2011

Als die ‹Wüste› noch lebte

Dominik Heitz

Riehen-Dorf lag weit entfernt, die ‹Wüste› vor dem Haus lockte zur Schatzsuche, das unebene Trottoir zum ‹Gluggern›, der Kiosk mit weichen ‹Heidi-Stängeln›: Erinnerungen an eine Kindheit im Niederholzquartier.

Wohngenossenschaften waren nach dem Zweiten Weltkrieg ‹en vogue›. Die unsere in Riehen-Süd war 1948 gegründet, 1949 mit den ersten fünf Wohnblöcken verwirklicht und 1954 mit weiteren Blöcken vergrössert worden. Die zentrale Strasse der Wohngenossenschaft Hirshalm: In den Neumatten. Meine Eltern, mein Zwillingsbruder, mein jüngerer Bruder und ich wohnten im Haus mit der Nummer 53.

Unsere für heutige Verhältnisse kleine und bescheidene Drei-Zimmer-Wohnung mit Balkon hielt ich als kleiner Knirps für sehr geräumig. Wir hatten eine Ofenheizung in der Küche, die erst durch eine Zentralheizung ersetzt wurde, als wir etwa fünf Jahre alt waren. Vorher gab es auch keine Waschmaschine. Unsere Mutter musste einen Waschofen anfeuern, um darin die am Vorabend in einer Lauge eingelegte Wäsche wie Kartoffeln im siedenden Wasser zu kochen. Aber Mutter konnte das nicht allein. Deshalb kam ihre Mutter am Waschtag und legte sich ins Zeug. Bei den meisten Nachbarsfamilien war das nicht anders: Der Waschtag war der Tag der Mütter der Mütter.

Der Kontakt zur Nachbarsfamilie Steffen, die im Parterre wohnte, weckte erste Begehrlichkeiten, wie sie das Wirtschaftswunder förderte. Das, was wir hatten und die Steffens nicht, war uns keine Überlegung wert – etwa statt halbdurchsichtiger Vorhänge feinmaschige Fischernetze, die unser Vater als ausgewiesener Dekorateur von innen an die Fensterrahmen spannte. Das, was die Steffens hatten und wir nicht, wissen meine Brüder und ich noch genau: einen VW-Käfer, direkt vor unserem Haus parkiert und eines der ersten Autos in unserer Strasse. Der Käfer interessierte uns nur mässig, denn uns wurde in Autos immer schlecht. Dem Fernseher hingegen galt unsere uneingeschränkte Bewunderung ebenso wie dem kleinen, beleuchteten Springbrunnen in einer Ecke des Wohnzimmers. Auch um das Zelt, in dem die Steffens ihre Sommerferien verbrachten, beneideten wir sie ein wenig. Und obschon sich unsere Mutter im Winter über den allmonatlichen Ölgestank im Treppenhaus ärgerte, lief ihr – sie gab es zwar nie zu – das Wasser im Mund ebenso zusammen wie uns Buben. Denn wir wussten: Gleich wird Frau Steffen die Treppe hochsteigen und uns eine Platte mit in Öl gebackenen Apfelküchlein bringen.

Später bekamen wir dann auch einen Fernseher, weil es unseren Eltern unangenehm war, dass wir ständig bei den Steffens vor der Kiste sassen und Bonanza oder Die kleinen Strolche schauten. Doch eine Frittierpfanne kam unserer Mutter nie ins Haus.

Bis wir fünf waren, blieb unser Lebensbereich relativ eng abgesteckt. Erstens die eigene Wohnung.

Zweitens die Strasse und – noch wichtiger – das Trottoir. Mit seinen faustgrossen Vertiefungen und den gerillten Dolendeckeln machten wir es zum Las-Vegas-Strip des ‹Glugger›-Spiels. Die gefürchtetsten Glasperlenabzocker waren die Linder-Kinder. Wenn sie auftauchten, dann waren die Ausgenommenen nach wenigen Minuten den Tränen nah. Mit welchen Tricks sie es schafften, uns allen immer wieder das halbe ‹Glugger›-Vermögen aus den Säcken zu ziehen, fanden wir nie heraus.

