2003

Erlebnis Raum

Claudia His

Der Künstler Matthias Frey erhielt am 23. Mai 2003 den Riehener Kulturpreis 2002. In Matthias Freys Werk spielt das räumliche Erleben eine entscheidende Rolle - die Verschränkung und Durchdringung von Innen und Aussen. Die Laudatio:

«De l'extérieur dans l'intérieur» lautete der Arbeitstitel, den Matthias Frey für seinen Aufenthalt 1997 in Montreal/ Kanada im dortigen Atelier der Christoph-Meran-Stiftung formuliert hatte. «Vom Inneren im Aussen» oder «Von der Verschränkung/Durchdringung von Innen und Aussen/ Aussen und Innen» - so könnte man diesen kurzen und prägnanten französischen Satz etwas schwerfällig ins Deutsche übersetzen.

«De l'extérieur dans l'intérieur» - zunächst einmal stellen sich innere Bilder ein von Räumen, von Innenräumen und Aussenräumen, Bilder vielleicht auch, die Innenräume neben Aussenräume stellen, Inneres nach aussen klappen und stülpen. Vielleicht haben Sie beim Betreten des Kunst Raums Riehen gleich rechts beim Eingang in den kleinen Raum geschaut und Freys Arbeit «Knall» (2003) (Abb. links) gesehen, eine Skulptur, die den Gedanken dieser Dynamik aufnimmt: Wir blicken auf diese Skulptur, die zugleich weich und zäh, fest und sehr biegsam wirkt, die in ihrer von innen nach aussen drängenden Kraft den Raum zu sprengen scheint und von Bewegung erzählt, die wir über den Raum hinaus weiterdenken. Die Arbeit macht zugleich die Dimension des Raums deutlich und damit seine Grenze, berührt diese aber auch, ja sprengt sie - zumindest in unserer Vorstellung.

Und um Räume und Innenräume geht es Matthias Frey, der sich selber in seinem Beruf am liebsten Bildhauer oder besser noch «Bildbauer» nennt, einer, der für das, was ihn beschäftigt, Bilder baut, Bilder erfindet.

Ich zeige Ihnen in der Folge einige Dias, die eine Auswahl von Werken von Matthias Frey für die Dauer meiner Rede einer Retrospektive ähnlich in diesem Raum vergegenwärtigen sollen.

Hier ist eine frühe Arbeit von Matthias Frey zu sehen: ein aus alten Rollläden gefertigter Körper, eine runde, Drehung und Ausstülpung verdeutlichende Säulenform. Matthias Freys runde, ausgestülpte Form steht neben den spitzen Pyramidalformen von Heinz Schaffner (Ausstellung im Ausstellungsraum Kaserne «Als wärs ein Stück Menhir» (1988) (Abb. links): Statisches neben Dynamischem, Spitzes neben Rundem, klar Begrenztes neben Ausgreifendem.

Das nächste Dia zeigt den Blick ins Innere einer Skulptur, die Frey im selben Jahr (1988) im Ausstellungsraum Kaserne realisiert hatte, «Annäherungen» (Abb. Mitte links). Es sind zwei formgleiche Körper, die jedoch um 180° bzw. 360° gedreht und zueinander versetzt platziert wurden und unterschiedliche Einblicke bzw. Ausblicke ermöglichten.

Die «Behälter für Skulpturen» (Abb. Mitte rechts) sind, wie der Titel sagt, Behälter für imaginierte Skulpturen und sind natürlich zugleich selber die Skulptur. Hier erscheint das Spiel mit Innen und Aussen besonders vertrackt: Wir stellen uns Skulpturen vor, die in den entsprechenden Behältern Platz finden könnten, und haben als Anhaltspunkt für die Gestalt dieser Skulpturen nur die «Behälter» zur Verfügung. Das Aussen ist hier formbestimmend, ja formgleich für das Innere geworden, das Innere zum Aussen.

