Kellers Taugenichts am meisten ein. «Diese Worte kommen mir jedesmal in den Sinn, wenn ich Schnee schmelzen sehe.»
Sibylle Meyrat

Der Bau des Sekundarschulhauses an der Burgstrasse war nötig geworden, weil die 1881 gesetzlich eingeführte basel-städtische Schulpflicht die Zahl der Schüler sprunghaft ansteigen liess.

Wegen des stetigen Bevölkerungswachstums genügte das Gebäude den Bedürfnissen allerdings bald nicht mehr. 1930 wurde der Schule ein Anbau im gleichen architektonischen Stil hinzugefügt – mit drei Klassenzimmern für Primarschüler, einem Naturkunderaum, zwei Räumen für Mädchenhandarbeit, einem Bibliothekszimmer sowie einem Raum mit Hobelbank und Kartonagemöglichkeit für die Knabenhandarbeit im Untergeschoss. Die Turnhalle stand da schon längst; sie war 1916 errichtet worden.

Bald schon herrschte wieder Bedrängnis, sodass Sing- und Zeichensaal als Klassenzimmer herhalten mussten. Ein Vater schrieb 1935 an die Schulkommission: «Soviel wir wissen, gibt es im kommenden Schuljahr wieder verschiedene Klassen mit sage und schreibe 50 Kindern! [...] Diese Sparerei geschieht auf Kosten der Kinder und der Lehrer [...].»

Mit der Geschichte des Schulhauses an der Burgstrasse geht auch die Geschichte der kantonalen Schulpolitik einher: 1918 wurde unter Preisgabe der Geschlechtertrennung die Parallelführung nach Fähigkeiten in Klassen mit und ohne Französisch begonnen.

1929 erfuhr die Schule eine Teilung in Sekundar- und Realschule, um die parallel zum Gymnasium anspruchsvollen Zweige der Volksschule zu benennen. Nicht allen passte diese Änderung. Ein Vater schrieb zuhanden der Schulkommission: «Glauben die Behörden, es sei von Gutem, die Klassen in A und B respective Real- und Sekundarschulklassen zu teilen und schon hier die Trennung in Kasten vorzunehmen? Man nimmt so einer Gruppe mittelmässiger Schüler die ‹Führer› weg, die die andern anreissen.»

Dann kam der Zweite Weltkrieg – und mit ihm im Jahr 1940 die vom Bund den Schulen auferlegte Fünf-Tage-Woche, um Brennmaterial einzusparen. Die Schulen waren fortan am Samstag geschlossen zu halten. «Für die Lehrerschaft wird es eine Ehre sein, der aus-serordentlichen Situation durch pünktliches Einhalten der Dauer der Lektion Rechnung zu tragen», hiess es.

Nach dem Krieg kehrte langsam wieder Normalität ein. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kam es zu teils markanten Veränderungen: 1957 wurden die Schulen von Riehen und Bettingen unter ein eigenes Rektorat gestellt. Und als 1960 die Landschulen 2000 Schülerinnen und Schüler zählten, umfassten sie die ganze obligatorische Schulzeit mit Primarschule, Übergangsklasse, Sekundarschule, Realschule, 5. Realklasse und Berufswahlklasse.

Das sollte sich wieder ändern. Mit der 1994 eingeführten Schulreform verschwanden Sekundar- und Realschultyp und machten der Orientierungs- respektive der Weiterbildungsschule Platz. Im Burgschulhaus hielt damals die Orientierungsschule Einzug, gleichzeitig wurde ein zweiter Schulhausanbau erstellt. Wenige Jahre später, im Jahr 1997, wurde die Fünf-Tage-Woche eingeführt – abermals. Diesmal allerdings nicht, um Energie zu sparen, sondern um den in der Regel samstags nicht arbeitenden Eltern ein längeres, gemeinsames Wochenende mit ihren Kindern zu ermöglichen. Die Schulstunden vom Samstag wurden nun auf die anderen Unterrichtstage verteilt.

Mit einer weiteren, im Jahr 2010 beschlossenen Schulreform werden nun Orientierungs- und Weiterbildungsschule wieder verschwinden – zugunsten einer sechs Jahre dauernden Primarschule sowie einer in drei Leistungszügen geführten Sekundarschule. Riehen wird dadurch zur sekundarschulfreien Zone – aber nicht burgschulfrei. Das 1911 als Sekundarschule eröffnete Burgschulhaus wird weiter existieren: als Primarschule.

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