2003

Ein Wohnort, wie er im Buche steht

Ivo Berweger

Warum ist das Wohnen in Riehen so attraktiv? Eine Bestandesaufnahme und ein Blick in die Zukunft der Siedlungsentwicklung.

Ausgangslage für die Siedlungsentwicklung der Gemeinde Riehen
Die Gemeinde Riehen besitzt viele Wohngebiete. Im Vergleich mit der Stadt und mit anderen Basler Agglomerationsgemeinden sind in Riehen verhältnismässig wenig Arbeitsplätze angesiedelt. In Riehen wird also in erster Linie gewohnt.

Insgesamt wohnen in Riehen zurzeit 20700 Personen in 9500 Wohnungen. Von der Gesamtfläche Riehens von 1087 Hektaren umfasst das Baugebiet 382 Hektaren. Davon stehen 304 Hektaren dem Wohnen zur Verfügung. Die übrigen 78 Hektaren des Baugebiets sind für öffentliche Bauten und Anlagen bestimmt (u.a. Schulen, Sportanlagen, Friedhof Hörnli). Bezogen auf das gesamte Baugebiet beträgt die Wohndichte in Riehen 54 Personen pro Hektare Baugebiet. Sie ist dem Siedlungscharakter entsprechend vergleichsweise gering.

Obwohl in den letzten dreissig Jahren 2300 zusätzliche Wohnungen gebaut wurden, hat sich die Bevölkerungszahl kaum verändert. Die durchschnittliche Personenzahl pro Wohnung ist in diesem Zeitabschnitt von 3,1 auf 2,2 Personen gesunken. Diese Entwicklung ist eine Folge der sinkenden Haushalts- bzw. Familiengrösse, es gibt mehr Alleinstehende, weniger Kinder, man bleibt im hohen Alter länger in der Wohnung. Diese Entwicklung ist in allen Agglomerationsgemeinden zu beobachten. Sinkt die durchschnittliche Personenzahl pro Wohnung weiter, so kann die Einwohnerzahl in Riehen nur gehalten werden, wenn weiterhin zusätzlicher Wohnraum geschaffen wird.

Für die Bevölkerungsentwicklung ist auch das Wohnungsangebot von zentraler Bedeutung. Heute sind in Riehen erstaunlich viele 3-Zimmer-Wohnungen (31%) vorhanden. Im Weiteren befinden sich ein Viertel der Wohnungen in Einfamilienhäusern (insgesamt 2400).

Die Altersstruktur der Wohnbevölkerung hat sich in den letzten dreissig Jahren stark verändert, der Anteil Kinder hat sich bis 1990 stark vermindert, die Jahrgänge im Pensioniertenalter haben sich mehr als verdoppelt.

Riehen ist ein beliebter Wohnort. Gemäss Bevölkerungsbefragung, welche im Jahr 2001 durchgeführt wurde, wohnen 98,9% der befragten Personen gerne bzw. ziemlich gerne hier. Dieses Resultat bestätigt, dass die Wohnqualität in Riehen überdurchschnittlich hoch ist. In einzelnen Gebieten sind jedoch noch Verbesserungen möglich, beispielsweise im Gebiet um die Lörracherstrasse im Norden Riehens. Was macht aber eine hohe Wohnqualität aus? Kurt Tucholsky hat dazu 1927 folgendes Gedicht verfasst:

Das Ideal  
Ja, das möchtste:
Eine Villa im Grünen mit grosser Terrasse,
vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstrasse;
mit schöner Aussicht, ländlich-mondän,
vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn
aber abends zum Kino hast du's nicht weit.
Das Ganze schlicht, voller Bescheidenheit.

