2007

Terroralarm in Riehen

Dieter Wüthrich

Erinnerungen an jenen Tag vor dreissig Jahren, als zwei Terroristen der «Roten Armee Fraktion» (RAF) einen Riehener Grenzwächter niederschossen.

Als Anfang 2007 in Deutschland eine heftige politische Auseinandersetzung darüber entbrannte, ob der zu mehrfach lebenslanger Haft verurteilte ehemalige «Rote Armee Fraktion»-Terrorist Christian Klar begnadigt werden sollte, wurden auch in Riehen Erinnerungen an den so genannten «Deutschen Herbst» vor dreissig Jahren wach. Denn die damals von der «RAF» ausgerufene blutige «Offensive 77» begann in gewissem Sinne an der Weilstrasse.
 
5. Januar 1977: Es ist kurz nach 19 Uhr, als zwei Mann einer mobilen Grenzwachtpatrouille vom Parkplatz beim Riehener Schwimmbad aus beobachten, wie zwei jüngere, gut gekleidete Männer die vom Schlipf zur Weilstrasse führende Rebbergtreppe neben dem Schwimmbad herunterkommen und dann über die Wiesebrücke Richtung Lörracherstrasse weitergehen. Die beiden Grenzwächter geben die verdächtige Wahrnehmung an einen etwas weiter vorne beim Restaurant «Wiesengarten» postierten Kollegen weiter mit dem Auftrag, die beiden Männer zu kontrollieren. Kurz darauf fallen mehrere Schüsse. Die beiden Grenzwachtbeamten wollen ihren Kollegen per Funk fragen, ob er geschossen habe, doch hören sie nur noch den Ruf «Hilfe!». Der Grenzwachtbeamte U. B. ist von zwei Schüssen in den Unterleib getroffen und schwer verletzt.

Was unmittelbar nach diesen ersten Schüssen geschah, schilderte der damalige, von der Polizei zum Tatort aufgebotene Chefredaktor der «Riehener Zeitung», Nicolas Jaquet, in der «RZ»-Ausgabe vom 7. Januar 1977 wie folgt: «Zufälligerweise fuhr ... ein deutscher Wagen ... von Weil nach Lörrach gegen den Tatort. Dieser Wagen, der von einem deutschen Polizisten besetzt war, wurde von einem Schuss getroffen. Der Fahrer fuhr noch ca. dreissig Meter weiter und hielt dann an, um sich zu erkundigen, was los war. Er stieg aus und als er die Frage stellte, fiel ein weiterer Schuss. Der deutsche Polizist liess sich sofort zu Boden fallen, einer der Täter versuchte sich ans Steuer zu setzen, doch konnte er das Fahrzeug nicht in Gang setzen. Dann flüchteten die Täter. Sie sind vermutlich durch das freie Feld entkommen ... .» Trotz einer sofort eingeleiteten Grossfahndung verlief die Suche nach den beiden Männern ergebnislos. Als vorerst einzige Spuren blieben, nebst fünf Patronenhülsen aus einer grosskalibrigen Pistole, ein dänischer und ein deutscher Pass, beide offensichtlich gefälscht, am Tatort zurück. Der angeschossene Beamte hatte sie den beiden Männern zuvor bei der Personenkontrolle abgenommen.

Schon bald ergaben die grenzüberschreitend geführten Ermittlungen einen mutmasslichen Zusammenhang zwischen der Schiesserei an der Weilstrasse und einem ver suchten Bombenanschlag mit einem allerdings - wie in der «RZ» vom 21. Januar 1977 zu lesen war - «wenig gefährlichen Explosivkörper», der in einem Schliessfach in Lörrach deponiert worden war. Zur selben Zeit konnte die Identität der beiden Täter von der Weilstrasse anhand der Fotos in den beiden gefälschten Pässen zweifelsfrei ermittelt werden. Beim einen handelte es sich um Christian Klar, der andere Täter wurde als das nicht minder gesuchte «RAF»-Mitglied Günter Sonnenberg identifiziert.

Was wäre gewesen, wenn ...

Die Frage, ob der Lauf der Geschichte sich anders entwickelt hätte, ob es die von der «RAF» als «Offensive 77» bezeichnete Mordserie zwischen April und Oktober 1977 in dieser dramatischen Form vielleicht nicht gegeben hätte, wenn sich Christian Klar und Günter Sonnenberg an jenem 5. Januar an der Weilstrasse nicht gewaltsam der Kontrolle durch die mobile Grenzwache entzogen hätten, ist rückblickend nicht zu beantworten. Tatsache ist, dass beide in den darauf folgenden Monaten an der Planung und Durchführung der Morde an Bundesanwalt Siegfried Buback (7. April 1977), am Chef der Dresdner Bank, Jürgen Ponto (30. Juli 1977), an Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer (18./19. Oktober 1977) sowie an den sechs Begleitern der drei prominenten Opfer beteiligt waren. Günter Sonnenberg wurde allerdings schon wenige Monate nach der Schiesserei an der Weilstrasse, am 3. Mai 1977, nach einem Schusswechsel mit der Polizei in Singen schwer verletzt festgenommen. Seine «RAF»-Komplizen wollten ihn danach mit der Entführung Schleyers aus der Haft freipressen. 1978 wurde Sonnenberg zu zweimal lebenslänglich verurteilt. 1992 ist er auf Bewährung aus dem Strafvollzug entlassen worden.

