2010

Der Schlussakkord der Gründergeneration

Andreas Schneitter

Die zehnte Ausgabe des Openairs «HillChill» erreichte mit 1700 Besucherinnen und Besuchern einen neuen Rekord. Ein schöner Abschied für den letzten verbliebenen Mitbegründer Lukas Pfeiffer.

Am Anfang schuf Gott, der da auf der Bühne steht in weissem Gewand und langem Bart, Himmel und Erde, aber gleich danach kam Riehen und das «HillChill», dröhnt er, und siehe, es war gut. Und als er sich donnernd von der Bühne verabschiedet, kündigt er noch einen an, der da komme und dessen Stimme machtvoll sei unter den Grossen, und auf die Bühne tritt David Howald, Sänger der Gruppe «Tranqualizer», eines der grösseren Versprechen der Rockstadl Basel der letzten zwei Jahre.

Man muss solche Auftritte wie die Moderation des verkleideten Gottvaters mögen, in denen die Macher des Festivals «HillChill» mit einem ironischen Unterton sich selbst feiern. Im zehnten Jahr der Festivalausgabe ist vieles überwunden, was früher für Konflikte sorgte, und sei es der Allmächtige selbst in Gestalt eines seiner vielen Vertreter auf Erden aber das ist eine Geschichte, die bereits andernorts erzählt wurde.

Das «HillChill» auf dem Hügel an der Westgrenze des Sarasinparks, im Geist «Li'l» geblieben, in Beharrlichkeit und Organisation aber stetig gewachsen, schreibt im Jubeljahr 2010 eine andere Geschichte. Sie taugt weniger zur Anekdote und sorgt eher für Befriedigung als für rote Köpfe. Es ist die Geschichte der Entspannung von zweien, die lange nicht so recht wussten, wie sie miteinander umgehen sollen, die in Ruhe gebettete Stadtrandoase Riehen mit ihren grossen, schönen Parks und Villen und die laute Jugendkultur, die überall, wo sie auftaucht, ihre Freiräume einfordert.

Lukas Pfeiffer ist von Anfang an dabei gewesen, hat die Veränderungen mitgestaltet und ist mit dem Festival gereift. Heute spricht der 30-jährige Mittelschullehrer vom «HillChili» als Kulturevent, hebt Professionalität und Tradition des Festivals hervor und betont die familiäre Atmosphäre des Anlasses, die das «HillChill» von ähnlichen Veranstaltungen abhebe.

Die griffigen Schlagworte sind notwendiges Kommunikationskonzept: Die Schweiz ist das Land mit der grössten Musikfestivaldichte Europas, die Zahl hat mittlerweile die Tausendergrenze überschritten, wobei nur wenige Dutzend eine überregionale Strahlkraft behaupten können. Der weitaus grösste Teil setzt auf dieselbe Karte wie die Organisatoren des «HillChill»: Ein grösstenteils regional besetztes Programm, tiefe Preise, idyllische Atmosphäre. Ein Beispiel: das «Liestal Air», eingebettet in die Liestaler Altstadt, ebenfalls am letzten Juniwochenende durchgeführt. Eine Konkurrenz? Pfeiffer verneint. Den alternativen Charme des «HillChill» finde man anderswo kaum, weder in Liestal noch an all den kleinen Openairs, die in den letzten Jahren in Rheinfelden, in Nünningen oder im Leimental aus dem Boden gestampft wurden und häufig wieder eingegangen sind.

Tatsächlich kommt das «Hilichili» ohne Sponsorenbeiträge aus der Privatwirtschaft aus, «Sonnenschirme von Red Bull trifft man bei uns nicht an», schmunzelt Pfeiffer, und das soll so bleiben. «Im Zentrum soll nur die Musik stehen und nichts anderes», bekräftigt er.

Das tat sie. Nach «Tranqualizer», die ihr Versprechen als Nachwuchshoffnung der Basler Rockszene allmählich einlösen, standen «Sheila She Loves You» auf der Bühne, auch sie kaum dem Teenageralter entwachsen, doch bereits mit klaren Konturen: Hier vermischte sich der scheppernde Sound der 60er-Jahre mit den klirrenden Melodien des Britpop. Das Quartett segelte damit schön zeitgemäss auf der anhaltenden Retrowelle, setzte aber optisch auf Gegentrends: einen Sänger in breit herunterfallenden grauen Trainerhosen sieht man nicht alle Tage.

Der Rest des Hauptprogramms entpuppte sich als solide, ohne experimentell aus dem Rahmen zu fallen: Die unverwüstlichen «Lombego Surfers» gelten mit ihrem schroffen Surfrock seit Jahren als eine der besten Livebands der Region, «The Jackets» aus Bern setzten auf verschwitzten Rock'n'Roll, leidenschaftlich in der Ausführung, jedoch etwas minimalistisch in den Kompositionen. Und das Zürcher Elektroduo «Saalschutz», das mit seinen alten Analogsynthesizern und dem guten Gespür für den absurden Humor auch in Basel längst kein Geheimtipp mehr ist, sorgte für einen furiosen Abschluss.

Mit rund 1700 Personen wurde dieses Jahr ein neuer Besucherrekord erzielt. «Weiter wachsen soll und kann das Festival nicht mehr», sagl Pfeiffer. Das Verhältnis mit den Behörden hat sich «auf einem hohen Niveau» eingependelt, sodass für die Jubiläumsausgabe die bewilligte Spielzeit um eine Stunde bis 24 Uhr verlängert wurde. «Nach 2009 gab es auch dieses Jahr keine einzige Beschwerde von den Anwohnern», freut sich Pfeiffer. Dafür eine ausgeglichene Rechnung. Wie in den Jahren zuvor ist mit einem Gewinn im tiefen vierstelligen Bereich zu rechnen, der als vereinseigene Defizitgarantie zurückgestellt werden soll.

So könnten sie nun weiter machen, die nicht mehr ganz so jugendlichen Riehener, die damals mit ein paar Boxen und einer besseren Proberaumanlage erstmals den Sarasinpark beschallten, weil sie fanden, für die Jungen müsste doch auch hier was möglich sein und nicht immer nur in der Stadt, und die nach neun Jahren mit ihrem Festival so sehr in der Gemeinde angekommen sind, dass es bereits über sie hinausgewachsen ist. Das «HillChill» ist längst nicht mehr eine Veranstaltung nur für die Riehener Jugend, der Grossteil der Besucher kommt aus Basel und der restlichen Agglomeration. Auch vom Organisationsteam lebt keiner mehr nördlich der Langen Erlen. Aus dem Anlass, der zunächst den Charme des Dilettantischen hatte, ist eine bewährte Marke im regionalen Festivalsommer geworden.

Die Gründergeneration tritt demnächst ab. Lukas Pfeiffer ist der letzte, der von Anfang an dabei ist, und er hat bemerkt, welch Klumpenrisiko er für das Festival darstellen könnte. Ab kommendem Jahr wird er die Hauptverantwortung sukzessive abgeben und die tragenden Stellen in der Organisation mit neuen Leuten besetzen. Namen nennt er noch keine, lässt aber durchblicken, dass ein jugendliches Alter, Kontakte zur regionalen Musikszene und fundierte Kenntnisse im Eventmanagement wichtiger seien als eine Riehener Herkunft. Profis sollen es sein, aber junge Profis. Siehe, es kommt gut.

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