2002

Kleine Schritte, langer Atem 30 Jahre Ökumene

Rudolf Hopmann

Die Ökumene ist seit ihrer ersten Stunde ein Teil des kirchlichen Lebens in Riehen. Rückblick und Ausblick.

Es ist wahrscheinlich nicht nutzlos, vorgängig zu klären, was ökumene eigentlich ist und bedeutet. Im Allgemeinen versteht man unter ökumene das Zusammensein und Wirken der christlichen Kirchen; unter ökumene in RiehenBettingen im engeren Sinn ist die vom freundschaftlichen Geist getragene, enge Zusammenarbeit zwischen der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Riehen-Bettingen und der Römisch-Katholischen Pfarrei St. Franziskus zu verstehen. ökumene bringt demnach Bewegung zwischen sich starr gegenüberstehenden oder gar feindlichen, weil sich nicht verstehenden Konfessionen, ist Begegnung zwischen Christen beider Konfessionen, ist Beziehung zwischen kirchlichen Amtsbrüdern und Institutionen sowie den Christen der beiden Kirchen.

Der Ökumene kommt in unserer Gemeinde - woanders natürlich ebenso - also eine grosse Bedeutung zu, weil sie den religiösen Frieden in unserer Gemeinde sichert und damit ein Stück weit auch den politischen Frieden. Mit gewissen geschichtlichen Ereignissen im Auge ist so gesehen Religion auch nicht irgendetwas Privates, sondern ein ganz bedeutender Faktor der öffentlichkeit, unseres öffentlichen Lebens.

Die Ökumene ist nicht aus dem Nichts heraus entstanden, sondern über die Jahre gewachsen. Viele Diskussionen in einem Geiste gegenseitiger Verständigung, viele Entscheide vor Gott und dem Gewissen der daran Beteiligten sind sozusagen die Wegsteine, die die Entwicklung der ökumene markieren, wie wir sie heute leben und erleben.

Ökumenische Kommission und ökumenisches Team Am Anfang stand ein ökumenischer Arbeitskreis, der 1970 durch Dr. Eduard Vetter, Pfarrer Huldrych Blanke und Vikar André Knöpfel gegründet wurde und dem die Erkenntnis zugrunde lag, dass den Gedanken, die im gesellschaftlichen und religiösen Aufbruch der Sechzigerjahre gewachsen waren, auch Taten folgen müssten. Schon bald zeigte sich, dass der Kreis der Beteiligten grösser zu ziehen war und eine Aufgabenteilung erforderlich wurde.

So entwickelte sich aus diesem Arbeitskreis einerseits die ökumenische Kommission Riehen-Bettingen, deren erster Präsident Dr. Eduard Vetter wurde. Die Mitglieder werden vom Pfarrei- bzw. Kirchgemeinderat gewählt. Die Verdienste Dr. Eduard Vetters um diese Start- und Anfangsphase können nicht hoch genug angesehen werden. Aus der ökumenischen Kommission gingen der Mischehekreis, der ökumenische Religionsunterricht und die ökumenischen Mittwoch-Abendgottesdienste hervor.

Andererseits beauftragte Pfarrer Blanke Pfarrer Theophil Schubert mit der Gründung des ökumenischen Teams in Riehen-Bettingen. Dessen Mitglieder sind ausser den Pfarrherren alle im kirchlichen Dienst stehende Personen. Das ökumenische Team beschäftigte sich mit Gottesdienstfragen, den ökumenischen Vortragszyklen, überkonfessionellen Frauentreffen und der Organisation der Einheitswochen und anderen gesamtchristlichen Anlässen. Es ist also ein Gremium, das sich nicht nur mit pastoralen Aufgaben beschäftigte und beschäftigt. Heute sind die Aufgabenkreise dieser beiden Gremien etwas vermischt und eine Neupositionierung wäre angebracht.

Der Mischehekreis
Aus der Thematik der ersten Sitzungen der ökumenischen Kommission entstand 1971 anlässlich eines Podiumsgesprächs mit Pfarrer Hans Bernoulli und sechs Mischehepaaren der Mischehekreis. Dieser Kreis hatte aus verständlichen Gründen ein besonderes Interesse an einer praxisnahen und -orientierten ökumene. Pfarrer Bernoulli und Vikar André Knöpfel waren die ersten geistlichen Begleiter der Gruppe, die sich seither, also seit über dreissig Jahren, alle sechs bis acht Wochen trifft.

