2011

Riehen durch Kinderaugen gesehen

Rolf Spriessler-Brander

Am 14. Juni 2011 wurde der Gemeinde Riehen das von der Unicef geschaffene Label ‹Kinderfreundliche Gemeinde› verliehen. Ein guter Anlass, um mit ein paar Primarschulkindern die Gemeinde zu erkunden.

«Da, die Treppe, die Absätze, das Geländer – da kann man prima Trottinett fahren und herumtollen», sagt Kilian, als wir vor dem Eingang der Kornfeldkiche stehen, und die Bäume seien toll zum Klettern, fügen einige hinzu. Schon haben die meisten irgendeinen Baum erklommen und der für Erwachsenenaugen eher unscheinbare Kirchenvorplatz wird zum Kletterparadies und zum Tummelplatz. Er ist bei den Kids offenbar beliebter als der Spielplatz gleich gegenüber, wo auf einem Hartplatz Basketball oder Fussball gespielt werden kann. Nur mit einigem Nachdruck lassen sich ein paar Kinder davon abhalten, im danebenstehenden Brunnen zu planschen. Die Versuchung ist gross …

«Was gefällt euch in Riehen besonders?», frage ich bei einem Besuch in der Primarschulklasse 3a im Schulhaus Wasserstelzen. Elf Schülerinnen und Schüler sitzen im Kreis – eine Abteilung der insgesamt 24-köpfigen Klasse. «Der Spielplatz auf der Wettsteinanlage im Dorf», sagt eine Schülerin spontan. «Die Treppe ‹Unterm Schellenberg›», ergänzt eine andere. Den Pausenplatz ihres Schulhauses finden sie lässig – und bedauern, dass der Rasenplatz hinter dem Schulhaus mit seinen Spiel- und Sportgeräten während den Pausen nicht benutzt werden darf, denn der sei ganz toll. Und dann ist da noch der Platz vor der Kornfeldkirche. «Was ist daran so besonders?», frage ich mich und schon machen wir uns auf den Weg.

Der Spaziergang führt uns weiter in die Morystrasse und von dort über das ‹Stäpfeli› zur Rainallee hinunter. Das ‹Stäpfeli› – die Treppe, die Morystrasse und Rainallee miteinander verbindet und in den Bluttrainweg mündet – ist unsere nächste Station. Dort sei es unheimlich, hat Sonja gesagt, denn dort sei es so dunkel. Dunkel ist es tatsächlich im Schatten der vielen Bäume und Sträucher, man fühlt sich fast wie in einem Tunnel – und das bei strahlendem Sonnenschein. Sonja wohnt in der Morystrasse. Sie benutze das ‹Stäpfeli› oft, weil eine Schulkollegin in der Rainallee wohne, und von dort führe der direkte Weg nach Hause eben hier durch. Der Stacheldraht oben am Zaun sei doof. Und leider sei es oft dreckig, weil die Jugendlichen ihre Getränkedosen und anderen Abfall hier wegschmeissen würden, ärgern sich die Kinder. «Stimmt», stelle ich fest, die Spuren sind nicht zu übersehen. Aber das Geländer sei toll zum Runterrutschen, sagt Sonja und sie ist nicht die einzige, die das findet. Einigen Buben gefällt es hier ausserordentlich gut. Hier sei es im Sommer schön schattig und kühl.

Wir setzen uns auf die Treppe und reden. Mit seinem Vater gehe er oft ins Dorf, erzählt Kilian, denn dort habe ein Freund seines Vaters einen Laden. Und Manuelas Onkel ist Chef in einem anderen Laden, da gebe es ganz tolle Sachen. Auf der Grendelmatte könne man Leichtathletik machen, Fussball spielen, Tennis – dort könne man eigentlich alles machen, schwärmt Tim. Zum Tennisspielen gehe er zum Rankhof, sagt Jonas. Und dann bringt Sonja den Wenkenpark ins Spiel. Ja, dort gebe es diese komischen Schaukeln mit den Reifen, sagt Nicola. «Komisch? Also schlecht?» «Nein, toll», sagt er. «Komisch ist vielleicht der falsche Ausdruck – ungewöhnlich, lässig halt.» Aber im Wenkenpark, da habe es vor allem Sachen für kleine Kinder, bemängelt Manuela. Sie vermisse etwas für die Grossen. Er gehe im Wenkenpark joggen und im Sarasinpark picknicken, sagt Tim.

