2007

Pilgersöhne und Frauenrechte

Arlette Schnyder

Aufwachen, aufgerüttelt werden, ins ewige Leben geführt werden, vom Tod hin zum Glauben gehen. Dies alles sind Ausdrücke für innere Bewegungen von so genannt erweckten Christen. Charakteristisch für Erweckungsbewegungen, zu welchen grosse Freikirchen wie die der Methodisten, der Brüdergemeinschaft und auch die Chrischona Pilgermission gehören, ist, dass die einzelne Person in einem persönlichen Bekehrungserlebnis zu einem veränderten Leben bewegt wird. In einem individuellen spirituellen Erlebnis wird er oder sie aufgerüttelt, «erweckt» und bewegt sich damit weg von seiner «eingeschlafenen» Religiosität hin zu einem Auftrag von Gott, der seinen Lebensweg bestimmt. Erweckungsbewegungen sind keine Randerscheinungen, sondern Massenbewegungen, die vor allem im 18. und 19. Jahrhundert jeweils zu einem starken Anwachsen der engagierten Christen in der Bevölkerung geführt haben.

Basel galt seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert als eine von pietistischer und erweckter Frömmigkeit geprägte Stadt. Für die Gründung eines so genannten «Reich Gottes Werkes» war hier der ideale Standort. Vor allem nach der Kantonstrennung in den 1830er-Jahren verstärkte sich diese Tendenz durch die Koalition pietistischer Kreise mit dem politischen Konservatismus. Einflussreiche Basler Bürger waren Mitglieder evangelikaler Kreise. Man sprach spöttelnd vom «frommen Basel» oder verehrte die Stadt als «Liebling Gottes», wie Kuhn und Sallmann in der Einleitung zu <Das Fromme Basel) schreiben. Die Obrigkeiten in Basel gewährten den grossen Erneuerungsbewegungen der evangelischen Kirche Deutschlands Versammlungsfreiheit, weshalb sich hier - wie im nahen Württemberg - pietistische, herrnhutische und mystische Richtungen ansiedelten. Die von missionarischem Eifer beseelten religiösen Gemeinschaften waren in anderen Teilen Deutschlands und der Schweiz wenig geduldet oder verboten. Basel wurde von den Gläubigen daher als eine durch besondere göttliche Führung vorgesehene «Pflanzstätte christlichen Glaubens und Lebens» betrachtet.

Ein Ort, an welchem die Bemühungen der erweckten Christen in Basel auf besonders fruchtbaren Boden fielen, war die von Christian Friedrich Spittler gegründete Chrischona Pilgermission. Schon in ihrem Namen ist das Element der Bewegung festgelegt. Der Pilger wandert immerzu und sucht nach der rechten Stätte, die er aber erst bei Gott finden wird. Hier weht noch heute der Geist der Erweckungsbewegungen des 19. Jahrhunderts und durch die Geschichte dieses Missionswerkes zieht sich der Ausdruck «Bewegung» wie ein roter Faden. Auf der Website der evangelikalen Gemeinschaft bezeichnet der heutige Direktor die Pilgermission als Jesus-Bewegung, Wort-Gottes-Bewegung, lernende Bewegung, missionarische Bewegung, das Leben gestaltende Bewegung, internationale Bewegung und nicht zuletzt als dienende Bewegung. Wie kann eine religiöse Gemeinschaft über beinahe 200 Jahre ihren traditionalistischen Grundsätzen unter dem Motto «Bewegung» treu bleiben?

Der rastlose Gründer und die Anfänge der Pilgermission Schlüsselfigur der religiösen Erweckungsbewegung im Basel des 19. Jahrhunderts war der umtriebige Sekretär der Christentumsgesellschaft Christian Friedrich Spittler (1782 1868), durch dessen dynamisches Wirken zahlreiche «Reich Gottes Werke» wie das der Basler Missionsgesellschaft (1815), der Anstalt Beuggen (1820), des Vereins der Freunde Israels (1831), der Taubstummenanstalt Riehen (1838) und der Pilgermission St. Chrischona entstanden.

