2005

Gemalte Klänge - Snüs A Voegelin

Sibylle Meyrat

Das Werk des Malers Snüs A. Voegelin ist sowohl technisch als auch thematisch ausgesprochen vielseitig. Annäherung an einen Künstler, der in keine Schublade passt.

Neben Leinwand, Pinseln, Farben und Tusche gibt es im hellen und praktisch eingerichteten Atelier von Snüs A. Voegelin an der Rössligasse 59 in Riehen noch andere für seine Arbeit unverzichtbare Gegenstände: eine Steroanlage, eine umfangreiche CD-Sammlung, die sowohl klassische Musik als auch Jazz, Rock und Neue Musik beinhaltet, und zahlreiche Bücher: Kunstbände, Lyrik, theoretische Schriften.

Auf dem Tisch, an dem der Künstler den Gast zum Espresso empfängt, liegt die Biografie des venezianischen Komponisten Luigi Nono (1924-1990). Ausgewählte Textpassagen sind mit Leuchtstift angestrichen, Post-it-Zettel markieren wichtige Kapitel. Den Inspirationsquellen seiner Arbeit, in den letzten Jahren hauptsächlich Werke zeitgenössischer Komponisten, nähert sich Voegelin wie ein Forscher an. Er spürt sämtliches verfügbare Material dazu auf, lässt das Gehörte, Gesehene und Gelesene auf sich einwirken. Daraus entsteht das Fundament, auf dem er seine eigene Arbeit aufbaut. Dieser Prozess läuft einerseits sehr gezielt, anderseits aber auch intuitiv ab. Was für die eigene Arbeit prägend wird, kristallisiert sich erst im Lauf des Sammeins heraus. Tragend ist das Interesse an einer Komposition, am Zusammenspiel von Text und Musik, an der Stimmung, die sie im Hörer auslöst. Die Bandbreite an Musik, die er in Bilder übersetzt, ist gross.

1991 schuf er einen Zyklus zu ausgewählten Stücken von Jacques Wildberger. In dessen direkter Nachbarschaft aufgewachsen, kennt er den Riehener Komponisten seit seiner Kindheit. Bei einem Symposion der Paul-Sacher-Stiftung lernte er den Komponisten Wolfgang Rihm kennen. Zu dessen Oper «Hamletmaschine» entstand ein Zyklus von 88 Zeichnungen in Kohle und Farbstift, zu Karoline von Günderrodes Gedicht «Hochroth», das Rihm vertont hat, schuf er mehrere Variationen in Mischtechnik.
 
Wie später beim Nono-Zyklus spielt auch bei den Bildern zu Rihms Kompositionen die Schrift als strukturierendes Element eine wichtige Rolle. Einzelne Sätze, aber auch längere Passagen aus Gesprächen, in denen der Komponist seine Arbeitsweise erläutert, finden Eingang in Voegelins Bilder: Als Grossbuchstaben in Spiegelschrift, in regelmässigen Abständen auf die Leinwand aufgetragen, geben sie den Bildern einen Grundrhythmus. Die dickflüssige Farbe der Buchstaben trägt er mit einer Spritze auf. Die Schrift bildet ein netzartiges Relief, eine Struktur, auf die anschliessend schwungvoll und grosszügig mit dem Pinsel mehrere Farbschichten aufgetragen werden. Später, im Zyklus zu Luigi Nono, rücken die Buchstaben näher zusammen, verdichten und überlagern sich, sind nicht mehr zu entziffern.

Nicht nur Kompositionen zeitgenössischer Komponisten wie Wolfgang Rihm und Luigi Nono inspirieren Voegelin. Auch Popsongs von Gianna Nannini und Freddie Mercuiy übersetzte er in Malerei. Die Bilder des Mercury-Zyklus mit ihren frischen und kräftigen Farben strahlen Lebendigkeit und Optimismus aus, der Verlauf der Farben verrät einen schwungvollen und temporeichen Malprozess, eine Art Action-Painting.

Musik ist für Voegelins Schaffensprozess zentral, die Bilder nehmen durch ihre Titel eindeutig Bezug auf bestimmte Kompositionen. Während des Malens aber herrscht in seinem Atelier vollkommene Stille. Musik hört er im Vorfeld, sie bildet das «Fundament», auf dem seine Bilder entstehen.

