2008

Die Informations-Drehscheibe

Daisy Reck

«Riehen ... erleben»: Unter diesem Titel fassen die Dokumentationsstelle der Gemeinde und der Verkehrsverein seit Beginn des Jahres 2008 ein neuartiges, reizvolles Angebot zusammen. Es handelt sich um eine vielseitige Palette von koordinierten Führungen. Sie werden unter dem Motto «Riehen ... à point» monatlich nach einem festen Programm für ein breites, sich spontan einfindendes Publikum durchgeführt und sie werden unter der Devise «Riehen ... à la carte» gemäss individuellen Wünschen für Gruppen organisiert. Mit «Riehen ... supplément» ergänzt man die Offerte für den ganz persönlichen Bedarf. Nachdem bereits 2007 mit einer Art von Hauptprobe das Interesse an solchen Gästeführungen getestet worden war und man einen grossen Erfolg hatte verzeichnen können, wurden diese Veranstaltungen nun definitiv zu einem Bestandteil der kulturellen Bereicherung. Der sympathische Flyer, der bei der Gemeinde bezogen werden kann und der an vielen Orten im Dorf aufliegt, lässt erahnen, welch lohnende Rundgänge, Besichtigungen und Ausflüge beispielsweise «Riehen ... à point» anbietet. Bei allen geht es darum, sich näher auf einen ungewöhnlichen, lebendigen und liebenswerten Fleck Erde einzulassen. Unter der Leitung von Persönlichkeiten, die mit der Thematik verwachsen sind, schaut man hinter Hofmauern, über Grenzen oder auf Landschaften. Häuser, Gärten und Namen, die man bisher bloss oberflächlich kannte, werden zu Vertrauten. Und unter Verheissungen wie beispielsweise «Riehen ...

Daisy Reck
verewigt, mystisch, feudal, erntefrisch oder dynamisch» bricht man auf zu lohnenden Zielen. Wo nun aber inspirieren sich diese Persönlichkeiten, die zugleich kompetent, informativ und unterhaltsam die Führungen präsentieren und woher beziehen sie den Stoff, den sie so lebendig vermitteln? Die Quelle verbirgt sich hinter einer Glastür im Erdgeschoss des Gemeindehauses. Gleich linkerhand beim Eingang. Dort findet man die Dokumentationsstelle. Sie ist in einem gewissen Sinne die Informations-Drehscheibe des Dorfes.

Die Informations-Drehscheibe Im Riehener Gemeindehaus bietet die Dokumentationsstelle wertvolle Dienstleistungen und Unterlagen an: für die Mitarbeitenden der Verwaltung und für die Bevölkerung, die forschen will.

Die Dokumentationsstelle der Gemeinde Riehen ist der zentrale Ort zur Aufbewahrung von Dauer für wertvolle Unterlagen. Damit ist sie eine aktive Mitgestalterin der gesellschaftlichen überlieferung. Sie leistet sinnvolle, unverzichtbare und von keiner anderen Institution gleichwertig zu ersetzende Arbeit. Und sie stellt die Ergebnisse ihrer Arbeit allen zur Verfügung, die sich für überliefertes interessieren. Die gegenwärtige Form der Dokumentationsstelle ist aus dem Zusammenschluss des Gemeindearchivs und des Historischen Grundbuchs im Jahr 2003 hervorgegangen. Das Gemeindearchiv Riehen besteht als Dienstleister seit 1976. Anfänglich wurde es in den Räumlichkeiten des Neuen Wettsteinhauses untergebracht; durch den schrittweisen Bestandesausbau bezog es dann die ehemaligen Räume der Gemeindebibliothek im Gemeindehaus. Die Gemeinde ist nach dem Archivgesetz des Kantons Basel-Stadt verpflichtet, alle wichtigen Akten und Dokumente aufzubewahren. Das Gemeindearchiv erfüllt diesen gesetzlichen Auftrag zentral ab 1976 und bearbeitet und bewahrt das behördliche Schriftgut seit dem Jahr 1930 auf. Es sichert damit die jüngere Vergangenheit des Dorfes. Verwaltungsunterlagen der Gemeinde Riehen vor 1930 sind im Staatsarchiv BaselStadt zu finden. Ergänzend zu den offiziellen Akten, wurden seit den Anfängen des Gemeindearchivs eine umfangreiche Zeitungsdokumentation sowie eine Foto- und Negativsammlung aufgebaut.

