2002

Menschen eine Zukunft geben

Brigitta Kaufmann

Langzeitarbeitslos, ausgesteuert, sozialhilfeabhängig,
ohne Hoffnung auf eine neue Arbeit. Das Reintegrationsprogramm der Gemeinde Riehen versucht, diese Spirale zu stoppen.

Frau I. arbeitet am liebsten im Gemeindehaus. Dort ist sie neben anderem für die Post zuständig, arbeitet zeitweilig im Reinigungsdienst und bei Sondereinsätzen. Auch in der Gärtnerei wurde sie schon eingesetzt, doch dort fühlte sie sich weniger wohl. Ihr gefällt der Umgang mit Menschen und ihre freundliche Art wirkt ansteckend. Einen halben Tag pro Woche verbringt sie bei Fredy Buchmüller, dem Leiter des Riehener Reintegrationsprogramms: Dort lernt Frau 1. am Computer den Umgang mit den wichtigsten Office-Programmen und Herr Buchmüller unterstützt sie bei der Erarbeitung von Bewerbungen.

Die Anfänge
Zusammen mit Frau I. arbeiten derzeit elf weitere Langzeitarbeitslose im Reintegrationsprogramm der Gemeinde Riehen. Dieses Programm startete Anfang 1999 mit einer Probephase und im Mai 1999 hiess der Riehener Einwohnerrat einen Kredit gut, der dem Programm den Fortbestand sicherte. In einem Anzug hatte Einwohnerrätin Christine Kaufmann (VEW) angeregt, dass das bisherige Angebot des Sozialstellenplans verbessert und fortan auch «die Lancierung spezieller Projekte bzw. Arbeitsbeschaffungsprogramme» ins Auge gefasst werden solle. Zudem hatte eine änderung bei der Arbeitslosenversicherung zur Folge, dass ausgesteuerte Arbeitslose anstelle einer sechsmonatigen eine zwölfmonatige Erwerbstätigkeit nachweisen mussten, bevor sie wieder Anspruch auf Leistungen der Arbeitslosenversicherung geltend machen konnten.

Die Gemeinde lancierte in der Folge das neue Reintegrationsprogramm, bei dem den neuen Gegebenheiten Rechnung getragen wurde.

So bietet die Gemeinde im Rahmen dieses Programms seit nunmehr drei Jahren jeweils zwölf Langzeitarbeitslosen pro Jahr die Möglichkeit, während eines Jahres Arbeiten in den gemeindeeigenen Betrieben auszuführen. Die Tabelle am Schluss dieses Artikels zeigt die Einsatzgebiete der Teilnehmenden. Neben der Arbeit bei der Gemeinde erfahren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine umfassende Betreuung durch den Leiter des Reintegrationsprogramms, Fredy Buchmüller. Er ist Ansprechperson bei Problemen und vermittelt Grundkenntnisse für Büroarbeiten (in der Tabelle unter «Schulung» aufgeführt). Daneben unterrichtet ein pensionierter Lehrer Deutsch und Französisch für kleine Gruppen von zwei oder drei Teilnehmenden: «Die Lernbedürfnisse sind breit gestreut, von Deutsch als vollkommener Fremdsprache über die Anordnung der wiederzugebenden Gedanken, Wortwahl und Satzbildung bis zur Rechtschreibung», umschreibt Martin Soom sein Tätigkeitsfeld und er ergänzt: «Gerne höre ich ihnen geduldig zu, wenn sie von ihren Alltagsschwierigkeiten sprechen. Humor ist übrigens gerade da ein willkommenes Gegengewicht.»

