2010

Hast du deinen Pass?

Valentin Herzog

Erinnerungen von Valentin Herzog, der in den Sechzigerjahren von München nach Riehen zog.

Was für eine Frage, dachte ich anfangs. Doch sie hatte ihre Berechtigung, denn ohne Pass kam man in den 1960er-Jahren von Riehen aus nicht weit - weder nach Norden noch nach Osten oder Westen. Einzig der Süden war offen: Basel und das mir noch fremde Land Schweiz.

Für Einheimische tat es an der Grenze auch der kleine, ins Portemonnaie passende Personalausweis, der hier merkwürdigerweise «Identitätskarte» hiess. Ausländer aber hatten den Reisepass mitzuführen, in den irgendwo der Vermerk eingestempelt war, dass man, obgleich Bürgereines anderen Staates, das Recht besitze, auf eidgenössischem Boden zu wohnen und zu arbeiten.

Ich war jung und frisch verheiratet. Ich teilte meine Tage zwischen Universität, Unterricht und den neuartigen Freuden eines Lebens zu zweit, bald zu dritt und mit vielen Gästen am flackernden Kamin oder am runden, mit Wedgewood und Silber gedeckten Biedermeiertisch. Wir empfingen unsere Freunde in edlem Dekor, aber in der Kasse herrschte meist Ebbe, und so fuhren wir halt nach Lörrach, wo man ein Entrecote eher bezahlen konnte, oder nach St. Louis, wo eine kleine Weinhandlung «vin rouge ll» in mitgebrachte Flaschen füllte, aber auch - welch ein Luxus! - Côtes du Rhône oder Beaujolais feilbot.

«Hast du deinen Pass?»

Jeder Grenzübertritt war ein Abenteuer. Die Zöllner wollten immer meine Papiere sehen, und jedes zweite Mal winkten sie mich zur Seite, hiessen mich warten, bis sie im telefonbuchdicken Fahndungsregister meinen Namen wieder einmal nicht gefunden hatten. Bei der Rückkehr kamen noch Fragen nach etwaigen Einkäufen dazu: «Hänzi Waare?» Dann hiess es oft: «Kofferraum öffnen!» Werkzeug, Abschleppseil, Picknickdecke und eine alte Regenjacke wurden misstrauisch beäugt. Trotzdem mochten wir die Zöllner, die «Zi-Waare», wie wir sie bei uns nannten. Sie taten ihre Pflicht. Ein junger Mann mit halblanger Mähne, Manchesterhosen und Rollkragenpulli musste ihnen auch vor 1968 ein bisschen suspekt vorkommen. Aber sie konnten auch verständnisvoll lachen, wenn die zulässigen Freimengen im kleinen Grenzverkehr geringfügig überschritten waren.

Noch heute denke ich mit einer gewissen Rührung an meinen Umzug in die Schweiz. Der alte Opel meines Vaters, mit dem ich kurz vor der Hochzeit am Zoll an der Weilstrasse vorfuhr, hing sichtlich schwer in den Federn, denn ich hatte meinen gesamten Besitz, insbesondere ein paar hundert Bände deutsche Klassiker hineingepackt. Auf die mir damals noch wenig vertraute Frage, ob ich «Waren» mitführe, fiel mir keine gescheitere Antwort ein als: «Ja, ein Buch für meine Braut.»

«Hast du deinen Pass?»
 
Der Zöllner liess sich den Kofferraum öffnen, guckte einen Moment etwas konsterniert hinein, brach dann, statt, wie ich befürchtet hatte, ein peinliches Verhör zu beginnen, in fröhliches Gelächter aus und wünschte mir viel Glück und eine schöne Hochzeit.

«Hast du deinen Pass?»

Dort, wo ich herkam, brauchte man einen Pass vielleicht zweimal im Jahr für eine Urlaubsreise, den Rest der Zeit verstaubte er in einer Schublade. An meinem neuen Wohnort musste ich das unhandliche Ding für jeden besseren Sonntagsspaziergang einstecken, und vor allem auch dann, wenn man mal Lust auf ein, zwei Viertele Gutedel hatte. Ich gewöhnte mich daran. Gerade wegen der eng gezogenen Grenzen erschien mir Riehen als eine von Deutschland und Kleinbasel eingeschlossene Insel freundlichen Wohllebens. Bald kannten wir alle Nachbarn. Wurden auf der Strasse gegrüsst, auf der Post nicht abgefertigt, sondern nett bedient. In der Bank hiess es bald «Grüezi, Herr Herzog», wenn ich wieder mal ein paar Franken ins Sparheft eintragen liess. Metzgerei und Kolonialwarenladen waren Orte, wo man Beratung fand und Neues erfuhr, Milchmann und Bäcker kamen täglich ans Haus, Migros und ACV (Coop) erschienen mir, verglichen mit dem Münchner Tengelmann, als glitzernde Einkaufsparadiese.

