2000

Kulturpreisträger 1999 Beschwingter Tragiker

Heinrich Vogler

Riehen hat den Kulturpreis 1999 dem Schriftsteller Urs Widmer verliehen. Auch auf ihn trifft zu, dass sich gute Literatur nie auf Geografie reduzieren lässt, dass aber Jugenderinnerung oft Nährboden für grosse Dichtung ist.

Kulturpreisträger 1999: Beschwingter Tragiker
In meiner Strasse wohnte ein künftiger Dichter, den ich nicht kannte. In einem hinter Bäumen und Sträuchern versteckten Märchenschlösschen. Die Natur war damals im Garten des Hauses an der Wenkenstrasse 46 noch urwüchsig. Hin und wieder habe ich als Dreikäsehoch durch die Zwischenräume des Lattenzauns neugierige Blicke geworfen. Es war eine arkadische Oase im Bauerndorf Riehen, das sich damals gerade anschickte, seine ersten Bausünden zu begehen. Ich wuchs also an derselben Strasse wie Urs Widmer auf, war aber um zwei Schulgenerationen jünger als der Schriftsteller in spe aus dem aparten Haus.

Rückblickend ist nicht zu übersehen, dass schon damals in der Mitte dieser Wenkenstrasse Poesie in der Luft lag. Dazu trugen auch andere Anwohner bei, die sehr spezielle, kreative Berufe hatten wie Damenkonfektionsgeschäftsinhaber, Flötistin, Coiffeur, Psychiater, Polizist, Violinistin, Gas- und Stromuhrableser, Buchdrucker oder wie Vater Walter Widmer Gymnasiallehrer, übersetzer, Literaturkritiker und legendärer Animator von Dichterlesungen - beispielsweise mit einer gewissen Ingeborg Bachmann und anderen Wortkunstgrössen jener Nachkriegsjahre.

An dieser Wenkenstrasse gab es im gegenüberliegenden Haus des Böcklin-Schülers Hans Sandreuter mit seinen zu jener Zeit noch nicht restaurierten Fresken auch bildende Kunst. (Kürzlich ist daraus ein renoviertes Juwel geworden, ein intimes Kulturzentrum.) Und an dieser verdösten Wenkenstrasse hat einige Jahre vor mir, um 1948, also schon der Erlensträsschen-Primarschüler Urs Widmer auf dem Nachhauseweg wohl zuweilen - träge den Zäunen entlang schlendernd - Waldreben aus den Hecken herausgeklaubt und, wer weiss, auch zu rauchen versucht. Er hat vielleicht schon an denselben Gartentoren «Gloggeziigli» gemacht wie ich Jahre später, er hat möglicherweise weiter unten im Immenbächli dieselben «Schlappen» gezogen, und er wird wohl damals auch nicht gewusst haben, dass kurz zuvor am alten Bahnhof der deutschen Wiesentalbahn noch die Hakenkreuzfahne geflattert hatte - auch wenn Riehener Nachtbuben während des Kriegs diesen exterritorialen Stein des Anstosses wiederholt beseitigt haben sollen. Mag sein, dass der Primarschüler Urs Widmer sich auf diesem nostalgischen Bahnareal auch wie weiland John Wayne im Wilden Westen wähnen konnte. Und hin und wieder ist er vielleicht auch vom Gärtner oder vom Koch der Gutsherren im Wenkenhof beim Indianer- und Räuberspiel lautstark aus diesem ganz besonderen Paradies vertrieben worden.

Der Erzähler und Dramatiker Urs Widmer kann funkelnde Idyllen schreiben, Märchen für Erwachsene erfinden, die auch noch Kinder sein können. Er fabuliert Liebesgeschichten über Lebende und Lote, die traurig und froh zugleich stimmen. Die Triebfeder seines Schaffens ist der unversöhnliche Widerspruch von Wunsch und Wirklichkeit. Urs Widmer fordert von der Literatur, dass sie auch utopische Züge trägt, und sei es nur darum, weil er daran erinnern möchte, «dass die Welt einmal schön war».

Der heute in Zürich wohnhafte Schriftsteller ist 1938 in Basel geboren und lebte von 1948 bis 1967 in seinem Elternhaus an der Wenkenstrasse. Das Dorf Riehen gehört also zum Schatz von Urs Widmers Jugenderinnerungen, dem Nährboden aller Literatur - auch jener eines heute allein in den Wörtern beheimateten Künstlers, der sich auf keine Geografie reduzieren lässt.

