2003

Besuch auf hohem Niveau

Willi Fischer

Ausgehend von der überzeugung, dass Hilfe für wirtschaftlich bedrängte Berggemeinden im Rahmen des Riehener Entwicklungshilfekonzepts nicht nur finanzielle Hilfe bedeuten kann, entwickelte sich im Laufe von bald fünfzig Jahren ein intensives Verhältnis zu unserer Partnergemeinde Mutten in Graubünden. Ganz unterschiedliche Projekte wie der Erhalt der eigenen Schule, die Sanierung der Muttner Alp, diverse Beiträge an Leitungs- und Strassenbau, die Baulanderschliessung und immer wieder Behebung von Unwetterschäden sind Schwerpunkte der langjährigen Hilfe für Mutten.

Gemeinsam werden jeweilen neue Projekte und deren Finanzierung sorgfältig abgeklärt und begleitet. Für die kleine Berggemeinde - Mutten zählt weniger als hundert Einwohner - haben die Riehener Zuschüsse neben den Leistungen von Bund und Kanton deshalb oftmals eine (über-)lebenswichtige Bedeutung.

Diese langjährige Zusammenarbeit hat bewirkt, dass die beiden gänzlich unterschiedlichen Gemeinden Riehen und Mutten eine Partnerschaft entwickelt haben, die weit über die Finanzhilfe hinaus gediehen ist. Diese Partnerschaft hat sich aber bis jetzt vor allem auf die Behördenmitglieder beschränkt, für die Bevölkerung - drunten wie droben gab es bisher kaum Gelegenheit, miteinander in Kontakt zu kommen.

Dies nachzuholen war dem Riehener Gemeinderat Grund zur Organisation einer Reise ins Bergdorf Mutten. Der nachfolgende Reisebericht vermittelt Details dazu.

Reise
Auf den per Inserat ausgeschriebenen Tagesausflug nach Mutten meldeten sich achtzig Riehener und Riehenerinnen an und am Sonntag, 24. August 2003, fand sich die wanderlustige Reisegesellschaft frühmorgens im Bahnhof Basel SBB zur Bergfahrt ein. Die Bahnreise führte bei strahlend schönem Spätsommerwetter via Zürich und Chur nach Thusis. Dort hiess es umsteigen in Kleinbusse und eine ganze Karawane wand sich von der Schinschlucht in nicht enden wollenden Spitzkehren auf der steilen Naturstrasse nach Mutten hoch.

Reden
Die ganze Riehener Deputation versammelte sich beim Gemeindehaus in Untermutten, wo der Muttner Gemeindepräsident Johann Martin Wyss seine Gäste aus Riehen begriisste und mit sichtlichem Stolz sein Mutten vorstellte: Die Walsersiedlung Mutten besteht aus den Siedlungskernen Untermutten, Stafel und Obermutten, auf einer Höhe von 1400 bis 1800 m ü. M. gelegen. Noch höher liegt die Muttner Alp und darüber tront das Muttnerhorn.

Nicht zuletzt durch die grosse Unterstützung aus Riehen habe man in den letzten Jahren die Infrastruktur stark verbessern können, zurzeit werde die bis anhin ungeteerte Strasse durch Untermutten asphaltiert. Aktuelles Beispiel für immer wiederkehrende Schäden durch Naturereignisse stelle die momentan geschlossene Kirche in Untermutten dar, deren Inneneinrichtung durch einen Blitzschlag stark beschädigt wurde.

Die Vertreter des Riehener Gemeinderats in der Riehener Reisegruppe betonten, wie wichtig es sei, dass die Partnerschaft auf Gegenseitigkeit beruhe. Einerseits gehe es um die Solidarität zu einer Bergregion, die mit ganz anderen Herausforderungen fertig werden müsse, als wir das bei uns in Riehen gewohnt sind, und andererseits können wir Unterländer viel von der gelebten Solidarität der Bergler lernen und uns an den Schönheiten der intakten Muttner Bergwelt erfreuen.

Dorfbesichtigungen
Als neuestes Riehener Projekt konnte die soeben fertig gestellte Solaranlage auf dem Dach des Gemeindehauses besichtigt werden. Riehen hat im Rahmen der letztjährigen SUN 21 einen «Faktor 4-Preis» im Wert von 5000 Franken für die Leistungen als Energiestadt erhalten. Diesen Betrag hat Riehen sinnigerweise vervierfacht und nach Mutten geschickt, damit die reichlich und gratis vorhandene Sonnenenergie in elektrischen Strom umgewandelt werden kann. Dank Bilderbuchwetter konnte sich jedermann anhand einer am Gemeindehaus angebrachten Messuhr versichern, dass das System auch tatsächlich funktioniert. Nach einem Abstecher ins Schulhaus, wo in einem Klassenzimmer für acht Kinder der ersten bis zur sechsten Primarschulstufe unterrichtet wird, ging die Busfahrt weiter via Stafel nach Obermutten, wo auf der Terrasse des Berggasthofs «Post» ein Apéro der Gemeinde Mutten ausgeschenkt wurde.

