2005

13 Klangwelten

Nikolaus Cybinski

Dass es in Riehen und Bettingen 13 Orgeln gibt, ist den wenigsten Leuten bekannt. Die Instrumente werden im Folgenden vorgestellt: in Wort, Bild und Klang.

Früher nannte man die Orgel gern die «Königin der Instrumente». Heute sind wir derartigen Hierarchien gegenüber eher skeptisch, doch Tatsache ist, dass eine gute Orgel immer ein tönendes Wunderwerk ist. Ein solches Wunderwerk vermag vieles, doch nicht alles, dafür ist das Spektrum der Orgelliteratur zu vielfältig. Orgeln sind Gebrauchsinstrumente, und von Anfang an bestimmte ihre geistliche Zweckgerichtetheit auch ihre Dispositionen, das heisst ihre Klangvielfalt. Dazu kommt: Orgeln sind teure Instrumente - und die Kirchengemeinden in der Regel arm, darum sind neue Orgeln fast immer «Kompromissinstrumente». Das ist nicht automatisch negativ, denn es gibt bekanntlich intelligente Kompromisse. Die Riehener Orgeln, die im folgenden Text vorgestellt werden, sind sämtlich tönende Beweise eines solchen Kompromisses: sie sind keine Instrumente für Konzerte, sondern für den kirchlichen Dienst, der an die Musik spezifische Anforderungen stellt. Und wie eine Stradivari allein noch keinen guten Geiger macht, so lebt jede Orgel vom Können und klanglichen Einfallsreichtum ihres Spielers. Die Klangproben, die die Riehener Organisten Thomas Brodtbeck, Bruno Haueter, Karl-Heinz Kaiser, Schwester Dorothee Keller, Tobias Lindner und Joachim Scherrer auf ihren Instrumenten vorspielten, bewiesen, dass sie als erfindungsreiche Musiker mit der jeweiligen Begrenztheit ihrer Instrumente gut zurecht kommen. Anders gesagt: Riehen hat schöne Orgeln. Sie näher bekannt zu machen, versucht der folgende Text.

In der DORFKIRCHE stehen zwei Orgeln: auf der Empore die Hauptorgel der Firma Kuhn aus Männedorf von 1953 und im Kirchenschiff, am Eingang zur Sakristei, das 180 Jahre alte Orgelpositv mit einem Manual von Kaspar Bärtschi aus Sumiswald, heute noch bei Taufen und zum Abendmahl gespielt (Bild links). Dieses alte Instrument mit seinen handgeschnitzten Tasten ist ein Juwel, das trotz seiner einfachen Disposition immer noch herrlich klingt. Ihre sechs herausziehbaren Register sind: Principal 8\ Geduckt 8', Prästant 8', Gedacktflöte 4', Quint 22h', Octav 2\ Organist Brano Haueter ist von dieser kleinen Orgel ganz begeistert und spielt auf ihr, wie er sagt, ausgesprochen gern.

Kurze Lesehilfe: Das Zeichen «'» steht für «Fuss» und der gibt bei einer Orgel die Tonlage eines Registers an. Ein Fuss berechnet sich allgemein mit 30 Zentimetern und die Zahl vor dem Zeichen gibt dementsprechend die Länge der jeweiligen Pfeife an. Ausgangspunkt ist der Ton C einer offenen Labialpfeife, die tiefste Taste der Orgel, deren Länge beträgt 8 das sind etwa 240 Zentimeter. Da die gedeckten Pfeifen für die gleiche Tonhöhe nur die halbe Länge benötigen, entspricht ihre Fusstonzahl nicht der tatsächlichen Pfeifenlänge; der «Gedackt 8'» des Bärtschi-Positivs ist also nur 4' lang.

Die Hauptorgel der DORFKIRCHE stammt von der Firma Kuhn und wurde 1953 installiert. Ihre Traktur ist mechanisch, ihre Registratur elektrisch. Ihre beiden Manuale und das Pedal können miteinander gekoppelt werden, ein Schwellwerk erlaubt die Dynamisierung der Klänge.

Ihre 24 Register verteilen sich wie folgt: Manual I (Hauptwerk): Trompete 8', Prinzipal 8', Spitzflöte 8', Oktave 4\ Hohlflöte 4', Quinte 22/3, Terz HA\ Nachthorn 2\ Mixtur -IV-VI 2\ Manual II (Positiv): Gedackt 8\ Prinzipal 4', Rohrflöte 4', Oktave 2', Larigot l>h', ScharffIII-V 1\ Schalmei 8'.

