2003

In der Bevölkerung verankert Riehen hilft Rumänien

Mathis Hafner

Mit verschiedenen Veranstaltungen im Frühjahr und Herbst, bei denen jeweils Gäste aus Rumänien mitwirkten, hat der Verein «Riehen hilft Rumänien» dieses Jahr sein 10-jähriges Bestehen gefeiert.

10 Jahre Verein «Riehen hilft Rumänien». Der Vorstand wollte die Gelegenheit dieses Jubiläums dazu nützen, die Menschen in Riehen einerseits auf seine Arbeit in Riehens Partnerstadt Miercurea-Ciuc/Csikszereda aufmerksam zu machen. Andererseits wollte er darüber hinaus Informationen zu Rumänien vermitteln und den kulturellen Austausch fördern. Vor diesem Hintergrund sind eine ganze Reihe von Veranstaltungen entstanden. Sie fanden in zwei Tranchen statt. Im Frühjahr wurde das Jubiläum mit einem Festanlass begangen, an dem ein Dokumentarfilm und eine Fotoausstellung zum täglichen Leben in Rumänien gezeigt wurde. Im Herbst traten ein Kammerchor und eine Volkstanzgruppe aus der Riehener Partnerstadt auf.

Dokumentarfilm «Rumänien - Land zwischen Vergessenheit und Hoffnung»
Am 20. März lud der Verein «Riehen hilft Rumänien» die Riehener Bevölkerung zu seiner Jubiläumsfeier in den Bürgersaal des Gemeindehauses ein. Auf dem Programm standen die Vorpremiere eines Dokumentarfilms sowie die Vernissage einer Fotoausstellung.

Manfred Baumgartner, Kopräsident des Vereins «Riehen hilft Rumänien», konnte hundertsiebzig Personen im gut gefüllten Bürgersaal begrüssen. Er und Gemeindepräsident Michael Raith betonten in kurzen Ansprachen, wie wichtig die Partnerschaft mit Riehens Partnerstadt MiercureaCiuc/Csikszereda nach wie vor sei.

Danach leitete Regisseur Stefan Ley seinen Film «Rumänien - Land zwischen Vergessenheit und Hoffnung» ein. Dabei handelt es sich um einen Reisedokumentarfilm, der im Sommer 2002 während einer knapp fünfwöchigen Rundreise durch Rumänien entstanden war. In diversen Interviewsequenzen wurden die unterschiedlichsten Personen über ihre persönliche Lebenssituation befragt. Diese Interviews wurden einerseits unterbrochen von Landschaftsaufnahmen, die zum Teil aus dem Auto heraus gefilmt und mit zeitgenössischer rumänischer Musik unterlegt worden waren. Andererseits lockerten Aufnahmen von traditionellen Feiern, wie zum Beispiel einer orthodoxen Hochzeit oder einer ausgelassenen Party im Anschluss an eine Taufe, die Interviewphasen auf.

Die Interviewpartner konnten unterschiedlicher kaum sein. Gleich zu Beginn des Filmes vernahm man eine Stimme, die den rumänieninteressierten Personen in Riehen bereits bekannt war. Es ist die vertraute Stimme von Istvan Csaba Csedö, dem Bürgermeister von Miercurea-Ciuc/Csikszereda. Er schilderte die Lage seiner Stadt und verwies auf die Fortschritte und auf die zu lösenden Probleme.

Als nächste erläuterte die Chefärztin der Kinderabteilung am Bezirksspital in Miercurea-Ciuc/Csikszereda die gesundheitlichen Probleme ihrer jungen Patientinnen und Patienten und verwies auch auf die - leider relativ häufigen Kindsaussetzungen.

Weiter kam ein ehemaliger Vizebürgermeister der Stadt Sighisoara/Schässburg zu Worte. Vor der mittelalterlichen Kulisse seiner Stadt erläuterte er, selbst ein Siebenbürger Sachse, die wechselvolle Geschichte seiner Landsleute.

Der Chefredaktor einer deutschsprachigen Zeitung in Sibiu/Hermannstadt führte die Geschichte der Siebenbürger Sachsen fort und erzählte vom Massenexodus, der nach dem Sturz des Diktators Nicolae Ceausescu eingesetzt hatte.

Eine Bauernfamilie beklagte sich über die schwierige wirtschaftliche Situation und erklärte, früher - unter Ceausescu - wäre vieles besser gewesen.

Der Direktor einer lokalen TV-Station erläuterte mit einer Mischung aus Stolz und Selbstironie die von ihm und seinem kleinen Team produzierten Sendegefässe.