Positive Reaktionen
Die Stellungnahmen von am Reintegrationsprogramm Teilnehmenden zeigen, dass es sich um ein erfolgreiches Konzept handelt und dass mit dessen Leiter Fredy Buchinüller eine ideale Person gefunden werden konnte. «Durch die vielen neuen Erfahrungen wurde ich sehr wissensdurstig. Ich meldete mich bei der Handelsschule in Basel an, um eine Zweitausbildung in Angriff zu nehmen. Mit grosser Unterstützung des Reintegrationsprogramms konnte ich mich verwirklichen. Es wurde mir in jeder Hinsicht geholfen und man war für mich da», schreibt zum Beispiel Frau M., ehemalige Teilnehmerin am Reintegrationsprogramm. Sie hat eine Arbeitsstelle beim Finanzund Wirtschaftsdepartement gefunden.

Die Akzeptanz der am Programm Teilnehmenden durch die anderen Gemeindeangestellten wird im Grossen und Ganzen als positiv geschildert. Die wenigen Negativerlebnisse zeigen jedoch, dass Vorurteile bestehen, denen aber dank vorbildlichen Einsätzen der Boden entzogen wird. «Weh tut es aber schon, wenn man mit schrägen Blicken taxiert wird und hintenherum hört, man sei halt faul und arbeitsscheu», meint Frau I.

Herr M., der schon seit Beginn beim Reintegrationsprogramm dabei ist, meint dazu: «Natürlich gibt es Querschläger, die das Programm nur widerwillig absolvieren, um nachher wieder Arbeitslosengeld zu bekommen. Aber die sind ganz selten.» Dennoch kann es auch bei durchaus Arbeitswilligen Probleme geben: Aufgrund der langen Arbeitslosigkeit sind viele Menschen den Rhythmus eines Arbeitstages nicht mehr gewohnt und sind mit den Anforderungen einer Hundertprozentstelle anfangs überfordert. Auch können gesundheitliche Probleme und falsche Ernährung zu Problemen führen. Aber Herr M., der dank seiner längeren Erfahrung Fredy Buchmüller unterstützt, nimmt sich dieser Probleme an und hilft den neu Dazugekommenen, wo er kann: Er ist - dank Handy - jederzeit erreichbar und bei besonderen Einsätzen, zum Beispiel im Wald, sorgt er dafür, dass alle am Mittag «etwas Rechtes zu essen» bekommen.

Und nachher?
Seit 1999 haben 39 Personen am Reintegrationsprogramm teilgenommen und 21 von ihnen haben eine Arbeitsstelle gefunden. Es ist ein Anliegen des Leiters, dass die Teilnehmenden nach Möglichkeit eine feste und nicht eine temporäre Stelle bekommen: Die Gefahr, dass bei einer Temporärstelle die Arbeitenden nach kurzer Zeit wieder auf der Strasse stehen, ist gross und bedeutet für Menschen, die eben wieder im Arbeitsleben Tritt gefasst haben, eine neuerliche Gefährdung.

Nach Ablauf des Jahres 2002 soll nun eine neue Statistik Aufschluss über den langfristigen Erfolg des Projekts geben: Dann sind die zwei Jahre, während derer die Teilnehmenden der ersten Staffel des Programms Anrecht auf neuerliche Arbeitslosenunterstützung gehabt haben, vorbei. Wer also in der Zwischenzeit keine Arbeitsstelle gefunden hat, kommt zurück zur Sozialhilfe. Fredy Buchmüller und Rolf Kunz, der zuständige Abteilungsleiter für Bildung, Gesundheit und Soziales, sind gespannt auf die Ergebnisse. Die bislang bekannten Zahlen deuten auf eine gute Erfolgsquote hin.

Zum Beispiel: Herr M. und Frau I.
Herr M. wuchs mehrheitlich in einem Heim auf. Mit 15 begann er im Rheinhafen zu arbeiten. Das bedeutete immer wieder, zu zweit 150-Kilo-Säcke zu tragen, und so begannen schon damals seine Rückenprobleme. Mit 18 arbeitete Herr M. für ein Jahr als Leichtmatrose auf dem Rhein, aber, so sagt er, «die Rheingasse war zu nah und die Gefahr eines Absturzes zu gross».