Als ihre vornehmliche Aufgaben sieht sie die Vertiefung der ökumenischen Verantwortung von Mischehepaaren an, durch das Besprechen von Themen, die den christlichen Glauben sowie dessen Weitergabe an die nächste Generation betreffen, allgemein die Diskussion «heisser» Themen der Theologie. Wenn immer möglich, nahm neben Pfarrer Hans Bernoulli ein katholischer Priester an den Treffen teil, zum Beispiel Josef Nietlispach, Max Ziirny, Franz Kuhn.

Sie beschränkte ihre Diskussionen aber keineswegs auf religiöse, sondern griff auch aktuelle Themen auf, die die Gesellschaft im Allgemeinen betreffen. So wurden aktuelle Bücher oder Schriften vorgestellt, die die christliche und andere Religionen betreffen. Ausserdem plante sie Aktivitäten zur Realisierung ökumenischer Anliegen. Am Herzen lagen ihren Mitgliedern das Feiern gemeinsamer Gottesdienste mit der Möglichkeit der Interkommunion und ein ökumenischer Religionsunterricht, mit dem sie sich ab 1973 beschäftigte.

Um gemischtkonfessionellen Ehepaaren zu ermöglichen, gemeinsam Abendmahl und Eucharistie zu feiern, wurde 1979 der Mittwoch-Abendgottesdienst als ökumenischer Werktagsgottesdienst eingeführt.

Der ökumenische Religionsunterricht
Der ökumenische Religionsunterricht entstand aus den Bemühungen verschiedener Gremien: Als erstes ist der Mischehekreis zu nennen (siehe vorgängigen Text), sodann die ökumenische Kommission selber, die sich 1974 bis 1985 in dieser Frage engagierte, und die so genannte Paritätische Religionsunterrichts-Kommission Basel-Stadt. In dieser waren Urs Denzler und Pfarrer Dr. Robert Füglister dafür verantwortlich, dass ab Frühling 1974 als befristeter Versuch, allerdings nur in den Erstklassen, ökumenischer Religionsunterricht eingeführt wurde. In einer Umfrage sprachen sich 1976 über 80 Prozent der Eltern für ökumenischen Religionsunterricht auf der Primarschulstufe aus. Seitdem bemühte sich die ökumenische Kommission um eine allgemeine Einführung gemischtkonfessioneller Unterrichtsformen. Zwei reformierte und ein katholischer Lehrer unterrichteten je eine von zwei ersten Klassen der drei Primarschulen. Auf Initiative von Pfarrer Theophil Schubert, Pfarrer Franz Kuhn und Vikar André Knöpfel wurde ab 1976 in drei von zwölf Zweitklassen ökumenischer Religionsunterricht erteilt.

Hierbei entstand die Idee des Frühabendmahls in der reformierten Kirche. Mit Unterstützung von Dekan Andreas Cavelti sollten versuchsweise Frühabendmahl und Erstkommunion gemeinsam gefeiert werden. Dies wurde 1977 vom bischöflichen Ordinariat sistiert. Geblieben ist die Möglichkeit für reformierte Kinder, schon in der zweiten Klasse das Abendmahl zu empfangen.

Ab 1977 konnte ökumenischer Religionsunterricht auf allen Primarstufen gegeben werden. Der ökumenische Religionsunterricht im 7. Schuljahr war damals schon für ganz Basel eingeführt worden. 1985 erging ein Auftrag zur Neuredaktion der Lehrpläne, aber der ökumenische Religionsunterricht wurde immer noch als Experiment angesehen. 1989 entstanden zu allem überfluss Probleme wegen Lehrermangels. Das Resultat der Bemühungen war, dass das Experiment zur Regel wurde: Seit 1997 gibt es in Riehen auf der Primarstufe nur noch ökumenischen Religionsunterricht, für dessen Einführung die Lehrerkonferenzen der Riehener Schulen eingetreten waren.

Seit 1994 wird im ganzen Kanton Basel-Stadt in der Orientierungsschule der Religionsunterricht von Anfang an ökumenisch erteilt. Konfessionell gebundener Unterricht wird in der Kirchgemeinde und der Pfarrei angeboten.

