2008

Es brennt im Dorf

Rolf Zenklusen

Eine unheimliche Brandserie hält das Dorf in Atem, noch fehlt der Polizei der rote Faden.

Eine Brandserie versetzt Riehen in Angst. Vom März 2005 bis Juni 2008 ereignen sich über dreissig Brände, bei denen Brandstiftung vermutet wird. Auch das über 150-jährige Haus an der Bahnhofstrasse 1 und ein Teil des Bäumlihofgutes werden ein Raub der Flammen.

Am 31. März 2005 brennt am Bettingerweg ein Gartenhaus. Niemand kann sich vorstellen, dass dieses Feuer der Beginn einer unheimlichen Brandserie ist. Am 20. November 2005 wird die Pfadihütte im Sarasinpark durch ein Feuer zerstört. Acht Tage später brennt an der Steinengasse in Bettingen ein leer stehendes Haus. Gleich zweimal geht im Dezember im Sarasinpark ein Abfallcontainer in Flammen auf. «Wie bei zwei früheren Hausbränden geht die Polizei von Brandstiftung aus», notiert die «Basler Zeitung» (baz).

Am 9. Januar 2006 verwendet die «baz» erstmals das Wort «Brandserie», nachdem tags zuvor eine Scheune an der Lörracherstrasse in Flammen stand. Nach dem Brandausbruch sei auf dem Gelände ein Mann gesehen worden, melden Medien. Am Karfreitag 2006 brennt die Pfadihütte im Sarasinpark noch einmal - wieder wird ein verdächtiger Mann gesehen, der vom Brandort davonrennt.

Vom März 2005 bis Mitte April 2006 haben sich in Riehen über zehn Brandfälle mit Verdacht auf Brandstiftung ereignet, wie die Staatsanwaltschaft Basel-Stadt (Stawa) vorrechnet. «Wir wissen nicht, ob es immer derselbe Täter ist oder ob es Nachahmer gibt», sagt Stawa-Sprecher Peter Gill in der «baz».

Belohnung von 5000 Franken Im Areal SpiUelmaUen/Spittelmatthof zerstört am 22. April ein Feuer ein Gartenhaus. Daraufhin gibt die Stawa bekannt, dass eine Belohnung von 5000 Franken ausgesetzt wird für Hinweise, die zur Ergreifung des mutmasslichen Brandstifters führen. «Die Belohnung war für uns ein logischer Schritt», sagt Gemeindepräsident Willi Fischer, der im Gemeinderat für die Sicherheit zuständig ist. Er hat sich bei jedem Brandfall persönlich um die Betroffenen gekümmert und den Medien Auskunft erteilt. Als sich abzeichnete, dass es sich um eine Brandserie handelt, habe der Gemeinderat nicht lange gezögert und mit der Stawa beschlossen, die erwähnte Belohnung auszusetzen, sagt Fischer.

Genützt hat es vorerst wenig: Auf dem Landauerareal wird am 7. Mai 2007 ein weiteres Gartenhäuschen ein Raub der Flammen. «Glücklicherweise wurde bei allen 17 Brandfällen in Riehen noch nie jemand verletzt», erklärt Stawa-Sprecher Peter Gill. Bei der Ermittlung des Täters tappt die Polizei im Dunkeln: «Wir können ein derart grosses Gebiet nicht 24 Stunden lang kontrollieren», sagt Gill.

Wachen aufziehen?

Familiengärtner diskutieren, was sie unternehmen können. «Damals war es ein Thema, ob man Wachen aufziehen will. Doch wir kamen von dieser Idee wieder ab», erinnert sich Walter Bucher, Präsident des Zentralverbands der Basler Familiengärtnervereine. Am 18. Juni brennt ein weiteres Gartenhäuschen am Hutzlenweg.

Dann ist fünf Monate Ruhe. Bis zum 6. Januar 2007, als im Familiengartenareal Landauer erneut ein Feuer auflodert: Ein Stall brennt aus, zwei Kaninchen verenden dabei. Am 15. Januar 2007 geht die unheimliche Serie mit dem Brand einer Toilettenanlage im Sarasinpark weiter. Dann dauert es bis zum Sommer 2007, bis sich weitere Brände ereignen: Am 9. Juli brennen eine Minimulde und ein Handkarren; die Stawa geht wieder von Brandstiftung aus. Danach bleibt es einige Monate ruhig in Riehen.

Historisches Gebäude brennt Anfang 2008 kommt es knüppeldick: Regelmässig werden die Bewohnerinnen und Bewohner von Furcht erregenden Bränden aufgeschreckt. Das Feuer in einer Privatschule Anfang Januar wurde nicht absichtlich gelegt. Sehr viel Glück im Unglück haben die Betroffenen am 3. Februar: Nach Mitternacht bricht im Keller des Mehrfamilienhauses an der Bahnhofstrasse 1 ein Feuer aus. Die drei Personen, die sich im Haus befinden, können sich in Sicherheit bringen; das historisch wertvolle Gebäude aus dem Jahr 1841 wird jedoch zu einem beträchtlichen Teil zerstört. Es wird Brandstiftung vermutet.