Christian Klar hingegen, der erst 1982 verhaftet und 1985 zusammen mit seiner damaligen und mittlerweile ebenfalls aus dem Gefängnis entlassenen Komplizin Brigitte Mohnhaupt zu einer sechsmal lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt wurde, ist nach der Ablehnung seines Gnadengesuchs durch den deutschen Bundespräsidenten Horst Köhler weiterhin in Haft.

Der angeschossene Riehener Grenzwächter hat den Anschlag glücklicherweise überlebt. Er arbeitet heute im Innendienst der Eidgenössischen Zollverwaltung.



Überall und nirgendwo  – Die mobile Grenzwacht

Franz Osswald 

Das Kribbeln im Bauch nahm jeweils zu, wenn man sich der Grenze näherte. Es folgte der nervöse Griff zum Portemonnaie und die Suche nach dem Ausweis, dessen Vorhandensein man zwar schon zehn Mal nachgeprüft hat, was das elfte Mal indessen nicht verhinderte. Führt man auch nicht zu viel Fleisch, Butter, Wein oder sonstige zu verzollende Waren mit? Der «Zöllner», der eigentlich ein Grenzwächter ist, winkte einen durch und sogleich ging die Herzfrequenz zurück. Der Grenzposten lag im Rückspiegel, nun konnte nichts mehr anbrennen.

Solches gehört definitiv der Vergangenheit an. Die Schweizer Grenzwacht hat, um ein Bild aus der Sportwelt zu gebrauchen, von Manndeckung auf Raumdeckung umgestellt. Zwar werden nach wie vor gewisse Grenzübergänge besetzt bleiben - in Riehen jener an der Lörracherstrasse -, ansonsten ist die mobile Grenzwacht für die Kontrolle des diesseitigen Grenzraums zuständig. Markus Zumbach, Dienstchef Aufgabenvollzug, umschreibt es so: «Künftig werden wir überall und nirgendwo sein.»

Das bedeutet, dass eine Kontrolle jederzeit nach dem Grenzübertritt erfolgen kann. Und dies in verschiedener Weise. So kann es sein, dass man mitten im Dorf von einem Fahrzeug der Grenzwacht überholt und aufgefordert wird, auf die Seite zu fahren. An Ort und Stelle wird dann die Kontrolle durchgeführt. Möglich ist aber auch, dass die Kontrolle nicht am gewohnten Grenzposten stattfindet, sondern die Strasse irgendwo in Riehen oder Basel abgesperrt ; ist und eine mobile Einheit die Kontrolle der Fahrzeuge vornimmt.

Wer einen der nicht besetzten Grenzposten überschreitet, muss zu verzollende Waren dort deklarieren. Zumbach: «Die Bürger sind dazu laut Gesetz verpflichtet. Wir als Dienstleister müssen dafür sorgen, dass sie dieser Pflicht nachkommen können.» Deshalb wurde ein spezielles Briefkastensystem eingerichtet. In einer Box findet man entsprechende Zollformulare, die einfach und klar gestaltet und deshalb leicht auszufüllen sind. Ausser einer Kopie des Formulars werden die restlichen Teile in einem Umschlag in einem Briefkasten deponiert. Gerät man nun in eine mobile Grenzkontrolle, ist an der Kopie ersichtlich, dass die zu verzollenden mitgeführten Waren deklariert wurden.

Diese Art der Verzollung habe dazu geführt, dass die Zolleinnahmen zurückgingen, erklärt Markus Zumbach, «aber wir sind grundsätzlich nicht dazu da, <Butterdiebe> und Leute mit einem Kilo Fleisch zu viel zu bestrafen. Hier setzen wir auf die Eigenverantwortung der Bürgerinnen und Bürger.» Das organisierte Verbrechen, das im Vordergrund steht, habe sich noch nie an feste Grenzen gehalten, führt Zumbach aus. Die statistischen Zahlen belegen, dass die neue Art der Raumüberwachung bestens funktioniert. «Für dicke Fische ist die mobile Kontrolle effizienter», weiss der Grenzwachtbeamte zu berichten.

Ein Grund für den Wechsel zur mobilen Grenzkontrolle ist der stets knappe Personalbestand. Eine dauernde Doppelbesetzung eines Postens ist sehr personalintensiv. Mit dem mobilen Modell lassen sich die Leute flexibler einsetzen «und die Arbeit wird für unsere Angestellten erst noch interessanter, wechseln doch Postenstehen und mobile Einsätze ab», resümiert Zumbach die Vorteile.

Dass die mobile Grenzwacht kein Kind dieser Zeit ist, sondern schon vor dreissig Jahren für Gesprächsstoff sorgte - leider auf tragische Art und Weise -, belegt der vorangehende Tatsachenbericht auf eindrückliche Weise.

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