Mädchen und Jungen, das sind zwei Paar Schuhe. «Es gibt Mädchenorte und es gibt Bubenorte», erklärt eine Schülerin. «Die Buben wollen Action, die Mädchen sitzen gern auf dem Boden und reden miteinander», erklärt sie und erntet allgemeines Kopfnicken.

Die nächste Station ist die Kreuzung Bluttrainweg/Schäferstrasse. «Diese Kreuzung ist gefährlich», sagt Tim, «da kann man auf dem Trottoir stehen, wo man will, man sieht nie alle Autos, die kommen könnten.» Er demonstriert, was er meint, und es stimmt: Die Strassen kreuzen sich irgendwie schief und die parkierten Autos machen die Sache nicht einfacher. Es ist auch nicht so, dass hier nie ein Auto vorbeikäme: Als die Fotografin auf die Kreuzung steht, um ein Bild zu machen, stauen sich die Autos von allen Seiten …

Überhaupt ist der Verkehr ein Thema. Zum Beispiel die Wartezeiten bei den Fussgänger-ampeln. Bei der Tramhaltestelle Habermatten, da warte man ja eine halbe Stunde, bis die Ampel endlich grün werde, sagt einer.

Dann gehen wir in den ‹Landi›. Vor einem Jahr, als ich die Klasse schon einmal besucht hatte, war der ‹Landi› – das Freizeitzentrum Landauer am Bluttrainweg – die unumstrittene Nummer eins bei den Kindern. ‹Landi› und toll, das war dasselbe. Die Begeisterung ist bei den Drittklässlern etwas verflogen. Dort gebe es ein tolles Piratenschiff, sagen viele, aber man könne kaum mehr drauf, denn meistens habe es Abfall dort, oft Scherben, an denen man sich schneiden könne, und unter dem Schiff durchkriechen könne man auch nicht mehr, weil es dort so viel Gestrüpp habe. Man solle doch Sand unter das Schiff tun, damit man dort besser spielen könne! Dann hellen sich die Gesichter auf. Die Seilbahn sei noch gut, räumt Julia ein. Es habe auch Bastelräume und eine Werkstatt, wo er sich Stuhl und Tisch zusammengebaut habe, schwärmt Cédric. Die verschlungenen Weglein auf dem Areal seien schön, da könne man sich gut verstecken, sagt Sonja. Also doch nicht so schlecht? – Dass viele nicht mehr so oft da sind als auch schon, liegt auch daran, dass sie ihre Freizeit anderswo verbringen.

«Was muss ein guter Spielplatz haben?», frage ich. «Eine Schaukel!», kommt die Antwort blitzschnell. Ein Stück Rasen zum Fussballspielen, ein Klettergerüst und einen Kletterbaum. Das ist das Wichtigste. «Kunstwerke, die bringen’s nicht!», wirft Kilian ein. «Kunstwerke?» «Ja, das Ding dort bei der Burgstrasse, das ist doch völlig unnötig. Nur Freche gehen dort drauf», erklärt er. «Und was sollte es sonst noch geben in Riehen?» «Einen grossen Spielzeugladen», sagen einige. Mehr Schwimmbäder. Und eine zweite Ludothek, nicht nur eine im Dorf. Sonst sind die Kinder aber recht zufrieden mit ihrer Wohngemeinde. «Ach ja, einen Brunnen bei jedem Spielplatz, damit man daraus trinken und ein bisschen planschen kann», kommt Kilian eine letzte Idee, bevor es auf dem Rückweg zum Schulhaus noch zum ‹Bermudadreieck› geht. So nennen einige Schüler den Innenhof der Wohnüberbauung zwischen Rüchligweg, Wasserstelzenweg und Schäferstrasse. Nun, da die Bäume und Sträucher etwas grösser geworden sind, hat der Spielplatz an Atmosphäre gewonnen und die Netzschaukel begeistert die ganze Kinderschar.