In der Industriestadt Hunedoara im Westen des Landes schilderte der Chef der örtlichen Metall-Gewerkschaft die grossen Schwierigkeiten, vor der die einstige Monoindustriestadt und ihre Bewohner stehen.

Über Cluj-Napoca/Klausenburg ging die Reise weiter Richtung Sighet. Dort sah man ein ehemaliges Hochsicherheitsgefängnis für politische Gefangene, das heute als Gedenkstätte für die unzähligen Opfer politischer Verfolgung in Rumänien dient. Es folgten Bilder aus dem Maramuresch, einer Landschaft im Norden Rumäniens an der Grenze zur Ukraine. In einem orthodoxen Nonnenkloster im Nordosten des Landes, in der Bukowina, erhielt man Einblick in einen Gottesdienst.

Auf der filmischen Rundreise ging es weiter durch die Moldau, das Grenzgebiet zu Moldawien, bis ins Donaudelta. Dort kam ein Schafhirte zu Wort, der vom harten und monotonen Alltag eines Hirten erzählte und mit den Vorstellungen von einem idyllischen Hirtenleben aufräumte. Für ihn sei Hirte sein ein Job wie jeder andere auch: Schliesslich gehe es darum, Geld zu verdienen.

In Bukarest, der letzten Etappe des Films, kamen unter anderem ein Schriftsteller und bekannter Systemkritiker zu Wort sowie der Fotograf Bogdan Croitoru, der einige seiner Bilder zeigte und kommentierte.

Der gut neunzigminütige Film ging sehr sparsam mit Kommentaren um. Er Hess vielmehr die verschiedensten Menschen mit ihren individuellen Einschätzungen zu Wort kommen. So konnten sich die Betrachterinnen und Betrachter selber ein Bild der Befindlichkeit von Land und Leuten machen. Stefan Leys Film wurde vom Publikum gut aufgenommen und mit herzlichem Applaus belohnt. Nach seiner Premiere im Riehener Bürgersaal war Stefan Leys Dokumentarfilm im Stadtkino zu sehen.

Fotoausstellung über das tägliche Leben in Rumänien
Im Anschluss an den Film richtete der Bukarester Fotograf Bogdan Croitoru ein Grusswort an die Anwesenden. Er bedankte sich für die Einladung des Vereins «Riehen hilft Rumänien» und eröffnete seine Ausstellung, die im Foyer des Bürgersaals untergebracht war. Beim anschliessenden Apéro konnte man Croitorus vierzig Bilder genauer betrachten. Mancher nützte die Gelegenheit, den Fotografen auf das eine oder andere Bild anzusprechen.

Anlässlich einer öffentlichen Führung durch die Ausstellung am 24. März 2003 erklärte Bogdan Croitoru: «Immer wieder werde ich mit dem Vorwurf konfrontiert, meine Bilder zeigten vor allem die dunklen Seiten Rumäniens. Natürlich gibt es in meinem Land auch wunderschöne Landschaften, aber die sind bereits auf den offiziellen Webseiten der rumänischen Tourismusinformation zu sehen.»

Einige von Croitorus Bildern zeigten tragische Aspekte des täglichen Lebens in Rumänien: eine Frau, die in Ermange lung einer richtigen Küche bzw. eines Herdes in ihrer Wohnung auf offenem Feuer kochte; Kinder, die in einem durch Zäune abgetrennten, gettoartigen Quartier spielten. Andere Bilder wiederum zeigten aus alter Zeit überlieferte Brauchtümer: Auf drei Bildern war die Fertigung eines hölzernen, mit dem Schweizer Alphorn vergleichbaren Instruments zu sehen. Mit diesem Instrument, Tulnice genannt, werden die wilden Tiere wie Wölfe und Bären von den Haustieren ferngehalten. Die ledigen Frauen versuchen sich beim Spielen darauf zu übertrumpfen, um so die Ausmarchung um die besten potenziellen Ehemänner zu gewinnen.

Auf anderen Bildern waren Mitglieder einer in Rumänien sehr berühmten Roma-Musikgruppe zu sehen, wie sie hingebungsvoll musizieren und ihren Kindern Handharmonikaunterricht erteilen. Eines zeigten Bogdan Croitorus Bilder deutlich: Die sozialen Gegensätze in Rumänien sind enorm gross.

