2011

Ein stilechtes Blockhaus

Daisy Reck

Anstelle eines niedergebrannten Holzschopfs hat man am Maienbühlweg ein stilechtes Blockhaus erbaut, wie es aus dem hohen Norden bekannt ist. Es steht Kindergärten und Primarschulen zur Verfügung und kann von Privatpersonen gemietet werden.

Es war ein sonniger Morgen. Wie gemacht für das, was man mit den Drittklässlern vom Schulhaus am Erlensträsschen vorhatte. Den 22 Kindern, die bei der Dorfkirche in den Bus 32 eingestiegen waren, spürte man denn die Vorfreude auf das Kommende auch an. Und nachdem es bei der Endstation am Rothengraben auszusteigen geheissen hatte, stürmten die acht Mädchen und 14 Knaben samt ihren Lehrerinnen von Begeisterung getragen den Weg im Eilzugtempo hinan. Erst nach etwa zehn Minuten und nach einem steilen Aufstieg durch einen Hohlweg hielt man keuchend an. Dort nämlich stand das angepeilte Ziel: auf einer flachen Lichtung, von Wald umgeben, eine wunderschöne Hütte. Hier würde man nun während des ganzen Morgens im Freien Schule halten. Und dabei durchaus ernsthaft lernen. Aber es würde ein anderes und beschwingteres Lernen sein als das gewohnte, von Wänden umgebene.

Nachdem im Jahr 2006 ein forstwirtschaftlich genutzter Holzschopf am Maienbühlweg abgebrannt war, machte sich die Gemeinde Riehen in einem langen Beratungsverfahren darüber Gedanken, ob man ihn wieder aufbauen oder ob man auf dem Areal andere Pläne verwirklichen wolle. Schliesslich entschloss man sich zum Bau einer Waldhütte, die vor allem den Kindergärten und Primarschulen von Riehen und Bettingen zur Verfügung gestellt werden sollte, die aber auch von Privaten gemietet werden könnte. Und man beschloss auch, dass es nicht irgendeine, sondern eine spezielle Waldhütte sein müsse: ein Blockhaus, wie man es sonst nur im hohen Norden, vor allem in Alaska, kennt.

Unter der Bauleitung von Andreas Dall’O wurde am 15. Januar 2010 das Werk mit dem Fällen von 60 etwa 50-jährigen Weisstannen im Forst von Bubendorf begonnen. Und zwar kurz vor Neumond, weil das sogenannte Mondholz am wenigsten Saft in den Zellen speichert, widerstandsfähiger gegen Schädlinge ist und bessere Feuerbeständigkeit besitzt. Bäume aus der Gegend sollten es unbedingt sein; da aber in Riehen der Laubwald vorherrscht und eine Blockhütte nach Tannen verlangt, musste man auf das Baselbiet zurückgreifen. Das Holz wurde dort auch zum Trocknen gelagert und dann am 7. April 2010 in vier Fuhren in den Maienbühl transportiert. Nachdem noch vor dem Flug des Borkenkäfers die Baumrinde mit einer sanften Methode bis zum äussersten Jahrring von den Stämmen entfernt worden war, begann der eigentliche Bau der 7,90 Meter langen und 5,70 Meter breiten Hütte. Mit Motorsäge und Schiffshobel wurde millimetergenau gearbeitet; die Rundhölzer wurden miteinander verbunden und die Fugen mit Schafwolle verstopft. Kein Metall kam zur Anwendung, ausser beim Kamin und beim Abzug aus Kupfer.

Am 15. Juli 2010 wurde das Richtfest und am 27. Oktober 2010 die Schlüsselübergabe gefeiert. Dabei bewunderten die Vertreter der Gemeinde und der Schulen vor allem das kunstvoll nach vorne gezogene Dach. Es bedürfte keiner Stütze, doch lässt man es aus ästhetischen Gründen an seinen äussersten Enden auf zwei Pfeilern aufliegen. Die sind von frappanten Einkerbungen übersät. Auf Anhieb weiss man nicht, ob diese von Menschenhand gekonnt eingeschnitzt oder von Borkenkäfern eingefressen wurden. Aber dann erklärt der Fachmann, dass es sich um Baumstämme handelt, die von einer Schmarotzerpflanze, der Mispel, überwuchert gewesen waren. Sie hinterlässt solch wundersame Narben.

