2009

Geistliches Zuhause und Ort der Begegnung

Karin Müller

Die Freie Evangelisehe Gemeinde Riehen blüht und baut am Erlensträsschen ein neues Begegnungszentrum für vierhundert Gläubige und Freunde.

Der grosszügige Sakralraum mit Empore und MultimediaInfrastruktur, in dem die Freie Evangelische Gemeinde FEG Riehen in Zukunft ihre sonntäglichen Gottesdienste und monatlichen Lobpreisfeiern abhalten wird, bietet bis zu vierhundert Besucherinnen und Besuchern Platz zum Sitzen. Neben dem Sakralraum verfügt das neue Begegnungszentrum im Untergeschoss über einen grossen, vielseitig nutzbaren Festsaal für zweihundert Personen mit Gastroküche sowie sechs Schulungsräume für Gruppen und Seminare, über Büros für die Pastoren im ersten Stock und ein für Apéros nutzbares Foyer im Eingangsbereich. Zum Komplex gehören zudem vier Maisonnettewohnungen mit viereinhalb bis fünfeinhalb Zimmern, die vermietet werden. Statt Autoparkplätze wird es neunzig Veloparkplätze geben.

Eine Gemeinde mit Visionen «Wir wollen als Gemeinde wachsen. Junge Menschen werden ermutigt und gefördert. Wir werden einen Jugendpastor anstellen. Der Neubau soll bald realisiert werden.» Diese «Vision» veröffentlichte René Leuenberger, der Präsident der FEG, im Jahre 2005 im Gemeindebrief «Gemeinde aktuell». Zur gleichen Zeit wurde der Jugendpastor Simon Kaldewey eingestellt und seit 2006 ist die Kinder- und Jugendarbeit im Projekt «Onestream» zusammengefasst, das Kinder ab vier Jahren bis ins Erwachsenenalter mit altersgerechten Angeboten durch alle Phasen des Lebens begleitet. Dieses Jahr wurde nun der letzte Vorsatz verwirklicht: Am Erlensträsschen 47 entstand das neue Gemeindezentrum, das Ende Oktober 2009 feierlich eingeweiht und eröffnet wurde.

Die FEG hat ihre Wurzeln in der pietistischen Gemeinschaftsbewegung, die in Riehen bis ins frühere 18. Jahrhundert zurückreicht. 1913 schlössen sich die verschiedenen christlichen Vereine, damals noch zur Kirche gehörend, zu einem «Verein für Gemeinschaftspflege und Evangelisation» zusammen. 1911 erwarb der Evangelist Jakob Vetter das Grundstück am Erlensträsschen, auf dem der Verein 1913 mit dem Bau des «Christlichen Vereinshauses» begann, das im folgenden Jahr bezogen wurde. Nachdem sich der Verein von der Landeskirche losgelöst hatte, gab er sich in den Sechzigerjahren freikirchliche Strukturen. Seit 1998 gehört die FEG zum «Bund Freier Evangelischer Gemeinden in der Schweiz» und ist Mitglied der Schweizerischen Evangelischen Allianz.

Verbindliehe Beziehungen leben Jeder, der an Jesus Christus glaubt, kann Mitglied der Freien Evangelischen Gemeinde Riehen werden oder wie es Pastor Kipfer ausdrückt: «Die Mitgliedschaft ist die persönliche ver bindliche Beziehung zu Jesus und zur Gemeinde.» Die FEG lädt zu Hauskreisen, Bibel- und Gebetsabenden. Sie hat ein regelmässiges Angebot für Seniorinnen und Senioren mit Ausflügen, Themanachmittagen, Bibelbetrachtungen und Mittagstisch.

Vor allem bietet die Gemeinde mit «Onestream» ein umfassendes Programm für Kinder und Jugendliche: Kinderhüte während des Gottesdienstes; «Kids Treff», die Sonntagschule für Vier- bis Zwölfjährige; «Jungschar» für Kinder von acht bis vierzehn Jahren; «phosphor» für Teenager von dreizehn bis siebzehn Jahren mit Lounging, Lobpreis, Bibellektüre und Sport; ein dreijähriges «training» für Jugendliche im Alter von zwölf Jahren, zu vergleichen mit dem Konfirmationsunterricht in der reformierten Kirche; die Gruppe «take off» für junge Erwachsene von siebzehn bis siebenundzwanzig Jahren. Schon die Jüngsten werden mit einbezogen und alle sollen an den Angeboten der FEG teilnehmen können, zum Beispiel Mütter mit Babys. Ihnen steht während der Gottesdienste ein geschützter Raum zur Verfügung, von dem aus sie die Feier zusammen mit den Allerkleinsten verfolgen können.

Ein Wagnis im Gottvertrauen Die Freie Evangelische Gemeinde Riehen zählt zurzeit hundertsiebzig Mitglieder. Dazu kommen ungefähr hundertfünfzig Freunde und Zugewandte sowie hundert Kinder und Jugendliche, welche regelmässig die Angebote von «Onestream» nutzen. Für all diese Menschen und ihre Bedürfnisse war es im heute 95 Jahre alten «Vereinshaus» schon lange zu eng. Dem Neubau gingen bis zum Spatenstich am 6. Mai 2008 zwanzig Planungsjahre voraus. Es wurden Ideen gesammelt, Pläne gezeichnet, studiert und geändert und auf Einsprachen reagiert. René Leuenberger ist seit 1994 dabei und präsidiert die Baukommission: «Ein solches Projekt ist ein Prozess und braucht viel Vorarbeit. Für eine Gemeinde, deren einzige Einnahmequelle aus freiwilligen Beiträgen besteht, ist es zweifellos ein Wagnis, ein solches Bauvorhaben zu realisieren», betont Leuenberger. Ein Wagnis, das man im Vertrauen auf Gott auf sich nehme.

