2010

Zeitlosigkeit und Moderne im Diakonissenhaus

Arlette Schnyder

Schätze und Erinnerungen der Archivarin der Kommunität Diakonissenhaus Riehen, Schwester Heidi Roth.

Biegt man von der Strasse her durch das Tor in den Park des Diakonissenhauses, so ist es, als würde kurz die Zeit stehen bleiben wie auf dem ruhigen Bild des Fotografen Christian Lichtenberg mit der grossen Eiche, die ihren schützenden Schatten wirft. Die hier gezeigten Fotografien stammen aus dem sorgfältig geführten Archiv des Diakonissenhauses. Die Moderne, so wird aus den Bildern klar, hat in der evangelischen Schwesterngemeinschaft längst Einzug genommen. Dennoch gibt es immer wieder Momente in den Räumen und auf dem Gelände der Riehener Schwestern, die uns in kurzer Zeit in eine ganz andere Welt entführen.

Schwester Heidi Roth ist das Herz dieses Archivs. Sie kennt das Mutterhaus im Wandel, sie kennt beide Seiten ihrer Gemeinschaft - diejenige, die nach Kontemplation und Ruhe sucht und deshalb auch im 21. Jahrhundert zeitlose Räume enthält und schafft und diejenige, die mit dem schnellen Schritt der Zeit und mit der modernen Welt in regem Austausch ist. Schwester Heidi war ab 1961 Sekretärin des damals neuen Vorstehers, Pfarrer Hans Pachlatko (Vorsteher von 1960 bis 1988). Die administrativen Aufgaben in jener Zeil waren vielseitig und umfassten unter anderem das Vereinbaren oder Auflösen von Verträgen mit Spitälern und weiteren Aussenstationen, Korrespondenz mit Schwestern, Erstellen von Statistiken sowie Unterstützung des Vorstehers beim Verfassen der monatlichen Schwesternbriefe und Jahresberichte. «Der Stenoblock lag immer bereit, um Aufträge für den Vorsteher zu übernehmen», erinnert sich Schwester Heidi. Nebst all dem wurde sie mit der Aufgabe betraut, ein Archiv anzulegen. Pachlatkos Vorgänger, Pfarrer Fritz Hoch (Vorsteher von 1925 bis 1958), hatte sämtliche Materialien der Zeit seines Wirkens selbst geordnet. Schwester Heidi lernte diese Sammlung bereits damals kennen. Einmal im Jahr verkündete ihre Vorgängerin, Schwester Else, am nächsten Montag wäre Frühlingsputz. «Sie konnte nicht mehr auf die Leiter, so stieg ich hoch und gab ihr jeden Ordner runter, wusch die Gestelle gut und räumte dann wieder ein.» Erst 1988 schaffte sich das Diakonissenhaus Archivschränke an. Unter der Führung von Schwester Heidi wurden die Archive der Ära Hoch und Pachlatko zusammengelegt. Seit dem grossen Umbau des Mutterhauses im Jahr 1998 verfügt das Diakonissenhaus über einen Archivraum im Untergeschoss.

Im kleinen Sitzungszimmer im Stammhaus der 1852 gegründeten Kommunität lässt Schwester Heidi anhand von Bildern die letzten 50 Jahre der Riehener Diakonissen wieder lebendig werden. Dazu tickt die wertvolle Pendule, welche Oberin Sr. Helene Claus-Auberlen (1854-1946, Oberin von 1898 bis 1935) um 1900 aus ihrem Elternhaus mitgebracht hatte.

1961 - Renovierter Speisesaal
«Sie leben ihm alle», hiess es einst im alten Speisesaal. Wer alles «ihm gelebt» hatte, sahen die Schwestern während des Essens. Gründerfiguren, Komiteemitglieder, Hausgeistliche und Oberinnen blickten von den Wänden auf die Schwestern hinab, die in einem grossen Hufeisen sassen, in der Mitte die Oberin, dem Fenster entlang die jüngeren Schwestern. Die zuletzt eingetretene Schwester sass am nächsten der Oberin und trug die Suppenschüssel ab, wenn die Oberin nickte. Als Schwester Heidi als 26-Jährige ins Diakonissenhaus eintrat, musste sie drei Monate lang darauf achten, das Nicken der Oberin nicht zu verpassen. Das Zeichen von Oberin Schwester Marguerite van Vloten zu erkennen war nicht immer einfach, wie sie sich erinnert: «Eine junge Milschwester dachte, die Oberin nicke ihr aus lauter Sympathie zu. Und nickte zurück. Das ging ein paar Mal hin und her, bis sie endlich verstand, dass sie damit das Zeichen erhielt, die Schüssel abzutragen.»

