2011

«Die Stadt klingt anders»

Aufgezeichnet von Barbara Imobersteg

Nora und Mischa Weber sind im Riehener Kornfeldquartier aufgewachsen und vor zwei Jahren nach Kleinbasel gezogen. Von dort blicken die 18- und der 21-Jährige zurück auf die Orte ihrer Kindheit.

Aufwachen in der Stadt. Ich höre das Besteck klappern, Stimmengewirr, Gläser klirren. Die Gäste unterhalten sich halblaut, ich verstehe selten ein Wort. Ab und zu erklingt Lachen. Die ‹Eintracht› liegt auf der gegenüberliegenden Strassenseite. Wenn das Wetter schön ist, erwache ich am Wochenende mit dem Mittagessen im Gartenrestaurant. Als wir von Riehen nach Kleinbasel zogen, war Sommer. Diese Geräusche des Kleinbasler Quartierlebens gehören zu meinen ersten Eindrücken. Die Stadt klingt anders. In Riehen war Ruhe. Ab und zu ein Auto, Menschen nur vereinzelt.

Das fiel mir zuallererst auf bei meiner Ankunft: die vielen Menschen, die vielen verschiedenen Menschen! Als ich nach dem Umzug, noch zwischen den Kisten, auf die Strasse hinunterblickte, wimmelte es von Leuten jeden Alters und jeglicher Herkunft. Auch ärmlich Gekleidete, Verwahrloste waren zu sehen. In Riehen sind alle zurechtgemacht, sauber und anständig. Ich war fasziniert von diesem Leben und dieser Vielfalt in meinem neuen Quartier. Geschäfte, kleine Läden, ein Friseur an jeder Ecke und unzählige Restaurants und Kneipen. Ein ständiges Kommen und Gehen. Ich sah mich schon mittendrin. Bestimmt würde ich bald viele neue Bekanntschaften machen.

Als ich vors Haus trat, wurde mir bewusst, dass ich keinen Menschen kannte. Und keiner kannte mich. Ein ehemaliger Klassenkamerad musste irgendwo in der Nähe wohnen, ich erinnerte mich schwach. Unwahrscheinlich, dass ich ihm jetzt zufällig begegnen würde. In Riehen kannte ich alle, fast alle. Wann immer ich hinausging oder aus dem Küchenfenster schaute, sah ich bekannte Gesichter. Ich brauchte keine Verabredungen, um jemanden zu treffen und mich ein wenig zu unterhalten.

Ich bin in Riehen aufgewachsen, im Kornfeldquartier. Meine frühesten Erinnerungen – da sehe ich uns Kinder im Garten und auf der Strasse, ich sehe uns Hallihallo spielen. Im Sommer waren immer alle draussen, die ganze Nachbarschaft, die vielen Kinder. Das war das Schönste. Zwischen den beiden Mehrfamilienhäusern, wo wir wohnten, gab es eine Wiese, Bäume zum Klettern und einen Parkplatz. Es gab eine Frau, die nicht wollte, dass wir ihren Parkplatz mit Strassenkreide bemalten. Sie schrubbte ihn immer wieder sauber. Auf dem Parkplatz lernte ich Velofahren. Die grösseren Mädchen setzten sich auf den Gepäckträger, damit ich das Gleichgewicht besser halten konnte. Im angrenzenden Garten holten wir Kirschen, vielleicht klauten wir sie auch. Eine liebe alte Frau aus dem Hinterhaus lud meine Freundin und mich zum Mittagessen ein. Sie servierte uns Omeletts und nannte diese ‹Ammelette›.

Mein Kindergarten lag an der Paradiesstrasse. Ich ging mit einem Nachbarjungen gemeinsam hin und wir machten uns einen Spass daraus, unterwegs Sandra zu erschrecken. Ich erinnere mich sogleich wieder an ihren Namen. An meinem Geburtstag holten mich alle Kinder mit einem blumengeschmückten Leiterwagen an der Haustür ab und zogen mich zum Kindergarten.