Neben einer immer grösser werdenden Schicht von Menschen, denen zum Teil die elementarsten Dinge zum überleben fehlen, gibt es eine kleine Gruppe von Menschen, die über grossen Reichtum verfügen. Diese Diskrepanz auf den Punkt gebracht hat Croitoru mit einem Bild, das er vor seiner Haustür aufgenommen hatte: Auf der Strasse fährt ein BMW an einem Pferdewagen vorbei.

Die Bilder lassen Rückschlüsse auf den Fotografen zu. Croitoru wirft mit seinen Bildern einen kritischen, gleichzeitig auch liebevollen Blick aufsein Land. Ein Land, das sich in einem grossen Umbruch befindet.

Ergänzend zum Film lieferte die Fotoausstellung interessante Einblicke in Situationen des täglichen Lebens. Die Fotoausstellung dauerte eine Woche. Der Vorstand des Vereins «Riehen hilft Rumänien» war mit der Resonanz der Ausstellung sehr zufrieden. überrascht vom Erfolg seiner Bilder zeigte sich der Fotograf. Er hätte nie gedacht, dass er so viele Bilder verkaufen könnte...

Chorkonzert des Kammerchores «Harmonia»
Am Freitag, 5. September 2003, lud der Verein «Riehen hilft Rumänien» zu einem Chorkonzert in die Dorfkirche. Hundertdreissig Personen folgten der Einladung und lauschten den Gesängen des Kamnierchores «Harmonia» aus Miercurea-Ciuc/Csikszereda. Dieser Chor besteht aus Musikstudenten sowie aus Schülern und Lehrern des von Riehen unterstützten Kunst- und Musiklyzeums in Miercurea-Ciuc/Csikszereda. Das Konzert in der Dorfkirche begannen die sechzehn Sängerinnen und Sänger mit Johann Sebastian Bachs «Jesu, meine Freude». Damit zogen sie gleich alle Zuhörerinnen und Zuhörer in ihren Bann. Es folgten drei kurze Ansprachen.

Kovereinspräsident Manfred Baumgartner wies auf die Vielschichtigkeit der Riehener Rumänienhilfe hin. Die Riehener Rumänienhilfe sei keine Einbahnstrasse, sondern eine mehrspurige Autobahn. Die verschiedenen Spuren stehen für die unterschiedlichen Arten der Hilfe, besonders für die Begegnungen zwischen Menschen aus Riehen und Miercurea-Ciuc/Csikszereda.

Ständeratspräsident Gian-Reto Plattner sagte, es sei sehr wichtig, dass neben der Gemeinde auch von privater Seite Hilfe geleistet würde und dass private Kontakte bestünden. Von Bern aus würde viel Entwicklungszusammenarbeit geleistet. Diese Arbeit würde sicher gut gemacht, aber sie könnte private Kontakte niemals aufwiegen. Das Motto müsse sein «von Menschen für Menschen». Plattner verlieh seiner Freude darüber Ausdruck, dass die Menschen in Riehen so grosse Hilfe leisten. Er griff das Bild der mehrspurigen Strasse nochmals auf. Jede Seite bringt das ein, was sie gut kann. Die rumänischen Gäste beeindruckten mit ihrem Gesang, die Riehener Seite könnte aufzeigen, wie in der Schweiz mit Minderheiten umgegangen wird, regte Plattner an.

In seiner Rede erläuterte Gemeindepräsident Michael Raith die Besonderheiten der Beziehung zwischen Riehen und Miercurea-Ciuc/Csikszereda. Es seien eben nicht nur Kontakte zwischen Politikern, wie sie mit den Nachbargemeinden im In- und Ausland gepflegt werden, sondern es bestünden auf vielen Ebenen Berührungspunkte und Kontakte. Michael Raith wies darauf hin, dass die Hilfe für die rumänische Partnerstadt auch innenpolitisch motiviert sei. Riehen habe aufgrund seiner (noch) grossen Steuereinnahmen eine gewisse moralische Pflicht, diese solidarisch zu verwenden. Raith schloss seine Rede - wie sein Vorredner mit dem Dank an alle an der Hilfe für Miercurea-Ciuc/ Csikszereda beteiligten Personen und Institutionen.

Nun war wieder der «Harmonia»-Chor an der Reihe. Im zweiten Teil des Konzertes erklangen Stücke von Tielman Susato, W.A.Mozart, Zoltân Kodäly, György Orban und Béla Bartók.

Die Zuhörerinnen und Zuhörer erlebten ein Konzert auf höchstem Niveau. Die Sängerinnen und Sänger bedankten sich mit mehreren Zugaben.

