2011

Von Freiräumen und Fallhöhen

Arlette Schnyder

Mit dem Verschwinden von Freiräumen und der Entdeckung der Freizeit entstand der Ruf nach öffentlich zugänglichen, definierten Freiräumen für Kinder. Die kleine Geschichte der Riehener Spielplätze spiegelt diesen gesellschaftlichen Wandel.

Am 10. Januar 1936 war in der Riehener Zeitung zu lesen: «Darin sind wir uns ja alle einig, dass die Strasse gründlich damit aufgehört hat, geeigneter Spielplatz für Kinder zu sein.» Der Artikel endet mit der Aufforderung: «Schafft Spielwiesen für die Kinder!» Würde der frühe Rufer nach Spielraum in Riehen heute durch die Quartiere gehen, schlüge ihm das Herz wohl höher: Riehen unterhält im Jahr 2011 über 20 öffentliche Spiel- und Rastplätze. In Quartierstrassen stehen grosse bepflanzte Betontöpfe und machen sichtbar, dass abseits der grossen Verkehrsströme die Rückeroberung der Strassen durch spielende Kinder stattfindet.

1936 fand sich ausser der Grendelmatte, die den in Vereinen organisierten Sportlern zur Verfügung stand, kein öffentlicher Spielplatz in Riehen. Gespielt wurde da, wo sich die Kinder befanden: zwischen den Häusern, in den Gärten, in Hinterhöfen, im Bach, auf der Wiese, im Wald, auf der Strasse. Wer zwischen Hilfsarbeiten für Erwachsene und Schulaufgaben Zeit fand, spielte, was und wo er konnte.

Der Ruf nach Spielplätzen für Kinder kam gleichzeitig mit der Zunahme des Verkehrs im schnell wachsenden Dorf. In der Zwischenkriegszeit vervielfachte sich der Motorisierungsgrad der Bevölkerung und die schmalen Strässchen Riehens wurden zum Problem. Zudem sollten die Kinder, die bisher stark in den Arbeitsprozess eingebunden waren, ihre Zeit neuerdings ‹kindgerecht› verbringen und man suchte nach Möglichkeiten, den jüngst entdeckten Lebensbereich der Freizeit mit wertvollem Spiel zu füllen.1

Vorreiter dieser Entwicklung war der erste Schreberverein, der bereits im Jahr 1865 die Einweihung eines ‹Schreberplatzes› am Johannapark in Leipzig feierte. Dieser Schreberplatz war eine Wiese, auf der Kinder von Fabrikarbeitern unter der Betreuung eines Päda-gogen spielen und turnen konnten. Erst mit den rund um den Platz herum angelegten Kinderbeeten wuchs der Schreberplatz zu einer Anlage von Kleingärten heran – den bis heute danach genannten Schrebergärten.

Diesen frühen pädagogischen Impulsen folgend entstanden Ende der 1930er-Jahre erste bescheidene Spielplätze auf Riehener Gemeindegebiet. Noch kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, am 18. August 1939, informierte die Riehener Zeitung über die Eröffnung eines Spielplatzes an der Lörracherstrasse. Das Vergnügen, das den kleinen «Lörrachersträsslern» aus den ersten Etagenhäusern Riehens hätte zugute kommen sollen, währte jedoch nur kurze Zeit. Im Zuge der Anbauschlacht wurden sämtliche Spielplätze an Pflanzlandpächter abgegeben. Erst 1946 standen die Kartoffeläcker und Rübenbeete wieder den Kindern zur Verfügung.2

Als der Rektor der Landschulen, Paul Meyer, im Juni 1967 eine Bestandesaufnahme der Spielplätze im Gemeindegebiet machte, zählte er insgesamt neun Spielplätze. Für Kleinkinder fanden sich Anlagen am Seidenmannweg, Hinter der Mühle, auf der Mohrhalde, am Grenzacherweg, an der Essigstrasse/Burgstrasse, In den Habermatten und beim Gemeindehaus. Für Jugendliche gab es eine Spielmatte beim Werkhof am Haselrain und einen Spielplatz am Keltenweg. Hinter der Mühle und In den Habermatten durften Jugendliche auf einer Spielwiese neben der Anlage für die Kleinen auch Ball spielen.