An meinen ersten Schultag kann ich mich natürlich auch erinnern. Alle bekamen Blumen. Unsere Klasse erhielt als einzige Papierblumen, bei allen anderen waren es richtige Blumen. Wir wohnten inzwischen in einem Einfamilienhaus, ein paar Hausnummern weiter. Ich lernte neue Kinder kennen. Wir spielten auf der Strasse, es gab kaum Autos. Wir besuchten uns auch gegenseitig zu Hause, aber unser Revier, das war die Strasse. Abends trafen sich auf der Kreuzung Kinder und Jugendliche im Alter von vier bis 16 Jahren. Hallihallo spielten alle mit. Wir hatten unsere eigenen Regeln.

Erwachsene kommen in meiner Erinnerung kaum vor. Einmal boten wir Gänseblümchenketten feil und Herr Pfister kaufte eine für 50 Rappen, auch diesen Namen habe ich nicht vergessen. Ab und zu kamen Erwachsene mit uns in den nahen Wald, wo wir Maiskolben brieten oder das Bächlein stauten. Aber so richtig los ging es mit dem Wald erst später, als wir allein loszogen.

In der Mittelschule entdeckten wir das Dorf. Bisher war mir nur der Cenci-Spielwarenladen interessant erschienen. In der Orientierungsschule begannen wir, uns im ‹Go-In› zu treffen und anschliessend auf dem Dorfplatz. Es wurde spannend. Dahin kamen auch Jugendliche aus den anderen Schulhäusern, es bildeten sich neue Gruppen und Freundschaften, die über Jahre halten sollten. Auch tagsüber schwärmten wir in Riehen aus. Zu Fuss und mit dem Velo waren wir unterwegs im Dorf und der Umgebung.

Ein Lieblingsplatz war das Bänklein oben am Schiessplatz. Mit einer Freundin sass ich stundenlang dort und blickte auf die Stadt. Wir spazierten den Leimgrubenweg hinauf und den Chrischonaweg hinunter oder umgekehrt und redeten viel. Manchmal bemalten wir den Boden mit Strassenmalkreiden wie einst. Manchmal machten wir unsere Hausaufgaben.

Auch abends fanden wir uns immer öfter auf dieser Anhöhe ein und trafen unsere Freunde im ‹Hüüsli›, dem Gartenhaus von Fischers Bauernhof. Statt mit Gartengerät war es irgendwann mit gemütlichen Sofas und einer Musikanlage ausgestattet worden. Das war unser Jugendtreffpunkt. Auch als wir später abends schon in Basel ausgingen, gaben wir das ‹Hüüsli› nicht auf. Überhaupt blieben unsere Riehener Treffpunkte noch lange attraktiv. Wie oft führte der vielversprechende Ausgang in die Stadt zum Abschluss wieder nach Riehen. Eine Runde über den Barfüsserplatz und, je nach Budget, ein Abstecher in den McDonald’s – und schon lockte uns das ‹Hüüsli› wieder, mit den Freunden und dem Sternenhimmel, oder der Dorfplatz, wo früher oder später alle vorbeikamen, oder die Kunde, dass irgendjemand sturmfrei habe.

Ich lebte in einer heilen Welt, aber das wusste ich damals noch nicht. Ich kannte nur meine Riehener Welt, sie war normal für mich. Als wir in die Stadt zogen, bekam ich ein neues Bild von Riehen, ich hatte plötzlich einen Vergleich.

Ich ging mit einer Freundin durch unsere neue Strasse und fragte einen Passanten nach Feuer. Er verstand mich nicht. Ich versuchte es beim nächsten, er sprach kein Deutsch und hatte auch kein Feuerzeug. Beim dritten klappte es, wir verständigten uns auf Englisch. Hatte ich in Riehen je einen Menschen getroffen, der kein Deutsch sprach? Ich versuchte, mich zu erinnern. Ausländische Kinder in der Schule? Ein türkischer Junge in meiner Primarklasse, das war alles. Mittlerweile besuchte ich das Gymnasium Bäumlihof und kannte noch immer kaum ausländische Schülerinnen und Schüler.