Die Volkstanzgruppe «Borsika», ein tänzerisches Feuerwerk
Zusammen mit dem Kammerchor war die Volkstanzgruppe «Borsika» aus Miercurea-Ciuc/Csikszereda angereist. Sie hatte am Samstag, 6. September 2003, ihren Auftritt, und zwar im Rahmen des jährlich stattfindenden Musikschulfestes der Musikschule Riehen. Nachdem in einem ersten Block Schweizer Volksmusik erklang, stimmte der zweite Teil die Besucherinnen und Besucher mit Stücken von Béla Bartók auf die osteuropäische Volksmusik ein. Um 17 Uhr hatten die Tänzerinnen und Tänzer von «Borsika» ihren Auftritt. Im bis auf den letzten Platz gefüllten Musiksaal fesselten sie das Publikum gleich von der ersten Minute an. Begleitet von drei Musikanten zeigten sie in wechselnden Formationen, teils solo teils in der Gruppe, ungarische, rumänische und zigeunerische Tänze. Um den Tänzerinnen und Tänzern sowie den Musikern eine Umzieh- und Verschnaufpause zu gewähren, gaben einzelne Tänzerinnen und Tänzer als Einschub verschiedene Lieder zum Besten. Kaum war ein Lied zu Ende, wirbelten die Tänzerinnen und Tänzer in ihren jeweils der Herkunft des Tanzes entsprechenden Kostümen über die Bühne. Sie tanzten, stampften, pfiffen, wirbelten über die Bühne und feuerten sich durch laute Zurufe gegenseitig an. Das Publikum genoss die einstündige Vorstellung sichtlich. Es spendete frenetischen Applaus.

Nachdem die Aufführung im Saal zu Ende war und die Zuschauerinnen und Zuschauer nach draussen strömten, ging die Vorführung auf dem Vorplatz weiter. Die Musikanten spielten erneut auf und eine Tänzerin bat die Anwesenden, ohne zu zögern, mitzutanzen. Die Tänzerinnen und Tänzer schnappten sich Leute aus dem Publikum. Der Funke sprang über und es kam zu einer spontanen, gemeinsamen Tanzeinlage zwischen Leuten aus Riehen und den Mitgliedern der Tanzgruppe «Borsika». Spätestens jetzt war allen Anwesenden klar: Die Rumänienhilfe, die gemeinsam von der Gemeinde Riehen, dem Verein «Riehen hilft Rumänien» und vielen Privatpersonen geleistet wird, ist alles andere als ein einseitiges Geben.

Seinen Abschluss fand der fünftägige Besuch der Gäste aus Riehens Partnerstadt mit einem gemeinsamen Ausflug ins Berner Oberland, der mit grosszügiger Unterstützung der Gemeinde Riehen zustande kam.

Von der Patenschaft zur Partnerschaft
Miercurea-Ciuc/Csikszereda liegt 230 Kilometer nördlich von Bukarest, in einem Ausläufer des Karpatenbogens. Die Kleinstadt hat 45 000 Einwohner, davon sind 83 Pro- ; zent Ungarischstämmige, 16 Prozent Rumänischstämmige und 3 Prozent gehören anderen Volksgruppen an (zum Beispiel Roma oder Deutschstämmige). MiercureaCiuc/Csikszereda ist Hauptort des Bezirks Harghita.

Im Verlaufe des Jahres 1993 entschloss sich eine Gruppe Interessierter, den Verein «Riehen hilft Rumänien» zu gründen. Diese Gruppe war der Ansicht, dass eine Patenschaft nicht die alleinige Angelegenheit einer Abteilung der Gemeindeverwaltung sein dürfe. Der Gedanke der Patenschaft müsse vielmehr nach aussen getragen werden. Eine Patenschaft macht nur Sinn, wenn sie in der Bevölkerung verwurzelt ist.

Der Verein «Riehen hilft Rumänien» unterstützt schwergewichtig Projekte im Schulbereich. Auch auf der Liste der Hilfsempfänger steht die Kinderabteilung des Bezirksspitals. Inzwischen ist aus der anfänglichen Patenschaft eine Partnerschaft geworden. Die materielle Hilfe wird mehr und mehr durch finanzielle Hilfe ersetzt. Aus der ursprünglichen Nothilfe wurde eine Hilfe zur Selbsthilfe.

Zurzeit hat der Verein 210 Mitglieder. Der jährliche Aufwand beträgt 30000 bis 45 000 Franken. Der Vorstand besteht aus neun Personen, die ehrenamtlich arbeiten.

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