Die ökumenischen Gottesdienste In die Jahre weiter zurück als 1970 geht die Entwicklung der ökumenischen Gottesdienste. Auf Seiten der römischkatholischen Kirche war das Vatikanum II ein ganz wesentlicher Impuls. Die ersten Wurzeln waren ab 1967 die gemeinsamen Fürbitte-Gottesdienste während der weltweiten Gebetswoche für die Einheit der Christen in der Dorfkirche, die ab Januar 1968 auch in der St. FranziskusKirche gehalten wurden. Dort fand im Dezember 1969 die erste ökumenische Trauung statt. Wie aber kann man ökumenisch trauen? Welche Trauliturgie? Solche Trauliturgien mussten erst erarbeitet werden! Durch Zustimmung der Bischofskonferenz und des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes an der Synode 1972 wurden diese auch für Basel verbindlich erklärt.

Ein ökumenischer Anlass, der sich über die Jahre hinweg hartnäckig gehalten hat, ist das gemeinsame Feiern des Jahresanfanges durch die Frauen (Gemeinsamer Jahresanfang der Frauen). Dazu versammelten sich dieses Jahr wiederum siebzig Frauen.

Seit 1971 stand das reformierte Kirchlein Bettingen für katholische Messfeiern zur Verfügung, die bis 1980 dort abgehalten wurden, bis sie wegen Personalmangels nicht mehr durchgeführt werden konnten. Ein regelmässiger Kanzeltausch in der Einheitswoche ist seit Anfang der Siebzigerjahre bleibender Brauch. Sodann vereinbarte man 1973 gemeinsame liturgische Passionsandachten und viermal im Jahr wurde ein «Gottesdienst der offenen Tür» mit gegenseitigem Gottesdienstbesuch gefeiert. Auch ökumenische Bibelwochenenden mit einem Abschlussgottesdienst mit gleicher Liturgie und Text für beide Konfessionen konnten durchgeführt werden. Ein wichtiger Schritt war die Einführung der Mittwoch-Abendandachten 1974, die einmal im Quartal ökumenisch abgehalten wurden. So nahm die ökumene durch gleichgesinntes und gemeinsames Feiern und Loben Gottes in verschiedenen, fest geplanten Anlässen langsam Gestalt an.

Am 16. Juni 1974 fand das Basler Jodlerfest statt, zu dem im Wenkenpark ein grosser ökumenischer Feldgottesdienst gefeiert wurde. Aufgrund des positiven Echos wurde diese Art Gottesdienst als fester Bestandteil im Jahreskalender eingeführt und findet nun jedes Jahr zum Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag statt. Viele Christen aus Riehen und Bettingen finden sich immer dort zum gemeinsamen Gotteslob und Brotbrechen ein. Aus dem ökumenischen, 1975 noch interkonfessionellen Unterricht in der Dorfkirche, «Brot und Kelch», entstand ein Taufgottesdienst mit Kindern.

Als 1979 ökumenische Mittwoch-Abendgottesdienste mit Abendmahl oder Eucharistiefeier eingeführt wurden, entsprach dies einem Bedürfnis. Es war die ökumenische Kommission, die sich mit deren Organisation beschäftigte. Ihre Vertreter waren es auch, die die oft schwierigen Gespräche mit der katholischen Bistumsleitung führten. Diese Gottesdienste erlitten 1986 einen Unterbruch, als das bischöfliche Schreiben «Eucharistische Gastfreundschaft» veröffentlicht wurde, das solchen Gottesdiensten sehr enge Grenzen setzte. Die Gottesdienste wurden nämlich in der Weise abgehalten, dass jeweils ein evangelischer Wortgottesdienst mit anschliessender Eucharistie oder, umgekehrt, katholischer Wortteil mit nachfolgendem Abendmahl wechselweise in der Franziskuskirche oder in der Dorfkirche stattfand. In den letzten Jahren ging das Interesse an den ökumenischen Mittwoch-Abendgottesdiensten stetig zurück, sodass ab 1997, auch wegen Personalmangels, ökumenisch nur noch Abendgebete durchgeführt wurden. 1999 wurde sodann entschieden, dass jährlich drei ökumenische Sonntagsgottesdienste für die ganze Gemeinde Riehen-Bettingen die Mittwoch-Abendgottesdienste ersetzen: in der Einheitswoche, vor dem Muttertag und am Bettag im Wenkenpark. Ferner findet an einem Mittwochabend anlässlich des traditionellen Junibummels ein ökumenischer Gottesdienst in der St. Odilienkirche auf dem Tüllinger Hügel statt und anlässlich des Erntedankfestes an einem Septembersonntag im «Haus zum Wendelin». In all diesen Gottesdiensten wird wechselweise gemäss dem oben beschriebenen Modus Abendmahl oder Eucharistie gefeiert.