Wie Jochen Eber in seinem Artikel «Spittlers Versuche, im Raum Basel eine Pilgermission zu gründen» darstellt, wurden bereits 1927 erste Pilgermissionare nach österreich, Frankreich und Belgien ausgesandt. Ihre Instruktion war einfach. Christian Heinrich Rappard, langjähriger Direktor der Chrischonagemeinde, legt in seiner Gedenkschrift zum fünfzigjährigen Bestehen dem Gründer Spittler die Worte in den Mund: «Suchet mit treuer Arbeit auf eurem Handwerk einzudringen in die finstern Orte der Christenheit und thut, was ihr könnt, um den erloschenen Glauben an Jesum Christum wieder unter dem Volk zu wecken.» Der Auftrag verstand sich als innere Mission, in Abgrenzung zur ebenfalls von Spittler mitinitiierten und zu diesem Zeitpunkt erst zwölfjährigen Basler Mission, die als «äussere Mission» das Evangelium unter «Heiden» brachte. Spittlers Grundgedanke war folgender: «Wenn wir dafür sorgen, dass die Heiden Christen werden, so dürfen wir nicht versäumen, auch darauf bedacht zu sein, dass die Christen keine Heiden werden.»

Seine ersten Pilgermissionare waren einfache Handwerker; oft hatten sie ein Bekehrungserlebnis hinter sich und wollten nun anderen von ihrem Glauben kundtun. Sie erhielten keine Vorbildung, zum Teil handelte es sich um junge Kandidaten, die den Anforderungen der theologischen Ausbildung der Basler Mission nicht genügten, wie Rappard berichtet. Sie wanderten in deutschsprachige Gebiete, in denen das Christentum «erneuerungsbedürftig» zu sein schien. Besonders katholische Gegenden wurden gerne als Arbeitsstätte gesehen. Man veranstaltete so gut es ging kleine religiöse Versammlungen und verteilte Traktate und Bibeln. Die Mission müsse in Demut und Niedrigkeit nach dem Vorbild von «Jesu Knechtgestalt» sowohl begonnen als auch betrieben werden, betonte Spittler. Deshalb auch duldete der Gründer kein Komitee oder eine andere Form der Organisation für seine Pilgermission. Er war bereits bei der Gründung der Basler Missionsgesellschaft der Ansicht, der Präsident der Gesellschaft sei Jesus Christus.

Der erste Inspektor der Basler Mission, Blumhardt, wusste aber, dass für eine erfolgreiche Unternehmung die wichtigen Basler Familien mit einbezogen werden mussten. Er gründete ein Komitee, was zu Meinungsverschiedenheiten führte. Spittler machte sich zu einer nächsten Gründung auf, um seine Idee zu verwirklichen, was de facto auch hiess, dass der Basler Mission auf engstem Raum Konkurrenz auf dem Spendenmarkt erwuchs.

1836 entstand aus Spittlers erster Pilgermission, die keinen eigentlichen Standort hatte, die Pilgerschule in Riehen, wo man den Handwerkern nun eine einfache Bildung zuteil werden liess. Obwohl der Unterricht an der Pilgerschule bereits 1838 aus personellen Gründen abgebrochen wurde, erwarb Spittler noch im selben Jahr das Landgut des Basler Handelsherrn Johann Jakob Bachofen in Riehen. Die Taubstummenschule, die Spittler in Beuggen gegründet hatte, fand später hier - im heute als Pilgerhof bekannten Gebäude - ihren Platz.