In Kleinbasel fielen sie auf: Menschen mit dunkler Hautfarbe, mit fremden Sprachen, mit anderen Kleidern. Ich fühlte mich von Anfang an wohl in der Stadt. Ich habe keine Angst, auch nicht vor den Schwarzen, die mich nachts ansprechen, oder den Junkies und ‹Kügeli›-Dealern in meinem Quartier. Es ist nicht bedrohlich, es ist einfach anders. Ich würde auch nicht sagen, dass ich nun mit Ausländern zusammenlebe. Wir leben nebeneinander. Das ist normal hier, das ist nun auch normal für mich.

Am Anfang wunderte ich mich, dass man in der Stadt die Nachbarschaft kaum kennt. In Riehen kannte sich die ganze Strasse, hier kennt sich nicht einmal das ganze Haus. Diese Anonymität ist angenehm. Ich schätze es inzwischen sehr, dass ich hier machen kann, was ich will, und keiner bekommt es mit: Es wird nicht darüber gesprochen und geurteilt. Erst aus der Distanz realisierte ich, dass das soziale Leben in Riehen auch beengend ist, dass alle alle kennen und alle alles voneinander wissen. Jede Neuigkeit macht sofort die Runde. Und die Konkurrenz ist gross. Man hat Geld, man trägt Marke, man fährt eine Vespa und öfter in die Ferien. Hier ist niemand exponiert.

Ich habe mich gut eingelebt in der Stadt. Ich möchte keinesfalls zurück nach Riehen. Aber in Riehen aufwachsen, das war gut. Hier in Kleinbasel – das wäre ganz anders gewesen. Wir Kinder hätten uns nicht in den Gärten und auf den Plätzen treffen und Hallihallo auf der Strasse spielen können. Es wäre zu gefährlich gewesen. Mit Kindern ist es anders, mit Kindern könnte ich mir vorstellen, wieder in Riehen zu wohnen.

Hinter unserem Haus gab es einen grossen Garten. Dort durfte ich schon bald allein hingehen, allein, das heisst, ohne Erwachsene, aber mit anderen Kindern. Ich sehe uns im Sandkasten und an kalten Tagen im Haus. Wir spielten Zirkus. Das breite Ehebett war unser Trampolin. Es gab eine leerstehende Mansarde, die alle Kinder benutzen durften, das sogenannte ‹Wildelizimmer›, oder ‹Windelizimmer›, wie meine kleine Schwester sagte. Dort fanden die Aufführungen statt – mehr oder weniger wild, die kleinen Artisten ohne, die noch kleineren Zuschauer mit Windeln.

Die erste Gebietserweiterung bestand darin, dass wir den Platz hinter dem Hinterhaus eroberten. Dort konnten uns die Erwachsenen von ihren Balkonen und aus ihren Küchenfenstern nicht mehr sehen. Auch ihr Rufen hörten wir manchmal nicht oder überhörten es geflissentlich. Der kleine Wendeplatz war von den Gärten angrenzender Häuser und von niederen Garagen umgeben. Damals begannen wir Fussball zu spielen und das hiess vorerst, stundenlang an die Garagentore zu kicken. ‹Wändele› nennen das die Fussballkinder. Ab und zu schimpfte jemand, ich weiss nicht mehr, wer und weshalb, aber es jagte uns jedenfalls Angst ein.

Damals tauchte Roger auf. Wir gingen nicht zusammen in den Kindergarten und nicht zusammen in die Schule, wir wohnten auch nicht in der direkten Nachbarschaft, wir lernten uns draussen kennen.

Als ich in die zweite Klasse kam, zogen wir ein paar Hausnummern weiter. Damit wurde mein Revier grösser. Die Kinder aus den Einfamilienhäusern trafen sich nicht in den Gärten, sondern auf der Stras-senkreuzung. Es gab wenig Verkehr, man konnte Federball spielen, mit dem Velo Endlosschlaufen fahren und am Strassenrand sitzen. Roger war auch dabei.

In den Sommerferien zog eine neue Familie ein mit zwei Kindern, der Junge so alt wie ich und das Mädchen gleich alt wie meine Schwester: Braulio und Cloë. Wir verbrachten jeden Tag gemeinsam. Vielleicht liegt in unserem ehemaligen Garten noch heute ein Schatz vergraben. Wir waren tagelang damit beschäftigt, ein Loch auszuheben mit unseren kleinen Schaufeln, um eine Schatztruhe aus Legosteinen zu versenken. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern an den Inhalt. Ich glaube, er bestand aus ein paar Münzen und einer Botschaft an die Nachfahren.

