2010

Meine Zeit in Riehen

Urs Widmer

Der Umzug nach Riehen war für mich ein Sturz aus dem Paradies in die Hölle. Das Paradies war mein Kindheitshaus auf dem Basler Bruderholz gewesen (1938-1948), von dem ich mit der Gewissheit eines Kindes angenommen hatte, dass ich immer da bliebe, ewig, zusammen mit Papa, Mama und meiner Schwester Nora. Dass ich dieses lichtdurchflutete Haus, diesen blumenumwucherten Garten, meinen Spezi Franzjoggi und sogar meinen Onkel E., der im gleichen Haus wohnte und mich nicht besonders mochte, jemals verlassen könnte, war mir nicht vorstellbar.

Aber so kam es. Der Onkel E., dem das Haus gehörte, stellte uns ziemlich jäh auf die Strasse, und ich war umso geschockter, als auch meine Mama diese Kündigung als das schlimmstmögliche Ereignis empfand. Sic war so sehr aus den Fugen, dass mein Papa - er war gewiss nicht unglücklich, den verbiesterten E. loszuwerden - der sein musste oder konnte, der die Entscheidung des Schicksals mit stoischer Gelassenheit hinnahm. Was Nora dachte, weiss ich nicht mehr.

Jedenfalls, da waren dann die Zügelwagen (rote, von der Firma Keller), ich machte mit Franzjoggi ein letztes Mal das Kalb und warf mit seiner Hilfe eine Matratze aus der Mansarde in die Garageneinfahrt. Aber dann waren wir in diesem Riechen, von dem ich vorher nur gehört hatte, weil meine Tante Norina inzwischen in Bettingen wohnte (sie war mit jenem E. verheiratet gewesen und hatte den Braten früher als wir gerochen). Wir zogen in eine Vierzimmerwohnung an der Bettingerstrasse ein, alles andere als eine Hölle, aber in jener kollektiven Stimmung einer bestürzten Depression gewiss nicht das höchste unserer Gefühle. Kein Garten mehr, kein Franzjoggi, ein Zimmer wie ein Schlauch und eine Mama, die im Nebenraum schluchzte. Papa schrieb zwar gleich wieder vergnügt auf seiner Schreibmaschine, und Nora gab sich mit einer Couch im Wohnzimmer zufrieden: ich war dennoch unübersehbar in einer Welt angekommen, in der neue und schmerzhaftere Regeln als bisher zu gelten schienen.

Ein ganzes Haus voller Mieter war mir neu. über uns die Familie H., die aus England kam und die ich nicht verstand, gegenüber Madame und Monsieur S. die (Madame) stets davon sprachen, dass die Waschküche nicht blitzsauber und sekundenpünktlich übergeben worden sei beziehungsweise (Monsieur), dass der Pöstler seine Post wieder in den falschen Kasten getan habe und dass daran die Kommunisten schuld seien. Auch ging Monsieur S. immer zu Fuss in sein Büro, das in Basel war, sodass er täglich mehrere Stunden auf Wanderschaft war und Blasen an den Füssen hatte, woran natürlich auch ces sales communistes schuld waren. (Mein Vater hörte in jenen Jahren gerade damit auf, einer zu sein; nicht wegen Monsieur S. allerdings). Auch gab es einen Hausmeister, Herrn Sutter, der so laut sprach, dass auch die Erwachsenen, die weniger verzagt als ich waren, im Sturmwind seines Sprechens zitterten.

Der grösste Schock aber war mein Schulwechsel. Ich kam aus einer Schule, in der (was mir nicht im geringsten bewusst war) die Erziehungsbehörden allerlei progressive Unterrichtsmöglichkeiten ausprobierten (zum Beispiel waren wir Buben und Mädchen, ich sass neben Rosemarie Fasnacht) und die ein helles freundliches Gebäude gewesen war. Fräulein Leu!