Das Innere der Hütte ist beeindruckend schlicht. In einem Aufenthaltsraum für maximal 30 Personen stehen auf 30 Quadratmetern Holzbänke und Holztische. Hier kann unterrichtet, gespielt und gegessen werden. Eine kleine Teeküche ist mit Pfannen, Geschirr und Besteck ausgerüstet. Ausserdem gibt es noch ein Foyer, ein WC und eine Garderobe. Alles ist zweckmässig und doch grosszügig.

Wer für einen Moment allein im Raum sitzt, hört, wie das Holz arbeitet. Es knarrt und ächzt. So werde das noch etwa sechs Jahre weitergehen, erläutert der Experte. Erst wenn die Restfeuchtigkeit verschwunden sei, kehre Ruhe ein. In dieser Zeit werde sich das Material noch bis zu 5 Prozent zusammenziehen. Beim Einpassen der Fenster, beim Aufsetzen des Daches und beim Einbauen des Mobiliars musste diese zukünftige Redimensionierung selbstregulierend eingeplant werden. Um den Vorgang zu beschleunigen, ist es wichtig, die Hütte so oft wie möglich zu nutzen und also kräftig zu lüften und zu heizen.

Dass diesem Wunsch nach einer guten Auslastung bereits von Beginn weg entsprochen wurde, beweist eine Statistik des Sekretariats der Gemeindeschulen: An 14 Tagen kamen im ersten Quartal Klassen, um von der Schule im Wald zu profitieren, und für das Winterquartal sind auch bereits wieder elf Klassen angemeldet. Die Benützung der Blockhütte untersteht einer klaren Ordnung: Kindergärten und Primarschulen dürfen sie am Montagnachmittag und von Dienstag bis Donnerstag je zwischen acht Uhr morgens und zehn Uhr abends belegen. Ob drinnen in der Hütte oder draussen auf einem hübsch angelegten Picknickplatz: Hier steht die Vermittlung eines respektvollen Umgangs mit der Natur im Zentrum des Lernens. Der Wald, mit allem, was er zu bieten hat, soll lustvoll mit dem greifbar nahen Material entdeckt und mit allen Sinnen wahrgenommen werden.

Privatpersonen steht das Holzhaus gegen eine Gebühr und mit klaren Mietregeln am Freitagabend sowie am Samstag und Sonntag zur Verfügung. Hier können Riehener Einwohnerinnen und Einwohner, und nur sie, in Gruppen oder im Verein kleine Feste feiern. Obwohl der Mietpreis nicht gering und die auf einem ausführlichen Merkblatt festgehaltenen Vorschriften streng sind, ist das Interesse gross. Weil solche Anlässe vorläufig auf 25 Belegungen im Jahr begrenzt wurden, war das Kontingent jedenfalls für 2011 bereits in der Mitte des Jahres ausgeschöpft. Man musste Absagen erteilen.

Nun überlegt sich die Gemeinde, ob sie in Zukunft die Beschränkung lockern soll. Da eine Fahrstrasse das Gebiet durchquert, sind die Tiere den Lärm gewohnt. Ihnen würde eine entsprechende Aufstockung nicht schaden.

Mit solchen Problemen hatten sich die 22 Primarschülerinnen und -schüler an jenem sonnigen Morgen nicht zu befassen. Sie profitierten vom schönen Wetter und hielten sich ausschliesslich ausserhalb des Blockhauses auf dem hübsch gestalteten Aussengelände auf. Dort lernten sie, leise zu sein, auf das Rauschen der Bäume zu hören, den Duft der Sträucher zu erschnuppern und die Rinde des aufgeschichteten Holzes zu erfühlen. In sechs Gruppen wurde gezeichnet, geschrieben, geraten und dann auch gemeinsam gesungen. Als Höhepunkt wurden an einem der zwei Cheminées das Umgehen mit Zündhölzern geübt und dann an einem selbstgesuchten Stecken nicht Würste gebraten, sondern in Amerika erfundene, für das Grillen geeignete Marshmallows gebräunt. Man versuchte, sich die Finger nicht zu verbrennen und die Angst vor den Flammen zu überwinden.

Viel zu rasch verging die Zeit. Schon bald musste tadellos aufgeräumt, der Abfall in Säcke verpackt und hernach zum Bus gerannt werden. Den Kindern hatten sich im Schatten des schönen Blockhauses spielerisch die Eigenart von Blättern und die Weichheit von Moos eingeprägt. Und den Lehrerinnen war es im Freien ohne jeden Zwang geglückt, Kreativität, Selbstständigkeit und Verantwortung zu fördern. Die Schule im Wald hatte alle begeistert.

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