So fuhr er mit 19 Jahren zur See, absolvierte danach die Rekrutenschule und arbeitete einige Jahre im Spital. Nun wurden die Rückenschmerzen immer stärker und es kam zu einer IV-Abklärung, die ergab, dass Herr M. eine Vollrente erhalten sollte. Doch das war für den damals 27Jährigen keine Lösung. Er wollte arbeiten und bekam die Möglichkeit einer Umschulung zum Armeesattler.

Nach der Ausbildung erhielt er ein Stellenangebot im Tessin, das er jedoch ablehnte, weil seine Familie nicht in den Kanton Tessin umsiedeln wollte. Nun begannen die Jahre der oft wechselnden Jobs und schliesslich der Arbeitslosigkeit, die bereits vier Jahre dauerte, als er die Gelegenheit bekam, am neuen Reintegrationsprogramm der Gemeinde Riehen teilzunehmen.

Der Wiedereinstieg in den Arbeitsalltag war für ihn kein Problem, da er, wie er sagt, «während seiner Arbeitslosigkeit immer einen strengen Tagesablauf einhielt». Er wollte sich nicht gehen lassen und in den Tag hineinleben, weil er wusste, wie gefährlich das für ihn wäre. So wurde Herr M. bald eine wichtige Figur im Reintegrationsprogramm. Als Langzeitarbeitsloser kannte er die Schwierigkeiten seiner Teamkolleginnen und -kollegen und fand so den richtigen Ton im Umgang mit ihnen.

Für Herrn M. besteht allenfalls die Möglichkeit, bei der Gemeinde Riehen zu bleiben. «Das ist die Hoffnung der meisten hier», meint Frau I. und sie schliesst sich dabei mit ein, «aber viel Hoffnung mache ich mir nicht, da meist nur in der Gärtnerei Leute bei der Gemeinde bleiben können.» Frau I. hat bald nach ihrem Lehrabschluss als Coiffeuse ein Kind bekommen und musste als Alleinerziehende Sozialhilfegelder in Anspruch nehmen. Als sie von einer Freundin vom Reintegrationsprogramm hörte, meldete sie sich an und arbeitet nun während eines Jahres für die Gemeinde. Die Arbeit selbst sowie die zusätzliche Ausbildung am Computer gefallen ihr sehr und sie hofft, nach Abschluss des Jahres eine Stelle zu Finden, die es ihr erlaubt, finanziell eigenständig für sich und ihren Sohn zu sorgen, und dies mit Arbeitszeiten, die sie nicht in Konflikt mit den Schliessungszeiten der Kinderkrippe bringen.

Ein wirkungsvolles Instrument
Die Beleuchtung dieser zwei Einzelbeispiele zeigt, dass mit dem Reintegrationsprogramm ein Instrument geschaffen worden ist, das Menschen in schwierigen Situationen Wege für eine Rückkehr ins Arbeitsleben aufzeigt. Die konsequente Begleitung während eines Jahres garantiert in hohem Mass eine Reintegration ins Arbeitsleben und so trägt der frühere «Sozialstellenplan» zu Recht seinen neuen Namen: «Reintegrationsprogramm».

Einsätze in der Alterssiedlung Dreibrunnen
Antognetta Seiler-Grond Sozialarbeiterin/Siedlungsleiterin