Der umtriebige Gründergeist aber suchte immer noch einen geeigneten Standort für seine Pilgermission. Im Blick hatte er die kleine Kirche auf dem Chrischonahügel, die zu diesem Zeitpunkt unbenutzt und verlottert war. Die eigentliche Gründungsgeschichte wird von Rappard in seiner Gedenkschrift zum 50-Jahr-Jubiläum der Pilgermission sehr anschaulich beschrieben und gilt bis heute als offizieller Gründungsmythos: Spittler wanderte mit seiner Adoptivtochter und Mitarbeiterin Susette und Schreinermeister Epple am 8. März 1840 von Basel nach St. Chrischona. Gemeinsam knieten sie in der alten Kapelle nieder und gründeten dort im Gebet eine neue Pilgermission unter den Heiden. Zur Namensgebung wird Spittler in der Jubiläumsschrift zitiert: «Jeder ächte Zionspilger ist Missionar und umgekehrt. Der Name Handwerker-Mission in die deutsche christliche Kirche würde freilich der Sache besser entsprechen.» Erst jetzt hatte die bisher rastlose Unternehmung einen Ort gefunden, von dem aus agiert werden sollte.

Der Nahe Osten in Riehen und ein evangelischer Bischof aus Basel in Jerusalem Bereits nach sechs Jahren des offiziellen Bestehens der Chrischona Pilgermission war eine ganze Schar von «Brüdern» nicht nur in österreich, Frankreich und Deutschland, sondern auch in Amerika beschäftigt. Erste Zöglinge aus dem fernen Abessinien fanden in der Chrischona-Gemeinde ihren ersten Unterricht, da ihrem Wunsch, im Basler Missionshaus ausgebildet zu werden, nicht entsprochen werden konnte. Sie zogen als Missionare und Prediger zurück in ihre Heimat. 1846 wurde Samuel Gobat, ein Missionar, der von der Basler Mission ausgebildet worden war und der bereits verschiedentlich im Nahen Osten missioniert hatte, von König Friedrich Wilhelm IV. von Preussen zum evangelischen Bischof von Jerusalem ernannt und zog dorthin. Dies bestärkte Spittler in seinem langjährigen Plan, auch mit seiner Pilgermission in der heiligen Stadt tätig zu werden. Er schickte zwei seiner Chrischonabrüder nach Jerusalem. Sie sollten nicht als Missionare auftreten, sondern ein «kleines Hospitium» eröffnen, mit ihrem Handwerk da zu Hilfe eilen, wo nötig, und als Vorbilder leben.

Hier, in Jerusalem, wuchs eine für die Chrischonapilgermission nicht unbedeutende Person auf: Dora Rappard, die Tochter von Bischof Samuel Gobat, die in der Geschichte der Gemeinde als «Chrischona-Mutter» einging. Ihre Lebensgeschichte ist die einer kosmopolitischen Frau, die innerhalb des religiösen Rahmens, in dem ihr Leben stattfand, ungewöhnliche Fähigkeiten entwickelte und diese so einzusetzen verstand, dass sie sichtbare Spuren hinterliessen.

Die erweckte Bischofstochter über Dora Rappard-Gobat, die Tochter des Bischofs von Jerusalem, wurde einiges geschrieben. Bereits 1929 schreibt die Tochter Emmy Veiel-Rappard eine Biografie: «Mutter. Bilder aus dem Leben von Dora Rappard-Gobat». In den Dreissigerjahren folgt ein Büchlein von Anna Katterfeld: «Dora Rappard, das Leben einer Mütterlichen Frau». Klaus Haag, ein Chrischonaprediger, schrieb in den 1980er-Jahren eine Biografie und veröffentlichte ausgewählte Gedichte: «Dora Rappard. Er hat mich Freund genannt». Lothar von Seitmann hat in «Dora, die Tochter des Bischofs» das bewegte Leben Rappard-Gobats in einem Roman verdichtet.

Grund für die Biographien sind die zahlreichen beredten Selbstzeugnisse, die von dieser Frau verfasst wurden. Seit früher Jugend schrieb sie Gedichte, übersetzte aus dem Arabischen und aus dem Englischen Sprüche und Lieder, verfasste Artikel für die Monatszeitschriften <Des Christen Glaubensweg> und «Der Glaubensbote». In ihren letzten zwei Lebensjahrzehnten wurde sie zu einer angesehenen Schriftstellerin. Dichtes, ergiebiges Quellenmaterial erzählt von einem ungewöhnlichen Leben. Allen Darstellungen ist eines gemeinsam: das stetige Streben nach Gott, nach einem erweckten Leben.