Pedal: Prinzipalbass 16', Subbass 16', Fagott 16', Prinzipal 8', Gedackt 8', Oktave 4', Gedackt 4', Mixtur IV 2 %'.

Organist Bruno Haueter bezeichnet seine Orgel als ein «zweckmässiges Instrument», das erlaubt, Musik von Bach bis Mendelssohn, ja bis Reger zu spielen. Für die Erfordernisse des Gottesdienstes ist es bestens geeignet.

Dank der alljährlich im November stattfindenden Orgelkonzerte in ST. FRANZISKUS ist die 1991 von Hans Füglister aus Grimisuat erbaute Orgel die in Riehen bekannteste. Auf der Empore etwas unglücklich in die Ecke verbannt, kann sie dank des auf den Altar hin konisch zulaufenden Kirchenschiffes dennoch ihren Klang akustisch ungestört entfalten. Ihre 25 Register (20 labiale Pfeifen und fünf Zungen) verteilt auf Grande Orgue (Manual I), Positif (Manual II) und Pédale ermöglichen einen Klang, der sich dem der elsässischen Silbennannorgeln annähert, allerdings fehlen die Streicherklänge. Die Orgel hat die üblichen Koppeln, ihre Spiel- und Registertraktur sind rein mechanisch.

Ihre Disposition ist folgende: Grande Orgue: Bourdon 16', Montre 8', Bourdon 8', Octave 4', Flute 4', Doublette 2', Fourniture III, Quinte 2 %', Tierce 1 'A', Trompette 8', Tremblant.

Positif: Bourdon 8', Prestant 4', Flute 4', Doublette 2', Nazard 22h\ Tierce 1 '/>'. Larigot llh\ Cymbale, Cromorne 8'.

Pédale: Soubasse 16', Bombarde 16', Trompette 8', Flute 8', Octave 4', Clairon 4'.

Nach Aussage von Organist Tobias Lindner ist auf der Füglisterorgel die gesamte Literatur vom Barock bis in die Moderne spielbar; das allerdings nur, wenn die Organisten einfallsreich registrieren, das heisst die möglichen Klangkombinationen erfindungsreich erkunden.

Die Orgel in der KORNFELDKIRCHE wurde 1964 von der Firma Kuhn gebaut. Sie hat zwei Manuale und Pedal, die üblichen Koppeln und ein nachträglich eingebautes Schwellwerk. Nach Aussagen der Organisten Thomas Brodtbeck und Joachim Scherrer ist sie für die Musik vom Barock bis - mit Einschränkungen - in die Moderne geeignet. Ihr Klangspektrum weist in keine bestimmbare Richtung, und mit ihren «mittleren Möglichkeiten» ist sie für Konzerte nur bedingt tauglich, für die Erfordernisse des Gottesdienstes aber bestens brauchbar.

Ein verheerender Wasserschaden infolge eines heftigen Sommergewitters im Juli letzten Jahres zerstörte die Orgel empfindlich; der Schaden ging in die Zehntausenden Franken. Die Orgelpfeifen wurden beschädigt, mussten ausgebaut und langsam getrocknet werden. Ein halbes Jahr war die Orgel unbespielbar. Inzwischen ist dem Instrument von diesem Unwetter nichts mehr anzusehen und anzuhören.

Ihre Disposition ist wie folgt: Manual I: Principal 8', Rohrßöte 8', Trompete 8', Octave 4', Spitzßöte 4', Nachthorn 2\ Sesquialtra lVs' und Mixtur 4-5-fach.

Manual II: Gedackt 8', Principal 4', Rohrflöte 4', Octave 2', Larigot V/3', Scharf 1', Krummhorn 8'.

Pedal: Subbass 16', Dulcian 16', Principal 8', Gedackt 8', Octave 4', Mixtur 4-fach 2'.

Die Orgel des ANDREASHAUSES ist ein Instrument der Firma Bosch aus dem Jahre 1966. Sie verfügt über zwei Manuale, sieben Register und die üblichen Manual- und Manualbasskoppeln. In ihrem Klangspektrum ähnelt sie nach Aussagen der Organisten Scherrer und Brodtbeck der Orgel in der Kornfeldkirche; sie sei, meinen sie, eine gute «übeorgel». Grosse Orgelwerke sind auf ihr klanglich nur eingeschränkt und akustisch nur bei leerem Raum spielbar.