Meyer stellte einen Anzug im Weiteren Gemeinderat: Er verwies darauf, dass die Kinderspielplätze im Verhältnis zur Wohnbevölkerung zu klein und kaum genügend ausgerüstet seien, weshalb dringend eine Spielplatzkommission ernannt werden solle. Der pädagogische Impetus der Eingabe entsprach dem Zeitgeist und überzeugte. Bereits im August desselben Jahres tagte die Spielplatzkommission erstmals und kam zum Ergebnis, dass Spielplätze für die Kleinen in der Nähe der Wohngebiete liegen müssen, es daher viele kleine Plätze mit Sitzmöglichkeiten und Wasser, Spielgeräten und Schatten brauche. Die Spielplätze, die Paul Meyer vorschwebten, sollten den Kindern Erlebnis und Abenteuer ermöglichen. Es meldeten sich besorgte Stimmen, ob die Kletter- und Balanciergeräte nicht eine grosse Unfallgefahr bergen würden. Meyer betonte jedoch, dass die Strassen sehr viel gefährlicher seien als Turngeräte.3

Nur wenige Monate später eröffnete die Gemeinde ihren ersten Waldspielplatz bei der Rüti-grube am Hackberg. Die Riehener Zeitung berichtete am 15. September 1967: «Auf und um einen gepflegten Rasenteppich ist Rundholz in verschiedener Höhe und Abstand im Boden eingelassen. Zum ‹Stäpfelistiege, Balanciere und Böckligumpe› oder auch denkbar als Burg, für allergattig Kinderspiele. […] Und sollte einmal ein Fussballkäpten, Räuberhauptmann oder Familienoberhaupt seinen Schützlingen ein Klöpferbankett offerieren, so steht ihm eine praktische Feuerstelle inklusive Sitzgelegenheit zur Verfügung.»

Die Spielplatzkommission bewirkte bis im Dezember so einiges: Das Trainingsfeld des Sportplatzes Grendelmatte war nun für Jugendliche freigegeben, die Spielwiesen beim Niederholzschulhaus durften neu an Mittwoch- und Samstagnachmittagen von allen benutzt werden und die meisten Anlagen waren mit neuen Geräten ausgestattet worden.

Ein besonderes Steckenpferd der Kommission waren die Waldspielplätze. Sie entsprachen dem wachsenden Bedürfnis einer jungen Generation, die Selbstbestimmung und Freiheit für Kinder verlangte. Innert kurzer Zeit entstanden weitere Wald- und Abenteuerspielplätze: Im Oktober 1968 wurde der Rast- und Spielplatz bei der Blockhütte am Mittelberg eingeweiht und im August 1969 waren es gleich zwei Spielplätze, die ihre Eröffnung feierten: Der ‹Natur- und Wasserspielplatz› im ‹Autäli› und der ‹Mut- und Wutspielplatz› am Steingrubenweg im Maienbühl.4

«Im Gebiet von Riehen-Süd, das eine grosse Wohnbevölkerung mit sehr vielen Kindern aufweist, befindet sich bis jetzt noch kein Spielplatz für unsere Jugend. Im Hinblick auf die Tatsache, dass sich das Areal der Landauergrube am Bluttrainweg zu einem solchen Spielplatz vorzüglich eignen würde, bitte ich die Regierung, zu prüfen und zu berichten, ob dieses Land nicht an die Gemeinde Riehen, mit der oberwähnten Zweckbestimmung, zu Eigentum abgetreten werden könnte.»5 Als Theo Seckinger 1967 anregte, auf dem Areal der Landauergrube einen Spielplatz zu errichten, häufte sich dort noch der Abfall. Der Gedanke, anstelle von Schutthalden Spielwiesen zu gestalten, wurde gut aufgenommen.