Durch die erwähnte Fusionierung des Gemeindearchivs mit dem Historischen Grundbuch gliedert sich nun die Dokumentationsstelle in fünf Gruppen: - Im Verwaltungsarchiv lagern die Akten der Gemeinde, die aus der Zeit nach 1930 stammen: Es sind, um das Hervorstechende zu nennen, Entscheide, Anträge, Protokolle, Rechnungen, Steuerregister und Einwohnerstatistiken. Hier kommt zum Tragen, dass die Dokumentationsstelle die Mitarbeitenden der Gemeinde in allen Bereichen der Schriftgutorganisation berät, ihre Unterlagen übernimmt und viel zur Steuerung und Eindämmung der zunehmenden Informationsflut beiträgt.

- In der Abteilung Privatarchiv übernimmt die Dokumentationsstelle nichtstaatliches Dokumentationsgut von Kirchen, Parteien, Vereinen, Stiftungen und Privatpersonen in Form von Depots oder Schenkungen, um ein ganzheitliches Bild vom dörflichen Leben zu erhalten.

- Im historischen Archiv ist gehortet, was aus der Zeit vor 1930 stammt: Es betrifft meist Kopien, deren Originale im Staatsarchiv aufbewahrt werden.

- Bei den Sammlungen finden wir die Fotodokumentation, die Zeitungsbelege sowie die Bibliothek. Dabei umfasst die Fotoabteilung ein umfangreiches Material an Bildern, Dias und Negativen seit den Anfängen des 20. Jahrhunderts: Man pflegt damit die Erinnerung an Personen, Strassen und Institutionen. Dabei bieten die Zeitungsbelege, abgelegt in thematischen Dossiers, gegliedert nach Sachgebieten und Personen, eine zeitgeschichtliche übersicht: Man berücksichtigt Artikel aus der «Riehener Zeitung», der «Basler Zeitung», der «Basellandschaftlichen Zeitung» und der «Badischen Zeitung». Und dabei umfasst die Bibliothek Nachschlagewerke sowie heimatgeschichtliche Literatur über Riehen, benachbarte Dörfer und Städte: Man hat es zu tun mit einer Handbibliothek und der nachgelassenen, neu und vorzüglich geordneten historischen Bibliothek von Michael Raith.

- Was das Historische Grundbuch angeht, so ist man konfrontiert mit etwas ganz Besonderem und mit viel Engagement Verbundenem: Man findet hier eine Fülle von Informationen über die Geschichte eines jeden historischen Gebäudes von Riehen und seiner Bewohner. Bescheidene Anfänge gehen auf die frühen Sechzigerjahre und auf die private Initiative von Fritz Lehmann zurück. Doch erst 1982 konnten die Früchte des langwierigen Unternehmens im Neuen Wettsteinhaus zusammengefasst werden. Hier hatte man nun die Möglich keit, eine geordnete Auswertung aller kirchlichen und staatlichen Register über Grund und Boden, von Plänen, Abbildungen und Literatur vorzunehmen. Chronologisch wurde das Material vom jüngsten Stand rückwärtsschreitend bis ins 15. Jahrhundert aufgearbeitet. Aber je weiter die konsequenten Bemühungen fortgeführt wurden, je mehr wuchs das Bedürfnis, die wertvolle Sammlung mit dem Gemeindearchiv zusammenzulegen. Was denn auch geschah. Sorgfältig wurde die Integration vollzogen. Und heute findet man das Historische Grundbuch im hinteren Teil der Dokumentationsstelle. Es ist ihr faszinierendster Bestandteil. Nicht nur weil es in der Atmosphäre stimmig unter einer kostbaren, farbig bemalten, aus dem Bcckschcn Landgut vor dem Abriss hierhin geretteten Balkendecke aus dem 17. Jahrhundert seinen neuen Standort hat. Sondern weil hier die glanzvollsten Schätze des gesamten Archivs lagern. Sie bieten den Fundus für Führungen und Kurse. Sie sind eine Schatztruhe für künftige Generationen. Und sie sind, dank der Personenkartei, der liebste Aufenthaltsort für alle, die Familienforschung betreiben. Bei den zugehörigen historischen Dokumenten, die mit denjenigen des Gemeindearchivs vereint wurden, haben wir auch die Illustrationen zu diesem Artikel aufgespürt. So das farbenprächtige Titelblatt zur Sammlung verschiedener Dokumente, die Mühle in Riehen betreffend, zusammengestellt von Theobald Höner und dessen Sohn Philipp Höner. So die prachtvolle Doppelseite, ein Teilstück aus einer ganzen Mappe mit Plänen über das Berowergut, hergestellt von Geometer Enkerlin für den damaligen Besitzer Emanuel Hoffmann. Und so eine kalligrafische Schriftprobe aus dem zierlichen Buch von Salome Legrand, geborene Christ, die «Briefe an meine Freundin im Himmel» verfasst hat. All dies sind alte, wertvolle Kostbarkeiten, die neben ebenso alten und ebenso wertvollen anderen Kostbarkeiten auf Interessierte als Fundgrube warten. Dass sie hier so gut geordnet aufbewahrt sind, verdankt man vor allem Albin Kaspar, der sich jahrelang mit ihnen beschäftigt hat.