Drittens der Rasen vor und die grosse Matte hinter dem Haus, mit Bäumen und Büschen – viel Grün jedenfalls, das noch heute eine der Qualitäten dieser Wohngenossenschaft ausmacht. Apropos Grün: Meinen jüngeren Bruder – er war damals knapp vier Jahre alt – animierte ein besonderer Strauch zu einem ebenso besonderen Spiel. Eines Tages band er sich eine Schürze um, schnippte mit einer Schere ruckzuck alle noch hellen Blütenköpfe der Hortensien ab, legte sie sorgfältig auf einen Tisch und verkaufte sie als Blumenkohl. Als meine Eltern sahen, mit welchem Entsetzen der Abwart aus dem Fenster im zweiten Stock auf die kahl geschorenen Hortensien-sträucher herunterstarrte, wussten sie nicht, was sie mehr fürchten sollten: Dass der an einem Herzproblem leidende Abwart jeden Moment einen Infarkt bekommen oder dass er unserem Bruder mit dem Teppichklopfer den Hosenboden versohlen könnte. Beides traf nicht ein. Und im Jahr darauf blühten die Hortensien schöner denn je.

Mit dem Besuch des Kindergartens erweiterte sich unser Auslaufradius. Nun ging es über das angestammte Gebiet der uns vertrauten Wohngenossenschaft hinaus in eine bis dahin unbekannte Gegend: die ‹Wüste›.

Die ‹Wüste› war ein Niemandsland, das neben unserer Genossenschaft an die Rauracherstrasse grenzte, eine vernachlässigte Matte mit einem Trampelpfad, der im Winter matschig und im Sommer staubig war und an dem zu beiden Seiten Brennnesseln und anderes Unkraut wuchsen. Hier kamen wir täglich durch, denn der Weg führte von den Neumatten direkt zur Niederholzstrasse und zu den drei Kindergartenpavillons mit den Bienenwaben-Grundrissen. Sie stehen noch heute. Der eine ist rot; dort hatte mein Zwillingsbruder beim strengen Fräulein Würth das Vergnügen. Der andere ist gelb; an ihn und das kräftige Fräulein Meier erinnert sich mein jüngerer Bruder heute noch gern. Und der dritte, der Blaue, war das Reich von Fräulein Eya. Hier zog ich zwei Jahre lang täglich die Schuhe aus und die Finken an, hängte das ‹Znünidäschli› an den Haken in der Garderobe, liess Farbstifte über Papier fahren oder baute mit den roten Holzbauklötzen Piratenschiffe. Es gab Pausenmilch im alten Tetrapack, in heissem Wasser im Schüttstein vorgewärmt, und in Königskronenform geschnitzte Apfelhälften.

Nach zwei Jahren tauschten mein Zwillingsbruder und ich voller Stolz das Kindergarten-‹Znünidäschli› gegen einen Primarschulsack mit Fellrücken – und die beiden Kindergartenlehrerinnen gegen das Fräulein Burgunder. Sie bewegte sich in einer Parfümdauerwolke, deren Grundnote uns Buben betörte.

Doch die Wüste besass letztlich die grössere Anziehungskraft. Sie wurde unser Abenteuergebiet. Wir bauten Hütten zwischen den Büschen und suchten nach Schätzen, brachen dünne Zweige von Sträuchern, zündeten sie an und wussten spätestens nach dem dritten Zug, dass uns ‹Nielen› nie schmecken würden.

Und da war auch noch der Kiosk am flachen Abhang zur Wüste. Alle Kinder des Quartiers drängten sich vor der Auslage, zählten ihre ‹Fümferli› und ‹Zähnerli› und kauften sich dafür Kaugummis mit Abziehbildchen, zähe ‹Fümfermögge›, weiche ‹Heidi-Stängel› und harte ‹Goggi-Fröschli›. Der Kiosk steht schon lange nicht mehr. Auch die Wüste ist verschwunden. Beide haben dem Rauracherzentrum Platz gemacht.

Riehen-Dorf? Das war für uns weit weg, praktisch unbekannt. Das galt auch für das Schwimmbad – als uns gleich beim ersten Besuch der Riehener ‹Badi› unsere Lieblingsbadehosen gestohlen wurden, wollten wir sowieso nichts mehr davon wissen. Im 1960 eingeweihten Bettinger ‹Beedli› fühlten wir uns hingegen wohl. Sportlich eiferten wir den dortigen Schwimmstars nach und kamen uns als halbe VIPs vor, wenn der FCB-Spieler Jürgen Sundermann auftauchte, zusammen mit den beiden kleinen Söhnen und seiner blonden, braungebrannten Frau Monika, bekannt als Assistentin bei der ZDF-Unterhaltungssendung Dalli Dalli.

Da waren wir aber schon keine Kinder mehr, sondern bereits Jugendliche. Und damit kam auch der Tag, an dem wir die Drei-Zimmer-Wohnung In den Neumatten 53 verliessen und in eine grössere zogen. Das Unbekannte sollte unsere neue Heimat werden: Riehen-Dorf. Es wurde uns schnell vertraut.

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