2006

Scharfe Bälle und feine Klinge

Rolf Spriessler

Die Beachvolleyballerin Lea Schwer und der Nachwuchsfechter Tobias Messmer wurden mit dem Sportpreis der Gemeinde Riehen für das Jahr 2005 geehrt.

Beide waren sie kurz vor der Preisverleihung in Asien wegen Lea Schwers Trip an ein Beachvolleyball-Showturnier in Singapur und das World-Tour-Turnier in Shanghai musste die übergabefeier von Ende Mai auf Anfang Juni verschoben werden, Tobias Messmer hatte kurz zuvor an den Junioren-Weltmeisterschaften im Degenfechten in Südkorea den Mannschaftswettkampf bestritten. Viele Gemeinsamkeiten haben die beiden aktuellen Riehener Sportpreisträger aber eigentlich nicht, ausser vielleicht noch, dass sie beide mit einiger Berechtigung von einer Olympiamedaille träumen. Lea Schwer bildet zusammen mit der Luzernerin Simone Kuhn das beste Schweizer Beachvolleyball-Frauenteam und stand schon verschiedentlich in den Medien inklusive Reportage im Schweizer Fernsehen. Die Turniere finden vor Tausenden von Zuschauern statt. Sehr viel weniger Publikum ziehen die Fechtturniere an, an denen Tobias Messmer teilnimmt. In seiner Altersklasse gehört er zur internationalen Elite, zur Spitze bei den «Grossen» fehlt aber noch ein gutes Stück.

Lea Schwer
Die 1982 geborene Lea Schwer begann ihre Karriere als «normale» Volleyballerin. Das war nur logisch, sind doch ihre Mutter Brigitte und ihr Vater Rolf Schwer zwei «Volleyballverrückte», die beide aktiv gespielt haben und sich dann beim KTV Riehen intensiv der Nachwuchsarbeit widmeten. Zusammen mit ihrer älteren Schwester Rahel gehörte Lea Schwer zum harten Kern des von Rolf Schwer gecoachten Frauenteams des KTV Riehen, das innert Kürze aus der 2. Liga bis auf Platz 4 in der Nationalliga A stürmte. Lea Schwer galt schon bald als eines der grössten Schweizer Volleyballtalente überhaupt, war Mitglied der JuniorinnenNationalmannschaft, die an den Juniorinnen-Weltmeisterschaften sensationell Russland schlug und Platz 9 belegte, und spielte auch im Schweizer Frauen-Nationalteam. Ihr Traum war damals noch ein Engagement in einem europäischen Spitzenteam. Lea Schwer spielte beim KTV Riehen, bei Kanti Schaffhausen und zuletzt beim RTV Basel in der Nationalliga A.

Parallel zu ihrer Hallenvolleyballkarriere begann Lea Schwer, zunächst nur so nebenbei, mit dem Beachvolleyballspiel, eine Sportart, die in den letzten Jahren einen regelrechten Boom erlebt hat. Spielen die Schweizer Hallenvolleyballteams normalerweise höchstens vor ein paar hundert Zuschauern, so finden die Beachvolleyballspiele der besten Schweizer Turnierserie und auf der Europa- und Welttour oft vor Tausenden von Zuschauern statt. Und während Schweizer Hallenvolley ball-Nationalteams international chancenlos sind, gehört die Schweiz im Beachvolleyball, das seit Atlanta 1996 offizielle olympische Sportart ist, zur Weltspitze.

Zuerst spielte Lea Schwer mit ihrer Schwester Rahel, danach mit der Korea-Schweizerin Young Sun Lee. Im Jahr 2001 tauchte Lea Schwers Name erstmals in den Top Ten des Schweizer Beach-Rankings auf. Nach einer schweren Knieverletzung tat sich Lea Schwer auf die Beach-Saison 2002 hin mit der Winterthurerin Dinah Kilchenmann zusammen, mit der sie an der Schweizer Meisterschaft auf Anhieb Platz 4 belegte. In den folgenden zwei Saisons qualifizierten sich Lea Schwer und Dinah Kilchenmann jeweils für die Europameisterschaft, überstanden diverse Male die Qualifikation für die Haupttableaus der grossen World-Tour-Turniere und schafften damit den Anschluss an die internationale Spitze. Im Sommer 2004 gewann Lea Schwer zusammen mit Sarah Rohrer, die für die verletzte Dinah Kilchenmann eingesprungen war, als Dritte ihre erste Schweizer-MeisterschaftsMedaille und feierte ihren ersten grossen internationalen Erfolg: zusammen mit Isabelle Forrer gewann Lea Schwer die Silbermedaille an den U23-Europameisterschaften 2004 im tschechischen Brno.