Eng verbunden mit der Musik, sichtbar in Tanz und Ballett, ist die Bewegung. Wie bewegt sich etwa Freddie Mercuiy während des Musizierens? Welche Körperhaltungen nehmen Tänzerinnen und Tänzer auf der Bühne ein? Diesen Fragen ging Voegelin anhand von Videoaufzeichnungen und live beobachteten Aufführungen und Proben nach und hielt sie auf dem Skizzenblock fest. Anstösse dazu bekam er bereits während seiner Tätigkeit als Assistent im Bereich Bühnenbild am Theater Basel. Oft habe er sich mit dem Skizzenblock in den Ballettsaal geschlichen, wenn Heinz Spoerli mit seiner Truppe probte, erzählt er mit einem schelmischen Lächeln. Die Tuschezeichnungen, die er zu zeitgenössischen Choreografien schuf, erinnern an chinesische Kalligrafie: reduzierte Formen, mit wenigen Pinselstrichen zu Papier gebracht.

Körper in Bewegung - das war auch das Thema der Eisenskulptur, die Voegelin 1997 zur Ausstellung «Wasserwerke», einem gemeinsamen Projekt der Gemeinden Riehen, Weil am Rhein und Lörrach, realisierte. Seinen eigenen Körper nahm er als Modell für einen Einradfahrer, der mit ausgestreckten Armen die Balance hält. Die Skulptur wurde auf einem über die Wiese gespannten Stahlseil befestigt, von einem Gewicht in der Schwebe gehalten, vom Wind hin und herbewegt.

Das Interesse an der Verarbeitung von Eisen reicht bis in seine Kindheit zurück. Als Bub sass er oft bei Karl Schaf, einem Kunstschlosser und Ziseleur, der in der Nähe seines Elternhauses wohnte. Fasziniert und aufmerksam beobachtete der kleine Snüs, der damals noch Alfred hiess, wie unter den Händen des alten Mannes Tiere, Menschen und Ornamente aus Metall entstanden. Zu seinem ungewöhnlichen Vornamen kam er übrigens, als er, knapp zwanzigjährig, von einer Skandinavienreise reichlich Schnupftabak (Snüs) nach Hause brachte und unter Freunden verteilte, die ihn fortan «Snüs» nannten.

Dass er später einmal etwas ähnliches machen wollte wie der von ihm verehrte Karl Schaf, sei ihm schon als Kind klar gewesen. Die Eltern waren vom Wunsch des Sohns, Künstler zu werden, nicht sonderlich begeistert. Zuerst lernte Voegelin dem Wunsch der Eltern entsprechend einen «Brotberuf», besuchte aber parallel dazu Abendkurse an der Kunstgewerbeschule, der heutigen Schule für Gestaltung.

Die theoretischen und praktischen Kenntnisse, die er sich während der Lehre als Eisenwarenhändler aneignete, kamen ihm später zugute. In den Werkstätten des Theaters stand man immer wieder vor technischen Problemen, die nur mit Tüfteln und Experimentieren gelöst werden konnten. Voegelin erinnert sich an seine «Entdeckung», für das Einfärben grosser Flächen des Bühnenbilds ein Spritzgerät aus dem Rebbau einzusetzen. Die Arbeit am Theater genoss er so lange, wie er sich in den Werkstätten frei bewegen konnte.

Er liebte es, mit Schlossern ebenso zusammenzuarbeiten wie mit Schneidern, Malern und Schreinern. Als sich die technischen Mitarbeiter des Theaters in Freiburg in Breisgau 1983 für eine bestimmte Berufsrichtung registrieren und für alles andere eine Spezialbewilligung einholen mussten, hatte Voegelin genug. «Meine Kategorie (Improvisator» war nicht vorgesehen», sagt er entrüstet.

Er kündete und konzentrierte sich von da an voll auf sein eigenes Kunstschaffen. Im Jahr 1990 verbrachte er einen sechsmonatigen Werkaufenthalt in einem Austauschatelier der Christoph-Merian-Stiftung in Montréal, Kanada. Zurück in der Schweiz, bezog er 1991 das Atelier an der Rössligasse beim Sarasinpark. Im Umfeld zeitgenössischer Kunstschaffender in Basel und der Schweiz empfindet sich Voegelin als Einzelgänger. In seinem Freundeskreis gibt es nur wenige bildende Künstler, wichtiger ist ihm der persönliche Austausch mit Musikern, Architekten und Wissenschaftern.

Um seinen Traum eines Werkaufenthalts in Luigi Nonos Geburtsstadt Venedig verwirklichen zu können, war also Einfallsreichtum gefragt. Voegelin schrieb an Freunde, Bekannte und Stiftungen und schilderte sein Projekt. Wer einen Anteilschein für sein Vorhaben zeichnete, bekam eine Tuschezeichnung aus der Lagunenstadt. Dies und die Unterkunft im Istituto Svizzero di Roma a Venezia ermöglichten es ihm, sich vor Ort drei Monate intensiv mit Nono zu beschäftigen. Eine Erfahrung, die ihn so sehr bereicherte, dass er sie ein Jahr darauf wiederholte.