Ihre Registratur verteilt sich wie folgt auf die beiden Manuale: Manual I: Principal 4', Holzgedackt 8\ Mixtur 3-4-fach 1 'h'.

Manual II: Bleipommer 8', Koppelflöte 4' und Nachthorn 2'.

Pedal: Subbass 16'.

In den fünf Friedhofskapellen des HöRNLI wurden in der ersten und fünften Kapelle die alten Orgeln von 1932 im Jahr 1996 durch zwei identische Instrumente der Firma Roman Steiner aus Fehren ersetzt. Organist Thomas Brodtbeck hält sie für die besten Orgeln auf dem Friedhof. Sie haben zwei Manuale und Pedal, dazu die üblichen Koppeln, ein Schwellwerk und eine mechanische Traktur, das heisst, statt der heute üblichen Kippschalter müssen die Register von Hand etwa zehn Zentimeter herausgezogen werden. Beide Orgeln klingen sehr gut.

In den Kapellen zwei und drei stehen zwei kleine Orgeln der Firma Kuhn aus dem Jahre 1979. Es sind einmanualige Instrumente, das eine ohne Pedalregister, aber mit Pedalkoppel, das andere mit einem Subbass 16. Beider Traktur ist mechanisch, ihr Klang für die Abdankungsfeiern begrenzt, doch vielfältig variabel.

Ihre Disposition ist folgende: Gedackt 8', Gambe 8', Principal 4', Rohrflöte 4', Waldflöte 2', Mixtur 3-fach 2!

In der vierten Kapelle steht eine zweimanualige Orgel der Firma Kuhn von 1971. Sie verfügt über die üblichen Koppeln und ein Schwellwerk. Sie ist von ihrer Disposition her vielfältig verwendbar.

Ihre 16 Register verteilen sich wie folgt: Manual I: Principal 8', Rohrflöte 8', Octave 4', Hohlflöte 4', Superoctave 2', Mixtur 4-fach VA'.

Manual II: Gedackt 8', Gemshorn 8', Suavial 4', Koppelflöte 4', Quinte 22h', Nachthorn 2', Terz lW.

Pedal: Subbass 16', Spitzflöte 8', Dolcan 4'.

In der evangelisch-reformierten Kirche zu BETTINGEN steht eine Orgel der Firma Ulrich Wetter aus Muttenz, 1981 gebaut in Zusammenarbeit mit dem Organisten Felix Pachlatko. Sie hat zwei Manuale und Pedal, wobei das Hauptwerk (Manual I) nur ein Zungenregister «„Apfelregal» 8' hat, das aber in den Bass gekoppelt werden kann.

Das Positiv (Manual II] hat folgende Register: Holzgedackt 8\ Principal 4', Rohrflöte 4', Octave 2', Quinte l'h', Mixtur 2-fach.

Das Pedal ist ein Subbass 16'.

Von ihren Klangmöglichkeiten her ist die Orgel für die Erfordernisse der Gottesdienste bestens geeignet.

Riehens neuste Orgel steht in der Abdankungshalle des Friedhofs GOTTESACKER. Sie wurde 2003 von der Firma Ulrich Wetter gebaut, hat zwei Manuale und Pedal, ein Schwellwerk, die üblichen Koppeln und acht Register. Ihre Traktur ist rein mechanisch. Dem Ort entsprechend wurde auf scharfe Klangfarben und auf eine Mixtur verzichtet.

Sie ist wie folgt disponiert: Manual I Principal 4' als Festregister und als Wechselregister Gedackt 8', Salicional 8\ Rohrflöte 4', Nazard 22h\ Flageolet 2', Terz 1 :h' Im Manual II gibt es kein Festregister und die Wechselregister sind dieselben wie im ersten Manual. Das Pedal ist ein Subbass 16'.

Das Instrument ermöglicht viele gemischte Klangfarben und ist optisch meisterlich proportioniert.

Eine sehr schöne Orgel, ein Instrument der Firma Mathis 8t Co. aus Näfels, steht seit 1961 auf der Empore der Kapelle des DIAKONISSEN-MUTTERHAUSES. Sie hat zwei Manuale (Hauptwerk und Positiv) und Pedal, dazu die üblichen Koppeln, Traktur und Register sind rein mechanisch. Sie dient hauptsächlich als Instrument für die Gottesdienste, ist zugleich aber für Konzerte mit barocker Musik geeignet. Die Platzierung ihrer Pfeifen in drei voneinander getrennten, doch nah beieinander stehenden Blöcken ermöglicht eine optimale Klangentfaltung. Nach Aussagen von Schwester Dorothee Keller ist die Orgel erstaunlich robust gegenüber Temperaturschwankungen und Veränderungen der Luftfeuchtigkeit.