Alpwanderung
So gestärkt galt es, noch den letzten und beschwerlichsten Weg zur Alp in Angriff zu nehmen. Dieser führte an der schlichten hölzernen Kirche vorbei, die vor bald dreihundert Jahren von den Waisern errichtet wurde. Der steile und lange Bergweg stellte für einige ältere Unterländer mehr als ein einfacher Wanderweg dar, dankbar wurden deshalb verschiedentlich die Fahrgelegenheiten der Einheimischen angenommen. Schliesslich erreichten alle das Ziel, die Muttner Alp. Nun konnte man an langen Bänken ausruhen, die prächtige Aussicht geniessen, seinen Durst stillen und die mitgebrachten Würste grillieren.

Alpwirtschaft
Fachmännisch wurden wir über die Freuden und Sorgen der strengen Berglandwirtschaft orientiert. Auch hier wurde betont, dass Solidarität nötig ist, damit die Berglandschaft so gepflegt werden kann, dass die Natur, der Erholungswert und die landwirtschaftliche Produktion erhalten werden. Am Beispiel der Alpkäseherstellung wurde praktisch und anschaulich vermittelt, wie das Gras der Alpweiden via Milchproduktion in das Dauerprodukt Käse transformiert wird. Eindrücklich zeigte die engagierte Sennerin, wie dies alles mit traditioneller Technik - ohne Kühlmaschine - geschieht. Die anschliessende Käsedegustation bewies das Können der älplerin und manch ein Rucksack wurde daraufhin mit feinem Bergkäse gefüllt.

Heimkehr
Froh und beglückt, aber auch müde von der langen Reise und der anstrengenden Wanderung, gings am Abend in umgekehrter Reihenfolge der einzelnen Transportmittel wieder zurück nach Riehen. Alle Teilnehmenden haben den Besuch in Mutten sehr genossen und waren angetan von den vielen positiven Eindrücken und Begegnungen, die sie erlebten. Der Ausflug war eine gute Gelegenheit, unsere Schweizer Partnergemeinde und ihre landschaftliche Schönheit, aber auch ihre Probleme und Nöte kennen zu lernen. Wenn darüber hinaus menschliche Kontakte entstanden sind oder neu auflebten, so sind alle Erwartungen an diese Reise voll und ganz erfüllt worden.

Ein wichtiges Element für die zukünftige Entwicklung von Mutten stellt der Neubau einer wintersicheren Zufahrtsstrasse von Solis nach Mutten dar. Ein 1260 Meter langer Tunnel ist bereits aus dem Berg ausgebrochen, mit der Fertigstellung der Strasse wird in etwa zwei Jahren gerechnet. Diese Strasse wird die Verbindung zur Aussenwelt sicherer und schneller machen. Der Kanton Graubünden zeigt mit diesem grossen Engagement, es handelt sich um 25 Millionen Franken, dass es dem Gebirgskanton ernst ist mit dem Bekenntnis zu seinen weit abgelegenen Gemeinden. Es bleibt zu hoffen, dass Mutten sich auch mit der neuen Zufahrtsstrasse weiterhin harmonisch entwickelt und nicht von einer ungezügelten Tourismuswelle und einer blinden Bauwut erfasst wird. Damit weiterhin gilt «Klein, fein und ruhig...», wie der Muttner Ferienprospekt überschrieben ist.

Ausblick
Riehen wird seine beiden Partnergemeinden - die andere, Miercurea Ciuc/Csikszereda liegt im rumänischen Siebenbürgen - weiterhin unterstützen, da Hilfe hier wie dort weiterhin nötig ist. Immer aber sollen Anreize zur Selbsthilfe gemacht werden. Für Mutten stehen für die nächste Zukunft weiterhin Beiträge an die Kosten der auswärtigen Schulbesuche für die grösseren Kinder im Vordergrund. Daneben fallen für Mutten hohe ausserordentliche Kosten zur Sanierung der Dorfstrasse an, was Mutten kaum selber finanzieren kann und deshalb ebenfalls eine Riehener Unterstützung rechtfertigt.

Dank
Mutten erlebte mit dem Besuch der Riehener Delegation einen wahren Ansturm. Plötzlich waren doppelt so viele Menschen in Mutten wie sonst. Dank umsichtiger Planung und zahlreichen Helfern und Helferinnen war dem Grossanlass ein voller Erfolg beschieden. Riehen dankt Mutten für einen unvergesslichen Tag! Der Riehener Gemeinderat will diesen Dank bekräftigen und wird in seinem Gemeindewerkhof eine Ruhebank aus Riehener Holz anfertigen lassen. Diese Ruhebank soll auf dem steilen Weg zur Muttner Alp aufgestellt werden, damit die nächste Riehener Wandergruppe auf dem für Unterländer beschwerlichen Alpweg eine Verschnaufpause einlegen kann.


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