Beim nächsten Mieterwechsel in unserer Nachbarschaft waren wir Quartierkinder schon eine feste Gruppe. Wir standen auf der Strasse, als die Erwachsenen das Haus besichtigten, und freundeten uns mit den neuen Kindern an, bevor der Mietvertrag unterschrieben war. Sie zogen dann tatsächlich ein und gehörten schon bald zu uns – und zu denjenigen, die man jederzeit herausklingeln konnte.

Einmal im Jahr gab es ein Strassenfest. Da waren wir selbstverständlich alle dabei. Die Grossen sassen bis spät in die Nacht zusammen und wir wurden für einmal nicht ins Bett geschickt, sondern spielten Räuber und Bullen quer durch alle Gärten und über alle Zäune – bis wir vor Müdigkeit umfielen.

Mein ‹Auslauf› beschränkte sich nicht nur auf unser Viertel, er umfasste zu dieser Zeit auch meinen Schulweg. Ich sollte eine halbe Stunde nach dem Läuten zu Hause sein. Das war knapp. Natürlich konnte man den Weg in zehn Minuten zurücklegen. Aber wir hatten immer noch so viel zu tun. Wir mussten noch alle Spiele spielen, für die es in der Pause nicht gereicht hatte. Der Pingpongtisch war endlich frei – die Jüngeren mussten ihn ja immer erst erkämpfen – und dann tauschten wir Kärtchen. Es gab stets etwas zu sammeln, zu ordnen und einzukleben.

Wir fanden uns auch an den Nachmittagen immer öfter beim Schulhaus ein, um auf dem Schulhausplatz oder dem nahegelegenen ‹Andreasmätteli› Fussball zu spielen. In der dritten Klasse durfte ich beim FC Amicitia anfangen. Wir spielten ständig Fussball, sowohl praktisch als auch theoretisch. Wenn wir keinem Ball hinterherrannten, spielten wir Meisterschaft, indem wir die Resultate würfelten und endlos Listen mit Auf- und Abstiegsrunden verfassten.

Da waren meine Quartierfreunde nicht dabei. Sie begannen Skateboard zu fahren und bretterten stundenlang auf der Strasse. Eine andere Fraktion engagierte sich bei den Pfadfindern und einige verbrachten ihre Freizeit mit Computerspielen. Wir pflegten alle höchst unterschiedliche Interessen und Aktivitäten und schlugen später auch verschiedene Bildungs- und Berufswege ein, aber irgendetwas hielt uns zusammen. Wir waren eine Schicksalsgemeinschaft.

Während der Orientierungsschule verlor ich mein Quartier etwas aus den Augen. Ich hatte viele neue Schulfreunde und wir verbrachten jede freie Minute zusammen. Wir gingen schwimmen, inlineskaten, Tischtennis und natürlich Fussball spielen, wir machten Musik und stürzten uns auf alles, was mit Harry Potter zu tun hatte. Wir trafen uns im Laguna und im Bettinger ‹Beedli› und an den Wochenenden im ‹Go-In› und an unseren Parties, die nun immer häufiger stattfanden. Zu Hause war ich nie, bestimmt an keinem einzigen Nachmittag. Ich sah meine Nachbarschaft nur noch im Vorbeifahren, ich grüsste kurz und war schon unterwegs zum Training, zum Auswärtsspiel, zu den Musikstunden, den Ensembleproben und zu den verschiedensten Treffpunkten in ganz Riehen. Ich war nonstop aktiv.

Unsere Kreuzung fand ich nicht mehr interessant – bis ich ins Gymnasium kam. Das veränderte mein Leben schlagartig. Alles war anders, vor allem meine neue Klasse. Ich pflegte nur noch einen lockeren Kontakt mit meinen Kollegen aus der Schule.

