2008

Neues Abfallkonzept Ihr Mist gibt einen Haufen Energie

Christian Jann

Als erste Gemeinde in der Nordwestschweiz haben Riehen und Bettingen am 1. Juli 2008 eine Gratis-Küchenabfallsammlung zusammen mit der Grünabfuhr eingeführt.

Riehen und Bettingen betreiben die Abfallbewirtschaftung gemeinsam. Seit dem 1. Juli 2008 setzen die beiden Gemeinden ein neues Abfallbewirtschaftungskonzept um, mit dem Ziel, im organisatorischen, technischen und fiskalischen Bereich die vorhandenen Möglichkeiten auszuschöpfen, um bei vergleichbarem Dienstleistungsangebot die Effizienz zu steigern, Synergien noch besser auszuschöpfen und damit kostengünstiger zu arbeiten. Die bisherigen Leistungen des Abfuhrwesens sind gestrafft und optimiert worden, um mit erzielten Einsparungen neue Angebote finanzieren zu können.

Das erste Abfallbewirtschaftungskonzept für Riehen wurde 1993 erstellt und leitete vor allem die Einführung der verursachergerechten Abfallgebühren (Sackgebühr) ein. Damals wurden gegen 7000 Tonnen Kehricht und Sperrgut eingesammelt; heute sind es noch 4000 Tonnen. Diese, aber auch andere Veränderungen in der Abfallbewirtschaftung haben zu einer Neuorientierung geführt, welche in einem neuen Abfallbewirtschaftungskonzept festgehalten worden sind. Das Konzept umfasst fast fünfzig Massnahmen, die in erster Linie Anleitung für die involvierten Dienststellen der Verwaltung sind. Die Umsetzung der Massnahmen aus dem Abfallkonzept haben einerseits eine Teilrevision der Abfallordnung und andererseits den Ersatz der Abfallsammelfahrzeuge erfordert.

Grünabfuhr
Obwohl Riehen im Maienbühl eine Kompostierungsanlage betreibt, werden in Riehen heute schätzungsweise 1000 Tonnen organisches Material jährlich via Kehrichtsäcke entsorgt und verbrannt. Aufgrund der neuen Verarbeitungs- und Nutzungsmöglichkeiten in Vergärungsanlagen, wie sie vor Kurzem in Pratteln als erste Anlage in der Nordwestschweiz in Betrieb genommen worden ist, können Küchen- und Speiseabfälle zusammen mit Gartenabfällen eingesammelt werden. Eine spezielle Küchenabfalltour ist nicht notwendig und wäre auch zu aufwändig. Arbeitstechnisch und hygienisch ist das kombinierte Einsammeln von Garten- und Küchenabfällen unbedenklich, da erfahrungsgemäss die Küchenabfälle einen kleineren Bestandteil der Gartenabfälle ausmachen und mit ihnen gemischt gut gebunden sind. Das Material wird einmal wöchentlich eingesammelt und der Vergärungsanlage in Pratteln zugeführt. Da via Gratis Grünabfuhr neu Küchenabfälle entsorgt werden können, muss das Material zwingend in genormten Containern und nicht mehr in Säcken bereitgestellt werden.

Vom «Biokübeli» in den Grüncontainer
Die kostenlose Grünabfuhr, also die Entsorgung von Küchen- und Gartenabfällen, bedingt in den Haushaltungen das Trennen von reinem Haushaltskehricht und von organischen Küchenabfällen. Damit Küchenabfälle, also auch gekochte Speiseresten wie Fleisch, Fisch, Teigwaren inklusive Saucen, Käse, Rahm, Desserts und Rüstabfälle, gratis mitgenommen werden, müssen diese neu in den vorgenannt genormten Containern bereitgestellt werden. Im Haushalt selbst wird dieser Küchenabfall am besten in so genannten Biokübeli gesammelt. Damit das Sammeln im Haushalt wie auch das Bereitstellen der genormten Container so geruchlos wie möglich ist, können die Gebinde mit zu 100 Prozent kompostierbaren Beuteln aus Maisstärke ausgekleidet werden. Die kompostierbaren Beutel sind für alle Gebindegrössen erhältlich.