In den letzten Jahren durfte ich in der Alterssiedlung Dreibrunnen mehrmals die Unterstützung des Teams des Reintegrationsprogramms in Anspruch nehmen. Die Arbeiten haben sich im Wesentlichen auf folgende drei Bereiche erstreckt: Einerseits galt es, für Mieterinnen und Mieter Wohnungen zu zügeln: Herr Krähenbühl, Verwalter unserer Gemeindeliegenschaft, brauchte bestimmte vermietete Wohnungen für das neue Spitexzentrum im Hause sowie für die Zusammenlegung von 2- und 1-Zimmer-Wohnungen zu den heute sehr gefragten 3-Zimmer-Wohnungen. Mit grossem Respekt vor der allenfalls schwierigen Situation wurden die Mieterinnen und Mieter der in Frage kommenden Wohnungen angefragt, ob sie bereit wären, in ein anderes, völlig renoviertes Logis umzuziehen. Zeigten sich die Bewohnerinnen und Bewohner einverstanden, galt es dafür zu sorgen, dass der Umzug für die Betroffenen mit möglichst wenig Umständen verbunden war. Fünf Wohnungen wurden so durch das Team «Gemeindehaus» des Reintegrationsprogramms in kürzester Zeit und mit grösster Sorgfalt und Ruhe gezügelt. Am Schluss hing jedes Bild an seinem alten Platz in der neuen Wohnung, jeder Haken war montiert, viele kleine Wünsche wurden erfüllt und alle Mieterinnen und Mieter waren mit der Arbeit des Teams äusserst zufrieden.

Andererseits leistete das Team wertvolle Arbeit für die Alterssiedlung, indem es den Estrich räumte, einen Floh markt einrichtete, Vorhänge für Theatervorführungen montierte, neue Wäschefächer für die Mieterinnen und Mieter erstellte und immer wieder kleine Reparaturen, Instandstellungen und Verbesserungen vornahm. Und im Sommer 2001 hat das Team während dreier Wochen die Ferienablösung für unseren Abwart zuverlässig übernommen.

Alle diese Arbeiten wurden unter der kundigen Leitung des Projektmitarbeiters Herrn M. durchgeführt, der handwerklich äusserst begabt und kreativ ist. Er findet für fast jeden Wunsch eine Lösung und in seinem grossen Lager in der Werkstatt des Gemeindehauses die passende Schraube oder das richtige Brett. Die Zusammenarbeit mit seinen wechselnden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern funktionierte reibungslos. Die Verantwortung der Einsätze lag bei Herrn Buchmüller, der es mit seiner ruhigen und kompetenten Wesensart verstand, die übersicht zu behalten, gleichzeitig aber den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern viel Verantwortung und Eigeninitiative überliess.

Ich bin sehr froh, wenn die Alterssiedlung Dreibrunnen auch in Zukunft vom Angebot des Reintegrationsprogramms profitieren kann.


Der technische Arbeitsdienst Basel: ein früher Vorläufer des Reintegrationsprogramms?

Bereits vor über zwanzig Jahren (im Jahre 1976) bewilligte der damalige Weitere Gemeinderat Mittel für Arbeitsbeschaffungsmassnahmen. Aus diesem Sozialstellenplan entwickelte sich im Jahre 1999 das jetzige Reintegrationsprogramm.

Weniger bekannt ist aber, dass in Riehen bereits in den 30er-Jahren Arbeiten im Rahmen eines Arbeitsbeschaffungsprogramms ausgeführt wurden. Die damalige Wirtschaftskrise verursachte insbesondere in der Baubranche eine erhebliche Arbeitslosigkeit und die Notstandsmassnahmen waren vornehmlich auf manuelle Arbeiten zugeschnitten, nicht aber auf die Arbeitslosen aus den technischen Berufen. Die Abteilung «Hausforschung» der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde liess deshalb im Sinne von Notstandsarbeiten für Techniker Arbeiten im kulturellen und geographischen Bereich ausführen. Diese Einrichtung entwickelte sich in der Folge zum so genannten «Technischen Arbeitsdienst Basel». Dieser erstellte unter der Leitung des Architekten Dr. Hans Schwab eine Broschüre zur Siedlungsentwicklung der Gemeinde Riehen seit 1825, welche 1935 erschien. Die Mitarbeitenden waren arbeitslose Grafiker, Bauzeichner, Maschinenzeichner, Vermessungstechniker, deren Aufgabe darin bestand, mit Hilfe von Unterlagen aus den Basler Archiven Kartenmaterial umzuzeichnen bzw. zu erstellen. Die interessante Broschüre kann bei der Gemeindeverwaltung eingesehen werden.

^ nach oben