2006

Verstehen und verstanden werden

Daisy Reck

Im Haus der Vereine und im Freizeitzentrum Landauer werden seit Herbst 2002 Deutsehkurse für Ausländerinnen angeboten: Die Basis für eine gute Integration.

Im Februar 2002 beantwortete der Riehener Gemeinderat einen Anzug betreffend Ausländerintegration. Seine wesentlichen Passagen lassen sich wie folgt zusammenfassen: «Trotz unterdurchschittlichen Schwierigkeiten mit Ausländerinnen und Ausländern wolle man die bereits bestehenden Integrationsmassnahmen ergänzen und optimieren. Es sei wichtig, dass die ausländische Bevölkerung möglichst frühzeitig ihre Mitverantwortung in Riehen wahrnehme. Auf diese Weise könnten Konflikte auch in Zukunft vermieden und das Zusammenleben zwischen Schweizern und Ausländern besser verknüpft werden. Als eine der Leitideen bei solchen Bestrebungen habe man das Angebot <Deutsch und Integration in der Gemeinde Riehen) konzipiert. Es richte sich an fremdsprachige Familienfrauen mit kleinen oder schulpflichtigen Kindern. Ihnen wolle man damit den Zugang zur deutschen Sprache und zu ihrer neuen Wohngemeinde erleichtern. Als verantwortlich habe man das in solchen Projekten erfahrene Basler Kurszentrum für Menschen aus fünf Kontinenten, K5, vorgesehen.»

Mit dieser Stellungnahme wurde der Beginn eines Expertimentes skizziert, das sich inzwischen längst und gut etabliert hat. Der «Deutschkurs für neuzugezogene Frauen mit Informationen zum Leben in den Gemeinden Riehen und Bettingen» hat im September 2006 bereits zum fünften Mal begonnen. Er fördert Bildung im schönsten Sinne des Wortes. Denn er begrenzt sich nicht auf Wissensvermittlung. Er legt vielmehr Wert auf das Verständnis kultureller Werte und entfaltet bei den Teilnehmerinnen viele, bisher verborgene Fähigkeiten.

Alltags- und praxisbezogen
Auf den Kurs sollen nach Riehen gekommene Ausländerinnen so früh als möglich aufmerksam gemacht werden. Das geschieht durch Inserate in der «Riehener Zeitung», durch einen Versand an die Neuzugezogenen, deren Adressen der Kanton zur Verfügung stellt, durch Hinweise bei der immer im Frühling stattfindenden Neuzuzügerfahrt, durch aufliegende Blätter bei sozialen und medizinischen Organisationen und nicht zuletzt durch eine wirksame Von-Mund-zuMund-Propaganda. Anfang August endet die Anmeldefrist, und Mitte August werden die Lernwilligen ins Gemeindehaus gebeten. Jede von ihnen bringt eine Bekannte mit, die gut Deutsch spricht und übersetzen kann. Orientiert wird bei dieser ersten Kontaktnahme durch Ruth Stöckli, Leiterin der Sozialen Dienste und Integration als Projektverantwortliche der Gemeinde, durch die Projektleiterin Lee Meixner-Kamber als Vertreterin von K5 und durch die zwei Kursleiterinnen. An diesem Abend prüft man auch die bereits erworbenen Sprachkenntnisse der Interessentinnen und stellt fest, wie der Unterricht auf einem gemeinsamen Niveau erteilt werden kann. Analphabetinnen beispielsweise werden an die auf sie besser zugeschnittenen K5-Angebote in der Stadt weitervermittelt. Ein Kurs wird dann durchgeführt, wenn sich im Minimum acht Frauen gemeldet haben. Das war bisher noch in jedem Jahr der Fall.

Anfang September kommt dann der grosse Augenblick. Nachdem die Kinder, sofern das dem Wunsch der Mütter entspricht, im angegliederten Hort untergebracht wurden, versammelt sich die Gruppe im Haus der Vereine. Und nach dem herzlichen Empfang durch Christina Gerber, welche die Kurse von Beginn an geleitet hat, beginnt das Lernen: während 14 Wochen, Unterbochen von den Schulherbstferien, jeweils zwischen Montag und Donnerstag und jeweils zwischen neun und halb zwölf Uhr. Es ist ein auf den Alltag und auf die Praxis bezogenes Lernen. Basierend auf ausgezeichnetem Material. Das Lehrmittel «Deutsch in der Schweiz» von Ernst Maurer führt Schritt für Schritt grammatikalisch an die Sprache heran, sorgt aber gleichzeitig dafür, dass sich die Frauen unserem Land und unserer Gesellschaft mit ihren Eigenarten und Sitten annähren. Man zeigt ihnen unser Geld und unsere Ziffern, unsere Art zu essen und unseren Umgang mit den Jahreszeiten, unsere Unterschiede zwischen Stadt und Land und unseren Umgang mit Arbeit und Freizeit.

In Rollenspielen wird geübt. Und mit der Hilfe einer Wandtafel, eines Projektionsapparates und eines Tonbandgerätes wird das Neue allmählich greifbar. Christina Gerber ist hilfreich, geduldig und fantasiereich. In ihrem Unterricht arbeitet sie am Dienstag im Team-Teaching zusammen mit Christine Teuteberg. Dann können die zwei Kursleiterinnen, beide erfahrene Kräfte des K5-Zentrums, eine Unterteilung vornehmen und sich den Fortgeschritteneren und den Schwächeren individueller annehmen.