Das Archivio Luigi Nono, das den Nachlass und die Bibliothek des 1990 verstorbenen Komponisten für Forschungszwecke zur Verfügung stellt, wird von Nonos Witwe, Nuria Schönberg, geleitet. Musikwissenschafter aus aller Welt gehen im alten Palazzo auf der Giudecca-Insel ein und aus. Dass aber einer, der nicht «vom Fach» ist, sich derart für Nono interessiert, hat Nuria Schönberg und ihre wissenschaftliche Mitarbeiterin Erika Schaller sehr erstaunt.

«Ich kam hier an und alles tat sich auf wie ein Schatzkästchen», schwärmt Voegelin. Als Dank für den herzlichen Empfang schenkte er dem Archiv zum 80. Geburtstag von Nono sein Bild «Die Tore öffnen sich». Es entstand auf dem Fundament von «Il canto sospeso», einer Komposition Nonos zu Abschiedsbriefen junger europäischer Widerstandskämpfer, die für ihren Einsatz gegen den Faschismus mit dem Tod bestraft wurden.

Dieses Bild hängt jetzt im Büro von Erika Schaller, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Nono-Archiv. Am Anfang, sagt die Musikwissenschafterin, habe sie etwas Mühe mit Voegelins Interpretation dieser erschütternden Komposition gehabt. Das Bild war ihr zu positiv. «Alle Bilder, die Snüs zu Nono gemalt hat, haben so viel Licht. Das hat mich irritiert.» Nach längeren Gesprächen mit dem Künstler habe sie das Bild anders gesehen, einen anderen Einstieg in die Musik gefunden. «Die Musik von Nono, das ist eben nicht nur die Trauer und der Tod, sondern es ist auch sehr stark die Hoffnung, dass aus dem Opfer, das diese Menschen gegeben haben, etwas Neues entstehen kann.» Für Voegelin hingegen ist es das traurigste Bild, das er bis jetzt gemalt hat.

«Gibigiana», eine Komposition Luigi Nonos, inspirierte ihn ausserdem zu einem Fotozyklus. «Gibigiana» steht für das Reflektieren des Lichts auf einer Oberfläche. Für Nono stand die Spiegelung des Lichts auf dem Wasser, zurückgeworfen an Mauern und Wände, im Vordergrund. Voegelin fasst den Begriff weiter. Mit der Fotokamera machte er sich auf die Suche nach Spiegelungen. Die entstandenen Bildkompositionen zeigen Winkel der tausendfach fotografierten Lagunenstadt, die wir so noch nicht kennen.

Seine Recherchen in Venedig führten nicht nur ins Archiv, sondern er tauchte mit allen Sinnen in die Stadt ein. Auch dies auf den Spuren Nonos. «Nono kannte den Klang jeder Kirchenglocke und baute sie in seine Kompositionen ein.» Frühmorgens stand Voegelin auf und schlenderte über den Fischmarkt, um die Geräuschkulisse auf sich wirken zu lassen: das lautstarke Anpreisen der Ware, das Feilschen, der Lärm beim Ein- und Ausladen der Ware, das Hupen der kleinen Transportschiffe - akustische Signale, die sich in verwandelter Form bei Nono wieder finden.
 
Wie die in Venedig gesammelten Eindrücke und Materialien seinen eigenen Schaffensprozess beeinflussen werden, kann Voegelin noch nicht sagen. Sicher ist für ihn aber, dass für ihn nach dem «Prometeo»-Zyklus etwas völlig Neues beginnen wird. Zur Komposition «Prometeo» von Nono fotografierte er im Archiv stapelweise Manuskripte, die mit ihrer grafischen Notation Skizzen moderner Malerei nicht unähnlich sind.

Seit er sich mit Nono beschäftigt, ist die Vorbereitungszeit für ein Bild immer länger geworden. Wichtiger als die Bilder ist ihm der Weg, der zu ihnen führt - eine Haltung, in der er sich Nono verwandt fühlt. Dieser war sehr beeindruckt von einer Mauerinschrift, die er bei einer Spanienreise in einem Kloster in Toledo entdeckte, und komponierte dazu das Stück «Caminante, son tus huellas»: «Caminante, son tus huellas/al camino; y nada mâs/caminante no hay camino/se hace camino al andar» - «Wanderer, deine Spuren/Sind der Weg; sonst nichts/Wanderer, es gibt keinen Weg/der Weg entsteht im Gehen.»

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