2005

Neues Bauen in Riehen

Robert Schiess

Eine Ausstellung im Kunst Raum Riehen stellte unbekannte architektonische Schönheiten aus der Zeit des Neuen Bauens vor.

Zusammen mit dem Heimatschutz Basel und Riehen und aus Anlass des 100-Jahr-Jubiläums hat die Bildende Kommission der Gemeinde Riehen im Sommer 2005 eine Ausstellung mit Plänen, Fotos und Möbeln aus der Zeit und Fotos von heute im Kunst Raum Riehen organisiert. Weitgehend unbekannte architektonische Riehener Schönheiten wurden vorgestellt - das NEUE BAUEN. Mit diesem Begriff wird jene Strömung der Architekturgeschichte der 1920er- und 1930er-Jahre zusammengefasst, welche die herkömmliche Bautradition radikal ablehnte und welche die neuen technologischen Möglichkeiten des Bauens auslotete.

Die Bauten der jungen Architekten jener Epoche waren nicht nur in Riehen lange Zeit verkannt. Die Ausstellung versuchte darzustellen, wie sich die Qualitäten dieser Architekturen hin zu mehr Licht, Luft und auch zur Leichtigkeit entwickelt hatten. Der andere Strang der Ausstellung bezieht sich auf das Bauen für das Existenzminimum, welches die Architekturdiskussion der 20er- und 30er-Jahre mitbestimmte, ja einer ihrer Leitgedanken war, und welche in dieser Ausstellung mit Plänen von Hans Schmidt zur Siedlung «Im Höfli» (siehe Riehener Jahrbuch 1996, Seite 153) ihren Niederschlag fand. Häufig waren verwandtschaftliche, freundschaftliche und politisch-soziale Beziehungen der Auftraggeber zu den Architekten ausschlaggebend für die Auftragserteilung.

Erster Eisenskelettbau Das Haus Colnaghi (Wenkenstrasse 81) von Artaria H Schmidt von 1927 ist der erste Wohnbau in der Schweiz, in welchem ein Eisenskelett als tragende Struktur aufgestellt wurde. Mit Bimsbetonplatten waren die Wände und Decken zweischalig ausgefacht, aus Beton wurden die Fensterrahmen vorgefertigt und dann montiert. Die fassadenbündigen Fenster waren eine Spezialkonstruktion aus Holz von Artaria H Schmidt. Auf den Böden der Wohnräume sind Holzriemen aus Douglasie verlegt, in den übrigen Räumen wurde farbiger Linoleum verwendet. Das Flachdach ist mit einem heute noch weitgehend intakten Asphaltbelag abgedichtet. Die Standardmasse der Bimsbetonplatten und der Stahlprofile bildeten die massliche Vorgabe für den Entwurf.

Hans Schmidt (1893-1972) hatte zuvor im Rheinhafen eine Fabrikhalle in Stahlskelettbauweise errichtet und dort Erfahrungen gemacht, die er im Wohnhaus Colnaghi umsetzte - eine neue ästhethik resultiert. Sicherlich eingeflossen sind hier Hans Schmidts Erfahrungen aus Holland, die sich auch in der Farbgebung äussern und unverkennbar eine Nähe zu Theo van Doesburg, Georges Vantongerloo oder Piet Mondrian zeigen. Im dreigeschossigen Turm ist die vertikale Erschliessung mit Nebenräumen und dem Gastzimmer im dritten Stock angeordnet, im Erdgeschoss sind Wohnund Esszimmer und im Obergeschoss führt ein langer Gang mit Wandkästen zu den Schlafzimmern. Diese grundrissliche Disposition findet sich dann ähnlich im Haus Schaeffer, im Haus Huber und im Haus Senn. Tom Osolin hat das Haus Colnaghi 1991-1993 vorbildlich renoviert und an den ursprünglichen Zustand wieder herangeführt.

Entwicklung Das älteste der ausgestellten Häuser ist das Haus Schmidt von Paul Artaria (1892-1959) aus dem Jahre 1922, eines seiner frühesten Werke. Der kompakte Baukörper ist ein Massivbau, in einem klaren Volumen eingeschrieben und von strenger axialer Anordnung.

