2002

Mehr als bloss ein Sportverein

Rolf Spriessler

Der 1882 gegründete Turnverein Riehen hat neben grossen sportlichen Erfolgen viel Pionierarbeit geleistet und wurde mit dem Riehener Sportpreis 2001 ausgezeichnet.

Nicht immer war der Turnverein Riehen ein Musterknabe. Im Vorfeld der Vereinsgründung, die 1882 erfolgte, gab es gescheiterte Versuche, einen Turnverein auf die Beine zu stellen, und in den frühen Vereinsjahren waren Eifersüchteleien und Streitigkeiten an der Tagesordnung. Das Verhältnis zur Gemeinde war zuweilen schwierig - der Verein hatte gar einmal Turnhallenverbot - und viele Bauern dachten, die jungen Burschen sollten sich auf dem Feld bei der Arbeit austoben, nicht aber mit so nutzlosem Zeug wie dem Turnen. Doch von Beginn weg gab es in den Reihen des TV Riehen visionäre Geister. So war der damals erst vierjährige TV Riehen die zweite Sektion, die dem 1886 gegründeten Kantonalturnverband Basel-Stadt beitrat, und in Bezug auf die Förderung des Frauensports war der TV Riehen beispielhaft.

Die ersten Vereinsjahre sind nur spärlich dokumentiert. Um die Jahrhundertwende kamen die ersten sportlichen Erfolge in Form von Kranzgewinnen an Turnfesten. Und der Verein wurde im Riehener Dorfleben langsam, aber sicher zur Kenntnis genommen. So trat der TV Riehen an 1.-August-Feiern auf, führte Unterhaltungsabende durch und half bei Veranstaltungen anderer Dorfvereine.

In den 20er- und 30er-Jahren stieg die Bedeutung des Vereins. Eine Gesangssektion wurde gegründet, eine Männerriege, eine Damenriege (die sich später zu einem eigenen Verein, den Turnerinnen Riehen, entwickelte), eine Skiriege (ein Vorläufer des heutigen Ski- und Sportclubs Riehen) und eine Handballgruppe. Nicht zuletzt dem jahrelangen Kampf der Riehener Turner und dem gleichzeitigen Engagement der Fussballer ist es zu verdanken, dass 1929 der Sportplatz Grendelmatte eröffnet werden konnte.

In den 30er-Jahren feierte der TV Riehen erste Erfolge auf nationaler Ebene. Die Leichtathleten Fritz Scherr und Fritz Seeger waren für die Schweizer Nationalmannschaft im Einsatz. Erfolge in der Leichtathletik ziehen sich durch die ganze Geschichte des TV Riehen, auch wenn der Verein in früheren Jahren noch nicht derart auf die Leichtathletik spezialisiert war wie heute.

Der Turnverein Riehen gehörte zur nationalen Spitze in der lOxlOO-Meter-Staffel, einst eine Paradedisziplin der Leichtathletik. überhaupt bei Staffeln und Stafetten feierte der TVR immer wieder Erfolge. Auch das Kunstturnen, das heute im TV Riehen nicht mehr gepflegt wird, war einmal ein wichtiger Vereinszweig, was zum Beispiel 1954 mit dem zweiten Platz einer TVR-Sektion an den Basler Gerätemeisterschaften zum Ausdruck kam. Im Faustball war der TV Riehen ein Name in der Region. Und so ganz nebenbei hatten die TVR-Leichtathleten auch im Handball Erfolg, bis man sich mit dem KTV Riehen einigte, dass sich der KTV dem Männerhandball und der TVR dem Frauenhandball widmen sollte, damit sich die beiden Vereine nicht gegenseitig Leute wegnahmen. Im Frauenhandball schaffte es der TV Riehen bis hinauf in die 1. Liga. Nachdem der Frauenhandball vor wenigen Jahren mangels Spielerinnen aufgegeben worden ist, ist es heute ausschliesslich die Leichtathletik, mit der der TV Riehen bezüglich Resultate im Rampenlicht steht.

Seit über einem Vierteljahrhundert formt der TV Riehen immer wieder Athletinnen und Athleten, die zur nationalen Spitze zählen. In den späten 70er- und frühen 80er-Jahren stellte der Verein mit den beiden Sprintern Patrick Wamister und Vito Anselmetti, der Speerwerferin Katrin Dunkel und der Hürdensprinterin Beatrice Plüss gleich vier Mitglieder des Schweizer Nationalteams. Aktueller Internationaler ist Benjamin Ingold als Mitglied der 4xl00-MeterNationalstaffel. Der Speerwerfer Nicola Müller ist 2002 überraschend Schweizer Meister geworden. Die Diskuswerferin Katja Tschumper holte 2001 an den Schweizer Meisterschaften die Bronzemedaille, die junge Langstreckenläuferin Deborah Büttel hat im Nachwuchsbereich schon verschiedene nationale Titel und bei den Frauen bereits Medaillen gewonnen und startete an den Cross-Europameisterschaften im Dezember 2001 in Thun für das Junio rinnen-Nationalteam. Ines Brodmann gehört in ihrer Altersklasse zu den besten Orientierungsläuferinnen der Schweiz.