Klar, repräsentativ ist er nicht, der Rundgang mit einigen acht- bis neunjährigen Kids im Niederholzquartier. Aber er zeigt, wo sie sich wohlfühlen und wie viel Respekt sie vor dem Verkehr haben. Und er zeigt eine gewisse Ambivalenz. Denn die gleichen Kids, die sich über den Abfall der Älteren ärgern, sind – zumindest nach Beobachtung ihres Klassenlehrers David Meyer – selber auch nicht immer so konsequent, wenn es darum geht, den eigenen Abfall wegzuräumen …

Was sicher auffällt, ist, dass die Riehener Jugend die Freiräume schätzt – und die Natur. Das wurde auch an der Feier deutlich, an der Gemeindepräsident Willi Fischer und die beiden Gemeinderätinnen Irène Fischer und Maria Iselin aus den Händen von Unicef-Schweiz-Geschäftsleiterin Elsbeth Müller die Urkunde als ‹Kinderfreundliche Gemeinde› entgegennehmen durften.

An dieser Feier, die am 14. Juni 2011 im Freizeitzentrum Landauer stattfand, war es die Primarschulklasse 4a aus dem Schulhaus Erlensträsschen, die den erwachsenen Gästen erklärte, was in Riehen besonders kinderfreundlich ist. Die Riehener Natur sei toll, denn im Wald könne man sich verstecken, in den Bächen könne man sich abkühlen, es gebe Tiere zu beobachten und tolle Feuerstellen. Auf ihrem Schulareal am Erlensträsschen mit den zwei Brunnen und dem neuen Spielplatz würden sie sich wohlfühlen, der Wenkenpark locke mit dem frisch renovierten Spielplatz, die vier Riehener Pfadiabteilungen würden ein attraktives Angebot machen, das Freizeitzentrum Landauer sei ein toller Ort, überhaupt gebe es eine grosse Vielfalt von Freizeitangeboten, ob unorganisiert oder im Rahmen der vielen Vereine, sagen die Schulkinder und loben Riehen in eigenen Strophen des ‹Rieche-Paradys›-Liedes in den höchsten Tönen.

Auch die Unicef Schweiz stellt der Gemeinde Riehen bezüglich Kinderfreundlichkeit ein gutes Zeugnis aus: In einer ersten Evaluation, die auf einem umfangreichen Fragebogen basiert, erreichte die Gemeinde Riehen 62,5 Prozent der maximal zu erreichenden Punktzahl. Am besten schnitt die Gemeinde Riehen gemäss dieser Auswertung in den Bereichen «Freizeit» sowie «Wohnen, Wohnumfeld, Verkehr» ab. Hohe Werte erreichte Riehen auch in den Bereichen «Kinder- und Jugendschutz» und «Gesundheit». Grosse Schwachstelle war der Bereich «Kinderfreundliche Verwaltung und Politik», was vor allem daran lag, dass Riehen über keinerlei institutionalisierte Mitbestimmung von Kindern und Jugendlichen
 Das Label ‹Kinderfreundliche Gemeinde› der Unicef

Mit diesem Label, das Riehen nach Wauwil, Laupersdorf und Arlesheim als vierte Gemeinde der Schweiz erworben hat, will Unicef Schweiz die Kinderrechte auf Gemeindeebene umsetzen. Denn in der Schweiz sind die Gemeinden für die Gestaltung der unmittelbaren Umgebung zuständig. Die Kinderrechte sind in einer UN-Konvention von 1989 festgehalten, die von der Schweiz 1997 ratifiziert worden ist.
Unicef ist das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNO) und wurde 1946 gegründet, ursprünglich, um Kindern in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg zu helfen. Heute arbeitet Unicef vor allem in Entwicklungsländern, ist aber auch in vielen nationalen Organisationen tätig – sowohl, um Mittel für die Entwicklungsprojekte zu generieren, als auch, um in den betreffenden Ländern die Situation für Kinder und Jugendliche zu verbessern. So auch im schweizerischen Riehen.
verfügt: Riehen hat keinen Kinder- und/oder Jugendrat, keine offenen Versammlungen für Jugendliche und keine regelmässigen Bedürfnisabklärungen bei Kindern und Jugendlichen. Allerdings stellt sich in diesem Zusammenhang schon die Frage, ob dies überhaupt dem Bedürfnis der Riehener Jugend entspricht, denn ein Jugendrat scheiterte vor noch nicht allzu langer Zeit am fehlenden Interesse. Sehr viele Kinder und Jugendliche verbringen viel Freizeit in den zahlreichen Riehener Sport- und Kulturvereinen und wollen sich vielleicht darüber hinaus gar nicht mehr engagieren. Und die ‹unorganisierte› Jugend wird von der Mobilen Jugendarbeit erfasst, die in Riehen recht intensiv tätig ist und sich auch für die Anliegen der Jungen einsetzt.

