2009

Theater aus Leidenschaft

Franz Osswald

Für ihr lebenslanges Theaterschaffen und für dreissig Jahre Atelier-Theater erhielten Dietlind und Dieter Ballmann den Riehener Kulturpreis 2008 verliehen.

«Sehn wir doch das Grosse aller Zeiten/Auf den Brettern, die die Welt bedeuten,/Sinnvoll still an uns vorübergehn./ Alles wiederholt sich nur im Leben,/Ewig jung ist nur die Fantasie;/Was sich nie und nirgends hat begeben,/Das allein veraltet nie!»

Die Formulierang «die Bretter, die die Welt bedeuten» - laut Wörterbuch eine gehobene Umschreibung für die Bühne am Theater - stammt aus Friedrich Schillers Gedicht «An die Freunde». Als ich im Internet besagtes Gedicht suchte, unterlief mir ein kleines, aber folgenreiches Missgeschick, im übertragenen Sinne ein «Freud»scher Fehler: Ich schrieb statt «An die Freunde» «An die Freude» und Schiller hat eigentlich erfreulich, aber in diesem Falle ungeschickt auch zu besagtem Thema die passenden Worte gefunden; ein Gedicht, das wohl alle kennen, zumindest vom Hören her: «Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium», lautet der Anfang des Gedichts.

So ganz falsch lag ich damit dennoch nicht, denn Freude, ja sogar Leidenschaft und Freunde braucht, wer auf der Bühne bestehen möchte. So kommt es nicht von ungefähr, wenn Theaterfreunde auf der Homepage des Atelier-Theaters wie folgt begrüsst werden: «Verehrte und liebe Freunde unseres Theaters, Theater machen wir aus Freude, Liebe und Leidenschaft zu unserem Beruf. Wir bieten einen hochkarätigen Spielplan mit guten Besetzungen für überzeugende Produktionen.»
 
Die Bretter, die die Welt bedeuten, die Bühne also, müssen nicht unbedingt in New York, London, Paris, Berlin, Wien oder Mailand stehen, damit sie die Welt bedeuten, nein, es genügt dazu Riehen. Denn besagte Bretter bedeuten nur für Menschen die Welt, deren Leidenschaft fürs Theater zum Lebensinhalt geworden ist. Und das ist sie für Dietlind und Dieter Ballmann. Ein Zweites sollte in den richtigen Relationen betrachtet werden: In der «Ode an die Freude» heisst es: «Seid umschlungen, Millionen». Auch dessen bedarf ein vom Theater infizierter Schauspieler/eine infizierte Kostüm- und Bühnenbildnerin nicht unbedingt. Zumal sich im AtelierTheater in den vergangenen dreissig Jahren - und wenn wir noch weitere dreissig Jahre und viele Jahrzehnte dazufiigen würden - kein Millionenpublikum umarmen liesse. In Riehen wird für jene gespielt, die kommen. Von einem «vollen Haus» kann man genau sprechen, wenn die vorhandenen ungefähr einhundert Plätze besetzt sind.

Damit sind wir beim Ort des Geschehens angelangt, beim Atelier-Theater. Für Dieter Ballmann war es ein Glücksfall, als er 1978 an der Baselstrasse 23 im «Hus bym Kilchhof»

sein Kellertheater einrichten konnte. Der gesamte Raum entspricht knapp der Grösse einer normalen Theaterbühne. Die Grösse definierte sich aber im Atelier-Theater nie in Metern und Zentimetern, sondern an den Künstlerinnen und Künstlern, die hier ein- und ausgingen. Mit Toni Vescoli begann im Herbst 1979 das Programm, Ruedi Walter, Hans-Dieter Hüsch, Hanne Wieder, Franz Hohler, der unverwüstliche Emil, Inigo Gallo, Ines Torelli, Fritz Wepper, Rainer Hunold, Michael Birkenmeier - er damals noch ein weitgehend unbekannter Kabarettist - gaben sich die Klinke in die Hand oder standen auf den Brettern, die die Welt des Dieter Ballmann und von 1990 an auch jene von Dietlind Ballmann bedeuten. Nebst dem Atelier-Theater kamen Ballmanns Produktionen bei den Wenkenhofspielen zwischen 1978 und 1985 zur Aufführung.

Doch das kleine Kellertheater dient nicht nur als Aufführungsort, es ist sozusagen die Wiege vieler Produktionen, die mit Ballmanns 3-Länder-Theater auf Tournee gingen. «Den Hit meines Lebens» nennt Dieter Ballmann das Stück «Drei Männer im Schnee». Mit Inigo Gallo und Ruedi Walter stand er in diesem «Renner» mehr als vierhundert Mal auf der Bühne. Im Atelier-Theater ist es wohl «Die Zauberflöte für Kinder», die man getrost und im besten Sinne als Dauerbrenner bezeichnen darf und mit Sicherheit besser gesungen wird als meine «Ode an die Freude» von vorhin; obwohl ich einst - ich muss es gestehen - Gesangsunterricht bei Philipp Steiner genoss, der die Rolle des Papageno seit vielen, vielen Jahren singt und heute diese Feier mit seiner schönen Stimme umrahmt.