Doch nicht nur die Spitze zählt beim TV Riehen. Von der Anzahl lizenzierter Athletinnen und Athleten her zählt der TV Riehen zu den Schwergewichten im Schweizerischen Leichtathletik-Verband SLV. Der Verein hat sich auch als Organisator von Grossanlässen bewährt - schon mehrere Male fanden Nachwuchs-Schweizer-Meisterschaften auf der Grendelmatte statt, im Herbst 2003 organisiert der TV Riehen die Leichtathletik-Schweizer-Meisterschaften der Jugend A und B. Der TV Riehen führt jährlich drei Leichtathletikmeetings sowie praktisch jährlich kantonale Meisterschaften durch und organisierte auch schon Kantonalturnfeste, kantonale Faustballtreffen und Baselstädtische Schwingertage.

Früh haben die Verantwortlichen gemerkt, dass nicht nur sportliche Erfolge und, als Voraussetzung dafür, ein erstklassiger Trainingsbetrieb wichtig sind für einen Verein, sondern das ganze Umfeld. Wo es Sportlerinnen und Sportler gibt, braucht es Leute, die den Rahmen schaffen, damit Wettkämpfe und andere Vereinsaktivitäten durchgeführt werden können. So verfügt der Turnverein über einige Dutzend gut ausgebildete und erfahrene Kampfrichterinnen und Kampfrichter und über technische Spezialisten. Das Zeitmessungsteam des TV Riehen etwa steht immer wieder bei kantonalen und nationalen Anlässen im Einsatz, die nicht in Riehen stattfinden.

Die Spitzenleichtathletik ist zwar derzeit das Aushängeschild des TV Riehen, doch zum Verein gehört noch viel mehr, so eine grosse Jugendriege mit weit über hundert Kindern, eine Männerriege, die sich zum Faustballspielen trifft, eine kleine Volleyballabteilung mit je einem Frauen-, Seniorinnen- und Männerteam, eine Wandergruppe, eine Fitnessgruppe, ein Männerchor (die Gesangssektion) und - als grösstes Betriebskapital - ein grosser Bestand an Helferinnen und Helfern sowie eine Wirtschaftskommission, die mit ihren Einnahmen durch den Restaurationsbetrieb bei TVR-Anlässen auf der Grendelmatte für einen beträchtlichen Teil der Vereinseinnahmen sorgt. Ohne jene, die im Verein keine sportlichen Erfolge suchen, sondern sich fit halten oder die Geselligkeit pflegen wollen, stünde der TV Riehen heute nicht so gut da.

Zur kollegialen Atmosphäre im Verein gehört, dass die Frauen schon vor Jahrzehnten in den normalen Trainingsbetrieb integriert wurden. Die Leichtathletik-Trainingsgruppen setzen sich nicht nach Geschlechtern getrennt zusammen, sondern richten sich nach Disziplinengruppen und der Art und Weise des persönlichen Engagements. So trainieren Spitzenleute zusammen mit Hobbysportlern in derselben Trainingsgruppe.

Der TV Riehen trat vor allen anderen Vereinen an einem Eidgenössischen Turnfest mit einer gemischten Sektion an. Die Frauen mussten damals in den Wurfdisziplinen die schwereren Männergeräte benutzen und wurden in allen Disziplinen mit denselben Punktetabellen gewertet wie die Männer. Heute sind gemischte Sektionen an einem Turnfest nichts mehr Besonderes. Am Eidgenössischen Turnfest 1978 in Genf hingegen war das eine Sensation und brauchte Mut. Es gab damals einen Sonderapplaus, als der TV Riehen eine reine Mädchenserie auf die 400-Meter-Strecke schickte. Fast hundert Athletinnen und Athleten waren zu jener Zeit für den TV Riehen im Sektionswettkampf im Einsatz. Heute noch sind die Vereinsverantwortlichen stolz darauf, möglichst grosse Sektionen an Turnfeste senden zu können, denn das Mitmachen und der Spass der Vereinsmitglieder ist ihnen wichtiger als eine möglichst hohe Punktzahl, die sich mit einer kleinen Sektion natürlich leichter realisieren liesse.

Mit dem Sportpreis der Gemeinde Riehen für das Jahr 2001 würdigte die siebenköpfige Jury den Turnverein Riehen als Gesamtverein. Die übergabefeier fand am Montag, 27. Mai 2002, im Lüschersaal der Alten Kanzlei statt.

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