Am 9. März steht an der Lörracherstrasse ein Abstelllager in Flammen und die Stawa spricht mittlerweile vom 25. Brand, bei dem man Brandstiftung nicht ausschliessen kann. Am 26. März brennt es in der Alterssiedlung an der Oberdorfstrasse. Wieder Brandstiftung, schreibt die Stawa, bezweifelt aber, dass es sich um denselben Täter handelt wie bei den meisten anderen Fällen.

Bäumlihofgut in Flammen Der grösste Schock folgt am 30. März: Um ein Haar wäre das denkmalgeschützte Bäumlihofgut total abgebrannt. Dank dem raschen Eingreifen kann die Feuerwehr einen Grossteil des Bauernhofes retten. Brandstiftung ist sehr wahrscheinlich: Die Stawa sagt, der «Gartenhaustäter» vom vergangenen Jahr könnte dahinter stecken. Eine Frau hat zuvor einen Mann Mitte sechzig gesehen; sein altmodisches Fahrrad stossend, sei er um die Scheune geschlichen. Bei der Polizei gehen viele Hinweise ein; trotzdem kann niemand verhaftet werden. Und die Serie reisst nicht ab: Am 5. April brennt ein Schopf vis-à-vis dem Friedhof Hörnli.

Die Brandserie ruft die Politik auf den Plan. Einwohnerrat Eduard Rutschmann reicht im Auftrag der SVP Riehen einen parlamentarischen Auftrag für mehr Sicherheit ein. Beim Zivilschutz und der Feuerwehr sollten Personen rekrutiert werden, um in Form einer Bürgerwehr die mangelnde Polizeipräsenz zu beheben, fordert Rutschmann. «Der Einsatz von Amateuren ist heikel, der eine könnte gegen den anderen arbeiten. Und wir wissen nicht, wie der Täter reagiert, wenn er von Amateuren gestellt wird», erwidert Gemeindepräsident Willi Fischer. Der Gemeinderat vertraue voll auf die Profis der zuständigen Organe. Der Antrag Rutschmann wird im Einwohnerrat mit 34 zu vier Stimmen abgelehnt.

Derweil gehen die Brände weiter: Am 8. Juni bricht in einem alten Landwirtschaftsbetrieb in Bettingen ein Feuer aus. Am 16. Juni brennt auf dem Gewerbeareal an der Lörracherstrasse ein Velounterstand. Und am 30. Juni geht im Gartenareal «Weilmatten» Grün- und Häckselgut in Flammen auf. Alle drei Vorfälle zählen die Behörden zur Riehener Brandserie, die sich seit 2005 auf über dreissig Fälle ausgeweitet hat.

Speichelproben der Feuerwehr «Zwei Drittel der Brände tragen die gleiche Handschrift. Ausgesucht wurden Objekte, die in einer dünn besiedelten und leicht zugänglichen Zone liegen», zieht Stawa-Sprecher Markus Melzl Bilanz. «Wir gehen davon aus, dass der oder die Täter in Riehen leben oder lange hier gelebt haben.» Verdächtigt werden auch Feuerwehrleute: Die Angehörigen der Berufs- und Bezirksfeuerwehr geben Speichelproben ab. Doch keines der DNA-Profile passt zu den Spuren an den Tatorten.

Am 6. Juli widmet die «NZZ am Sonntag» der Brandserie eine Doppelseite. Und Mitte August 2008 kann die Polizei ein Phantombild des mutmasslichen Täters veröffentlichen. Etwa 60 Jahre alt sei der Mann und rund 180 Zentimeter gross. Er habe einen stechenden und wirren Blick, ein hageres Gesicht mit eingefallenen Wangenknochen. «Seine Haare sind grau und nach hinten gekämmt», schreibt die Polizei.

Noch keinen roten Faden Gemeindepräsident Willi Fischer gibt die Hoffnung nicht auf, dass der Täter bald erwischt wird oder sich freiwillig stellt. «Politiker stossen in solchen Fällen an Grenzen; wir können nicht mehr tun. Diese Ohnmacht ist deprimierend», sagt Fischer. «Ich hoffe, dass es gelingt, das Problem mit vereinten Kräften zu lösen.» Anfang September sieht es so aus, als wären die Ermittler dem Täter auf der Spur. Nach der Veröffentlichung des Phantombilds sind 60 Meldungen bei der Polizei eingegangen. Die Ermittler sind daran, die Meldungen sauber abzuarbeiten. «Den roten Faden haben wir noch nicht gefunden», sagt Stawa-Sprecher Markus Melzl am 1. September.

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