2005

Klanglandschaft Riehen

Justin Winkler

Die Klanglandsehaft umgibt uns stündlieh und täglich, sowohl als Stille wie als Lärm. Sie zeugt vom Leben eines Ortes, an dem alle zugleich mitkomponieren und mithören.

Am frühen Morgen des 12. Mai 2005, um 3 Uhr 38 Minuten MEZ, ereignete sich ein Erdbeben der Magnitude 4,1. Es geschah bei laufender Tonaufnahme für den Tageslauf des Klangraums von Riehen. Und doch ist auf der Aufnahme nichts davon zu hören, obwohl das Auto, das fast in diesem Augenblick am Aufnahmepunkt vorbei den Chrischonaweg hoch fuhr, das Ereignis nicht mit seinem Motorengeräusch überdeckt hat und auch kein Flugzeug den Himmel dieser Nachtstunde klanglich getrübt hat.

Die im Freien mit der Tonaufnahme Beschäftigten «hörten» das Erdbeben als dumpfes Rollen aus grosser Ferne im Südosten. Dann nichts mehr. Falls Sie als Leserin oder Leser sich daran erinnern, Anfang Mai wegen eines Bebens aufgewacht zu sein, dürfte das aufgrund konkreterer Wahrnehmungen geschehen sein: eines Stosses am Bett, des Rumpeins von Mobiliar oder des Klirrens von Geschirr.

Wie die Aufzählung zeigt, äussert sich das Erdbeben in verschiedenen Wahrnehmungszusammenhängen sehr anders: Es kommt denen, die es unter freiem Himmel erfuhren, vor allem als Hörereignis vor, als etwas Ungewohntes und darum ein wenig Unheimliches. Auffällige Vibrationen sind trotz der 4,1 M im Epizentrum im Jura nicht festgestellt worden. Die von dem Beben geweckten Menschen schauten erst, «wer» wohl an ihr Bett gestossen ist, fanden dann aus ihrer Erfahrung aber rasch eine Erklärung. Und schliesslich das Band, auf das mit den Kunstkopfmikrofonen der Tageslauf aufgenommen wurde: Es hat nichts gehört oder gefühlt.

Aus Phänomenen, die uns aus den Randbereichen aller Wahrnehmungsmodi - sei es Sehen, Hören, Riechen oder Tasten - erreichen, gewinnen wir oft mehr Erkenntnisse als aus Phänomenen, die klar einem Modus und der Aufmerksamkeit zugeordnet sind. So fiel dieses Erdbeben nicht nur in eine entlegene Nachtstunde, sondern gewissermassen zwischen Stuhl und Bank der gewohnten Wahrnehmungen und der technischen Aufnahme. Wird es gehört, wird es gefühlt, wird es gesehen? Wer das Rollen «hinter» dem Horizont vernimmt, «hört» eine äusserung des Erdbebens, ebenso wer die Gläser im Schrank klirren hört. Wer Stösse am Bett fühlt, spürt es körperlich. Wo die Zimmeriampe schwingt, «sieht» man tatsächlich eine übersetzung des Erdbebens. Kein Sinnesmodus ist privilegiert, keiner besonders vorbereitet.

Tatsächlich war also dieses relativ starke Erdbeben akustisch zu schwach, um von der Tonaufnahme registriert zu werden. Einerseits zu leise, vor allem aber mit zu tiefen Frequenzen für die Mikrofone: Erdbebenwellen laufen mit 1 bis 10 Hz (Hertz: Schwingungen pro Sekunde), während es für die tiefsten noch hörbaren Töne 20 Hz braucht. Leben und Wahrnehmung entfalten sich wellenartig und zyklisch in bewegten Medien: Licht, Schall, Vibration, Tage, Jahre. Darum lohnt es sich, die Welt der Klänge mit den Welten der anderen Erscheinungen zu vergleichen. Der Klang-«Raum», die Klang-«Landschaft» ist also immer auch ein Zeit-Raum und eine Zeit-Landschaft.

Die Abbildung setzt die hörbaren (sonischen) mit den langen, nicht hörbaren (subsonischen) Zyklen in Beziehung. 0 ist die «erfahrene Gegenwart», die mit 6,6 Sekunden definiert ist; die Geschwindigkeit der Zyklen nimmt von rechts nach links ab. Rechts stehen die Werte für hörbare Frequenzen, links die entsprechenden für die langen, nicht hörbaren Frequenzen, die wir als Alltags- und Lebenszeit erfahren.