Nach zwei Jahren Seilziehen zwischen Kanton und Gemeinde – Riehen wollte einen Preis von 15 Franken pro Quadratmeter bezahlen, der Kanton verlangte aber 50 Franken – einigte man sich auf 40 Franken pro Quadratmeter. Der Kanton trat Riehen das Areal unter der Bedingung ab, es als Grünzone zu belassen und als Kinderspielplatz zu nutzen.6

Im Februar 1970 lud die Spielplatzkommission die bisher auf dem öden Gelände aktiven Sozialarbeiterinnen zu einem Gespräch ein. Denn die Kinder des Quartiers nutzten das Areal bereits vor seiner Freigabe als Spielplatz. Bereits 1948 hatte die Evangelische Stadtmission auf dem Gebiet der ehemaligen Kiesgrube eine hölzerne Kapelle errichtet, die bald zu einem wichtigen sozialen Treffpunkt wurde. Und unter der Leitung der Sozialarbeiterin Elisabeth Müller-Bühler entstand eine Bürgerinitiative, die zum Ziel hatte, im rasch wachsenden Niederholzquartier Freiräume für Kinder und Jugendliche zu schaffen: 1967 wurde auf dem Landauerareal das Clubhaus eröffnet, das Raum für einen Kinder-hütedienst, Bastelnachmittage, einen Seniorennachmittag und einen Disco-Club bot.

Für die Spielplatzkommission war der Einbezug der bisherigen Benutzer der Landauergrube wichtig. Wer sonst hätte besser beschreiben können, was hier dringend notwendig war? Die Stadtmissionarin Gertrud A Porta und die Sozialarbeiterin Elisabeth Müller-Bühler legten Zahlen auf den Tisch: An ihren Anlässen im alten Landauerkirchlein seien jeweils 50 bis 100 Kinder anwesend. Nach einer Besichtigung des Geländes und der Arbeit der beiden Damen vermerkte die Spielplatzkommission: «Das Milieu lässt etwas zu wünschen übrig. Trotzdem oder gerade deshalb sollte etwas Rechtes gemacht werden.»7

Auch Fachleute, die in den Spiel- und Bastelhorten und auf Robinson-Spielplätzen der Stadt arbeiteten, wurden befragt. Diese wiesen darauf hin, dass die Kinder und Jugendlichen auch befragt werden sollten, damit auf deren Bedürfnisse eingegangen werden könne. Zudem sei Platz für «raumgreifende Spiele» zu schaffen – Fussball, Rollschuhfahren, eine Wand zum Kritzeln und Malen.

Die Spielplatzkommission beschloss, die bestehenden Institutionen – das Clubhaus und das Landauerkirchlein – zu belassen und nach langem Hin und Her auch die Kinder und Jugendlichen zu befragen. Nun begann das Gesicht des heutigen Landauerzentrums langsam Gestalt anzunehmen: Ein neuer Raum mit grossem Vordach, Räume zum Basteln, eine Kinderhütte, ein Fotolabor, ein Vorraum zum Tanzen, Platz zum Kochen, strapazierbare Wände und Böden wurden zum Schluss der Sitzung vom 27. Oktober 1970 als Richtungsvorgaben beschlossen.

Im November 1971 entschied die Spielplatzkommission, die Jugendlichen sollten die Räume selbst verwalten. Dasselbe Prinzip wandte man seit dem Sommer beim Spielplatz ‹Hinter der Mühle› an und machte beste Erfahrungen damit. Dagegen regte sich jedoch Widerstand. Man fürchtete, dass ein autonom geführtes Zentrum dem Ghettocharakter der Siedlung am Rüchligweg Vorschub leiste. Zudem wünschte man sich eine stärkere Durchmischung der Bevölkerung. Um das zu erreichen, war die Spielplatzkommission mehr denn je auf die Einbindung der Quartierbewohner angewiesen. Dank dem enormen Engagement der Interessengruppe Clubhaus, die sich 1973 zur Freizeitaktion Riehen Süd (FARS) zusammenschloss, wurde die Idee eines Freizeitzentrums für alle Generationen vorangetrieben.

Am 11. Juni 1977 schliesslich konnte das Freizeitzentrum mit einem Quartierfest eröffnet werden. Gegen 600 Personen besuchten bereits im ersten Jahr wöchentlich das Landauer-zentrum. Da die Gemeinde der Anstellung von Pädagogen auf dem Spielplatz zunächst skeptisch gegenüberstand, wurde diese Arbeit von vielen Freiwilligen erbracht. Nach und nach stieg die Zahl der Festangestellten jedoch, bis sich der Verein FARS 1980 schliesslich auflöste.

