2004

Musik - Nahrung für Seele, Geist und Körper

Bea Berczelly

Die Musikschule feiert nächstes Jahr ihr 25-Jahr-Jubiläum. Sie ist eine fest verankerte und beliebte Institution in Riehen. Seit dem 1. April 2004 steht sie unter der Leitung von Claudia de Vries.

Malerischer könnte eine Musikschule wohl nicht sein: Das Gebäude, 1694/95 durch den Basler Kolonialwarenhändler Daniel Elbs-Birr als Altersresidenz erbaut, befindet sich am Anfang der altehrwürdigen Lindenbaumallee, die durch den Sarasin-Park führt. Das Haus selber ist ein Kleinod; besticht durch die bemalten Holz- und Stuckdecken der hohen Räume, das wunderschöne Eichenparkett und das Ambiente der edlen Schönheit dieser vergangenen Zeit.

Die Schule ist eine Dépendance der Musik-Akademie Basel; finanziert wird sie aber vollumfänglich von der Gemeinde Riehen. An die 600 Kinder und Jugendliche aus Riehen, die von dreissig Lehrpersonen unterrichtet werden, waren im Schuljahr 2003/04 angemeldet. 393 davon nahmen Einzelunterricht, die restlichen verteilten sich auf Rhythmik- und Chorunterricht sowie andere Ensemble- und Gruppenkurse. Claudia de Vries: «Wir bieten vierzehn Fächer an - da fehlen also einige Instrumente. Doch sind die beliebtesten gut vertreten. Wenn jemand eines erlernen möchte, das wir nicht im Angebot haben, hat er oder sie problemlos die Möglichkeit, ans Mutterhaus nach Basel zu gehen.» So fehlen im Riehener Angebot zum Beispiel Kontrabass, Harfe, Orgel, Fagott, Saxophon, Posaune, Waldhorn, Akkordeon und Gesang.

Eine Musiklehrerin, die weiss, wovon sie spricht Claudia de Vries wurde 1959 in Zeist, einer Vorstadt von Utrecht, in Holland geboren. De Vries: «Zeist ist Riehen sehr ähnlich - mit viel Grün und alten Villen.» Ihre Mutter ist Zürcherin, ihr Vater Holländer, und interessanterweise sind beide Eltern Mittelalter-Spezialisten: Der Vater befasst sich mit spanischer, die Mutter mit keltischer Literatur. De Vries war die älteste in einem «Dreimädelhaus» und überraschte die Eltern mit ihrem Wunsch, Pianistin zu werden. Sie begann mit sieben Jahren nolens-volens Klavier zu spielen, doch mitten in der Pubertät «nahm es mir wirklich den ärmel rein. Das Klavierspiel wurde für mich zum Refugium, zu einem festen Bezugspunkt: Hier fand ich zu mir selber.» Das Instrument bot ihr Trost und Sicherheit - nicht zuletzt auch wegen der positiven Rückmeldungen ihres Umfeldes. Leistungsorientiert durch ihr Zuhause suchte sie sich eine besonders strenge Lehrerin aus, und so schaffte Claudia de Vries die Aufnahmeprüfung an das Utrechter Konservatorium mit solcher Bravour, dass sie sogleich in die Konzertklasse aufgenommen wurde. De Vries: «Ich hatte fast zu viele Vorschusslorbeeren! Schon bald ging mir die Puste aus.» Ihrem Professor Herman Uhlhorn ist sie heute noch dankbar, dass er dieses Malheur bemerkt hat und sie dort abholte, wo sie wirklich stand: «Er zog mich verständnisvoll vom künstlichen Podest runter und baute mich neu auf.»

Musizieren ist ein Genuss für die Sinne und erzieht zum Leben Uhlhorn war der Mann, der Claudia de Vries zeigte, wie sinnlich Musikmachen sein kann: Der Körper muss locker und durchlässig sein, und das Spiel soll auf eine innere Beziehung zur musikalischen Materie aufbauen. üben und Spielen liegen nahe beieinander - wie auch die damit verbundene Selbsterfahrung und Selbsterziehung. De Vries studierte sechs Jahre lang und erreichte das Konzertdiplom mit einer Spezialisierung in Pädagogik. Der damit erworbene Titel lautet in Holland «Dozent Musicus». 1988 bewarb sie sich an der Musik-Akademie Basel und unterrichtete dort seither Klavier und Klaviermethodik. De Vries: «In Basel fühlte ich mich sofort zuhause. Schon als ich am Bahnhof ausstieg und das Fahrrad-Chaos erblickte, wurde ich an meine Studienzeit in Utrecht erinnert.»

Musik = Arbeit = üben = Spass?