Ein Schatz von Mensch. Und nun war ich im Erlensträsschen, im damals noch alten Erlensträsschen, in einer Klasse nur aus Buhen und mit einem Schulunterricht, den nur autoritär zu nennen eine Untertreibung wäre. Unser Lehrer, Herr L., war ein dürrer Mann ohne die geringste Zartheit und ohne jeden Humor, der mit Holzlatten Tatzen verteilte. Er schüchterte mich gehörig ein und hat mit seiner herzlosen Sturheit erheblich dazu beigetragen, dass aus mir - der bis anhin ganz gern in die Schule gegangen war, einer wurde, der in der Schule litt (auch später noch, im Gymnasium dann). Einer der schönsten Augenblicke meines Schullebens war gewiss, als zwei drei Buben aus meiner Klasse (ich war für so etwas zu feige) eine tüchtige Portion Zucker in den Benzintank des Velosolex des Herrn L. taten und wir dann zusahen, wie dieser in edler Würde davontuckerte. Er kam nicht weit, noch in Sichtweite (beim Polizeiposten vorn) war seine Fahrt zu Ende. Da stand er, Herr L., und schaute ratlos aufsein stumm gewordenes Motörchen. Das war Glück, eine neue Art von Glück, die ich nun also kennenlernte und die mir auch gefiel.

Wir fanden dann bald, nach drei, vier Jahren, ein schönes Haus an der Wenkenstrasse, eine regelrechte Villa, die allerdings ziemlich aus den Fugen war, weil die Besitzerin, eine Schulfreundin meiner Mama, das Andenken ihres längst toten Vaters so konsequent hochhielt, dass sie keinerlei Veränderungen an dem zuliess, was der Papa noch gesehen hatte. Der status quo war heilig. Also rostete das Vordach über dem Eingang so heftig vor sich hin, dass es wie ein Sieb aussah, und als wir das Haus erstmals besichtigten - mein Vater war hingerissen, meine Schwester entzückt, ich begeistert und meine Mutter geschockt -, stürzte ein Teil der Balkonbrüstung in den Garten, als sich mein Vater gegen sie lehnte.

Der Ballustradenteil blieb dann jahrelang da unten im Gras, wie eine griechische Skulptur. Auch waren überall Brennesselgesträuche, die so bleiben mussten, weil das Fräulein Doklor - so ihre offizielle Anrede; sie war ein Fräulein geblieben und wollte, dass wir das respektierten - es so wollte. Aber das Haus war herrlich. Platz jede Menge, verstaubte Winkel, ein geheimnisvoller Estrich und eine Heizung, Zentralheizung!, die ähnlich viel Kohle wie eine Lokomotive des Orient-Express verschlang und trotzdem das Haus nie warm kriegte.

Apropos Orient-Express und Lokomotive. Ich wurde schon bald die Stütze eines Transportunternehmens, das mein Cousin Thomas zusammen mit seinem Freund Thomas B. gegründet hatte und das den Personen- sowie Güterverkehr zwischen St. Chrischona, Bettingen und Riehen sicherstellte. Die beiden Thomasse waren die Direktoren des Unternehmens. Ich hatte sämtliche andern Funktionen inne und war also Lokomotivführer, Billeteur und Vorstand der Station Wenkenstrasse in einem. Das Rollmaterial bestand aus drei Leiterwagen, die, je nach Bedarf, einzeln oder als Doppelkompositionen verkehrten. Die Stammstrecke führte von Bettingen Landhausweg am Friedhof (Halt auf Verlangen) vorbei das sogenannte Täli hinunter, durch den Wenkenpark, bis zur Wenkenstrasse und dann bis hinab nach Riehen Kirche, wo wir den Anschluss an die BVB gewährleisteten. Ich muss zugeben, dass wir die Linie selten in ihrer ganzen Länge bedienten, schliesslich mussten wir ja die Leiterwagen zuerst auf die St. Chrischona hochziehen, und die Diakonissen und Pilgersleute von dort verschmähten unser Angebot, obwohl wir Fahrpläne an den Haltestellen aushängten. Alles in allem transportierten wir, von den Schwestern der Beteiligten einmal abgesehen, in den ganzen Betriebsjahren einmal einen erwachsenen Passagier, einen Vollzahler, meine Mutter nämlich, die sich vor nichts fürchtete und also auch nicht vor unsern riskanten Talfahrten, bei denen der Lokführer vorn im Leiterwagen hockte und die Deichsel zwischen den Füssen hielt. Alle Fahrzeuge waren mit hochwirksamen Bremsen ausgerüstet. Man musste mit einer Kurbel drehen, und dann wurden zwei Bremsklötze auf die Hinterräder gedrückt. In der Tat kam es einmal zu einem spektakulären Unglück, als eine Lang-Komposition auf Talfahrt - glücklicherweise ohne Passagiere - in hohem Tempo aus der Bahn geworfen wurde und samt Lokführer und Transportgut (einem Korb Kirschen) in einem Gebüsch verschwand, dessen Verwundung ich noch jahrelang mit genussvollem Schaudern sah, wenn ich daran vorbei spazierte. Thomas B., einer der beiden Direktoren, hatte die Kontrolle verloren, kam aber mit Schürfungen im Gesicht und an den Händen davon. Natürlich wurde der Vorfall von einer Kommission, die aus meinem Cousin und mir bestand, sorgsam untersucht und dokumentiert. Vielleicht ist mein Cousin Thomas dieses Unfalls wegen später ins Versicherungswesen gegangen und hat dort eine steile Karriere gemacht.

