2010

Der Dichter und der Archivar

Dominik Heitz

250 Jahre Johann Peter Hebel, 80 Jahre Johannes Wenk-Madoery: Die Beziehungen des alemannischen Dichters zu Riehen und die Beziehungen eines Riehener Kaufmanns zum längst verstorbenen Dichter.

Von Basel nach Hausen und von Hausen wieder nach Basel: Zweimal im Jahr unternahm Johann Peter Hebel seit seiner Geburt am 10. Mai 1760 und bis zum 13. Lebensjahr diese Reise mit seiner Mutter. Der Vater war nicht dabei; Johann Jakob Hebel war an Typhus gestorben, als sein Sohn Johann Peter ein Jahr alt war.

Es war ein Winter- und ein Sommerleben, das Johann Peter Hebel in seiner Kindheit führte. Den Winter verbrachte er in Hausen, wo die Mutter Ursula Hebel einen Hausanteil, genauer ein Obergeschoss besass und Arbeit im Eisenwerk hatte. Den Sommer über lebte er bei der Patrizierfamilie Iselin-Ryhiner; hier war die Mutter als Magd im Haushalt tätig. «Ich bin von armen, aber frommen Eltern geboren, habe die Hälfte der Zeit in meiner Kindheit bald in einem einsamen Dorf, bald in den vornehmen Häusern einer berühmten Stadt zugebracht», schrieb der spätere Pfarrer, Lehrer und Dichter in einer unvollendeten Antrittspredigt über jene Zeit.

Basel und Hausen waren bis 1773 Hebels Fixpunkte. Zwischen ihnen lag der holperige Reiseweg, den er in einem Ochsenwagen abfuhr. Der Weg führte der damals noch nicht kanalisierten Wiese entlang. Dabei kam der junge Hebel auch am Dorf Riehen vorbei; wenigstens sah er dessen Kirche und Häuser.

Wie sehr sich der junge Hebel das ländliche Riehen eingeprägt hatte, wissen wir nicht. Sicher hat es bei ihm nicht jenen nachhaltigen Eindruck hinterlassen wie beim heutigen Gotthardbahn-Reisenden das Kirchlein von Wassen. Doch ganz untergegangen ist es auch nicht; es war - wenn auch im kleinen - fest eingeflochtener Bestandteil seiner Reiseeindrücke. Denn im Gedicht «Die Wiese», einer eigentlichen Ode an den Fluss und seine ihn umgebende Natur und Zivilisation, findet Riehen mehr als nur einmal Erwähnung:

Und derzwische stöhn scharmanti Dörfer und Chilchthürm.
's Brombecher Mummeli chunnt, es chömme Lörecher Rössli,
fresse der us der Hand, und springen und tanze vor Freude,
und vo Baum zue Baum, vo Zell bis füre go Rieche
halte d' Vögeli Jude-Schuel, und orglen und pfife [...]
Aber di Vertraue stoht zum Chlei-Hüniger Pfarer.
Wie de meinsch, se göhn mer denn dur d' Riechemer Matte!
Lueg, isch sei nit d' Chlübi, un chunnt er nit ebe dort abe?
Jo er ischs, er ischs, i hörs am freudige Brusche!
 Jo er ischs, er ischs mit sine blauen Auge,
mit de Schwitzer-Hosen und mit der sammete Chretze,
mit de christallene Chnöpfen am perlefarbige Brusttuch,
mit der breite Brust, und mit de chräftige Stotze,
's Gotthards grosse Bueb, doch wie ne Rothsher vo Basel,
stolz in sine Schritte un schön in sine Gibehrde.

Das Gedicht ist mehr als eine Hymne an den Fluss als Lebensader, mehr als eine Ode an «des Feldbergs liebligi Tochter», die sich am Ende mit dem Rhein als «Gotthards grossem Bueb» verbindet. Es ist auch ein Lob auf die mäandernde Weglinie und die sie miteinander verbindenden Lebensmittelpunkte des ganz jungen Hebel: Basel und Hausen.

Mit dem Tod seiner Mutter im Jahr 1773 auf eben jener Weglinie endete dieser Lebensabschnitt im Wiesental; seine Vormünder schickten Johann Peter Hebel nach Karlsruhe ans «Gymnasium illustre» und später an die Universität Erlangen, wo er - gemäss dem Wunsch seiner Mutter Theologie studierte. Erst 1783 sah er das Wiesental wieder: als Hilfslehrer am Pädagogium in Lörrach. Acht Jahre verbrachte er hier.

Das Lörracher Pädagogium diente hauptsächlich zur Vorbereitung auf die Gymnasialstufe. Zu Hebels Zeit wurde die Schule von 34 bis 60 Schülern besucht - zumeist Söhne von Beamten, Lehrern und Pfarrern aus Lörrach und der näheren Umgebung, aber auch aus Riehen. Denn bis 1798 war Riehen noch Untertanenland; höhere Schulen gab es keine. Auch war der Fussweg von Riehen nach Basel mehr als doppelt so lang wie nach Lörrach. So konnten die Riehener Schüler das Lörracher Pädagogium besuchen.

