2004

Aus eigenem Boden

Franz Osswald

40 Musikerinnen und Musiker des Philharmonischen Orchesters Riehen - vorab geübte Laien, verstärkt und unterstützt durch Berufsmusiker - vermochten den Chor der stimmungsvollen Dorfkirche zu füllen, während im Schiff eine erwartungsvolle und begeisterungsfähige Hörerschaft in die Welt symphonischer Werke einzutauchen bereit war.

Musik wurde und wird in Riehen seit langem gepflegt. Auf dem klassischen Sektor kam man in der Landgemeinde bisher aber «nur» in den Genuss von Kammerorchestern. Für Konzerte mit grösseren Orchestern musste man den Weg in die Stadt oder in die Region nehmen. Seit kurzem darf Riehen nun aber ein Orchester sein eigen nennen. Am Konzert vom Samstag, dem 18. September 2004, in der gut besetzten Dorfkirche wurde ein anspruchvolles Programm dargeboten - und mit Bravour gemeistert. Ein weiteres Konzert, quasi als Geschenk des Riehener Orchesters an eine andere Gemeinde, wurde in der katholischen Kirche Aesch gegeben.

Der Start darf als gelungen bezeichnet werden, der Grundstein ist gelegt. Die Aufbauarbeit kann weiter gehen. Woche für Woche wird nun auf Riehener Boden Orchestermusik gepflegt, eine Bereicherung für das dorfeigene Kulturleben. Nicht nur altgediente Orchesterhasen, die bis anhin mit ihren Instrumenten in die Stadt oder in die Vorortsgemeinden pilgern mussten, können fortan ihrem Steckenpferd im eigenen Wohnort nachgehen, sondern auch fortgeschrittene Schüler der Riehener Musikschulen sowie Studierende erhalten Gelegenheit, den Klangkörper eines Orchesters zu erleben und sich im gemeinsamen Musizieren zu üben. In der Tat haben sich im Riehener Orchester über die Generationen hinweg musikliebende Menschen zusammengefunden. Auch Jugendliche sind erfreulicherweise dabei. Das jüngste Mitglied zählt 15 Jahre.

Aus eigenem Boden Am 18. September fand das erste Konzert des neu gegründeten Philharmonisehen Orchesters Riehen statt.
 
Das Philharmonische Orchester Riehen steht unter der Leitung des gelernten Dirigenten Brunetto d'Arco, so sein Künstlername. Den Riehenern ist Bruno Haueter als Organist an der Dorfkirche und auf dem Gottesacker vertraut. über Jahre hinweg trug er die Idee eines Riehener Liebhaberorchesters in sich. Zusammen mit der Geigerin Sarah Neher, die bereit war, als Konzertmeisterin mitzuwirken, wurde die Initiative gewagt. Man besprach sich mit Persönlichkeiten, die mit dem Riehener Musikleben verbunden sind. Die Idee wurde im Allgemeinen begriisst und gelobt, doch mischten sich auch Töne der Skepsis bei, ob so etwas in Riehen tatsächlich fruchtbaren Boden finden könne. Hilfreich und ermutigend war, dass Pfarrer Paul Jungi von Anfang an sich mit Zuversicht hinter das Projekt stellte.

Auf die Bekanntmachung der Initiative in der Riehener Zeitung hin meldeten sich tatsächlich etliche Streicher, aber auch Holz- und Blechbläser, ja sogar eine Harfenistin. Die Arbeit am vorgesehenen Programm konnte beginnen. Es ist nicht gelogen, wenn behauptet wird, es hätte in den ersten Proben schrecklich getönt. Das gewählte Programm mit Kompositionen, die von keinen Geringeren als von Mendelssohn, Schubert und Bruch stammten, war dabei nicht gerade einfach. Das hing einerseits damit zusammen, dass es zusammengestellt worden war, ehe man wusste, wer in diesem Orchester spielen würde, andrerseits wollte man bereits durch die Wahl der Musikstücke proklamieren, welches Niveau angestrebt werden sollte. Zum Aufgeben war es indessen zu spät.