Die Behälter erzählen von Skulpturen oder, wie in der nächsten Arbeit, von Bewegung: Matthias Frey hat hier die Bewegung des öffnens von Kisten in Holz materialisiert «Topologie der geklappten Kiste» (1995/96) (Abb. rechts). Dass seine Arbeiten etwas erzählen, das ist eine von ihm oft gewählte Formulierung, die im gemeinsamen Gespräch über seine Arbeiten immer wieder vorkommt: etwas erzählt von etwas Anderem, Abwesendem, das jedoch durch die Arbeit suggeriert und imaginiert wird. Neben der handwerklichen Perfektion, mit der Matthias Frey seine Arbeiten schafft, ihrer klaren Ausstrahlung und der Kohärenz und Subtilität von Wahl und Verwendung der verschiede nen Materialien ist für mich dieser Aspekt der Imagination, des Erzählens und Spielens mit der Vorstellung von uns Betrachtenden eine der Qualitäten seiner Arbeit: diese Klarheit und Determiniertheit und zugleich das Offene, Spielerische, auch Subversive. Matthias Frey nimmt uns an der Hand und führt uns in neue Dimensionen wie mit dem «Wandlauf» («Beiläufig» 2003, s. S. 138), der uns im hintersten Raum dieser Ausstellung in vielleicht ungeahnte Sphären entführt.

Auf meine Frage, was ihn inspiriere, nannte Matthias Frey neben der Natur in ihrer zyklischen, rhythmischen Verwandelbarkeit, neben Lektüre, Musik und den Gesprächen mit Freunden auch die Zusammenarbeit mit anderen Künstlerinnen und Künstlern sowie mit Handwerkern, beispielsweise aus dem Keramikwerk Laufen, wo seine neuerdings entstehenden «Tablare» (seit 2000) (Abb. oben) gefertigt werden.

Eine Zusammenarbeit hat auch 1989 mit Gert Handschin stattgefunden für eine Arbeit im Raum für Kunst an der Kleinhüningerstrasse: «y=i/2x2» (Abb. links). Die beiden Künstler entschieden sich für die Form der Parabel, die den Raum durchspannte und neu und anders erlebbar machte. Das verwendete Material war Stoff. Einer licht- und klangdurchlässigen Membran ähnlich, unterteilte diese Stoffbahn den Raum, die geringste Berührung floss zitternd in Wellenbewegungen über den Stoff und kehrte zum Ausgangspunkt zurück. Die Parabel als formale Faszination, die dynamisch ist und deren Enden in die Unendlichkeit führen, die Parabel aber auch als ein literarischer Begriff, als Gleichnis. Matthias Frey erwähnte im Gespräch die biblische Geschichte vom verlorenen Sohn: Dieser kehrt über einen langen Weg zurück, ähnlich wie die Kurve der Parabel, die nicht am selben Ort, wohl aber auf der gleichen - imaginierten - Geraden enden könnte.

Vielleicht erinnern Sie sich an dieses begehbare Objekt, das Matthias Frey 1990 für einen Schlosspark im Elsass schuf und das eine Zeit lang - bis zu seiner Zerstörung - im Sarasinpark in Riehen aufgestellt war: «Nach oben offene Station» (1990) (Abb. rechts). Der Grundriss dieses Gehäuses ist eine Parabel, ausserdem sind es Kegel- und Hyperbelschnitt, mit denen Frey arbeitete. Die geometrischen Formen von Kegelschnitt, Parabel und Hyperbel als dynamische Formen beschäftigten Frey schon lange; er zeich nete sie und baute sie als Form. Hinzu kommt, dass der ehemalige Steinerschüler mit der Anthroposophie vertraut ist und in den Lehren von Rudolf Steiner insbesondere in dessen Auffassung vom menschlichen Körper Entsprechungen mit diesen geometrischen Formen gefunden hatte.