Wie Tucholsky sehr schön beschrieben hat, wird eine hohe Wohnqualität nicht nur durch die Wohnung und deren Einrichtung definiert, sondern in hohem Masse auch durch das nähere und weitere Wohnungsumfeld. Dies hat nach wie vor Gültigkeit. Während die Architekten dafür besorgt sind, dass die Wohnungsgrundrisse unter Beachtung der örtlichen Gegebenheiten den Bedürfnissen der Bewohnerinnen und Bewohner entsprechen und die Wohnung oder das Haus schön gestaltet ist, hat die Ortsplanung die Aufgabe, das nähere und weitere Wohnungsumfeld so zu planen und zu gestalten, dass den Bedürfnissen der Bevölkerung nach hoher Wohnqualität Rechnung getragen wird. Die Aufgabe ist jedoch keine einfache, weil je nach Bevölkerungsschicht andere Faktoren von Bedeutung sind, die eine hohe Wohnqualität ausmachen, und diese Faktoren stehen teilweise im Konflikt zueinander. Dazu zwei Beispiele:

- Kinder möchten rund um die Wohnung spielen, sich austoben. Jugendliche und jüngere Erwachsene möchten, dass in der Nähe etwas los ist, wo man sich treffen kann. ältere Erwachsene möchten sich in der Wohnung oder in der Nähe ausruhen und sich erholen.

- Die unmittelbare Wohnumgebung, die Strassen und insbesondere die Kindergarten- und Schulwege müssen sicher sein und gleichzeitig muss die Wohnung mit Auto, Velo oder öffentlichem Verkehrsmittel schnell und mit wenig Hindernissen erreicht werden können.

Bei der Planung von Massnahmen, welche die Wohnqualität noch steigern, steht nicht die Optik Einzelner im Vordergrund, sondern immer die übergeordnete Gesamtsicht, welche durch die Zielsetzungen der Politik oder durch die Gesetzgebung vorgegeben wird. So bringen Massnahmen, welche die Wohnqualität einer Mehrheit der Bevölkerung steigern, häufig für Einzelne eine Verschlechterung mit sich, beispielsweise, wenn an einem Ort Einkaufsmöglichkeiten geschaffen werden, welche der Versorgung der gesamten Ortschaft dienen, die unmittelbare Nachbarschaft aber unter dem zusätzlichen Verkehr leidet.

Ziele des Gemeinderats für die Richtplanung
In seinem Leitbild hat der Gemeinderat folgende quantitativen und qualitativen Ziele gesetzt, die für die Festlegung der räumlichen Entwicklung Riehens im Richtplan von hoher Bedeutung waren:

- Die Zahl der in Riehen lebenden Menschen soll ungefähr so bleiben, wie sie heute ist. (...) Riehen will für Jung und Alt gleichermassen attraktiv sein.

- Riehen - ein Grosses Grünes Dorf. Hier lässt es sich gut leben, hier sollen sich alle zu Hause fühlen. Riehen verdankt seine Attraktivität dem Wohnen im Grünen. Sie kann und soll noch gesteigert werden.

Im Folgenden werden die Massnahmen gemäss Richtplan vom August 2003 erläutert, mit welchen die Ziele erreicht werden sollen.

Massnahmen im Siedlungsgebiet
Um die Einwohnerzahl halten zu können, muss zusätzlicher Wohnraum geschaffen werden können. Als wichtigstes Entwicklungsgebiet bezeichnet der Richtplan diesbezüglich das Stettenfeld, welches seit Jahrzehnten der Bauzone zugeordnet, aber noch nicht baureif ist, weil eine gesetzeskonforme Erschliessung und Parzellenstruktur fehlt.

Im Rahmen eines Gesamtkonzepts soll die zukünftige Siedlungsstruktur und Nutzung (Wohnen, Arbeiten und Freizeit) unter Wahrung der ökologischen und landschaftlichen Qualitäten festgelegt werden. Bei der Planung des Stettenfelds soll das benachbarte Gebiet an der Lörracherstrasse einbezogen werden. Dabei sollen Massnahmen aufgezeigt werden, welche dessen Attraktivität steigern.

Zusätzlicher Wohnraum kann aber auch im bereits weitgehend überbauten Gebiet durch Nachverdichtung geschaffen werden, dies jedoch nur behutsam unter Beachtung der Wohnqualität. Der Richtplan differenziert zwischen Wohngebieten, die in der Ebene liegen, und Wohngebieten in Hanglagen. In beiden Gebieten soll die bestehende Siedlungsstruktur beibehalten werden, in der Ebene ist dies schwergewichtig der mehrgeschossige Wohnungsbau, in Hanglagen sind dies zweigeschossige Einfamilienhausbauten. Die Wohngebiete in der Ebene sollen aufgrund der topografischen Eignung dichter bebaut werden als jene an Hanglagen.