Was kümmerten mich die Sprachprobleme, die ich all diesen netten Leuten aufhalste, wenn ich einen Laden betrat und freundlich «Guten Tag» wünschte. Mit der Zeit lernte ich, dass es manches vereinfachte, wenn man auch als Einwanderer mit «Guete-Daag» grüsste. Danach mochte man Schriftdeutsch reden, soviel man wollte - die Antworten kamen locker im Dialekt.

«Hast du deinen Pass?»

Ich bin Pazifist aus tiefster Überzeugung. Auf der Insel Riehen aber gab es in den ersten Jahren kein schöneres Erwachen, als wenn einzelne Gewehrschüsse mit lang hallendem Nachklang fielen, vielleicht das leise Rauschen eines Frühlingsregens übertönten. Denn das bedeutete: Sonntag, Ausschlafen, Frühstücksei, langen Spaziergang mit Frau, Kinderwagen - und Reisepass. Ich wusste, dass Schiessen hierzulande weniger als Sport, sondern als vergnügt dilettantische Vorbereitung für einen undenkbaren Ernstfall betrieben wurde. Dennoch erschienen mir die Sonntagmorgenschüsse als Verheissung ewigen Friedens.

Ich wusste freilich auch, dass es auf der Insel Riehen nicht immer so friedfertig zugegangen war: Kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs hatte ich mit meiner Mutter ein halbes Jahr bei Riehener Verwandten verbracht. Auf einem Waldspaziergang Richtung Hornfelsen stiessen wir auf eine brutal in die Vegetation gefräste Schneise und einen gefährlich aussehenden Stacheldrahtverhau. «Du armer Wald, was hat man dir angetan!», rief meine naturliebende Mutter. Damals fand ich das ergreifend. Später las ich von Menschen, deren Flucht an diesem über mannshohen Zaun gescheitert war und die man wenig später in Auschwitz umgebracht hatte.

«Hast du deinen Pass?»

Immer noch stehen an gewissen Stellen, an denen ein Weg die Landesgrenze quert, verwitterte Schilder mit der amtlichen Aufschrift: «Grenzübergang für Fuss- und Radwanderer mit gültigen Grenzübertrittspapieren, ausgenommen visumpflichtige Ausländer. Das Mitführen von Waren und Motorfahrzeugen ist verboten.»

Wer entziffert das heute noch? Vor fünfzig Jahren war es nicht unbedingt ratsam, den amtsdeutschen Drohfinger zu ignorieren. Sonntagsspaziergang auf der Chrischona. Wir verspüren plötzlich Lust auf ein Brettchen mit Schwarzwaldspeck, nehmen, obwohl wir diesmal keine Ausweise in der Tasche haben, den breiten Waldweg nach Rührberg. Wenige Meter hinter dem lächerlichen Schlagbäumchen, das heute noch den Weg sperrt, hüpft ein Bundesgrenzschützer aus den Büschen. «Ausweise bitte!»

«Tja», sage ich, «tut mir man leid, aba di hammwa usjerechnet heute vajessn.»

«In Ordnung - ik höre ja, klarer Fall, Sie könn' passieren.» Anderthalb Stunden später am gleichen Ort, nur ein paar Meter weiter westlich, tritt uns ein eidgenössischer Grenzwächter entgegen: «Uuswiis bitte!»

Jetzt ist es an meiner Frau, gebürtiger Baslerin: «Loose Si, 's isch is laid, aber mir hänn si vergasse ...»

«Scho rächt, i höör jo, dass ihr Schwiizer...»

Wie einfach, dachte ich damals, wäre das Leben, wenn sprachliche Nuancen immer ein vergessenes Papier ersetzen könnten.

«Hast du deinen Pass?»

Manchmal erinnere ich mich an die historische Frage, wenn ich aufs Velo steige, um eine kleine Tour durch drei Staaten Europas zu drehen. Nicht im Traum fiele mir heute ein, dafür einen Ausweis einzustecken.

«Ich brauche keinen Pass mehr!»

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