Der Weg der beiden sich gegenseitig in ihrer Entwicklung befruchtenden Architekten Hans Schmid und Paul Artaria zu einer radikalen Architekturauffassung begann mit dem Haus Hödel (Sonnenbühlstrasse 40) von Hans Schmidt im Jahre 1924. Es ist sein Erstlingswerk und es ist Massivmauerwerk. Es zeigt im Obergeschoss bereits eine grundrissliche Disposition, wie wir sie später in den Werken von Artaria Et Schmidt wieder finden: langer Gang mit Wandschränken vor den Schlafzimmern. Das Raumprogramm ist in drei ineinander verschachtelten Baukörpern unter drei Satteldächern untergebracht.

Ebenfalls ein Erstlingswerk ist das Haus Sandreuter (Obere Wenkenhofstrasse 9), von 1924 von Rudolf (1900-1982) und Flora Steiger-Crawford (1899-1991), Schülern von Hans Bernoulli. Das versteckte Pultdach, die spektakulären übereckfenster mit den Schiebeläden, der Materialwechsel von Holz zur verputzten Massivmauer verleihen diesem Haus seinen expressiven Charakter. Es ist eine bemerkenswerte Mischung aus Holzständerbau und Massivbauweise.

Das Haus im Schlipf (Schlipfweg 22) von Hans Schmidt von 1924/25 zeigt sich als dreiteilige Anlage mit auf der Schauseite dem Wohntrakt und dem Küchentrakt. Hinten liegt, durch einen langen Gang erschlossen, der Schlaftrakt. Es ist eine Holzriegelkonstruktion, die auf einem betonierten Kellerfundament ruht.

Das Haus Schaeffer (Sandreuterweg 44) von Artaria H Schmidt stammt aus den Jahren 1927/28. Auch hier sind Wohn- und Schlaftrakt getrennt. Der Wohntrakt sticht im Erdgeschoss rechtwinklig zur Strasse in die Grundstückstiefe vor - das Wohnzimmer wird dadurch auf drei Seiten frei gestellt. Darüber liegt, halb über dem Wohntrakt, halb auf Stahlstützen frei schwebend und parallel zur Strasse, der Schlaftakt mit Fenstern aus Eisenrahmen nach Süden mit dem nun wohlbekannten Gang mit den Einbauschränken vor den Schlafzimmern. An der Schnittstelle beider Körper sind diese miteinander verbunden. Es ist ein Prototyp, der als Basiselement für die Aufreihung gleicher Häuser gedacht ist, wie eine Skizze von Hans Schmidt zeigt. Für die Reihung müsste dann auf ein Zimmer im Obergeschoss verzichtet werden. Hans Schmidt hat dieses Haus auch schon als «Wohn-Ford» bezeichnet, eine Anspielung auf das revolutionäre industrielle Produkt, dem Auto Ford Modell T. Die sorgfältige Renovation dieses zweiten Eisenskelettbaus besorgten Herzog H de Meuron.

Das Haus Huber (Hackbergstrasse 29) von 1928 von Artaria 8t Schmidt scheint am Hang zu schweben. Wie das Haus Schaeffer ist es ein Meisterwerk der avantgardistischen Moderne der 20er-Jahre und in Fachkreisen weit über die Schweiz hinaus bekannt und vielfach publiziert. Es ist das dritte der Riehener Eisenskelettbauten, das auf der Strassenseite vier Achsen mit vier Geschossen umfasst. Die bis zur Decke reichenden Fenster sind als Bänder auf der Südseite angelegt. Barock mutet die Wegführung an, die den Besucher unter dem Haus hindurch hinter das Haus zum Eingang führt, der sich in der vertikalen Erschliessung befindet. Die sorgfältige Renovation besorgte Benedikt Huber 1993.

Otto Senn (1902-1993) ist rund 10 Jahre nach Hans Schmidt geboren - das von ihm zusammen mit seinem Bruder Walter (1906-1983) für den dritten Bruder Willy G. Senn realisierte Haus Senn (Schnitterweg 40) ist sicherlich vom Haus Schaeffer inspiriert. Doch wurde der «Wohn-Ford» hier zum «Wohn-Cadillac», sprich zur Villa mit klassischem Raumprogramm und herrschaftlichen Repräsentativräumen im erdgeschossigen Anbau und Räumen für die Bediensteten. Es ist kein Eisenskelettbau, sondern wurde in Backsteinmauerwerk ausgeführt. Zum Garten hinaus führt ein Schiffssteg zu einer frei stehenden Terrasse, die auch als überdachung für den Sitzplatz inmitten des Gartens ausgebildet wurde - unverkrampft verbinden sich hier Elemente des Neuen Bauens mit der traditionellen Villa. Einer eigentlichen Restaurierung wurde das Haus im Jahr 2002 von Miller 8t Maranta, Basel, unterzogen.