Da die Dokumentationsstelle ein öffentliches Informationszentrum ist, das für Benutzer aus der Verwaltung und aus allen Bevölkerungsgruppen zur Verfügung steht, kann jedermann nach solchen Schätzen fahnden. Die Archivalien sind, unter der Einhaltung des Datenschutzes, frei zugänglich. Und die Suche nach ihnen wird freundlich und kompetent von einem Team, das Gaspare Fodera leitet, unterstützt. Von dieser Dienstleistung wird immer mehr Gebrauch gemacht. Denn seit man die verschiedenen Archive zusammengeführt hat, ist ihr Bekanntheitsgrad gestiegen. Das erfordert zwar mehr Zeitaufwand von den Zuständigen. Doch sind die Recherchen auch mit der Freude verbunden, dass die Zuneigung zu überliefertem nicht erloschen ist und dass der Zeitgeist nicht so oberflächlich ist, wie man ihn bisweilen brandmarkt.

Wie wichtig diese Zuneigung zu überliefertem ist und wie wichtig es vor allem in Riehen ist, dass es einen Ort gibt, wo dieses überlieferte gesammelt und gepflegt wird, wurde bereits vor Jahren in einer Broschüre betont. Sie ist unter dem Titel «Schaufenster der Dorfgeschichte» herausgegeben worden. Was dort Michael Raith im Nachwort schrieb, tönt wie ein vorweggenommener Beweis für den Sinn der Dokumentationsstelle in ihrer heutigen Form: Riehen, heisst es dort, sei seit Jahrhunderten Siedlungsgebiet. Neandertaler, Kelten, Römer und ihre Nachfahren hätten Spuren hinterlassen. Hier lebe eine selten reiche Geschichte. Eine aufgeweckte Bauernschaft, frühe Kirschen, begehrter Wein, berühmte Gäste, prachtvolle Landsitze hätten «das Dorf», lange bevor es begehrter Wohnvorort der nahen Stadt Basel wurde, zu einem begehrten Gegenstand historischen Forschens gemacht. Grund dafür sei nicht nur die ausgezeichnete Quellenlage, sondern vor allem die Erkenntnis, dass ein redlicher Blick vorwärts immer den Blick zurück unumgänglich mache. Deshalb sei es auch nötig, dass sich neugierige Frager, gründliche Planer und qualifizierte Wissenschafter bei einer Stelle informieren könnten, wo es die Nutzung von zusammengetragenen Schätzen erlaube, Kenntnis über das Vergangene, Sinn für das Gegenwärtige und Ideen zum Kommenden zu vermitteln.

Betritt man derzeit, sei es als fragender Laie, professioneller Planer oder forschender Wissenschafter, die Dokumentationsstelle, so gelangt man zuerst in einen hellen Empfangsraum, wo sich auch die Bibliothek befindet. Dort werden die Wünsche entgegengenommen und wird das Suchen in die Wege geleitet. Gefunden werden die wertvollen Schätze, wenn sie das Gemeindearchiv betreffen, zum Teil im grossen Compactus längs der Wand neben den Arbeitsplätzen oder bei seinem Pendant in den Kellerräumen. Wenn sie das Historische Grundbuch betreffen, so geht man nach hinten unter die bemerkenswerte, jahrhundertealte Holzdecke oder fahndet in einem Korpus voller Schubladen für die Pläne. Darauf zwischengelagert sind Dinge, die aus der Bevölkerung hierher gebracht werden: Bilder, Fotografien, Akten. Diese am richtigen Ort aufzubewahren, ist nicht immer leicht. Doch sind solche Geschenke erwünscht, beweisen sie doch die Bindung, welche sich zwischen den Einheimischen und der Dokumentationsstelle entwickelt hat.

«Sie suchen: 4 finden - 4 bieten an - 4 sind für sie da», heisst es im Prospekt, mit dem das Team für seine Arbeit wirbt. Es tut das professionell und präsentiert sich bewusst nach aussen hin offen. Die Tage, da ein Archivar «im stillen Kabäuschen vor sich hinwerkelte», sind längst vorbei. Auch bei der Dokumentationsstelle ist dieser Wandel deutlich sichtbar. Man ist zum Manager geworden und man hält sich nicht still. Man vermittelt vielmehr die eigenen Forschungsergebnisse in Workshops, Ausstellungen und Vorträgen. Man legitimiert sich. Nicht zuletzt eben durch jene Führungen, die von den Schätzen im Gemeindehaus genährt werden und wieder auf sie zurückweisen.

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