Ich hatte wieder Zeit. Ich fand mich wieder auf der Kreuzung ein und wir gingen bald wieder zusammen in den Wald, wie einst. Braulio brachte eine Machete mit, wir rodeten, legten Wege frei und bauten eine Hütte und eine Feuerstelle. Wir waren den ganzen Sommer über beschäftigt. Wir trafen uns noch jahrelang an diesem Platz, auch als die Hütte längst nicht mehr stand.

Im Winter fanden wir in der Gärtnerei am Hirtenweg Unterschlupf. Wir durften den Keller als Aufenthaltsraum benutzen. Es gab gemütliche Sofas, eine Musikanlage und unsere Wasserpfeife. Wir lernten, zu allen Nachtzeiten über den Hörnli-Friedhof nach Hause zu gelangen. Im Frühling erschlossen wir uns wieder neue Orte. Wir zogen immer weiter. Wir fanden alle möglichen und unmöglichen Treffpunkte. Wir sassen abends im Sarasinpark, aber auch auf Spielplätzen, Mauern und Treppen. Wir sassen zusammen – einfach so. Die Treppen sollten sich über Jahre bewähren.

Mit dem Gewölbekeller begann eine neue Ära. Über einen Kollegen lernten wir den Jugend- und Veranstaltungsraum im Sarasinpark kennen. Es ging ganz schnell. Kaum hatten wir unser Interesse und die Bereitschaft zur Mitarbeit kundgetan, fanden wir uns im Leitungsteam wieder, verantwortlich für die Vermietung und Verwaltung und berechtigt zur Benutzung bei Eigenbedarf. Wir hatten ein Winterquartier und eine neue Aufgabe.

Wir lernten Events zu organisieren, mit den lärmempfindlichen Nachbarn und der Gemeinde zu verhandeln, Briefe zu formulieren und Toiletten zu putzen. Meine Freunde sammelten erste Erfahrungen als DJs, heute legen sie in den grossen Clubs auf und wir anderen sind auf ihrer Gästeliste. Wir sind immer noch zusammen unterwegs, meist in der Stadt, hin und wieder auch in Riehen.

An Rogers Geburtstag trafen wir uns, wie früher, im Sarasinpark. Aber einer fehlte. Im Februar 2009 nahm sich Braulio das Leben. Wir wussten, dass seine Fröhlichkeit und sein gewinnendes Lachen oft nicht seinem Innersten entsprochen hatte, dass er seit der Schulzeit darum gekämpft hatte, den Anforderungen des Lebens und der Gesellschaft zu genügen, und immer wieder gescheitert war. Niemand hatte ihm helfen können. Er war nicht gemacht für dieses Leben. Wir waren zutiefst betroffen. Unsere Probleme und Zwistigkeiten waren weggeblasen. Wir, die hinterbliebenen Freunde, rückten noch näher zusammen. Wir begannen, uns täglich auf ‹unserer› Treppe zu treffen. Wir versuchten zu verstehen. Aus unseren bisher ziellosen Treffen wurden intensive Begegnungen – wir waren unsere Therapiegruppe.

Es war nicht das letzte Mal, dass wir uns so sehr brauchten. Drei Monate nach Braulios Abschiedsfeier standen wir schon wieder zusammen auf dem Friedhof. Rogers Mutter, die wir kannten, seit wir klein waren, war völlig unerwartet gestorben. Sie war nicht krank, sie war nicht alt – wir konnten es nicht fassen. Wir sassen wieder auf unserer Treppe und versuchten wieder zu verstehen. Wir waren da füreinander, wir waren stark. Wir wussten: Roger hat uns.

Inzwischen wohnen die meisten von uns in der Stadt. Wir haben ein eigenes Zuhause und wissen, wohin im Winter und wenn es regnet. Wir sehen uns seltener. Wir müssen etwas vereinbaren, wir treffen uns nicht mehr von allein an jeder Ecke. Auch sitzen wir nicht mehr stundenlang auf Treppen.

Der Zusammenhalt ist geblieben. Die schweren Zeiten haben unsere Freundschaft gestärkt. Aber es sind nicht die Schicksalsschläge allein, die uns verbinden. Es gibt noch anderes und eine grosse Gemeinsamkeit: Wir haben den Übergang von der Kindheit zur Jugend zusammen erlebt und wir sind zusammen erwachsen geworden.

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