In jener Zeit lernte Hebel auch Theodor Singeisen kennen, der in Strassburg und Erlangen Medizin studiert hatte und im Haus zur Linde an der Kirchstrasse 1 in Riehen wohnte. Die beiden verband eine Freundschaft, die über Hebels Lehrertätigkeit in Lörrach hinaus reichte.

Als Hebel 1796 wieder einmal in Lörrach weilte und die Franzosen im Markgräflerland wüteten - es herrschten damals die sogenannten Koalitionskriege -, flüchtete Hebel zu seinem Freund Singeisen nach Richen. In einem Schreiben vom 6. November 1796 schilderte Hebel seinem Freund Carl Gmehlin folgendes: «Alles fieng an zu flüchten und davon zu laufen. Zum Glück hatten wir den Schweitzerboden nahe genug. Zwei mal war ich schon mitten durch die wilden wüthenden Horden nach Riechen gewandert und zurückgekehrt. Das 3te Mal blieb ich. Der Tag, an dem man den Angriff erwartet hatte, war vergangen. Nun stand noch eine bange Nacht bevor. Der nächtliche Blick von Riechen ins Wiesenthal war fürchterlich, zu beiden Seiten waren die Anhöhen mit mehr den 200 Wachfeuern besezt. Das ganze Gebirg schien zu brennen, und das ganze Thal war in Rauch verhüllt, frey und gross und wachsam standen die Schweitzerischen Kontingente von Basel und Solothurn und Bern am Ausgang des Thals auf ihren Gränzen, um ihr Vatterland, und was zu ihnen geflüchtet war, gegen alle Anfechtungen von beiden Seiten im Fall der Noth zu schützen.»

Zum 250. Geburtstag von Johann Peter Hebel ist nun ein literaturtouristischer Wanderweg entlang der Wiese gestaltet worden, konzipiert vom Hebelbund Lörrach und allen Gemeinden, deren Gebiet der Weg durchläuft. Die Route führt rund 60 Kilometer meist entlang der Wiese von der Quelle am Feldberg auf bestehenden offiziellen Wegen des Schwarzwaldvereins durchs Wiesental über die Landesgrenze nach Basel an die Wiesemündung und von dort rheinaufwärts zur Schifflände und zu Hebels Geburtshaus am Totentanz 2. Auf dem Weg gibt es 31 Stationen mit Informationstafeln, auf denen eine Kurzbiografie des Dichters, der Streckenverlauf und individuelle Erläuterungen zu finden sind. Drei Informationstafeln sind auch auf Riehener Gemeindebann aufgestellt: beim Wiesendamm an der Grenze zu Deutschland, am Knotenpunkt Erlensträsschen, Bachtelen- und Hutzlenweg sowie beim Eisernen Steg an der Wiese.

Obschon Riehen keine allzu bedeutende Rolle im Leben Hebels gespielt hat, besteht über einzelne Riehener Bürger doch eine Verbundenheit der baselstädtischen Landgemeinde zum alemannischen Dichter. Sie führt über den Nachbarn Lörrach. Dort wurde 1947, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, der Hebelbund Lörrach gegründet, der seine Aufgabe unter anderem darin sieht, grenzüberschreitende Begegnungen zu pflegen - so wie dies Johann Peter Hebel selber getan hat. Und naheliegenderweise sucht der Hebelbund nicht nur Kontakte zu Basel mit seiner seit 1860 bestehenden Hebel-Stiftung, sondern auch zu Riehen. Hier erkannte der Hebelbund neben dem Pfarrer, Historiker und Politiker Michael Raith (1944-2005), den er 1996 mit dem «Hebeldank» auszeichnete, auch Johannes Wenk-Madoery als einen Menschen, der sich mit Hebel befasst.

Der aus einer alteingesessenen Riehener Familie stammende Kaufmann, der in diesem Jahr am 12. März seinen 80. Geburtstag feiern durfte, kam schon als Jugendlicher mit dem Namen des Dichters und Denkers aus Basel und Hausen in Kontakt. Denn in seinem Elternhaus lernte er nach 1945 Besucher aus Lörrach kennen, die sich eingehend mit Hebel befassten. «Es begann 1946, als ich Lörrach anlässlich seines ersten Hebel-Festes nach dem Krieg eine Basler Fahne auslieh», erinnert sich Johannes Wenk. Intensiven Kontakt zum Hebelbund Lörrach hatte er in den 1970er-Jahren, als er zum Mitarbeiter des Hebelbundes ernannt wurde - ohne vorherige Anfrage. Im Jahre 1971 erhielt Wenk einen Brief von Hans Uhi, dem damaligen Hebelbund-Archivar, mit folgendem Inhalt: «Sehr geehrter, lieber Herr Wenk, Aufgrund meines Vorschlags hat die letzte Jahreshauptversammlung Sie als Mitarbeiter in das Präsidium des Hebelbundes, Sitz Lörrach, einstimmig gewählt. Ihre Aufgabe wird es sein, die Verbindungen insonderheit nach Riehen und Basel zu hegen und zu pflegen.»