Eine entscheidende Wende nahm Lea Schwers Beach-Karriere im Winter 2004/2005. Nach dem Rücktritt von Europameisterin und Olympiateilnehmerin Nicole Schnyder-Benoit machte sich ihre damalige Partnerin Simone Kuhn auf die Suche nach einer neuen Mitspielerin. Ihre Wahl fiel auf Lea Schwer, deren Partnerin Dinah Kilchenmann sich immer noch von ihrer Kreuzbandverletzung am Knie erholte und noch rekonvaleszent war. Obwohl das Duo Kilchenmann/ Schwer an sich nicht schlecht funktioniert hatte, nahm Lea Schwer die Chance wahr, mit der international schon wesentlich erfahreneren Simone Kuhn zum neuen Schweizer Top Paar aufzusteigen. Trotz der sportlichen Chance und dem gesteigerten Aufwand für den Sport kommt die Ausbildung bei Lea Schwer nicht zu kurz. Sie steckt in einem Studium an der Universität Basel.

Die Fachwelt war gespannt, ob das Duo harmonieren würde, waren doch beide bis dort als starke Angriffs- und Blockspezialistinnen bekannt und spielten in ihren bisherigen Teams beide eher den ruhigeren Part. Doch das Duo fand überraschend schnell zusammen. In ihrer ersten gemeinsamen Saison 2005 schafften sie an zwei World-Tour-Tunieren den Sprung in die Halbfinals, beendeten die Weltmeisterschaft in Berlin auf dem 13. Platz und wurden an der Europameisterschaft in Moskau hervorragende Vierte. Ausserdem holten sie überlegen den Schweizer Meistertitel.

In der Saison 2006 festigten Lea Schwer und Simone Kuhn ihre Position unter den 16 weitbesten Teams, für einen Platz ganz vorne spielten sie aber oft etwas zu unkonstant. In Bern holten sie Anfang September ihren zweiten Schweizer Meistertitel. Ihr Fernziel sind die Olympischen Spiele 2008 in Peking. Können sie ihr Spiel stabilisieren und haben sie ihre Nerven in den entscheidenden Momenten im Griff, könnte eine Olympiamedaille durchaus in Reichweite rücken.

Tobias Messmer
Noch nicht ganz so weit ist der 18-jährige Riehener Tobias Messmer. Immerhin hat er in Weltcupturnieren der Elite schon einige Runden überstanden und Mittelfeldplätze geschafft, in die Top Ten ist es aber noch ein weiter Weg. Gerade beim Fechten zählen Erfahrung und Nervenstärke besonders viel.

Dass Tobias Messmer das Zeug dazu hat, in einigen Jahren, wie heute sein Trainingspartner und grosses Vorbild Marcel Fischer, ein ganz Grosser zu werden, zeigen seine internationalen Resultate im Nachwuchsbereich. Im März 2005 gewann Tobias Messmer im österreichischen Linz sensationell die Bronzemedaille im Degen-Einzel der Kadetten. Die Kadetten sind nach den Junioren die zweithöchste Nachwuchskategorie im Fechten. Im November 2005 wuchs er als Jüngster des Schweizer Junioren-Nationalteams über sich hinaus. Er war ein wichtiger Leistungsträger des Teams, das im Degen-Mannschaftswettkampf der Junioren-Europameisterschaften in Tapolca (Ungarn) die Bronzemedaille gewann. Ausserdem war er Degen-Mannschafts-Schweizer-Meister mit der Fechtgesellschaft Basel. 2006 war er Degen-Teammitglied an den Junioren-Weltmeisterschaften in Südkorea.