Vom «Hausprototyp für die Landhaus AG» (Rütiring 12) von Hans Bernouili (1876-1959), Eigentümer dieser Aktiengesellschaft, aus dem Jahre 1933 wurden zwei Planvarianten vorgestellt: eine mit Flachdach, die von den Behörden abgelehnt wurde, und die realisierte, mit einem flachen Satteldach. Gedacht war dieses Haus in Holzständerbauweise als Musterhaus für weitere Häuser. Das Flachdach hat damals schon die Gemüter in Riehen beschäftigt, auch heute noch ist es Thema.

Otto Rudolf Salvisberg (1882-1940) wird üblicherweise als Vertreter der gemässigten Moderne bezeichnet. Auch sein Haus Gsell (Dinkelbergstrasse 4) in Backsteinmauerwerk zeichnet sich durch ein kongeniales Verbinden bürgerlicher Lebensformen mit den Vorteilen einer praktischen modernen Haushaltung aus.

Das Haus Von Sury (Sonneggstrasse 19) aus dem Jahre 1935/36 von Werner Max Moser (1896-1970) und Rudolf Steiger wird heute leider durch einen wenig qualitätsvollen Neubau (einem Fertighaus) ersetzt. Der Bungalow war als Holzständerbau über einem Betonsockel konzipiert und wies im Inneren noch weitgehend originale Substanz aus.

Die Wohnsiedlung im Höfli (im Geviert Hörnliallee, Kohlistieg, Rauracherstrasse) von Hans Schmidt stammt aus den Jahren 1946-1954. Der Kommunist Hans Schmidt konnte hier Häuser verwirklichen, welche dem Bauen für das Existenzminimum verpflichtet sind. Die Häuser in Massivbauweise und Holzverschalung auf der Gartenseite stehen über kleinem Grundriss. Zusammen mit dem Reihenhausgedanken, also der bestmöglichen Ausnützung des Grundes, ist diese Forderung umgesetzt.

Atelierhäuser Die Eigentümer dieser Häuser waren alle kulturell engagiert, sie hatten regen Kontakt miteinander, organisierten Konzerte, Vorträge und auch Theatervorstellungen. Einige waren selbst Künstler, die sich Atelierhäuser bauen liessen.

Das Atelierhaus für Willi Wenk (Mooshaldenweg 5) von Artaria & Schmidt von 1926 ist das älteste. Es ist ein «Bau für das Existenzminimum», das in der Anlage unabhängig von der inneren Raumaufteilung funktioniert, und das beliebig erweiterbar wäre. In seiner Konstruktion mit horizontalen Balkenlagen und vertikalen Ständern nimmt es den Eisenskelettbau vorweg. Das Atelierhaus von Nikiaus Stoecklin (Morystrasse 6) von 1928 der Architekten Emil Bercher (1883-1964) und Eugen Tamm (1880-1938), das unter seinem dominanten Satteldach auch das Atelier auf der Nordseite beherbergt, ist demgegenüber konservativer und eigentlich weit vom «funktionalen Schuppen» des Neuen Bauens entfernt. Das Atelierhaus von Brunhilde Kind (auch: Brunilde Damira) (Dinkelbergstrasse 20) stammt von Franz Bräuning (1888-1974) und Hans Leu (1896-1954) aus dem Jahre 1929. Es ist kubisch dem Neuen Bauen verwandt, in der Konstruktion aber konventionell gemauert. Paul Artaria griff 1936 für das Atelierhaus für Paul Basilius Barth (Vier juchartenweg 24) wieder auf das Atelierhaus Wenk zurück. Da hier das Grundstück etwas breiter war als an der Mooshalde, ist der Grundriss grosszügiger disponiert. Die Aufstockung des Wohntrakts 1941 stammt von Bräuning, Leu Et Dürig.

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