Für den Fall, dass das Stettenfeld und die Nachverdichtung des weitgehend überbauten Siedlungsgebiets langfristig für die angestrebte Bevölkerungsentwicklung nicht ausreichen, wurde das Gebiet ausserhalb der Bauzone zwischen Grenzacherstrasse und Bäumlihofstrasse (bestehende Kleingartenareale) im Richtplan als strategische Reserve bezeichnet. Dieses Gebiet soll langfristig je nach Bedarf als zusätzliches Baugebiet eingezont werden können.

Hingegen soll im Moostal die Langoldshalde und das Mittelfeld, welche wie das Stettenfeld seit Jahrzehnten der Bauzone zugeordnet, aber nicht baureif sind, aufgrund deren landschaftlichen Qualitäten im Wesentlichen aus der Bauzone entlassen werden. Zu dieser Frage sind zwei Volksinitiativen hängig, welche beide Gebiete vollständig aus der Bauzone entlassen möchten.

Für die Wohnqualität sind gut erreichbare zentrale Einrichtungen für die Versorgung der Bevölkerung von hoher Bedeutung. Der Richtplan bezeichnet dazu zwei Entwicklungsschwerpunkte: - Das Dorfzentrum mit seinen Einrichtungen für Versorgung, Freizeit und Kultur soll an Attraktivität weiter gewinnen, um sich zwischen den Zentren der Stadt Basel und der Stadt Lörrach langfristig behaupten zu können.

- Für das Niederholz soll als Grundlage für die Weiterentwicklung des bestehenden Zentrums an der Rauracherstrasse ein Konzept erarbeitet werden, um u.a. die Zen tiumsentwicklung mit der geplanten S-Bahn-Haltestelle zu koordinieren.

Gemäss Richtplan ist auch der Siedlungsrand als Abgrenzung zwischen Siedlung und Landschaft zu überprüfen. Insbesondere werden die Siedlungsränder im Bereich einseitig bebauter Strassen hinterfragt, weil dort die vorhandene Erschliessungsinfrastruktur ungünstig genutzt wird. Eine Anpassung der Bauzone wird jedoch nur in Betracht gezogen, wo keine gewichtigen Gründe, wie beispielsweise Aussichtsschutz oder Landschaftsschutz, dagegen sprechen.

Für die Lebendigkeit einer Ortschaft sind auch Betriebe und Arbeitsplätze von Bedeutung. Im Vergleich mit anderen grossen Agglomerationsgemeinden hat es in Riehen jedoch deutlich weniger Betriebe und Arbeitsplätze. Diese sind heute vor allem im Dorf, im Niederholz und im Bereich der Lörracherstrasse vorhanden. Gemäss Richtplan sollen deshalb im Stettenfeld nebst Wohnen und Freizeit auch gewerbliche Nutzungen angesiedelt werden. Im Weiteren wird geprüft, ob an günstiger Verkehrslage entlang der Verkehrshauptachse bzw. entlang der Tramlinie eine «öffnung» der unmittelbar angrenzenden Gebiete für gewerbliche Nutzungen sinnvoll ist Massnahmen am Verkehrssystem Die Qualität des Verkehrssystems wirkt sich direkt auf die Wohnqualität aus. Das Siedlungsgebiet von Riehen soll optimal durch die verschiedenen Verkehrsmittel erschlossen sein, die durch den Verkehr entstehende Beeinträchtigung der Bevölkerung und der Umwelt wie Lärm, Luftverschmutzung oder Unfallgefahr soll eingedämmt oder verringert werden. Gemäss Richtplan werden im Wesentlichen folgende Verbesserungen angestrebt: Eine markante Verbesserung im öffentlichen Verkehr bringt die Integration der Wiesentalbahn in das Regio-SBahn-System. Dies bedeutet mittelfristig für Riehen direkte Verbindungen zum Bahnhof SBB sowie die Aufnahme dieser Strecke in den TarifVerbund Nordwestschweiz. Deshalb soll gemäss Richtplan die bestehende Haltestelle Riehen-Dorf aufgewertet sowie im Niederholz bei der Rauracherstrasse eine neue S-Bahn-Haltestelle gebaut werden. Im Weiteren soll gemäss Richtplan die gute Erschliessung der Wohngebiete durch öffentliche Verkehrsmittel erhalten bleiben und je nach Bedarf teilweise noch verbessert werden.