Tobias Messmer trieb schon sehr früh Sport. Als Dreijähriger bestritt er seinen ersten Basler Stadtlauf. Als Leichtathlet war er Mitglied des Turnvereins Riehen. Als Sprinter hätte er durchaus Chancen gehabt, an der Schweizer Spitze mitzumischen, ist Tobias Messmer überzeugt. Bei der grossen Zahl von internationalen Spitzensprintern sah er aber für sich keine Chance, als Leichtathlet den Sprung an die Weltspitze zu schaffen. Diese Chance sieht er im Fechtsport, wo die besten Schweizer zur Weltspitze zählen - wie Tobias Messmers Klubkollege Marcel Fischer, amtierender Olympiasieger im Degenfechten.

Tobias Messmer investiert einiges in seinen Sport. Seine kaufmännische Lehre bei den Kantonalen Psychiatrischen Diensten in Liestal kann er in vier statt drei Jahren absolvieren, was ihm mehr Raum für Training und Wettkämpfe lässt. Der Trainingsaufwand pendelt zwischen 20 und 30 Stunden pro Woche. Zum Programm gehören Einzellektionen mit Manfred Beckmann, seinem Klubtrainer bei der Fechtgesellschaft Basel, und mit Nationaltrainer Rolf Kaiich, ausserdem Ausdauer- und Krafttraining im Fitnessclub und viele Trainingsgefechte gegen andere Fechter.

Erklärtes Ziel von Tobias Messmer ist eine Olympiateilnahme. Für Peking 2008 wird es wohl kaum reichen, weil die Schweiz derzeit mit Marcel Fischer, Benjamin Steffen und den Kauter-Brüdern über starke Elite-Fechter verfügt. Im Jahr 2012 könnte sich dann aber die Chance auftun für Tobias Messmer und andere Junge, die bereits am Nachstossen sind.

Dass Tobias Messmer ein ganz natürliches Flair für das Fechten in sich hat, zeigte sich schon früh. Schon als kleiner Junge tollte er mit seinem Kollegen Marc-Andrea Brunner Holzstecken fechtend im Garten herum. Als Mutter Messmer das sah, meldete sie ihn bei einem Fechtklub an. Dass Tobias Messmer nun ausgerechnet zur Fechtgesellschaft Basel fand, ist einem Zufall zu verdanken. Eigentlich hätte er beim Basler Fechtclub schnuppern sollen, aber zusammen mit seiner Grossmutter landete er im Fechtsaal der Fechtgesellschaft, der sich im selben Gebäude beim Theaterplatz befindet, und so nahm ihn Manfred Beckmann unter seine Fittiche, der sich zu Beginn gar nicht so sicher war, ob Tobias Messmer nun Talent zum Fechten hatte oder nicht. Im Alter von 13 Jahren intensivierte Tobias Messmer das Fechttraining und feierte erste Erfolge an Nachwuchsturnieren.

Tobias Messmer ist in der Regel ein sehr ruhiger Typ. Wenn es um die Wurst geht, kann er aber sehr zielstrebig und nervenstark sein. Mit seiner psychischen Stärke ist er ein ausserordentlich guter Teamfechter. Stark ist er in der Parade und im Konter. Schwächen zeigte er bisher häufig, wenn er angreifen musste. Oft nahm er zu viel Risiko in Kauf oder liess sich vom Konter des Gegners erwischen. Wenn es ihm gelingt, seine Angriffsmängel in den Griff zu bekommen und ein kompletterer Fechter zu werden, dann steht einer grossen Karriere nichts mehr im Weg. Dann braucht es nur noch eine gute Gesundheit und das nötige Wettkampfglück.

Ist die Auszeichnung mit dem Riehener Sportpreis bei Lea Schwer nicht zuletzt Anerkennung für sportliche Erfolge und den Aufstieg in die Weltspitze, so versteht die Jury die Preisverleihung an Tobias Messmer auch im Sinn eines Förderpreises für eine noch junge, aber sehr Erfolg versprechende Sportlerkarriere.

Die übergabefeier des Sportpreises 2005 fand am Dienstag, 6. Juni 2006, im Bürgersaal des Gemeindehauses statt.


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