Ihre zwölf Register sind wie folgt verteilt: Hauptwerk: Principal 8', Koppelflöte 8', Oktave 4', Gemshorn 2', Mixtur 3-4-fach lh\ Positiv: Gedackt 8\ Rohrflöte 4', Oktave 2', Helle Cymbel VA' + 1.

Pedal: Subbass 16', Oktave 8', Zinke 8'.

Nicht nur klanglich, auch optisch macht die Mathis-Orgel einen ausgezeichneten Eindruck.

In der NEUAPOSTOLISCHEN KIRCHE steht seit 1998 ein erstaunlich klangreiches und überraschend klangechtes Instrument: eine Digital - Computer - Orgel der amerikanischen Firma Allen. Sie hat zwei Manuale und Pedal, dazu die üblichen Koppeln und einen reinen Leise-Laut-Schweller. Mit ihren insgesamt 27 Registern, die über Kippschalter bedient werden, ermöglicht sie Prinzipal-, Streicher-, Flöten- und Zungenstimmen. Für den gottesdienstlichen Gebrauch kommt erleichternd dazu, dass 14 Einstellungen programmierbar sind.

Nun werden Liebhaber von Pfeifenorgeln vielleicht einwenden, dass man den Klangunterschied schon höre. Das trifft für geschulte Ohren sicher zu, doch zugleich ist zu ergänzen, dass er wirklich minimal ist, denn die elektronisch erzeugten Klänge dieser Alien-Orgel wurden über digital gespeicherte Pfeifenorgelklänge errechnet. Die zahlreichen Klangkombinationen machen die gesamte Orgelliteratur spielbar. Sie ist pflegeleicht und unabhängig von den Launen der witterungsbedingten Stimmungsschwankungen.

Die Stimmen sind wie folgt verteilt: Manual I: Lieblich Gedackt 16', Bombarde 16', Principal 8', Bourdon 8\ Trompete 8', Octave 4', Spitzßöte 4', Superoctave 2', Mixtur 4-fach und ein Tremulant.

Manual II: Dulzian 16', Gedackt 8', Salicional 8', Voix Celeste 8', Hautbois 8', Principal 4', Koppelflöte 4', Nasat 22/3', Blockflöte 2', Tierce l3/s\ Cymbale III und ein Tremulant. Pedal: Bourdon 16', Lieblich Gedackt 16', Poisaune 16', Octave 8', Gedacktflöte 8', Choralbass 4' und Clairon 4'.

Ausblick
In Riehens Kirchen stehen klangvolle Orgeln, die bei aller Unterschiedlichkeit in ihren Klangspektren eines verbindet: sie sind für die Erfordernisse der Gottesdienste und andere kirchliche Feiern sämtlich gut geeignet. Jedes Instrument hat seinen eigenen Klang; aus den aufgeführten Registern können Orgelliebhaber ablesen, welche Klangkombinationen möglich sind. Dass in dieser Hinsicht Erstaunliches machbar ist, beweisen die November-Orgelkonzerte auf der FiiglisterOrgel in St. Franziskus. Und noch einmal: Jede Orgel ist nur so gut, wie das Können und die Klängefantasie dessen, der sie spielt. Das eben ist die Chance der Riehener Orgeln! Es wäre abwegig, sie mit den grossen Instrumenten in der Paulus- und der Heiliggeistkirche zu vergleichen. Liebhaber der Orgelmusik bedauern vielleicht, dass in keiner Riehener Kirche eine Orgel steht, die zugleich auch Konzertorgel ist, auf der vor allem die spätromantische und zeitgenössische Orgelliteratur stilgerecht gespielt werden kann, doch Riehens Orgeln sind eben Gottesdienstorgeln. Ihr Klang orientiert sich in Richtung des alten nord- und mitteldeutschen Orgelklanges. Bachs Orgelmusik zum Beispiel und die seiner Zeitgenossen und Nachfolger ist auf jeder Riehener Orgel angemessen spielbar. Wer dennoch die begrenzten Möglichkeiten der hiesigen Instrumente bedauert, dem sei als Aufheiterung eine handgeschriebene Notiz Bachs auf einem Notenblatt mitgeteilt: «Bey einer andächtigen musique ist Gott alle Zeit mit seiner Gnaden Gegenwart.»

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