Bald darauf wurde Wenk noch mit der Aufgabe des Archivars betraut. 2006, als er zum Hebeldank-Träger ernannt wurde, sagte er darüber: «Eine schöne, interessante Arbeit, welche mich mit vielen Menschen aus verschiedenen Ländern zusammenführte. Würde nicht gesammelt, entstünden keine Archive und dies wäre schade, da viel Wissen über Menschen und Landschaften verloren ginge.»

Wenk weiss, wovon er spricht: Zusammen mit seiner Frau Irma Edith führt er das von seinem Vater aufgebaute Familien-, Dorf- und Geschäftsarchiv. Sein Sammeleifer zeigte sich schon im Alter von zehn Jahren, vertiefte und erweiterte sich mit der Zeit, sodass heute eine aufgearbeitete und geordnete Dokumentation vorliegt, die als schier endlose Fundgrube für vieles und viele dienen kann. Briefe, Postkarten und Familiendokumente, die bis ins 18. Jahrhundert zurückreichen, Verträge, Geschäftsbücher, Tonbandaufzeichnungen von Hebelreden - und höchst aufschlussreiche Fotografien über das Alltagsleben in Riehen von gestern und heute finden sich geordnet abgelegt und in gut 360 sorgfältig nachgeführten Alben.

Als Wenk wegen dieses Privatarchivs mit dem Riehener Kulturpreis 1995 ausgezeichnet wurde, sagte der damalige Laudator Christian Schmid: «Wer bei Johannes Wenk in Riehen über die Schwelle geht, betritt so etwas wie eine Zentralkammer des regionalen Gedächtnisses.»

Wenk sagt dazu: «Vieles wurde mir geschenkt oder zugetragen.» Als Riehen noch nicht so viele Zuzüger gehabt habe, sei man mit dem Geschäft noch in der Mitte des Dorfes gestanden; «da kamen die Leute zu uns, wenn sie Fragen an uns hatten und schenkten uns oft Dokumente». So ist eine Sammlung entstanden, mittels derer bis weit über die kommunalen Grenzen hinaus zahlreiche Verbindungen geschaffen wurden. Gerade mit seinem umfangreichen Archiv rund um und über Johann Peter Hebel ist der Träger der JohannPeter-Hebel-Gedenkplakette 1988 gerne auch Anlauf- und Informationsperson von Professoren und Autoren. Unter anderen stand er mit Literatur-Nobelpreisträger Elias Canetti in Kontakt, dem Hebelpreisträger 1980. In einem Brief an Wenk schreibt Canetti: «Es war bis jetzt eine Gewohnheit von mir gewesen, alles, was es von Hebel gibt, immer wieder zu lesen. Nun sehe ich, wie viel Wichtiges es auch über ihn zu lesen gibt. Für diese Einsicht bleibe ich in Ihrer Schuld.» Tatsächlich besitzt Johannes Wenk eine der umfangreichsten Hebelbibliotheken. Die Erstausgabe des «Schatzkästlein» ist hier ebenso zu finden wie eine Ausgabe aus dem Jahr 1820, in der die Karlsruher Künstlerin Sophie Reinhard zwölf grossformatige Radierungen zu einigen Hebelgedichten schuf. Johannes Wenk wurde dieses besonders schöne Buch von einem Bewunderer seiner Sammlung geschenkt. Und von exotischem Reiz ist eine japanische Ausgabe des «Kannitverstan» aus dem Jahr 1950.

Bei all seiner reichen Kenntnis über die Region und Hebel hat es Johannes Wenk nie gedrängt, sein Wissen in einem Buch zu publizieren. «Ich bin ein guter Kaufmann, aber ein schlechter Schriftsteller», sagte er einmal selbstkritisch. Und: «Wissen Sie, man macht das einfach stillschweigend; ich habe immer nur Zudiener sein wollen. Es macht mir Freude, anderen eine Freude zu bereiten.»

Literatur: Viel, Bernhard: Johann Peter Hebel oder Das Glück der Vergänglichkeit, München 2010. Helwig, Heide: Johann Peter Hebel, München 2010, Zumkehr, Hansfrieder: "... noch immer lieber bey den iungen als bey uns alten...": Johann Peter Hebels freundlicher Blick auf den Nachwuchs, aus der Schriftenreihe des Hebelbundes Lörrach, Nr. 51, Lörrach 2006.

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