Der motorisierte Individualverkehr soll durch Verkehrsmanagementmassnahmen verstärkt auf die Achse Lörracher-, Basel- sowie äussere Baselstrasse konzentriert werden, wobei ein ortsverträglicher Verkehrsablauf insbesondere auf der Baselstrasse im Bereich des Dorfzentrums angestrebt wird. In den Quartieren wird das Konzept der flächendeckenden Verkehrsberuhigung mit hoher Priorität umgesetzt. Im Weiteren wird die Einführung einer Parkplatzbewirtschaftung geprüft. Für den Langsamverkehr sind einzelne Netzergänzungen geplant, die mit hoher Priorität umgesetzt werden sollen.

Massnahmen im Landschaftsgebiet
Der Landschaftsraum Riehens ist für die Bevölkerung ein wichtiges Naherholungsgebiet und deshalb für die Wohnqualität von hoher Bedeutung. Der Landschaftsraum hat aber auch andere Funktionen zu erfüllen. Er ist Lebensraum für Pflanzen und Tiere, dient der Wassergewinnung und wird land- oder forstwirtschaftlich genutzt. Diese intensive Nutzung stadtnaher Landschaftsräume führt zu zahlreichen Konflikten. Deshalb ist eine gute Koordination dieser verschiedenen Nutzungen von grosser Bedeutung.

In Riehen gibt es im Wesentlichen zwei Landschaftsräume, den Landschaftsraum «Wiese» sowie den Landschaftsraum «Dinkelberg» (Ausläufer des Dinkelbergs). Für beide Landschaftsräume sind bereits aktuelle, detaillierte Planungen vorhanden, von welchen der Richtplan nicht abweicht: - Für den Landschaftsraum Wiese wurde im Jahr 2000 der grenzüberschreitende Landschaftsrichtplan beschlossen.

- Der Landschaftsraum «Dinkelberg» ist stark durch den Wald geprägt. Der aktuelle Entwurf des Waldentwicklungsplans wurde bei der Richtplanung berücksichtigt.

Für den Landschaftsraum Dinkelberg wird im Richtplan analog dem Landschaftspark Wiese eine grenzüberschreitende Landschaftsrichtplanung angeregt, um die Entwicklung des gesamten Gebiets zu koordinieren und Konflikte zu beheben. Die Federführung für diese regionale Planung soll bei der kantonalen Raumplanungsfachstelle liegen.

Im Richtplan sind die Aussichtspunkte bezeichnet, die zu erhalten sind und zugänglich bleiben müssen. Diese sind für die Naherholung ebenfalls von Bedeutung.

Eine vielfältige Flora und Fauna auf dem Gebiete Riehens leistet ebenfalls einen Beitrag an die Wohnqualität. Der Richtplan bezeichnet deshalb ökologische Vernetzungskorridore, welche zu erhalten oder aufzuwerten sind. Als Grundlage für die Sicherung der Vernetzungskorridore im Siedlungsgebiet wird ein Konzept «Natur im Siedlungsgebiet» erarbeitet.

Wohnen im Stettenfeld, am Zoll Lörrach, bei der S-Bahn-Haltestelle, im Niederholz Stehen neue Wohnungen zum Verkauf, werden diese oft mit den Qualitäten des Wohnumfelds angepriesen. So wurde kürzlich für zwei Wohnbauten in Riehen auf der Bautafel mit «Wohnen am Landschaftspark» Werbung gemacht. In einem anderen Fall nahe dem Dorfzentrum konnte man auf der Bautafel «Wohnen im Park» lesen. Wenn in den nächsten Jahren mit «Wohnen im Stettenfeld», «Wohnen bei der S-Bahn-Haltestelle», «Wohnen im Niederholz» oder «Wohnen am Zoll Lörrach» erfolgreich Werbung für neue Wohnungen gemacht werden kann, so hiesse dies, dass diese Gebiete ein attraktives Wohnumfeld bieten würden. Dann hätte der Richtplan seinen Beitrag zur Erreichung der gemeinderätlichen Ziele erfüllt.

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