Die Zahlenwerte sind logarithmische Ableitungen, wie sie auch beim gebräuchlichen Mass des deziBel in Gebrauch sind: Eine Viertelstunde (-21) entspricht im Bereich des Hörbaren etwa der Hörschwelle bei den tiefsten Tönen (+21), ein Wochenzyklus (-49) entspricht im Hörbaren etwa der Frequenz der höchsten, noch gut hörbaren Töne (+51).

Was zeigt das? Die Schwingungsraten des Klanglichen entsprechen den Verhältnissen der erlebbaren, gesellschaftlich bedeutenden Zeit: Stunden, Tage, Wochen. Dass das Hören in die Zeit eingebunden ist - dass ein Satz oder eine Melodie sich in der Zeit erst entfalten muss - unterscheidet diesen Sinn klar vom Sehen, das eine Situation «aufs Mal» erfassen kann.

Zurück zu Riehen. Der klangliche Tageslauf von Riehen vom 12. Mai 2005, der auf der beiliegenden CD in verschiedenen Versionen angehört werden kann, verweist auf die gegenwärtige Klanglandschaft. Beim Wort «Klanglandschaft» handelt es sich um die in jüngster Zeit eingebürgerte übersetzung des englischen Kunstwortes «soundscape»; dieses entstand Ende der sechziger Jahre und wurde vom kanadischen Komponisten R. Murray Schafer (1986/1967) verwendet. Klanglandschaft ist die Gesamtheit der klingenden Umgebung, von den Eigengeräuschen des Körpers bis zum fernsten Donnerrollen. Klang-«Landschaft» ist nicht nur das Aussen, das wir in unserer visuell ausgerichteten Kultur damit assoziieren, sondern auch ein «Landschaftliches» in einem übertragenen Sinne als Gefühlslandschaft oder Landschaft der Erinnerung. Klanglandschaft ist daher eine Kulturlandschaft, eine Landschaft des Menschen, die auf der Grundlage von gegenwärtiger Wahrnehmung von Stimmungen, Erinnerungen und Imaginationen gebildet wird.

Hören ist nichts Passives, ist nicht reaktives Verarbeiten von Schallereignissen, sondern stets ein von Erwartungen geprägtes Horchen. Verschiedene Weisen des Hörens stellen ein Klangobjekt verschieden dar: Das Französische kennt drei Verben, die ein unterschiedliches Gerichtetsein des Hörens zum Ausdruck bringen: ouïr, écouter, entendre. Dies entspricht im Deutschen etwa: Hören als natürlicher Orientierungsakt, Zuhören oder Horchen, hörend Verstehen.

Das realistische Hören nimmt Schallquellen wahr und hört nicht die Klänge selbst. Daran, dass der hörende Mensch in der Lage ist, ein und dasselbe Klangereignis auf ganz verschiedene Arten zu wahrzunehmen, liest man ab, dass eine eindeutige Ordnung der Klangobjekte ohne Berücksichtigung der Hörweisen nicht möglich ist. Darauf weisen die drei Versionen des Riehener Tageslaufs auf der CD hin: Die «Signalklänge» stellen den klanglichen Tageslauf anhand der Ereignisse dar. Die «Tonalität» zeigt den klanglichen «Grund», gewissermassen das Grundrauschen des Ortes zur jeweiligen Tageszeit. «Himmel über Riehen» fokussiert das Ohr auf Ereignisse im Luftraum, im Besonderen die zahlreichen überflüge, die den Himmel klanglich erst wahrnehmbar machen. Kann das «derselbe» 12. Mai sein? Sind das nicht drei grundsätzlich verschiedene Hörpositionen?

Wer diese Kunstkopfaufnahmen mit Kopfhörer anhört, nimmt die räumliche Tiefe und Verteilung der Klangereignisse wahr. Und er oder sie realisiert, wie wenig ein Begriff wie «klanglicher Hintergrund» Sinn macht. Die Klangumwelt ist nicht wie ein Gemälde organisiert, in dem es meist einen Vorder- und einen Hintergrund gibt. Sie ist rundherum, sowohl in räumlicher als auch in zeitlicher Hinsicht, denn, in den Worten von Georg Picht (1990, S. 390f) «erfahren [wir] durch das Ohr die Natur nicht als Anordnung von Objekten im Raum, sondern als einen schwebenden, schwindenden, flutenden, von Spannungen geladenen Raum». Wir sind eingefügt, eingebettet, versenkt in diesen Klangraum, den wir nicht nur passiv wahrnehmen, sondern stetig lautstark mitgestalten - vor allem als Automobilisten oder Benützer von Eisenbahn und Flugzeugen.