Dora wurde 1842 auf der Insel Malta als Tochter des Missionars Samuel Gobat und dessen Frau Maria Gobat-Zeller, Tochter des ersten Inspektors von Beuggen, geboren. Als sie vier Jahre alt war, wurde ihr Vater zum evangelischen Bischof in Jerusalem berufen. Ihr Elternhaus bildete den Mittelpunkt des evangelisch-kirchlichen Lebens des gesamten Morgenlandes. Das junge Mädchen war dabei, wenn berühmte Bibelforscher ihre neuesten Erkenntnisse ausbreiteten. Verstand Dora etwas im Gespräch der Erwachsenen nicht, so schlug sie im Lexikon, ihrem liebsten Buch, nach. So viel Wissensgier mag das Mädchen zeitweilig in schwere Gewissensnöte gebracht haben.

So berichtet die Biografin Katterfeld: «Das Bewusstsein ihrer Sündhaftigkeit brachte sie besonders in der Zeit ihres Einsegnungsunterrichtes beim Vater in so tiefe innere Not, dass sie oft meinte, am Abgrund der Hölle zu stehen, und der Verzweiflung nahe war. Alles, was sie in ihrer christlichen Erziehung an Glaubensgut mitbekommen, wurde ihr schwankend. Tiefste Dunkelheit war in ihr. Es war wie beim Klostererlebnis Luthers: Je aufrichtiger und ungetrübter der Wahrheitssinn, desto unerbittlicher und vernichtender war auch das Selbstgericht.» Diese so genannt «inneren Anfechtungen», die sich durch die Biografie Rappard-Gobats ziehen, zeigen den ständigen Kampf um einen echten, aufrichtigen Glauben, für welchen man Busse tun muss.

Sie gehören zum Leben einer erweckten Person. Wichtig ist, dass zum Schluss des Zweifeins ein persönliches Erlebnis mit Gott stattfindet, ein «Gnadendurchbruch», wie dies im Fachjargon auch genannt werden kann. So hört die vierzehnjährige Dora deutlich eine Stimme, die ihr sagt: «Glaube an den Herrn Jesum Christum, so wirst du und dein Haus selig.» Mit diesem Erlebnis weiss sie sich gerettet. Die immer neue Erkenntnis Gottes ist das, was religiös bewegt.

Mütterlichkeit als schönstes Frauenrecht die Strategie der Dora Rappard Als die Bischofstochter dem Chrischonabruder Heinrich Rappard begegnete, trafen zwei charismatische Persönlichkeiten aufeinander, die auf dem Berg oberhalb Riehens über vierzig Jahre das Schicksal der Pilgermission leiten sollten. Heinrich Rappard stand im Missionsdienst in ägypten und hatte dadurch Kontakt zum Bischofshaus in Jerusalem. Bald wurde klar, dass die beiden füreinander bestimmt waren. Der Missionar gestand Dora auf einem Ritt nach Jaffa seine Liebe. Zunächst galt es aber noch, den Segen der Eltern und der Missionsgesellschaft abzuwarten. Bis dahin schrieb Dora ihrem Zukünftigen von Wales aus, wo sie bei ihrem Brader weilte, nach Alexandrien in ägypten: «Weht, weht ihr Lüfte hin nach Egyptens Strand, Grüsst den Geliebten dort mir im fernen Land! Kühlt ihm die Stime, küsst die Wange, Bringt meine Botschaft ihm, o, säumt nicht lange.

(...) Weht ihm ins Herze selige Ahnung zu Von Jesu Nähe und seiner tiefen Ruh. 0 gegen jene Lieb ist meine Doch nur wie Kerzenlicht beim Sonnenscheine.»