Wenn wir gerade bei einem Vogel mit buntem Kleid wie dem Papageno angelangt sind, dann ist dies die Gelegenheit, auf das unentbehrliche Mitwirken von Dietlind Ball mann überzuleiten. Mit ihrer Theaterarbeit verhält es sich gewissermassen wie mit Mani Matters Lied «Betrachtige über nes Sändwitsch»;

«Was isch es Sändwitsch ohni Fleisch - s isch nüt als Brot/ Was isch es Sändwitsch ohni Brot - s isch nüt als Fleisch.» Zugegeben, das Fleisch am Theater ist ohne Zweifel das Spiel an und für sich. Doch sowohl um die Schauspieler herum als auch um die Bühne gibt es eben noch etwas, das unerlässlich ist, um das Publikum über den textlichen Inhalt im wahrsten Sinne ins Bild zu setzen: Kostüme und Bühnenbild - sie dienen, ohne sich aufzudrängen, der Schau im Spiel. Ohne beides wäre das Theater, mit Mani Matter gesprochen, eine «brotlose» Kunst. Ja, Bühnenbild und Kostüme sind nicht einfach das «Drumherum», denn ohne dieses - sie erinnern sich vielleicht an Christian Morgensterns Lattenzaun ohne Zwischenraum: «Der Zaun indessen stand ganz dumm, mit Latten ohne was herum» - würden die Schauspielerinnen und Schauspieler ebenfalls etwas «dumm» herumstehen, auch wenn heutzutage in zeitgenössischen Inszenierungen das Adamskostüm zur gängigen Garderobe zählt.

«Dumm herumstehen», das tun die Schauspielerinnen und Schauspieler in Ballmanns Inszenierungen nicht, taten sie noch nie, denn Qualität ist ein Grundprinzip, an das sich die gelernte Kostüm- und Bühnenbildnerin Dietlind Ballmann und der Schauspieler, Regisseur, Produzent und Autor diverser Stücke, Dieter Ballmann, stets gehalten haben. Wenn die beiden Theaterleute ihre Produktionen mit «literarischem Theater» umschreiben, dann genügt ein Blick auf die Liste der Theaterproduktionen und deren Verfasserinnen und Verfasser, um diese Aussage zu bestätigen: Ephraim Kishon, Friedrich Dürrenmatt, Erich Kästner, Eugène Ionesco, Patrick Siiskind, Oscar Wilde, William Shakespeare, Agatha Christie, Klaus Mann, Jean Anouilh und, und, und ...

Stücke mit Qualität waren und sind eine Grundbedingung, um das Atelier-Theater am Leben zu erhalten, ein Theater ohne feste Subventionen. Von Mal zu Mal müssen sich die Ballmanns nach dem Brotkorb strecken. Ein Ausruhen auf den Lorbeeren vergangener Zeiten ist nicht möglich, obwohl die in den letzten dreissig Jahren gesammelten Zweige mittlerweile ein schönes Ruhekissen ergeben würden. Und Dieter Ballmann sagt es deutlich: «Ohne das Tourneetheater wäre das Riehener Atelier-Theater nicht überlebensfähig.» Wer indessen als Produzent gewohnt ist, das Risiko zu tragen, gibt zum Glück nicht so schnell auf, da sich Dietlind Ballmann nicht nur auf Kleidsames versteht, sondern ebenso aufs Nackte: auf die nackten Zahlen des Billettverkaufs und der Buchhaltung. Auch das braucht es, um erfolgreich bestehen zu können.

An dieser Stelle wäre es vermutlich angebracht gewesen, ein paar Zahlen anzuführen, nicht nackte, sondern mit erläuternden Worten zu wichtigen Lebensstationen umgarnte. Sie wären aber in diesem literarischen Stück ein Fremdkörper, sodass wir lieber gleich zum letzten Akt übergehen.

Zum 20-Jahr-Jubiläum konnte man in einem Text von Dominik Heitz im «Riehener Jahrbuch» lesen: «Eine theaterlose Zeit ist für Dieter Ballmann kein Thema. Ich habe schon immer leidenschaftlich gerne geschauspielert.» Eine Leidenschaft, die zuweilen auch Leiden schafft. Dass im Wenkenpark nur noch Kaffee getrunken wird, die geistige Nahrung in Form des Schauspiels aber nicht mehr auf der Speisekarte steht, ärgert Dieter Ballmann noch heute. Das beweist doch einmal mehr die Liebe des Wahlrieheners zum Theater und zu Riehen, denn was sich liebt, das zankt sich hin und wieder.

Doch nicht ärger, sondern Freude (ja, diesmal ohne «n») soll heute im Zentrum stehen - und ein grosser Dank. «Freude heisst die starke Feder in der ewigen Natur; Freude, Freude treibt die Räder in der grossen Weltenuhr», lesen wir in Friedrich Schillers «Ode an die Freude». Liebe Freunde des Theaters, für das lebenslange Theaterschaffen von Dietlind und Dieter Ballmann und für dreissig Jahre Atelier-Theater verleiht die Gemeinde Riehen den beiden Genannten den Kulturpreis 2008.

In diesem Zusammenhang eine Bemerkung zu Loriots «Frühstücksei». Es mag sein, dass für ein Frühstücksei drei Minuten genügen, für ein überraschungsei wie den Riehener Kulturpreis können es dreissig Jahre und mehr sein. Aber auch da ist der richtige Zeitpunkt eine Frage des Gefühls; in diesem Fall bin ich mir sicher, dass sich unser Gefühl nicht geirrt hat.

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