Wenn die Jungen konkret zu einem Thema befragt werden, dann sprudelt es durchaus. Das zeigte sich zum Beispiel, als das Kinderbüro Basel einen Workshop zur Gestaltung von Wohnstrassen durchführte, in dessen Rahmen phantasievolle Strassenmodelle entstanden. Das ‹HillChill›, ein jährlich stattfindendes Open-Air im Sarasinpark, geht auf eine Jugendinitiative zurück. Und die Kinder- und Jugendbefragung, die die Gemeinde Riehen im Hinblick auf das Unicef-Kinderlabel durchgeführt hatte, förderte viele interessante Ideen und Eindrücke zutage. Insgesamt 109 Kinder im Alter zwischen vier und zehn Jahren wurden befragt, beteiligt waren die Kindergärten Glögglihof und Wasserstelzen sowie je eine Primarschulklasse der Schulhäuser Hinter Gärten, Erlensträsschen, Niederholz und Wasserstelzen. Von den Kindern aus dem Dorfzentrum kam der Wunsch nach mehr Freizeitmöglichkeiten. Turnhallen sollten bei schlechtem Wetter oder in der kühlen Jahreszeit als Indoor-Spielräume geöffnet werden, hiess es da zum Beispiel. Viele Kinder haben Respekt oder sogar Angst vor dem Verkehr, fordern verkehrsfreie Zonen, mehr Fussgängerstreifen – auch in Quartieren mit Langsamverkehr – und weniger Baustellen. Viele wollen endlich wieder ein Schwimmbad, beklagen das Littering, sind gegen Luftverschmutzung oder Schmierereien. Und auch an die Älteren wird gedacht – die Kinder wünschen sich schöne Orte für die alten Leute, aber vielleicht nicht gerade neben dem Freizeitzentrum Landauer, denn der dortige Lärm könnte die alten Leute unnötig stören, heisst es da etwa.

Die Anregungen der Kinder und eigene Überlegungen führten zu einem Aktionsplan, den Gemeinderat und Verwaltung nun innerhalb von vier Jahren umsetzen wollen. Das ist Bedingung, damit Riehen längerfristig ‹Kinderfreundliche Gemeinde› bleiben kann. Nach zwei Jahren hat die Gemeinde einen kurzen Zwischenbericht vorzulegen, innerhalb von vier Jahren ist der Aktionsplan zu verwirklichen und im Hinblick auf eine zweite vierjährige Label-Periode wäre dann ein neuer Aktionsplan zu erarbeiten. «Um Kinderfreundlichkeit muss man sich immer wieder bemühen», betont Elsbeth Müller im Namen der Unicef. Es gehe nicht zuletzt darum, alle Vorhaben auch aus der Kinderperspektive heraus zu beurteilen. Und schliesslich blieben die Jugendlichen ja nicht dieselben und so änderten sich die Bedürfnisse der Jugend ständig.

Der Aktionsplan der Gemeinde nennt einige konkrete Projekte und umfasst neben drei übergeordneten Massnahmen 24 Einzelmassnahmen. So will die Gemeinde Indoor-Spielräume realisieren, Turnhallen an Sonntagen öffnen (‹Open Sundays›), mehr kulturelle Angebote für Kinder schaffen, die Schulwege durch bauliche Massnahmen sicherer gestalten, neue Jugendtreffs ermöglichen und die Pausenhöfe in Zusammenarbeit mit den betroffenen Schülerinnen und Schülern neu gestalten. Kindertheateraufführungen an Riehener Schulen sollen gefördert und in Zusammenarbeit mit Privaten soll ein Jugend-/Kinderkino-Projekt aufgebaut werden. Viel erhofft man sich vom Umbau des bisherigen Bezirksmagazins des Werkhofs beim Freizeitzentrum Landauer. Dort soll ein Jugendtreff inklusive Band- und Gruppenräumen mit Konsumationsmöglichkeit entstehen. Dadurch würde im Hauptgebäude Raum frei, der neu genutzt werden könnte. Das Tagesferienangebot soll erweitert werden. Auch die Elternbildung und -beratung soll verstärkt werden. Und ganz wichtig sei, die bestehenden Angebote bekannter zu machen und miteinander zu vernetzen, betont Gemeinderätin Maria Iselin.

Klingt lässig, nicht? – Viel Glück!

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