Aus Abfällen werden durch Vergärung Wertstoffe Die Weiterverarbeitung der biogenen Reststoffe erfolgt in der Vergärungsanlage in Pratteln, wo einerseits Biogas und andererseits Kompost gewonnen wird. Im Gegensatz zur reinen Kompostierung (anaerobe Bedingungen) wird bei der Vergärung organisches Material unter anaeroben, d.h. sauerstofflosen Bedingungen durch Mikroorganismen abgebaut. Im Gegensatz zur Kompostierung entsteht keine überschüssige Wärme, sondern grösstenteils Biogas (bestehend aus zwei Drittel brennbarem Methan und einem Drittel C0;). Das durch Vergärung gewonnene Biogas wird in einer Gasanlage aufbereitet und dem Erdgasnetz zugeführt. Biogas ist C02-neutral, da bei dessen Aufbereitung beziehungsweise energetischer Nutzung nur so viel C02 in die Umwelt entweicht, wie das der Vergärung zugeführte organische Material bei seinem Wachstum aus der Umwelt aufgenommen hat. Im Zuge der laufenden Anstrengungen, wirkungsvolle Massnahmen gegen den Treibhauseffekt zu ergreifen, sollten organische Reststoffe künftig primär vergärt werden, da mit der Vergärung dieser Reststoffe nicht nur eine ökologisch sinnvolle Abfallverwertung erfolgt, sondern gleichzeitig C02-neutrale Energie gewonnen wird.

Aus einer Tonne organischem Abfall können 100 m3bis 160 m3 Biogas erzeugt werden, was 65 bis 95 Litern Benzin entspricht. Die Vergärungsanlage in Pratteln verwertet neben den Küchen-, Speise- und Gartenabfällen von der Gemeinde Riehen und Bettingen organische Reststoffe von anderen Gemeinden, aus der Landschaftspflege, aus der Gastronomie sowie aus der Lebensmittel- und Genussmittelindustrie zu hochwertigem Kompost. Bei diesem Verfahren wird in der so genannten anaeroben Aufbereitungsstufe (=Vergärung) Biogas gewonnen. Dieses C02-neutrale Biogas erfährt eine Aufbereitung zu Erdgasqualität. So kann es in das Erdgasnetz eingespeist bzw. an der Erdgastankstelle als Fahrzeugtreibstoff genutzt werden. Obschon die Vergärungsanlage in Pratteln ein Vielfaches einer Kompostierungsanlage kostete, liegen die Annahmegebühren für die organischen Reststoffe dank der Gewinnung von erneuerbarer Energie in der gleichen Grössenordnung wie bei den regionalen Kompostierungsanlagen für die Grüngutverwertung. Für Abfallverursacher ist die Vergärungslösung doppelt interessant: Einerseits kann der Kehrichtsack um die Fraktion organische Reststoffe entlastet werden, was kostenmässig günstiger ist und in herkömmlichen Kompostierungsanlagen nur bedingt möglich war. Andererseits leisten die Haushalte mit der Separierung ihrer organischen Reststoffe zur Verwertung in der Vergärungsanlage einen direkten Beitrag für den Umweltschutz und gegen den Treibhauseffekt. Bei einer maximalen Auslastung von gegen 15000 Tonnen biogener Reststoffe pro Jahr produziert die Vergärungsanlage in Pratteln über 8000 Tonnen Kompost-Kultur-Substrate für Garten- und Landschaftspflege, Pflanzenzuchten und Landwirtschaft. Andererseits können gegen 1,8 Mio. Kubikmeter Biogas gewonnen und als Treibstoff für 25 000 Autofahrten von Pratteln nach Paris und wieder zurück bereitgestellt werden. Bezogen auf die Gesamtenergiebilanz benötigt es nicht ganz einen Drittel der produzierten Energie für die Bioabfallsammlung und -Verwertung; der Energieüberschuss liegt über zwei Drittel der produzierten Energie. Wird die produzierte Energie aus der Vergärungsanlage genutzt, können gegenüber der analogen Menge an fossiler Energie 1300 Jahrestonnen CO, substituiert werden.