Jeder trägt bei, was er kann Die FEG ist als Verein organisiert und erhebt im Gegensatz zur reformierten und katholischen Landeskirche von ihren Mitgliedern keine Steuern. Fest angestellt sind nur Pastor Ernst Kipfer und der Jugendpastor, zu je hundert Prozent. Alle anderen Mitarbeitenden engagieren sich freiwillig und ehrenamtlich. Achtzig Prozent der Mitglieder leisteten einen unentgeltlichen Beitrag ans Gemeindeleben, schätzt Leuenberger, von der Mithilfe beim Briefversand über Kinder- und Jugendarbeit und musikalische Einsätze bis zu Gebetsaufträgen. «So funktionieren wir, jeder ist ein Teil der Gemeinde und trägt bei, was er kann. Unsere Gemeinde lebt davon, dass sie den Mitgliedern die Möglichkeit bietet, sich nach ihren Möglichkeiten einzubringen und zu entfalten», sagt der Präsident.

Ein Neubau für 6,2 Millionen Franken Um den Neubau zu finanzieren, wurde ein Baufonds eingerichtet, der mit Spenden von 2,4 Millionen Franken geäufnet wurde. Gottesdienstsaal, Foyer, Büros und die Hauswartwohnung mit drei Zimmern kosten 3,5 Millionen Franken, Küche, Esssaal, Jugendraum und Schulungsräume für diakonische und gemeinnützige Tätigkeiten 2,7 Millionen Franken. Die Kosten für den Wohnungsbau von 2 Millionen Franken sollen durch die Einnahmen für die Mieten gedeckt werden. über 41 000 Franken kamen am 15. Juni 2008 bei einem Sponsorenlauf im Sarasinpark zusammen. Eigenleistungen der Gemeindemitglieder wie Maler-, Schreiner- und Umgebungsarbeiten sollten die Baukosten ebenfalls senken helfen. Weitere finanzielle Entlastung erhofft man sich von der Vermietung des grossen Saals sowie des Mehrzwecksaals und der Schulungsräume. Doch auch wenn die Kosten eingehalten werden, musste ein wesentlicher Anteil fremd finanziert werden. Dies werde die Rechnung der Gemeinde in den nächsten Jahren erheblich belasten, sagt René Leuenberger.

Eine Gemeinde für Familien Das neue Haus soll vor allem genügend Platz bieten für die Aktivitäten der Freien Evangelischen Gemeinde, es soll auch ein Ort der Begegnung für alle Einwohnerinnen und Einwohner von Riehen werden. «Wir wollen eine Gemeinde der Generationen, eine Familiengemeinde sein und wir wollen hier Begegnungen leben», sagt Pastor Ernst Kipfer. Die FEG legt Wert darauf, dass das neue Gebäude nicht nur ein Gemeindehaus ist, sondern die Funktion eines Begegnungszentrums hat. «Wir möchten sehen, wie es mit neuem Leben gefüllt wird. Menschen sollen dort ein geistliches Zuhause finden. Menschen, die heute noch keine Ahnung haben, was für unseren Gott alles möglich ist: Heilung, Versöhnung, Befreiung, ewiges Leben», schreibt die FEG auf ihrer Homepage und macht sich Gedanken über die weitere Entwicklung der Gemeinde.

Veränderungen stehen an Denn während die katholische und reformierte Landeskirche von Basel-Stadt stetig Mitglieder verlieren, kennt die FEG Riehen diese Probleme nicht. Im Gegenteil: «Es gilt, die von den Gemeindebauern «200er-Schwelle» genannte Hürde zu nehmen», heisst das nächste Ziel. Die Zahl der Gemeindemitglieder hat einen kritischen Wert erreicht. Zurzeit ist sie «noch klein genug für persönliche Beziehungen, aber gross genug, um ein ansprechendes Programm anbieten zu können». Wächst die Gemeinde weiter, wie sie es plant, könnte das ihre familiäre Struktur bedrohen.

Schon jetzt denkt man über Massnahmen nach, die es der FEG erlauben, neue Mitglieder zu werben, ohne dafür den gemeinschaftlichen Charakter opfern zu müssen. Die Vorschläge gehen von der Anstellung weiterer Pastoren über die personelle Erweiterung der Gemeindeleitung bis zur Ausdehnung der Angebote: ein zweiter Gottesdienst für Jugendliche; Programme für Kinder, um Familien zu erreichen; die öffentlichkeitswirksame Umstrukturierung von Hauskreisen; die Betreuung und Integration von Neumitgliedern in speziellen Kleingruppen.

Mit dem Bau des neuen Begegnungszentrums wird die Entwicklung der Gemeinde vorangetrieben. Auch daran sollen sich alle Mitglieder beteiligen: «Wir wünschen uns, dass du beim Bau unserer Gemeinde hilfst.» Denn: «Als Gemeinde stehen wir vor einer spannenden Veränderung.»

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