Die heutigen Jugendlichen leiden unter einer Informations- und Angebotsflut. Es gibt kaum fixe Werte, und die wenigen noch existierenden - wie Familie, private und kirchliche Feste - sind nur schwer übermittelbar. Wie will Claudia de Vries Jugendlichen den Musikunterricht «verkaufen»? De Vries lächelt auf diese Frage charmant - das ist sie sowieso immer - und antwortet: «Na, genau mit dieser Argumentation!»

Ein Instrument zu erlernen bedeutet Arbeit und in erster Linie üben, üben und üben. Das sind nicht Wörter, die heutige Teenies «cool» finden - das weiss Claudia de Vries auch. Ein Instrument zu erlernen, ist ein langer Prozess. Dabei wird der Lernende von einem Lehrer oder einer Lehrerin persönlich begleitet. Mindestens wöchentlich einmal. Und dann ist die Lehrperson ganz «Auge und Ohr» für die Schülerin. Natürlich wird in den Stunden nicht nur über Musik gesprochen, sondern auch über das Leben. Eine musikalische Ausbildung geht Hand in Hand mit einer konkreten Lebensbegleitung. So wird Im langjährigen übung'sprozess «fast nebenbei» die Fähigkeit entwickelt, das eigene Leben zu organisieren. «Schwächen und Stärken, aber auch die musikalischen Vorlieben des Schülers werden berücksichtigt», betont de Vries.

Auf die Frage, weshalb ein Kind heute ein Instrument lernen sollte, hat Claudia de Vries viele Antworten: Im tiefgreifenden Bildungsprozess lerne der junge Mensch sich selber besser kennen und entwickeln einen eigenen Geschmack. De Vries: «Musik zu machen ist a priori handlungsorientiert - ursprünglich ist ein Kind in seinem Tun noch weitgehend unreflektiert.» Mit der fortschreitenden Entwicklung entstehen im heranwachsenden Jugendlichen subjektive Werte beim Erleben und Gestalten der von ihm gespielten Musik. Später in einem Ensemble zu spielen, ist ein Erlebnis der «dritten Art»: «Als Individuum in ein Ganzes eingebettet zu sein und seinen Teil zum Ganzem zu leisten, ist ein phantastisches Erlebnis,» weiss de Vries aus eigener Erfahrung. Aber auch die Erfolgserlebnisse an den Vorspielabenden sind wichtig: Hier lernt die junge Persönlichkeit, durch das Medium Musik selbstbewusst und autonom mit dem Publikum in einen Dialog zu treten. Da gilt es gelegentlich, Hemmschwellen oder Lampenfieber zu überwinden; in der Wiederholung solcher bedeutungsvollen Schritte jedoch, bei denen auch die öffentliche Würdigung eine wesentliche Rolle spielt, reihen sich die Meilensteine persönlichen Wachstums aneinander - mit der und durch die Musik.

Obschon als promovierte Musikwissenschaftlerin «vorbelastet», legt Claudia de Vries Wert auf das Schaffen direkter, experimenteller und angstfreier Zugänge zur Musik. Die Neugierde und kritische Unverblümtheit der Schülerinnen und Schüler sollte immer wieder auch ihre Lehrkräfte zu neuen Ansätzen inspirieren: «Nichts kann so hemmend wirken, wie die allzu strikte Handhabung scheinbar absoluter Massstäbe.» Gerade die Kunst biete die Möglichkeit zu entdecken, wie vielschichtig Wirklichkeit erlebt und gestaltet werden kann.

Platzproblem, da die Räumlichkeiten der Villa an der Rössligasse 51 - trotz der Erweiterungen im Jahre 1992 - bereits voll ausgelastet sind. In einigen Fächern sind längere Wartelisten vorhanden. Im Schuljahr 2004/05 wird die Schule deshalb «Freie Kurse» für Interessierte anbieten, wie das bereits die Musik Akademie Basel tut. 16 Kurse werden offeriert: vom Eltern-und-Kind-Singen bis zur Bühnenenergetik. Weiter hat de Vries zum Ziel, die Zusammenarbeit mit den Schulen - insbesondere mit den Musikalischen Grundkursen und der Musik-OS - zu vertiefen. Mit dem Gymnasium Bäumlihof besteht bereits eine gut funktionierende Kooperation; wie auch mit dem Kulturbüro und diversen anderen Institutionen in Riehen.

De Vries philosophischer Schlussgedanke zum Musikunterricht soll als Schlusswort zum Tragen kommen: «Letztlich macht sich Jede und Jeder die so genannte Initialzündung selber. Doch dazu braucht es meist eine längere Flussfahrt durch die wechselnden Landschaften der Biografie. Und auf dieser Reise hat jedes Erlebnis, auch das scheinbar Belangloseste, eine Bedeutung.»

Die Musikschule noch mehr vernetzen Claudia de Vries hofft, das Angebot der Riehener Musikschule erweitern zu können. Die Schule leidet unter einem
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