Weiteres ökumenisches Miteinander Natürlich ist die Weltgebetswoche für die Einheit der Christen von besonderer Bedeutung für die ökumene. Jahr für Jahr gibts neben einem ökumenischen Gottesdienst ökumenische Gesprächsrunden, Altersnachmittage, Jugendgottesdienste und andere Veranstaltungen. Ab 1975 war mehrmals der ökumenische Vortragszyklus Auftakt für diese Woche mit Themen wie: «Wider Vorurteile», «Kirche und Politik», «Gemeinsam glauben», «Die Reformation aus katholischer Sicht», «Begegnung mit Behinderten», «Apokalypse/Wende 2000», «Arbeit - Arbeitslose», «Christsein am Anfang des neuen Millenniums» und «Das eine Brot und die getrennten Tische». Die Katholische Erwachsenenbildung versuchte mit spezifisch ökumenischen Themen wie «Protestantismus - eine verwirrende Vielfalt» oder «Eucharistie verstehen - die katholische Position in der ökumenischen Diskussion und Praxis» den Wissensstand der Laien und das gegenseitige Verstehen zu verbessern. Das Interesse und die Beteiligung an diesen Vorträgen waren zuletzt jedoch leider gering. Zu den gemeinsamen ökumenischen Veranstaltungen gehörten ebenfalls die schon vorerwähnten Bibelwochenenden.

Zur Tradition wurden inzwischen verschiedene andere Anlässe und Einrichtungen. Ein sehr geselliger Anlass ist der Tüllinger Abendbummel mit einem ökumenischen Gottesdienst in der Tüllinger St. Odilien-Kirche. Hernach treffen sich die Teilnehmer zu einem Abendessen im «Maien» von Untertüllingen. Für alle, die beim Abendbummel dabei waren, ist dieser wegen des intimen Gottesdienstes im Kirchlein und auch wegen der herrlichen Blicke in die Landschaft unvergesslich! Grossen Anklang und Teilnahme findet auch jedes Jahr der ökumenische Gottesdienst zum Erntedankfest im «Haus zum Wendelin». Das Haus «Zum Wendelin», ein Alters- und Pflegeheim im Norden Riehens, ist eine ökumenische Stiftung - undenkbar ohne die positive ökumenische Entwicklung über die Jahrzehnte hinweg! Es ist fast müssig zu erwähnen, dass im Gemeindespital und in den Altersheimen regelmässig, meist vierzehntägig, ökumenische Andachten und Gottesdienste abgehalten werden.

Vielen sind sicherlich noch das gemeinsame Auftreten der beiden Kirchen am letztjährigen Dorffest mit einem Festzelt und einer Posterpräsentation sowie der eindrückliche Gottesdienst im Gemeindesaal in bester Erinnerung.

Die Ökumene und das, was dieses Wort alles enthält, ist sicherlich nicht allen Teilnehmern an all diesen Veranstaltungen unmittelbar bewusst. Vielleicht, weil es inzwischen so selbstverständlich geworden ist. Wie sonst auch im Leben: es gibt keinen Stillstand. Die gegenwärtige ökumenische Kommission erachtet es als ihre Verpflichtung, ökumene in Riehen-Bettingen nicht nur zu pflegen und zu hegen, sondern auch ihre Arbeit den «Zeichen der Zeit» gemäss auf die Bedürfnisse der Menschen hin auszurichten. Sie ist gewillt, für eine Einheit in der Unterschiedlichkeit und Mannigfaltigkeit der Konfessionen (Oscar Cullmann) einzutreten. Persönliche Einstellungen mit eigenkirchlichen Betonungen und daraus sich ergebende Friktionen sollten mit langem Atem und mit Geduld überwunden werden.
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