2000

Wie der Sturm sind seine Wagen

Rosmarie Tscheer

Am zweiten Weihnachtstag, am 26. Dezember 1999, raste der Wirbelsturm «Lothar» mit einer derart urtümlichen Wucht über die Schweiz hinweg, dass innerhalb weniger Stunden ganze Waldpartien Schneisen glichen, in denen die Baumstämme selbst mächtiger Eichen in einem noch nie erlebten Wirrwarr zwischen herausgeschleuderten Wurzeln durch- und übereinander lagen. Häuser, Scheunen, Ställe wurden vollständig abgedeckt oder verloren einen Teil des Daches. Mauern, wie Kartonschachteln zusammengedrückt, stürzten ein und begruben den Viehbestand unter sich. So berichtete mir meine Schwester aus der Innerschweiz am Telefon - selber noch völlig unter dem Eindruck des Schreckens über den in mannigfacher Hinsicht Grauen erregenden Anblick.

Als ich an diesem 26. Dezember 1999 gegen drei Uhr nachmittags kurz auf den Balkon hinaustrat - der rotweisse Tigerkater Mirandolino hatte sich eben zwischen die leeren Blumenkistchen gesetzt und äugte zwischen den Maschen des zwei Meter hohen Sicherheitsnetzes neugierig in die Wiese hinunter -, gewahrte ich die eine der über zwanzig Jahre alten Föhren, die samt den Wurzeln am Boden lag, so als hätte sie ein Furcht erregender Riese in einem unwahrscheinlichen, nur im Märchen vorkommenden Kraftakt aus dem Erdreich gerissen.

Einige Wochen später, an einem sonnigen Vorfrühlingstag, hat mir ein Bekannter und erprobter Waldgänger im Gebiet des «Hochwald» die für mich bis dahin unvorstellbaren, wirklich ungeheuren vom Sturm «Lothar» verursachten Schäden im wörtlich-drastischen Sinn vor Augen geführt. In ganz besonderer Weise beeindruckten mich die vielen halb, zum Teil oder in Gänze aus der Erde herausragenden Wurzeln, die den Zugang zu weiteren, noch daliegenden Stämmen verhinderten. Auch erschütterte mich der Anblick des «gewesenen Waldes», der grösstenteils nur noch aus den Bäumen am Waldrand, das heisst aus einem Waldsaum, bestand. Hier hatten die Bäume offensichtlich diesem ungeheuer mächtigen Ansturm «Lothars» Widerstand geleistet. Er war über sie hinweggerast, hatte sich mit voller Wucht auf die Eichen, Buchen, Tannen des eigentlichen Waldes gestürzt, selbst Kronen hundertjähriger und noch älterer Bäume zersplittert, die Stämme gefällt.

Bei Jesaja, Kapitel 66, Vers 15, lesen wir in der Einheitsübersetzung: «Ja seht, der Herr kommt wie das Feuer heran, wie der Sturm sind seine Wagen», während Franz von Assisi (1182-1226) in seinem einzigartigen Lobpreis «Cantico di Frate Sole» (Sonnengesang) die vierte Strophe mit dem Vers beginnt: «Laudate sì, mi Signore, per frate vento - Gepriesen seist du, mein Herr, für den Bruder Wind»1).

Innerhalb weniger Stunden hat «Lothar» vielerorts eine unglaubliche Zerstörung angerichtet. Dabei sind nicht vor allem von der Umweltbelastung geschwächte, vom Borkenkäfer heimgesuchte, sondern durchaus kräftige, nach menschlichem Ermessen noch viele Jahrzehnte lebensfähige Bäume von dieser geballten Kraft niedergezwungen worden. Solchermassen hat sich der Anblick grosser Waldgebiete in überaus kurzer Zeit radikal und erschreckend verändert.

Diese Erfahrung könnte Menschen dazu veranlassen, dieselbe existenzielle und zugleich zeitlose Frage wie der Mathematiker und Philosoph Blaise Pascal (1623-1662) in seinen «Pensées» zu stellen: «Qu'est-ce que l'homme dans la nature? - Was ist der Mensch in der Natur?» Pascal antwortet gleich selber und definiert: «Ein Nichts ist er im Hinblick auf das Unendliche, ein All im Hinblick auf das Nichts, eine Mitte zwischen Nichts und All.» Diesen überlegungen fügt er unmittelbar an, dass der Mensch unendlich weit davon entfernt sei, die äussersten Enden zu begreifen, dass ihm das Ende und Ziel der Dinge und ihr Anfang in einem undurchdringlichen Geheimnis unüberwindlich verborgen bleiben. Gemäss dieser Gedankenführung ist der Mensch ebenso unfähig, das Nichts zu sehen, aus dem er «gezogen» geworden ist, als die Unendlichkeit, von der er «umschlungen» ist. Daher ist es ihm einzig möglich, oberflächliche Züge der wahren Mitte der Dinge zu erkennen, und dies zudem in einem Gefühl ewiger Verzweiflung über seine unzulängliche Erkenntnis.

Aufgrund dieser Sichtweise und da die Grösse des Menschen darin besteht, sein Elend wahrzunehmen, rät Pascal, uns allein am Denken «aufzurichten» und nicht an Raum und Zeit, die wir nicht auszufüllen oder zu erfassen vermögen. Wie denn die Würde des Menschen nach seiner Ansicht ganz im Denken besteht, der Mensch sei zwar das schwächste Schilfrohr in der Natur, jedoch ein denkendes Schilfrohr. Pascal sagt von sich, dass ihn das ewige Schweigen dieser unendlichen Räume erschrecke («Le silence éternel de ces espaces infinis m'effraie»).

Diesen Schrecken hat uns der Orkan «Lothar» am vergangenen 26. Dezember 1999 mit seiner urtümlichen Wucht erneut beigebracht. Dennoch sagt Pascal in seiner Auseinandersetzung mit der Natur: «Schweige, törichte Natur, erfahre, dass der Mensch unendlich über den Menschen hinausgeht» («L'homme passe infiniment l'homme»). Ob uns diese Aussage, die einem Bekenntnis zum Menschen gleichkommt, zu beruhigen vermag?

1) Aus der übersetzung des «Sonnengesangs» von Rosmarie Tscheer, in: «Menschen zur Gemeinschaft führen», 100 Jahre katholische Kirche in Riehen und Bettingen, Riehen 1999, S. 156 f., und als Tafelbild seit dem 3. Oktober 1999 in der St. Franziskuskirche in Riehen.

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