Spielplätze sind nicht nur Anlass zu eitel Freude. Fliegende Bälle und Kindergeschrei lösen immer wieder Reklamationen aus. Mit Spielplatzregeln versucht man den Freiheitsdrang der Kinder in Bahnen zu lenken. Dennoch hatten die Gemeinderäte auch Verständnis für die Jugend: So wiesen sie eine Petition zur Beschränkung des Fussballspiels auf dem ‹Andreasmätteli› zurück. Eine solche mache keinen Sinn, da die Anwohner beim Einzug bereits von der Nutzung des Areals gewusst hätten. Zudem stellte sich heraus, dass fast sämtliche Mitunterzeichner als Adresse die Alterssiedlung ‹Basler Dybli› am Gstaltenrainweg 81 angegeben hatten.8

Verkleinert sich der Freiraum zwischen den Häusern, wird das Bedürfnis nach Spielplätzen grösser. Auch die Anlage beim Gemeindehaus, die in den 1970er-Jahren vor allem aus einer grossen Rasenfläche, Schaukeln und einem Sandkasten bestand, musste immer höheren Ansprüchen genügen. 1981 wurde sie um ein Holzspielgerät mit Kletternetz und neuen Schaukeln erweitert, 1987 kamen Spieltürme und Schaukelrösschen hinzu, 1990 sollte eine Bocciabahn auch den Grossen Vergnügen bereiten. Wen wundert’s, dass kurz darauf, am 22. März 1991, eine Petition der Anwohner wegen Lärmbelästigung einging. Gegen die Bocciabahn wurde Rekurs erhoben, der Entscheid war hängig, die anderen Geräte und das Fussballspiel sollten redimensioniert, die Benutzungszeiten eingeschränkt werden. Auch hier entschied der Gemeinderat gegen die Petition: Die beim Bocciaspiel verursachten Geräusche könnten nicht als Lärm bezeichnet werden und seien für die Anwohner zumutbar.

Spielplätze gleichen sich neuen gesellschaftlichen Bedürfnissen regelmässig an. Während man in den 1970er- und 1980er-Jahren Waldspielplätze wie den ‹Mut- und Wutspielplatz› entwickelte, auf denen die Kinder sich möglichst selbstbestimmt bewegen, aus Materialien schöpfen und umgestalten, auch Gefährliches wagen sollten, entstand in den 1990er-Jahren vermehrt das Bedürfnis nach sicheren Erholungsräumen für die ganze Familie.

Vor allem der Ruf nach mehr Sicherheit auf Spielplätzen prägte die letzte Welle von Erneuerungen. Seit 1999 gelten in der gesamten Schweiz neue Sicherheitsnormen für Spielplätze. Es geht dabei auch um rechtliche Fragen, da bei Unfällen auf öffentlichen Spielplätzen die Gemeinde haftet. In Riehen bemühte man sich darum, nicht nur die neuen Vorgaben für Fallhöhen, Wassertiefen und Zwischenräume zu beachten, sondern zugleich neue Bedürfnisse abzuklären. So zeigte sich, dass Sitzplätze mit Tischen, an denen man sich treffen kann, sehr erwünscht sind. Denn Spielplätze sind im urbanen Siedlungsraum nicht nur Bewegungsorte für Kinder, sondern auch wichtige Treffpunkte im sozialen Zusammenleben.

1 Vgl. dazu auch im Folgenden: Daniel Hagmann: Herausforderung Verkehr, in: Arlette Schnyder et al. (Hg.): Riehen – ein Porträt, Basel 2010,
S. 156–183, und Sibylle Meyrat:
Kulturelle Vielfalt, in: ebd., S. 272–299.
2 Riehener Zeitung, 12. Juli 1946.
3 Spielplatzkommission 1967–1973,
GAR 100.1.13,12.
4 Gemeindearchiv Riehen: DokuStelle Riehen, Anlagen und Spielplätze, Steingrubenweg,
Maienbühlweg (Mut- und Wutspielplatz) 1968–1976, Gar, 353.26.
5 Zitiert nach: Riehener Zeitung, 14. Juli 1967.
6 Riehener Zeitung, 5. Dezember 1969.
7 Sitzung vom 12. Februar 1970, Spielplatz-
kommission 1967–1973, GAR 100.1.13,12.
8 Vgl. Riehener Zeitung, 18. Juli 1975.
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