Die Jahre flogen vorüber. Der erste Kuss, der zweite Kuss, der dritte. Ich blieb im Haus meiner Eltern wohnen, auch als ich erwachsen war, hatte da eine Mansarde, aus der ich weit in die Welt hinaus sehen konnte, bis zum Tüllinger Hügel hin auf jeden Fall. Ich glaube, ich traute mich (von den Jahren 1960 und 1961 abgesehen, wo ich in Frankreich war) nicht endgültig aus dem Haus, weil ich meinte, dass mein Vater sofort sterbe, wenn ich ihn allein liesse. Allein mit meiner Mutter. Er starb dann trotzdem, 1965, nach einem heissen Sommerabend, an dem ich mit meiner Mutter im Zirkus Knie gewesen war. Mein Vater hatte mich, als wir aufbrachen, traurig angesehen und gemurmelt: «Bleib heute da, mir gehts nicht gut.» Und ich sagte: «Aber du weisst doch, Papa, wir haben Karten Für den Zirkus, und ich bin ja spätestens um elf zurück». Als wir heimkamen, wars ruhig in seinem Zimmer, er schlief, dachte ich, er schlief tatsächlich, er starb erst im Morgengrauen, als ich endlich eingeschlafen war. Das heisst, ich fuhr aus dem ersten Tiefschlaf in die Höhe, weil ich ein Geräusch gehört hatte, wie ich noch nie eins gehört hatte. Ein endgültiges Geräusch, fern, als sei im Zimmer unter meinem ein Baumast zerbrochen. In weniger als zwei Hundertstelsekunden war ich die Treppe hinabgerast und stand vor meinem Papa, der verkrümmt unter dem Lavabo im Badezimmer lag. Er atmete, er atmete noch, aber ich wusste sofort, das war der Tod. Ich schleifte ihn, irgendwie, auf sein Bett und rief Doktor Block an, der - er kam vom Pfaffenloh - keine fünf Minuten später da stand. Er trug einen Regenmantel über seinem Pyjama und Pantoffeln. Mein Vater war schon tot. Meine Mutter stand jetzt auch da, weiss wie eine Wand.

Nun wurde es Zeit, dieses Riehen zu verlassen. Es dauerte dann doch bis Anfang 1967 bis ich es tat. Nach Riehen bin ich trotzdem immer wieder zurückgekommen, gern, auch wenn das Haus nicht mehr zu erkennen ist (gänzlich umgebaut; quietschgelb; Fräulein Doktor würde sich im Grab umdrehen, wenn sie das sähe) und auch der alte Bahnhof längst verschwunden ist, den ich so liebte, weil er, schon damals aus der Zeit gefallen, in irgendeinem Wilden Westen zu stehen schien, ein Ort der Sehnsucht, gerade weil damals nie ein Zug ankam oder wegfuhr.

^ nach oben