Nun geschah das Erstaunliche, dass im Verlauf der Probenarbeit aus mehr oder weniger verzweifelten Einzelkämpfern nach und nach ein Ensemble entstand. Die Zaghaften fassten Mut, spielten und artikulierten nach und nach kräftiger, bedeutender, die Vorlauten begannen in die Runde zu horchen und sich anzugleichen, die zu schnell Spielenden, Treibenden fanden mehr Ruhe und die Nachhinkenden holten auf. Man begann über die eigenen Pulte hinauszumusizieren, begann sich gegenseitig zu tragen und zu impulsieren und so und durch zähes üben wurde, was zeitweise unmöglich erschienen war, möglich: Man wuchs in die Werke hinein und die Werke wuchsen mit einem.

Doch nicht nur in musikalisch-sozialer Hinsicht stellte das werdende Orchester Anforderungen, sondern auch in organisatorischer und zwar in nicht geringem Masse. Gewisse Regeln und Formen mussten gebildet werden, die bevorstehenden Konzerte sollten vorbereitet und bis ins Detail geplant werden. Alles musste neu entworfen und umgesetzt werden. Auch die finanziellen Grundlagen fehlten zunächst vollständig. Um der ganzen Unternehmung mehr Verbindlichkeit zu geben, wurde deshalb im März mit viel Enthusiasmus der Verein «Philharmonisches Orchester Riehen» gegründet, wobei im Vorstand glücklicherweise Persönlichkeiten mit teils langjähriger Orchestererfahrung Einsitz nahmen. Nur durch den ausserordentlichen, von idealistischer Gesinnung getragenen Einsatz dieser Persönlichkeiten wurde es möglich, in so kurzer Zeit eine funktionsfähige Orchester- und Konzertorganisation aufzubauen.

Besondere Sorgfalt musste auf die Sicherung des Finanzhaushaltes verwendet werden. Zwar arbeiteten die Vorstandsmitglieder, wie das in Vereinen eben so üblich ist, ehrenamtlich, Konzertmeisterin und Dirigent waren bereit zumindest über die erste Zeit hinweg unentgeltlich ihren Einsatz zu leisten. Dennoch musste man kurzfristig mit nicht geringen Aufwendungen für Notenmaterial, Raummieten, Instrumentenmieten, Programm- und Plakatdruck, Inserate, Honorare für professionelle Zuzüger rechnen.

Die Mitgliederbeiträge der Aktiven reichen dazu nicht aus. Deshalb ist das Orchester auf die Unterstützung jener Menschen und Institutionen angewiesen, die mit Wohlwollen auf dieses blicken. Erfreulicherweise kann das Philharmonische Orchester bereits auf eine Reihe von Gönnern und Passivmitgliedern zählen. Auch hat die Gemeinde Riehen dem Kind freundlicherweise auf die Beine geholfen und wird es hoffentlich weiterhin begleiten. Ausserdem haben einige Stiftungen die Konzerte mitgetragen. Dank solcher Zuwendung und Förderung wird diese kulturelle Arbeit weitergehen können.

Die nächste Aufführung ist für den 23. April 2005 geplant. Die einzige von Georges Bizet komponierte Symphonie in C-Dur ist vorgesehen, dazu Teile aus der Filmmusik zu «Schindlers List» von John Williams und einiges aus den Peer Gynt-Suiten von Edvard Grieg. Die Idee besteht, dass eine junge Riehener Künstlerin auf die Musik abgestimmt malerisch-bildnerische Motive entwerfen und während des Konzertes einblenden wird.

Natürlich sind neue Orchestermitglieder, die einige übung auf ihrem Instrument haben, willkommen - und nötig. Es bestehen ausser bei den Streichern, wo Zuwachs immer möglich ist, auch noch Lücken bei den Bläsern, so etwa bei Fagott, Trompete, Oboe sowie bei der Pauke. Auf die weiterer Entwicklung des Orchesters darf man gespannt sein. Ein Keimling ist aus eigenem Boden bereits gesprossen.

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