Im Vergleich mit anderen Orten der Schweiz hat dieser Riehener Tageslauf eine Mittelposition. Der Tag ist nicht so stetig laut wie jener einer stark befahrenen Strasse in der Stadt Bern, die Nacht nicht so totenstill wie jene einer voralpinen Gemeinde. Das hat unmittelbar mit der Individualität des Aufnahmestandortes am Chrischonaweg zu tun, der sich nicht im Schutz der Häuser eines Strassenzuges befindet, sondern zu dem alle Laute und Geräusche aus einem sehr weiten Umkreis herangelangen. Der Tageslauf von Riehen bestätigt auch die Feststellung, dass städtische und ländliche Siedlungen klanglich nicht grundsätzlich verschieden gestaltet sind: mit klanglich ausdrucksvollem Tag und stiller tiefer Nacht. Indessen zeigen alpine Täler mit Flüssen prinzipiell andere Verläufe, so das Val de Bagnes (VS) oder das Safiental (GR), wo in Abwesenheit von starkein Verkehrslärm doch Tag und Nacht ein starkes und wenig abschwellendes Grundrauschen herrscht, das nur von den Jets auf den die Alpen querenden Flugstrassen und von Heubelüftun-gen übertönt wird. Wenn dieses Grundrauschen in der Wahrnehmung der Talbewohner nicht den Tag gliedert, dann umso mehr die Jahreszeiten, die sich über die Wasserführung des «Rauschgenerators» Bergfluss ausdrücken.

Eine bewegte Gesellschaft hat bewegte und stark voneinander abweichende Vorstellungen vom Klangbild ihrer Siedlungen. Wer das Flugzeug für seine Urlaubsreise benützen will, ist eher geneigt, Fluglärm zu tolerieren. Wer auf sein Auto angewiesen ist, nimmt den Verkehrslärm «der anderen» eher in Kauf. Die überprüfung des folgenden Satzes von Picht mit Bezug auf Riehen ist eine gute, den Bewohnern der Gemeinde vorbehaltene übung: «In der technischindustriellen Gesellschaft hat eine Destruktion des Klangraumes stattgefunden [...]. Das Zentralproblem ist nicht die Belästigung durch Lärm, sondern die Zerstörung eines Gefüges von Konsonanzen und Dissonanzen, das man analog zum biologischen Gleichgewicht als akustisches Gleichgewicht bezeichnen könnte [...]. Jede Veränderung des Klangraums hat eine Veränderung der Befindlichkeit, eine Veränderung der Seelenverfassung zur Folge.» (1990, S. 490f) Die Klangwelt ist nicht nur die Welt der Kommunikation via Sprache oder Musik, sondern das, was die Welt stimmt, was ihr Stimmung und Atmosphäre verleiht.

Der Lärmkataster rechnet physikalische Werte mit einer bestimmten, «willkürlichen» Gewichtung um. Er entfernt sich dadurch notwendigerweise von der Alltagswahrnehmung der Klangumwelt. Er umgeht das Problem, dass die Perspektiven der Klangumwelt extrem auf Wahrnehmungsstandorte bezogen sind und je nach Gelände oder Baugestalt innerhalb von einigen Metern oder innerhalb von wenigen Tagesstunden sich grundsätzlich verändern können. Ein denkbarer Kataster der Klangqualitäten würde sich sofort mit positiv und negativ besetzten Klangereignissen befassen müssen: negativer Verkehrs- oder Kinderlärm, positiver Glockenschlag oder Vogelgesang. Wir alle wissen aber, wie sehr die Bewertung dieser Kategorien sich ins Gegenteil verkehr-en kann: ein «schönes» Motorenbrummen, ein fröhliches Kindertoben, ein lästiges Kirchengeläut, zu lauter Vogelchor am frühen Morgen...

Literatur Picht Georg 1990, Kunst und Mythos. Stuttgart.

Schafer Raymond Murray 1986/88. The Thinking Ear. (Darin: Ear Clearting 1967) Toronto. Winkler Justin 1999, Klangzeit. Zur individuellen und gesellschaftlichen Zeitwahrnehmung und Zeitgestaltung. In: Fragile 12/99.

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24 Stunden ganz Ohr
Franz Osswald

Dienstagnachmittag, den 10. Mai 2005, stehen wir vor Ort am Chrischonaweg: Justin Winkler, unser Aufnahmeleiter, Brigitta Kaufmann, Sibylle Meyrat, Peter Gabriel, Franz Osswald und Max, Justin Winklers Sohn. Er und sein Vater haben bereits das Kunstkopfmikrofon, den Lärmpegelmesser und das Aufnahmegerät installiert.