Betrachtungen: Mit dem Biogasertrag aus 20 vergorenen Bananenschalen kann ein Gasauto (Pw) 1 km fahren. 1 m3 Biogas entspricht ca. 0,6 Liter Treibstoff für Erdgasfahrzeuge.

Der Energiegehalt von 1 m3 Biogas entspricht ca. 5,8 kWh.

1 m3 Biogas entspricht 0,6 bis 0,65 Liter Heizöl. Der CO.,-Ausstoss könnte bis zu 90 Prozent reduziert werden, wenn weltweit nur mit Biogas aus Gartenund Küchenabfällen geheizt und gefahren würde. Wenn 300000 Benzin- und Dieselfahrzeuge gegen Gasfahrzeuge eingetauscht würden, liesse sich das für 2010 festgesetzte Ziel der Schweizer Klimapolitik schon erreichen. Mit der Energie aus 1 kg Biomasse: - arbeitet ein Bügeleisen (1000 W) während ca. 10 Minuten - läuft ein Fernseher (80 W) während ca. 1% Stunden - leuchtet eine Glühbirne (60 W) während ca. 2V4 Stunden - fährt ein Gasauto ca. 1 km C02-neutral. Pro gefahrenem Kilometer mit Biogas können ca. 100 g C02 substituiert werden.

Noch einmal wöchentlich Kehrichtabfuhr Die zweimal wöchentliche Abfuhr von Kehricht ist zu einer Zeit eingeführt worden, als in Riehen noch 7000 Tonnen Kehricht pro Jahr abgeführt werden mussten. Heute werden 4000 Tonnen abgeführt und in naher Zukunft werden es noch ca. 3000 Tonnen sein, da die Küchenabfälle über eine andere Entsorgungsschiene einmal pro Woche entsorgt werden können. Sowohl aus ökologischen wie aus ökonomischen überlegungen muss somit klar gesagt werden, dass eine zweimal wöchentliche Abfuhr von Kehricht nicht mehr zeitgemäss wäre. Anders sieht es bei grösseren Städten wie Basel aus. Diese werden an der zweimaligen Sammlung pro Woche festhalten. Im Gegensatz zu Riehen und Bettingen hat das dort logistisch Sinn, denn in einer Stadt wie Basel kann auf kleinem Raum (Wohnungsdichte, Gewerbe und Industrie) sehr viel mehr Abfall eingesammelt werden, was sich auf die Kostenstruktur auswirkt.

Die Kehrichtsackgebühr ist seit der Einführung im Jahre 1993 unverändert geblieben und ist im Vergleich zu den meisten Gemeinden im Baselbiet tief. Mit dem Anheben der Kehrichtsackgebühr um 30 Prozent auf Fr. 2.50 pro 35-Liter-Sack bleiben bei gutem Trennen von Küchenabfällen und Kehricht die Einnahmen der Gemeinde respektive die Kosten für die meisten Haushalte etwa gleich hoch, da auf der einen Seite die Kehrichtgebühr zwar um 30 Prozent angehoben wird, auf der anderen Seite die Küchenabfälle mit einem Volumenanteil von ebenfalls rund 30 Prozent kostenlos separat entsorgt werden können. Die Gebührenanpassung erfolgt gemäss Beschluss des Einwohnerrats erst in einem zweiten Schritt auf den 1. Juli 2009.

Erhöhung der Sackgebühr zur Deckung der Kehrichtabfallkosten
Die in Riehen und Bettingen umgesetzten Massnahmen und änderungen in der Abfallbewirtschaftung bringen eine Kostenreduktion und eine moderate Erhöhung der Gebühren. Beides ist aber nicht ausreichend, um eine ausgeglichene Abfallrechnung zu erhalten. Mit der Gebührenanpassung wird sichergestellt, dass zumindest die Aufwendungen beim Kehricht gedeckt werden. Der bisher aus allgemeinen Steuermitteln finanzierte Kostenteil der Abfallbewirtschaftung wird weiterhin aus Steuermitteln finanziert, neu jedoch in einem bestimmten Ansatz pro Einwohnerin und Einwohner als «Anteil Abfallbewirtschaftung» festgelegt.

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