In dieser Skulptur, der Frey den Titel gab «Versuch über die Belebung des Hohlraums» (1994) (Abb. links oben), begegnen wir erstmals einer ganz klar zyklischen, transformatorischen Arbeit. Sie entstand aus dem Bedürfnis heraus, ein Entstehen und ein Zerfallen zu beschreiben, Bild werden zu lassen: etwas, was aus dem Nichts kommt und ins Nichts zurückgeht, zu zeigen. Sie können diese Bewegung an dieser nach und nach aufstrebenden und wieder zurücksinkenden Form - hier ist das Material Wachs - deutlich erkennen. Matthias Frey modellierte diese Formen übrigens negativ, das heisst, er drückte sie in den Ton ein, um sie nachher auszugiessen - ein Prozess, bei dem der Künstler nur ahnen bzw. vor seinem inneren Auge sehen konnte, was er mit den Händen gemacht hatte. Joseph Beuys erwähnte in einem Nebensatz in einem publizierten Interview diese Möglichkeit des Negativmodellierens. Matthias Frey setzte dies in die Tat um. Es ist eine Möglichkeit des anders, vielleicht besser «Sehens», eine Technik, die Matthias Frey auch in seinem Unterricht mit seinen Studenten an der Schule für Gestaltung in Basel anwendet. Und es ist nicht das einzige Mal, dass Frey etwas aus seiner Arbeit in seinen Unterricht mit den Studenten einfliessen lässt. Und das ist auch einer der Gründe für den Erfolg, den Frey bei den Studenten geniesst: Er ist begeistert von dem, was er tut und erkennt, und bildet und vermag diese Begeisterung weiterzugeben. Er hat etwas zu sagen, er hat eine Botschaft.

Vielleicht erstaunt Sie diese Reverenz auf die Anthroposophie und auf Joseph Beuys. Man erwartet beides nicht, sie sind dem Werk von Matthias Frey nicht anzusehen. Beides war für ihn wichtig als Anregung, Inspiration, Auseinandersetzung. Aber Frey sagte mir auch, er habe sowohl Beuys als auch die Anthroposophie irgendwann einmal aus seinem Atelier hinauswerfen müssen - wohl wissend, dass nur in vollständiger Loslösung und Selbstständigkeit ein eigenständiges Werk möglich wird.

Zwei Jahre später (1996) entstanden diese Skulpturen, die nun nicht mehr als zusammenhängender Zyklus zu verstehen sind, sondern als eigenständige Variationen über ein Thema: das der Bewegung und Veränderung von ähnlichen Formen: «Szenische Peristaltik» (Abb. links unten). Matthias Frey fand in diesen Objekten erstmals eine Möglichkeit, seinen erlernten Beruf des Keramikers in seine bildhauerische Arbeit zu integrieren, hier in Form von auf der Töpferscheibe gedrehten Skulpturen aus Biskuitporzellan. Später entdeckte er übrigens im Internet ein Forschungsprojekt über Wassertropfen, die auf eine stark abweisende Oberfläche fallen und Formverwandlungen ergaben, die seinen Skulpturen verwandt sind.

Vielleicht hören Sie bei dieser Arbeit mit dem Titel «Provisorische Fuge» (1999) (Abb. rechts oben) Wassertropfen, die aufprallen, oder einzelne Töne, die in einen Raum fallen. Der Titel ist mit Bedacht gewählt und spielt wieder mit unserer Imagination. Zudem klingt darin Freys zweiter Berufswunsch an: Er wäre gerne Musiker - Cellist - geworden. Deshalb seine besondere Liebe zu diesem Instrument, die sich auch in seiner Wahl der Musikerinnen heute Abend zeigt.