Das neun Strophen lange Gedicht schickt sie «mit grosser Schüchternheit» ihrem Heinrich, wie sie in ihren Liebesliedern festhält. Viele Gedichte folgten diesem einen. Dora Rappard wusste aus ihrem Herzen zu schöpfen und die Liebe zu ihrem Mann direkt mit der gemeinsamen Liebe zu Gott zu verbinden. Heinrich Rappard galt als der Pilgersohn Spittlers. Seine Frau nannte er «meine Pilgerseele». Die beiden frisch Verheirateten wurden nach nur kurzem Missionsdienst in ägypten nach St. Chrischona berufen, wo Heinrich Rappard als Inspektor der Pilgermission 1868 installiert wurde. Dora kam zu diesem Zeitpunkt noch keine offizielle Aufgabe zu. Als eigentliche «Pilgerseele» ihres Mannes aber begann die weniger praktisch als geistig begabte Frau an dessen Seite zu wirken. Da das Missionswerk verschuldet war, hiess es, höchst sparsam zu haushalten.

In den ersten Jahren bezog der Inspektor kein Gehalt, die stets wachsende Familie ass mit den Brüdern. Nach kurzer Zeit wurde der Inspektorsgattin, die wohl in den ersten Jahren fast dauernd schwanger oder mit einem Baby beschäftigt war, das Amt der Hausmutter übertragen. Sie hatte damit die Oberaufsicht über Küche, Bäckerei, Wäscherei und Schlächterei. «Sie verstand die grosse Kunst, ihre Gehilfinnen selbständig arbeiten zu lassen und doch die Leitung zu behalten», schreibt Katterfeld. Zudem übernahm Dora bald die Kasse der Pilgermission, die sie über fünfzig Jahre betreute. Sie hatte also ganz bedeutende Posten inne, vor allem, da über die Kasse auch Spendeneingänge verdankt werden mussten, eine Arbeit, die die wortgewandte Frau Inspektor geschickt übernahm. Zudem wurden ihre Schreibkünste für die Monatsschrift «Des Christen Glaubensweg» dringend gebraucht. Den Anstoss zur Herausgabe der Zeitschrift gab die Erweckungsbewegung der 1870er-Jahre, die von England aus weite Kreise Deutschlands und der Schweiz erfasste. Heinrich Rappard, der, inspiriert von der englischen Erweckungsbewegung, viele Evangelisationsversammlungen in der Schweiz hielt, verwendete seine Zeitschrift als Gefäss zur zusätzlichen Verbreitung seines Anliegens. Seine treueste Mitarbeiterin war seine Frau Dora. Sie schrieb aus dem reichen Schatz ihres inneren Lebens, wie ihre Biografen versichern. Die Evangelisationsversammlungen waren in der Regel nur für Männer offen. Die Frauen wollten aber ebenfalls an Versammlungen teilnehmen können. Was liegt näher, als dass Dora Rappard mit der Durchführung von Evangelisationsveranstaltungen für Frauen beauftragt wurde. «Und also in doppeltem Gehorsam gegen den Herrn und gegen meinen lieben Mann habe ich diese Bahn betreten, die so bedeutsam geworden ist für mein Leben. Das war mir oft ein Trost», schrieb sie im Rückblick auf diese Arbeit.