Bevor wir uns dem technischen Teil zuwenden, wird der Ort auf seine Qualität untersucht. Probleme ergeben sich nicht etwa aufgrund möglicher Regengüsse, sondern wegen zu starker Winde. Ungünstig wirkt sich auch das Rascheln der Rispen eines unmittelbar beim Aufnahmeort stehenden Baumes aus. Doch schliesslich überwiegen die Vorteile: eine leicht erhöhte Lage, die ein Fernhören erlaubt, eine Schneise, die die Geräusche vom Dorfzentrum her durchlässt, und - eine Garage, die uns als Unterschlupf und Lager dient, was wir noch schätzen lernten.

Die technische Ausbildung ging reibungslos über die Bühne, die Abfolge der zu drückenden Knöpfe und zu notierenden Zahlenwerte war schnell intus. Eine gewisse innere Unruhe blieb indessen bestehen, die sich erst nach dem ersten Ernsteinsatz legen sollte. Eine Spannung, die auch garantierte, dass wir die Aufnahmen mit der nötigen Sorgfalt ausführten. Dazu gehörte übrigens auch die Kleidung! Raschelfrei musste sie sein, wie es beispielsweise auch für Jäger oberstes Gebot ist.

Am 11. Mai um 23 Uhr galt es dann ernst. Justin Winkler und Brigitta Kaufmann traten die erste Schicht an. Aufnahmebeginn war 23.28 Uhr: vier Minuten aufnehmen, das Gehörte laufend im Notizheft notieren, dann die Daten vom Lärmpegelmesser ablesen und schliesslich alle Geräte ausschalten. Die Handgriffe gehen zwar «wie im Schlaf», doch ist dies zu dieser späten oder frühen Stunde noch wörtlich gemeint, die Müdigkeit ist stete Begleiterin. Wach halten einen vor allem die Kälte und die rasch voranschreitende Zeit. Die auf dem Plan vorhandenen Pausen sind so kurz, weil die Abläufe noch nicht verinnerlicht sind.

Nach Mitternacht stösst Sibylle Meyrat dazu. Die Hilfe ist willkommen, weil erste Probleme auftreten: Die Kälte ist der Batterieleistung nicht förderlich, die Spannung fällt plötzlich ab. Zur Not werden die Batterien in der Hosentasche warm gehalten. Per Telefon erfahre ich dass ich eine funktionierende 9-Volt-Batterie mitbringen solle, sie wird schnell dem Stimmgerät entnommen. Ich hätte mich nicht so beeilen müssen, denn mein Abholservice (sprich: Peter Gabriel) hat sich zu dieser Zeit nochmals im Bett gedreht und eine Runde angehängt. Mit dem Taxi bin ich aber rechtzeitig zum Schichtbeginn am Chrischonaweg - mit Batterie. Die Crew macht einen durchfrorenen Eindruck, dicke Jacken, ein warmer Schlafsack und eine Wolldecke haben für Linderung gesorgt.

Peter Gabriel trifft bereits gut «echauffiert» ein, unser Einsatz steht kurz bevor. Justin Winkler steht uns noch zur Seite - und erlebt eine Premiere: die Aufnahme eines
Erdbebens. Als ob das Naturereignis von unserem Projekt etwas gewusst hätte, machte es sich für uns nur als dumpfes, rollendes Geräusch bemerkbar, aber nicht als Bodenbewegung. Das dürfte auch der Grund gewesen sein, weshalb wir uns nicht sicher waren, was wir da eben erlebt hatten. Erst die Radiomeldung gab uns die Gewissheit, etwas Besonderes aufgezeichnet zu haben.

Mit zunehmender Dauer näherte sich unser Handling der Apparaturen der Perfektion, was die Pausenzeit spürbar verlängerte. Ja, es wurde geradezu gemütlich, insbesondere als die Sonne am blauen Morgenhimmel aufging und für den Nachmittag angenehme Temperaturen versprach. So konnten wir uns zunehmend den Veränderungen der Klanglandschaft widmen. Das nahe Brunnenrauschen wich dem Vogelgezwitscher und dieses dem Morgenverkehr. Fahrplanmässig begleitete uns die Linie 45 durch den Tag und aufgrund unseres gewählten Aufnahmeintervalls auch durch viele Tondokumente. Glocken, die S-Bahn, Spaziergänger, Flugzeuge, ein Rasenmäher und vieles mehr reicherten die Geräuschkulisse an.

Kurz vor Mitternacht standen wir in Vollbesetzung ums Mikrofon und lauschten gemeinsam mit dem Kunstkopf in die Nacht hinaus. Um 23.50 Uhr begann die 12 und letzte Aufnahme, den klanglichen Abschluss bildete der Knall des Sektkorkens...



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