Frey nimmt bei «Tisch mit neun Teilen» ( 1996) (Abb. s. S. 133 rechts unten) den Gedanken der zyklischen Metamorphose nochmals auf: Man stelle sich einen Tisch vor mit einer runden öffnung, darauf eine kugelige gallertartige Masse mit starker Oberflächenspannung. Durch das Loch im Tisch entweicht nun diese Masse ganz langsam und ergibt in ihrem allmählichen Durch-das-Loch-Fliessen eben diese unterschiedlichen Formen, um am Schluss wieder eine Kugel zu werden. Die zeitliche Begrenztheit dieses in der Vorstellung fliessenden Prozesses hat Frey in glasiertem Sanitärporzellan quasi in einzelnen Etappen aufgefangen, verewigt. Diese Objekte wurden dann in einer Erweiterung des Projektes von Bewohnerinnen und Bewohnern des Altersheimes am Bachgraben in Allschwil in die Hände genommen und von Andreas F. Voegelin fotografiert: «Handlich» (1998) (Abb. links/rechts). Wunderschön der Kontrast der Materialität der Haut der Hände und des glänzenden Porzellans, wunderschön auch die sprechende, anrührende Gestik der Hände, die die Objekte halten.

Ein weiterer Prozess von Transformation ist in «Fussarbeit» (1997) (links oben) zu sehen, die in Montreal entstand und Freys langjährige Faszination für den Hohlraum zwischen seinen Füssen thematisiert. Es entstand eine Serie von Spiegelungen und Verdoppelungen, die zu einer Tapete führte und zu zwei Objekten, die dem Hohlraum zwischen den Füssen plastische Gestalt verliehen: «Fusszeichen» (2001) (links unten). Ebenfalls in Montreal entdeckte Frey Gussformen aus Graphit für Gebrauchsgegenstände (Zahnbürste, Zahnseidenbehälter u. a.) und fügte sie zu «Techno-Town» (1997-2002) (Abb. oben rechts).

Sie sehen, der Satz «De l'extérieur dans l'intérieur» hat uns ins Zentrum von Matthias Freys Werken geführt. Er könnte auch für Arbeiten in dieser Ausstellung stehen, wie erwähnt für den «Knall» (2003) oder auch für das zwischen Brettern Hervorquellende der Arbeiten in diesem Raum und im Eingangsbereich «Auf Brechen und Fügen I-III» (2003) (rechts oben) und «Querschnitt» (2003) (Abb. rechts unten), die beide leicht subversiv daherkommen, eine Eigenschaft, die Matthias Freys Arbeiten immer wieder anhaftet, auch den irritierenden Titeln.

Matthias Frey versteht sich als Bildhauer nach Giacometti. Das heisst, Frey bildhauert nicht mehr in Ton, Gips oder Stein, indem er zufügt und wieder wegnimmt, ein Vorgang, der die klassische Arbeit eines Bildhauers oder Plastikers charakterisiert, sondern er arbeitet auch konzeptionell, geht auf räumliche Gegebenheiten ein bzw. greift in diese ein. Auch ist die menschliche Figur nicht Freys Thema. Ist der Mensch aber in seinen Werken wirklich immer abwesend? Werden nicht indirekt menschliche Vorgänge thematisiert, beispielsweise im raumgreifenden, fast tänzerischen Aspekt von «Knall» (s. S. 126) oder in einem übertragenen Sinn in «Beiläufig» (2003) (Abb. links oben), wo der Betrachtende sich dem Wandlauf/Handlauf anvertraut, sowie in den frühen begehbaren Skulpturen oder in der aus Stoff gespannten Parabel, die den Raum auf so andere, neue Weise erlebbar machte? Matthias Frey lässt uns räumliche und plastische Zusammenhänge neu erleben, macht uns aufmerksam auf die Dynamik einer gebogenen Kurve, auf die Begrenztheit und die mögliche Entgrenzung eines Raumes und kehrt für uns innen nach aussen und umgekehrt.

Die beiden folgenden Zitate stammen aus dem Buch von Franz Xaver Baier «Der Raum, Prolegomena zu einer Architektur des gelebten Raumes» (Köln, 2000), welches Matthias Frey kürzlich gelesen hat:

Nichts ist beunruhigender als die stetige Bewegung dessen, was unbeweglich erscheint.
Gilles Deleuze

Die Vereinzelung des Individuums darf nicht täuschen - in Wahrheit fliesst etwas fort unter den Individuen.
Friedrich Nietzsche

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