Das Bild des neuen Speisesaals zeigt, wie sehr die Renovation des Stammhauses, die 1962 abgeschlossen wurde, das tägliche Leben der Schwestern beeinflusste. Die Schwestern sassen nun an langen Tischen, die Oberin nicht mehr im Zentrum. Die Bilder der Komiteemitglieder und Oberinnen fanden einen neuen Platz im Treppenhaus des Stammhauses und der neue Spruch schloss alle ein: «Es werden kommen vom Morgen und vom Abend, von Mitternacht und von Mittag die zu Tische sitzen werden im Reich Gottes» (Lk. 13,29).

1964 - Diakonissen rücken ein
Dienstpflichtig waren die Krankenschwestern - auch unter den Diakonissen - mit einem Diplom des Schweizerischen Roten Kreuzes. Sie mussten, wie auch die Männer, Wiederholungskurse absolvieren. Dispensiert vom Dienst wurde man nur mit einem triftigen Grund. Schwester Heidi arbeitete ab 1958 als Kranken- und Operationsschwester im Grenzspital Grabs und war deshalb von militärischen Kursen befreit. Ihre Ausrüstung, die sie im Zeughaus gefasst hatte, ist im Dienstbüchlein festgehalten: ein Soldatenmesser, ein Stahlhelm, ein Leibgurt, ein Rucksack des FHD und eine blaue Schürze. Das Tenü für Ordensschwestern im Rotkreuzdienst war genau reglementiert: Ausgangsanzug waren die «zivilen Ordenskleider und die Ordenshauben». Dienstanzug war die schwere blaue Schürze, die über der Tracht getragen werden musste. Mit 50 Jahren musste Schwester Heidi alles abgeben ausser dem Rucksack. «Mit dem ging ich die ersten zwei bis drei Jahre noch wandern. Aber er war nicht bequem.» 1977 wurde sie ausgemustert und leistete in der Basler Kaserne Zivildienst. Als einzige Frau unter 60 Männern lernte sie, auf verschiedene Arten Feuer zu löschen.

1973 - Eine Kinderkrippe für die Angestellten
Bis in die 1970er-Jahre hatte jeder Arbeitszweig - das Spital, die Psychiatrische Klinik Sonnenhalde, das Pflegeheim Moosrain, die Feierabend- und Schwesternhäuser - eine eigene Küche, die jeweils von Diakonissen geleitet wurde. 1970 begann man mit dem Bau einer Zentralküche und bereits 1971 konnte die Personalkantine eröffnet werden. Die direkt am Spital angebaute Küche wurde vom Diakonissenhaus geführt. Einige Diakonissen, auch ältere Schwestern, arbeiteten in der Küche mit. Zudem war man nun auf externe Arbeitskräfte angewiesen: ein Küchenchef, Köche sowie Hilfskräfte, vor allem aus den damaligen Einwanderungsländern Spanien, Italien und Portugal wurden eingestellt. Auf Anregung der Belegschaft gründeten die Schwestern Ende 1973 eine Krippe für die Kinder der Mitarbeitenden. Ludwig Bernauer hielt 1974 die neue Institution fürs Archiv fest. Relativ bald wurden professionelle Krippenleiterinnen und Kleinkinderzieherinnen angestellt. Bis heute führt die Kommunität Diakonissenhaus die Kinderkrippe «Rägeboge» mit einem Leistungsauftrag der Einwohnergemeinde Riehen.

1975 - Die Waschküche
Der Betrieb im Diakonissenhaus Riehen wuchs in den 1970er-Jahren nicht zuletzt deshalb, weil viele der Schwestern in den Ruhestand traten und zurück in ihr Mutterhaus kehrten. 1965 wurde das heutige Wohn- und Gästehaus an der Schützengasse 54 mit 72 Zimmern eröffnet. Das Haus entschied sich dazu, Dienste zu zentralisieren. Die Fotografie der Wäscherei des Diakonissenhauses von 1975 zeigt einen modernen Betrieb, in welchem jüngere und betagte Schwestern gemeinsam wirkten. Zusätzliche Arbeitskräfte wurden notwendig, da die Wäscherei damals noch die Wäsche des Spitals erledigte. Im obersten Stockwerk der ökonomie befindet sich bis heute die Nähstube, in welcher die Diakonissentrachl unter der Leitung von Schwester Rösli Walser genäht, geflickt oder angepasst wird. «Zweimal im Jahr zirkuliert ein Büchlein, da kann man Kleiderwünsche einschreiben», erklärt Schwester Heidi. Wo früher die Wäsche gebügelt und verarbeitet wurde, schlafen heute in den Sommerferien Kinder oder Teenager während den von jungen Schwestern geleiteten Ferienlagern.