Die «Chrischona-Mutter» war also nicht nur Mutter von zehn Kindern, von denen zwei früh starben, und Hausmutter für die Chrischonabrüder, sondern auch Kassenführerin und Redaktorin, Komponistin und Texterin von Gemeindeliedern und zu guter Letzt auch Predigerin. So viel Verantwortung und so viel Autorschaft musste innerhalb der stark männlich geprägten Missionsgesellschaften Misstrauen wecken. Dora Rappard wusste damit taktisch geschickt umzugehen. Wenn sie schreibt, es sei ihr ein Trost gewesen, dass sie die Frauenversammlungen nur auf Geheiss ihrer zwei Herren, Gott und Heinrich Rappards, veranstaltet habe, so kann das ein Ausdruck des Zweifels sein, ob es rechtmässig sei, als Frau solche Positionen einzunehmen. Ihre Biografen werden nicht müde zu betonen, Dora habe nie etwas anderes sein wollen als ihres Mannes Gehilfin in der Arbeit als Werkzeug Gottes. Ihr Gedicht «Frauenrecht» wird in ihren Biografien als Spiegel ihrer vielfältigen Arbeiten interpretiert: Frauenrecht Das Recht, zu dienen und zu lieben; Das Recht, Barmherzigkeit zu üben; Das Recht, die Kindlein sanft zu hegen, Zu ziehen, lehren, mahnen, pflegen; Das Recht, wenn alles schläft, zu wachen; Das Recht, im Dunkel Licht zu machen; Das Recht, gekrönt mit sanfter Würde, Zu tragen andrer Last und Bürde; Das Recht, wenn trübe Zweifel walten, Den Glauben fest und treu zu halten; Das Recht, ohn' Ende zu verzeihn; Das Recht, ein ganzes Weib zu sein, Voll wahrer Güte, fromm und echt: Das ist das schönste Frauenrecht!

Dieses wohl in den 1910er-Jahren verfasste Gedicht Rappards interpretiert sämtliche Attribute, die innerhalb der bürgerlichen Werteordnung als weiblich galten, als Frauenrechte. Dies in einer Zeit, in der Frauen mehr und mehr politische, kirchliche und soziale Rechte zu fordern begannen. Die reaktionäre Antwort der Chrischona-Mutter auf diese Bewegung zeigt sich nicht nur im Gedicht Frauenrecht, sondern auch in einem im Chrischona-Verlag erschienenen Heft mit dem Titel: Richtlinien für die Frauenarbeit im Reiche Gottes. Da ist zu lesen: «Das christliche Weib ist die Gehilfin des christlichen Mannes. Das ist eine Prinzipienfrage. Es handelt sich da nicht um grössere oder geringere Begabung bei Mann und Weib, sondern um Gottes Ordnung und Willen. Diese Auffassung bewahrt den Frauen ihren schönsten Schmuck: die Weiblichkeit».

Betrachtet man diese Aussagen und vergleicht sie mit den Tätigkeiten Dora Rappards, wird klar, weshalb sie nie anders als «Chrischona-Mutter» genannt werden durfte. Hätte man sie als Predigerin, als Leiterin von Bibelstunden und Bibelkursen für Mädchen und Frauen, als Buchhalterin und Kassierin, als Redaktorin oder als Dichterin und Komponistin bezeichnet, so wäre immer ihre öffentliche Aufgabe sichtbar geworden. Sie jedoch wollte sich - so selbständig und eigentätig sie auch war - immer als Gehilfin ihres Mannes verstanden wissen.

Erst nach 1909, als ihr Mann starb, richtete sie sich in Versammlungen auch an Männer und erst im Todesjahr ihres Mannes wurden die Bibelkurse für Frauen als fester Bestandteil des Programms auf St. Chrischona aufgenommen. Dora Rappard hätte viel zu verlieren gehabt, hätte sie sich als das dargestellt, was sie aus heutiger Sicht war: eine äusserst eigenwillige, charismatische Persönlichkeit mit Führungsqualitäten, die sich in unterschiedlichen Kulturen auskannte, die immer einen eigenen Ausdruck suchte und Zeit ihres Lebens eine passende Plattform fand, um ihren Texten Gehör zu verschaffen. Sie hätte - wie sie selbst in ihren Richtlinien konservativ festlegt - ihre Weiblichkeit preisgegeben. Das aber wollte sie auf keinen Fall. Dora Rappard hat sich selbst als mütterliche Figur etabliert, indem sie sich als dies und nichts anderes benannte und benennen liess. Alles, was nach Emanzipation und modernen Frauenrechten aussah, interpretierte sie als Handlungen gegen Gottes Ordnung und Willen. Tatsächlich hat Dora Rappard sich aber ein Wirkungsfeld geschaffen, das höchst eigenständig, ja gefährlich öffentlich und einflussreich war. Da sie aber in ihrer Benennungsmacht, die sie auf Chrischona hatte, den Platz der Frauen nur an der Seite ihrer Gatten festlegte, wurde ihre eigene Emanzipation nicht als solche, sondern als Gottgewollte wahrgenommen, wohl auch von ihr selbst. Sie wollte keine Ordnung auf den Kopf stellen, sondern diese befestigen. Denn innerhalb dieser Ordnung der erweckten Gemeinschaft hatte Gott ihr einen festen Platz geschaffen, an welchem sie sich fast so frei bewegen konnte wie ihr eigener Mann. Von Mitspracherecht, Selbständigkeit und Eigenverantwortung der Frauen zu sprechen, das hätte die Regeln dieser Gemeinschaft gestört, das gebührte nicht einmal den Männern, die ebenfalls ihr Handeln «in die Hand Gottes» legten.