Man gibt auch Aufgaben. Und am nächsten Tag wird repetiert. So beispielsweise beim Kapitel Gesundheit alles, was man bei uns zu tun pflegt, wenn eine Grippe ausgebrochen ist. Die Wörter «Vitamin» und «schwitzen», «schlafen» und «Tee trinken», «Medikamente» und «Arzt» prägen sich dann ein. Und man simuliert jeweils zu zweit auch Telefongespräche: wie sich eine Mutter verhalten kann, wenn sie ihr krankes Kind beim Lehrer entschuldigen will oder wie sich eine Ehefrau verhalten soll, wenn sie ihren kranken Mann bei ihrem Chef abmelden muss. Das alles ist nahe beim Alltag angesiedelt. Und deshalb sowohl eingängig wie willkommen.

Einen Höhepunkt setzt jeweils der Donnerstag. Zusammen mit Mediatorinnen, die mit verschiedenen Kulturen und verschiedenen Sprachen vertraut sind, geht man hinaus «ins Dorf»: auf einen Rundgang, in die Gemeindeverwaltung, ins Spital, zu den Sozialdiensten, zu den Rektoraten, in die Bibliothek, zur Polizei und in den Werkhof zur Abfallentsorgung. Auf diese Weise verliert die tägliche Umwelt jedes Fremde und wird allmählich erobert. Wünsche werden dabei berücksichtigt. Die Frauen bestimmen mit und bringen persönliche Bedürfnisse ein.

Jeder Kurs sei anders. Gemäss dem Temperament seiner Teilnehmerinnen. Sagen Christina Gerber und Christine Teuteberg. Und dementsprechend unterschiedlich sei auch das Fest zum Schluss, nachdem eine Kursbestätigung ausgehändigt worden sei. Manchmal veranstalte man eine schlichte Feier gemeinsam mit den Kindern. Manchmal würde die ganze Familie samt den Bekannten eingeladen. Es komme auf die Zusammensetzung der Gruppe und die Nationalitäten an. Doch schön sei es immer. Und Streit gebe es nie. Erfreulich sei es auch, dass sich die Frauen ausserhalb des Kurses träfen und sich hilfreich zur Seite ständen.

In enger Koordination Einige dieser Frauen sehen sich auch an einem anderen Ort der Gemeinde Riehen wieder. Im Freizeitzentrum Landauer nämlich. Dort hat man fast gleichzeitig wie die Gemeinde Riehen mit Deutsch für Ausländerinnen begonnen. Betreut vom eigenständigen Verein «Miteinander vorwärts» wurde im Oktober 2002 zum ersten Mal ein Kurs für Anfängerinnen durchgeführt. Dabei ging es nie um ein Konkurrenzunternehmen. Man arbeitet vielmehr eng in einer ständigen Koordination zusammen. Man habe für die jeweils fünfzehn Wochen dauernden und bloss am Dienstag- und Donnerstagstagmorgen durchgeführten Angebote jedoch andere Startzeiten und komme damit Frauen entgegen, die nicht auf den jeweils erst im September beginnenden Kurs der Gemeinde warten wollten und sich nicht an vier Tagen frei machen könnten. Sagt Irene Hirzel als Verantwortliche.

Auch biete man seit 2004 Kurse für Fortgeschrittene und bereits seit 2003 Konversationskurse an. Vor allem hier wendet man sich an Interessierte, die sich bei der Gemeinde ihre Basis erworben haben und sich weiterbilden möchten. Ganz neu wird nun auch ein Abendkurs durchgeführt, an dem erstmals Männer zugelassen sind. Und ausserdem gibt es jetzt ein Pilotprojekt: «Miteinander nähen auf Deutsch» - jeden Mittwochmorgen. Dabei sollen sich Schweizerinnen und Ausländerinnen näher kommen.

Die Kurse sind, wie jene der Gemeinde, subventioniert von Riehen, vom Kanton Basel-Stadt und von der Eidgenössischen Ausländerkommission. Sie sind jedoch deswegen, wie jene der Gemeinde, nicht unentgeltlich. Die Teilnehmerinnen zahlen im Prinzip alle einen vernünftigen Beitrag. Für Frauen in Notlagen steht jedoch ein Fonds zur Verfügung.

Durchgeführt werden die Angebote des Vereins «Miteinander vorwärts» im stimmungsvollen, abgeschrägten, durch seine Holzbalken gemütlich wirkenden Dachstock des Landauerhofs. Im Sommer wartet der Garten. Dort kann dann, beispielsweise im Konversationskurs, an dem gleich zwei Leiterinnen und zwei Helferinnen beteiligt sind, ausserordentlich konstruktiv in Gruppen geübt werden. Geschöpft wird bei all dem aus einem wertvollen, in harter Arbeit zusammengestellten, dicken Ringheft. Es ist das Lehrbuch des Vereins. Aehnlich den auch im Buchhandel erhältlichen Bänden von Ernst Maurer teilt es den Stoff in gegenwartsbezogene Kapitel auf. Sie vermitteln unter anderem die Politik und Geschichte der Schweiz, unser Berufs- und Schulsystem, unser Kirchenjahr eingebunden in die Jahreszeiten, unsere Gebräuche und Eigenarten. Wichtig ist bei all dem, dass sich die Teilnehmerinnen - neben dem Lernen - wohl fühlen, Vertrauen schöpfen und Entgegenkommen verspüren. Wer Schwierigkeiten irgend welcher Art hat, wird auch nach den Kursen beraten oder getröstet.

So wird beim Verein «Miteinander vorwärts» dasselbe Ziel verfolgt wie beim «Deutschkurs für neuzugezogene Frauen». Ueber die Sprache hinaus wird das Leben in den Gemeinden Riehen und Bettingen, aber auch das Leben in unserem Land erklärt. Und damit eine gute Integrationpolitik vorbildlich umgesetzt.

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