1980er-Jahre - Schulen der Diakonissen
Nebst den grossen Einrichtungen mit vielen Angestellten - wie auf der Fotografie der Zentralküche aus dem Jahr 1982 von Christian Lichtenberg - war das Diakonissenhaus ein wichtiger Ausbildungsort. So betrieben die Diakonissen die Schule für Psychiatrieschwestern in der Klinik Sonnenhalde, die Schule für Krankenpflege, die sich bis 1973 im Spital befand, und die im Diakonissenhaus untergebrachte Marthaschule, die ein hauswirtschaftliches Lehrjahr anbot. Die Ausbildung zur Krankenschwester in Riehen war in der ganzen Schwciz bekannt. Auch die evangelische Vorschule für Pflegeberufe hatte zeitlich befristet von 1966 bis 1987 einen wichtigen Auftrag insbesondere für Anwärterinnen und Anwärter für Pllegeschulen, welche eine ergänzende Allgemeinbildung benötigten. Das Bild von Ludwig Benlauer zeigt Schwester Esther Herren beim Unterricht im Jahreskurs 1980/81. Sie unterrichtete Chemie und Physik. Heute betreibt die Kommunität keine öffentlichen Schulen mehr.

1990 - Der Spaziergang
Die Schwestern, die da übermütig von Bettingen her über sommerliche Wege Richtung Riehen eilen, sind auf dem Sonntagsspaziergang. Schwester Heidi hat es erlebt: Einst war der Spaziergang am Sonntag für die jungen Probeschwestern ein Muss. Die angehenden Diakonissen spazierten in Begleitung der Probemeisterin auf die Chrischona oder 2002 - 150 Jahre Diakonissenhaus Seit den 1950er-Jahren war die Gemeinschaft der Diakonissen stetig kleiner geworden. Der Grossteil der rund 100 Schwestern, die heute in der Gemeinschaft leben, sind über 60 und haben die Zeit des Kleinerwerdens und der Neu- orientierung miterlebt. Stand zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch die Arbeil der Schwester in Spitälern oder in sozialen Institutionen im Vordergrund, hat sich heute die Gewichtung verlagert: Die Lebensform der Diakonisse als Glied einer Gemeinschaft ist in den Vordergrund gerückt. Im neuen Jahrtausend besinnen sich die rund 100 Schwes- tern grundsätzlich auf die ordensmässige Lebensform der Schwesterngemeinschaft und nennen sich seit 2008 «Kommunität Diakonissenhaus Richen». Das Bild von Sr. Claudia Jablonka zeigt die Vorbereitungen für die Jubiläumsfeier in der Kapelle im Jahr 2002. Mit kritischem Blick und Massstab befestigen die Schwestern das Wort Hoffnung - Teil des Jubiläumsmottos: «Zeichen der Hoffnung».

Die Kleidung der Riehener Schwestern hat sich über die Jahrzehnte hinweg wenig verändert. Grundsätzliche überlegungen über die Identität der Schwesterngemeinschaft als evangelische Ordensgemeinschaft und praktische Gründe führten dazu, dass die Schwestern nach einem mehrjährigen Meinungsfindungsprozess in den 90er-Jahren die gestärkte Haube durch einen Schleier ersetzten.
 
Literatur und Quellen:
Zwei Gespräche der Autorin mit Sr. Heidi Roth, 3.6.2010 und 9.6.2010, darin enthalten Auskünfte von Sr. Ursula Rohner und Sr. Erika Spörri. Jahresberichte und Dokumente des Archivs des Diakonissenhauses Riehen. Kellerhals, Seiler, Stuber: Zeichen der Hoffnung. Schwesterngemeinschaft unterwegs, Basel 2002.

Schnyder, Arlette et al.: Riehen. Ein Portrait, Basel 2010.

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