2006

Der Borgia auf den Teller schauen

Franz Osswald

Ende August 2006 ging in der Reithalle des Riehener Wenkenhofs das erste Opernfestival Basel/Riehen über die Bühne. Opernkost al dente.

Gegensätze ziehen sich an. So auch beim Opernfestival Basel/Riehen, das seine Premiere am 26. August 2006 in der Reithalle des Wenkenhofs erlebte. Idee und Konzept der Veranstaltung haben ihren Ursprung nämlich im alpinen Engadin. Erklärtes Ziel des Opernfestivals Engadin ist es, dem Publikum ein hautnahes Opernerlebnis zu ermöglichen, sozusagen Donizettis Lucrezia Borgia als Tischnachbarin. Das Engadiner Konzept wurde unverändert auf die Riehener Verhältnisse übertragen, was in St. Moritz funktioniert, das wird wohl auch in Riehen Anklang finden - im wahrsten Sinne des Wortes.

Zum Klingen kamen in der Reithalle das Symphonieorchester Budapest des Ungarischen Rundfunks unter der Leitung von Jan Schultsz und die Stimmen der Sopranistin Joanna Wos in der Rolle der Titelheldin Lucrezia Borgia, der Mezzosopranistin Bernadetta Grabias in der Hosenrolle des Edelmanns Orsini, des Tenors Mihajlo Arsenski als Hauptmann Gennaro, des Basses Krzysztof Klorek in der Rolle des Don Alfonso sowie der Sängerinnen und Sänger aus dem RegioChor Binningen-Basel und der Basler Liedertafel.

Auf schmalem Laufsteg statt tiefer Bühne Das Ensemble fand in der Reithalle einen Raum, der für eine Opernaufführung dieser Art nicht allen Anforderungen gerecht werden konnte. Die von den Veranstaltern so gewünschte Nähe wurde plötzlich zur Herausforderung, denn die Verhältnisse gestalteten sich nicht nur nah, sondern geradezu eng. Dies führte zu einer unkonventionellen Bühnensituation, einem fast 20 m langen weissen «Laufsteg», auf dem sich die szenischen Darstellungen vor einem schlichten, stilisierten Bühnenbild abspielten.

So rückten die in Rot, Schwarz und Weiss gehaltenen Kostüme von Imke Sturm-Krohne ganz in den Blickpunkt. Gewänder im klassischen Schnitt der Renaissance mit den typischen engen Beinkleidern. Unkonventionelle Bühnensituation und traditionelle Kostümierung bildeten weitere Kontrapunkte in dieser Operninszenierung, der es an Spannungsfeldern wahrlich nicht fehlte.

Ensemble, Publikum und Kritiker gefordert Eine Gesamtsituation, die an den Intendanten und Dirigenten Jan Schultsz, den Regisseur Andreas Leisner und das ganze Ensemble hohe Anforderungen stellte und ihnen eine grosse Flexibilität abverlangte. Insbesondere die Solistinnen, Solisten und der Chor - alle im Besitz eines grossen stimmlichen Volumens - mussten sich auf die nicht ideale Akustik sowie die ungewohnte räumliche Aufteilung einstellen - und auf die Nähe zum Publikum. In den intensiven Proben reifte eine Inszenierung heran, die den Gegebenheiten zwar ihren Tribut zollen musste, das Ziel eines direkten und intensiven Opernerlebnisses aber klar erreichte. Die Aufführungen fanden ein dankbares und zugleich kritisches Publikum.

Die Gegensätze der Riehener Inszenierung fanden ihre Fortsetzung in kontroversen Zeitungskritiken und gegensätzlichen Meinungsäusserungen in den Leserbriefspalten. So emotional wie sich das Stück präsentierte («Gefühle lodern auf schlichtem Steg», Titel «Badische Zeitung») wurde auch dessen Inszenierung diskutiert. «Brauchen wir in der Region neben dem Theater Basel noch ein Opernfestival?», lautete eine andere in den Medien gestellte Frage. Auch hier dürfte die Antwort - einmal mehr - in der Gegensätzlichkeit zu finden sein. Das Opernfestival befriedigt andere Bedürfnisse (u.a. auch kulinarische) als das Theater Basel, beide verfolgen verschiedene Inszenierungstraditionen. Anders als beim Theater, das bei seiner Programmgestaltung einem Bildungsauftrag nachkommen muss, kann sich das Opernfestival auf den «reinen Genuss» konzentrieren. Und den hat es dem zahlreich erschienenen Publikum geboten.

Riehens Opernfestival wird im nächsten Jahr weitere «königliche Tage» zu bieten haben: «Un giorno di regno» von Giuseppe Verdi steht 2007 auf dem Programm.

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