Mit ihrem Einsatz für die traditionelle patriarchale Ordnung, mit einem stets wachen, sich selbst kontrollierenden Glaubensbekenntnis, das reuig alle Sünden bekannte, bewegte Dora Rappard nicht nur sich selbst von der Bischofstochter über die Chrischona-Mutter bis hin zur anerkannten Schriftstellerin. Sie führte in ihrer diplomatischen Art auch frauenspezifische Angebote ein, die bisher nur Brüdern offen standen. Dass sie dies auf Kosten der neuen Errungenschaften von bewegten Frauen machte, hat wohl manchem Mann gute Dienste geleistet. Erweckte Frauen konnten klar nachlesen, wo ihr Platz sei, und bei Bedarf hatten ihr Mann, ihr Vater oder Bruder immer ein gutes Werkzeug zur Hand, die Frauen der Gemeinschaft vor den Gefahren eines anderen Verständnisses von Frauenrechten zu schützen - es sei denn, sie hätten von Gott den Ruf zu einer grösseren Bewegung erhalten. Wie die Chrischona-Mutter Dora Rappard.

Literatur Carmel Aiex: Christen als Pioniere im Heiligen Land. Ein Beitrag zur Geschichte der Pilgermission und des Wiederaufbaus Palästinas im 19. Jahrhundert, Basel 1981.

Eber Jochen: Spittlers Versuche, im Raum Basel eine Pilgermission zu gründen, in: Thomas K. Kuhn, Martin Sallmann: Das «Fromme Basel». Religion in einer Stadt des 19. Jahrhunderts, Basel 2002.

Haag Klaus: Dora Rappard. Er hat mich Freund genannt, Bettingen 1998. Katterfeld Anna: Dora Rappard. Das Leben einer mütterlichen Frau, Berlin 1935. Kuhn Thomas K., Martin Sallmann (Hg.): «Das Fromme Basel». Religion in einer Stadt des 19. Jahrhunderts, Basel 2002.

Rappard Carl Heinrich: 50 Jahre der Pilgermission auf St. Chrischona. Gedenkschrift zur Feier des 50-jährigen Bestandes der Anstalt, Basel 1890.

Rappard Dora, Dir. Liebeslieder, Handschriftliche Gedichtesammlung, Archiv Chrischona Pilgermission, Riehen.

Rappard Dora: Lichte Spuren. Erinnerungen aus meinem Leben, Giessen und Basel 1914.

Rappard Dora: Carl Heinrich Rappard. Ein Lebensbild von seiner Gattin, Giessen und Basel 1916.

Seitmann Lothar von: Dora, die Tochter des Bisehofs. Das spannende Leben der Dora Rappard, Brunnen 2005.

Staehelin Ernst: Die Christentumsgesellschaft in der Zeit der Aufklärung und der beginnenden Erweckung. Texte aus Briefen, Protokollen und Publikationen, ausgewählt und kommentiert von Ernst Staehelin, Basel 1970.

Veiel-Rappard Emmy: Mutter. Bilder aus dem Leben von Dora Rappard-Gobat, Giessen und Basel 1929.

^ nach oben