Zwischen Sehnsucht und Realität
Urs Widmer ist enorm produktiv und vielseitig. Das verbindet ihn mit anderen Künstlern, beispielsweise dem Fussballer Zinedine Zidane. Beide sind sie kaum vom Ball zu trennen. Urs Widmers «Tordrang» scheint mit zunehmendem Alter sogar zu wachsen. Fussball ist für Urs Widmer ein Tummelfeld und hat in manches seiner Bücher Eingang gefunden. Bereits 1968 wusste der Chronist im Erstling Alois: «Der FCB spielt einen kompromisslosen Zweckfussball, der Ball wird steil gespielt, über wenige Stationen. Tore zählen, nicht artistische Schönheiten.» Dieses prosaische Erfolgsrezept gilt heute noch. Alois war ein starker Auftakt. Es ging turbulent zu von der Western-Persiflage bis zur Werther-Parodie; mit Panzerknacker Joe, Winnetou, Donald Duck, Eddy Merckx, Seppe Hügi sowie Pelé bis zum Untergang der Titanic und Sir Walter Raleigh und Co. Urs Widmer hat mit Vorliebe solche Trivialmythen zu einem Prosa-Strauss kombiniert. Anfänglich hatte man ihn noch als Clown in der Spasswolke missverstanden. Bis sich langsam die Erkenntnis durchsetzte, dass Urs Widmer immerfort dem Gegensatz zwischen Sehnsucht und Realität entlangschreibt. Er arbeitet die Täuschungen heraus, denen wir erliegen, und er beklagt die Not, eine bessere Welt erträumen zu müssen als diejenige, die wir haben. Immer aber sind Urs Widmers Texte luftig, mag noch so viel graue Wirklichkeit einfliessen.

Urs Widmer muss schon sehr früh zu einer Einsicht gelangt sein, die auch Friedrich Dürrenmatt der Nachwelt mitgegeben hat: «Der Fliegenfänger der Kunst ist das Vergnügen.» Paradox verkürzt: Es kommt nicht so sehr darauf an, worüber, sondern wie man schreibt. Mit diesem Credo stiess der Schriftsteller Urs Widmer in Frankfurt, der Hauptstadt der deutschen 68er-Linken, nicht auf Begeisterung. In seinem Essay mit dem Titel 1968 beklagte denn auch der Preisträger rückblickend: «Es verfolgten ... viele meiner Freunde ... jede metaphorische, begrifflich nicht eindeutige Beschreibung von Welt (gar von Innenwelt) mit der Heftigkeit von Päpsten, die eine Herde Gottseibeiuns aufgestöbert haben.»

Urs Widmer hat sich bis heute nicht auf eine wie auch immer geartete linke ästhetik von «politicai correctness» verpflichten lassen. Wir können uns kaum mehr vorstellen, wie schwierig es zu jener Zeit war, ein Autor zu sein, der beim Schreiben nicht mit dem konformen, aufklärerisch-orthodoxen linken Glauben und Pathos zu Werke gehen konnte. Urs Widmer muss sich als Aussenseiter vorgekommen sein, der die allgemeingültige Erwartung des damals in der Kultur beinahe vorgeschriebenen poli tischen und gesellschaftlichen Engagements nicht zu erfüllen vermochte. «Ich habe dann», notierte Urs Widmer 1979 weiter, «das Gefühl, sie wollen mich aus der < Linkem hinausdiskutieren, nur weil aus meinen Büchern keine Thesen ableitbar sind, weil da keine Arbeiter im Blaumann entfremdete Arbeit leisten und ich keine konkrete Utopie einer goldenen Zukunft hinkriege ... Leider kann ich mir meine Ehernen und Methoden in erschreckend geringem Mass selber aussuchen, will ich glaubhaft bleiben.» Voilà: Dies ist der Grund, weswegen Urs Widmer vielfach gebrochen, grobkörnig verfremdet und zuweilen schein-naiv wie Robert Walser schreibt.

Dieser Schriftsteller weiss: Ein Hauptmerkmal guter Kunst ist die Leichtigkeit. Mit dem italienischen Romancier Italo Calvino strebt er danach, «aus der Sprache ein gewichtsloses Element zu machen, das über den Dingen schwebt wie eine Wolke ... wie ein feiner Staub oder noch besser - wie ein Feld von Magnetimpulsen».

Der Riehener Teenager Urs Widmer hatte zu Zeiten im Realgymnasium einen geschätzten Deutschlehrer, der Schriftsteller war: Rudolf Graber. Sein Name bleibt bis heute mit seinen bekannten Basler Fährengeschichten ver bunden. Urs Widmer hat Lehrer Graber in einer seiner eigenen Schweizergeschichten liebevoll die Reverenz erwiesen. Zusammen mit einem anderen Lehrer, nämlich seinem eigenen Vater, Walter Widmer, einem ausgewiesenen «homme de lettres», konnte sich der Gymnasiast gar nicht anders als insgeheim schon sehr früh als Dichter fühlen.

Seine Stoffe schöpft Urs Widmer aus all dem, was ihm im Laufe der Jahre am nächsten geblieben ist: Liebe und Tod, Kindheit, Familie, Basel, Riehen mit der Grenze und seinen leuchtenden Kornfeldern - zu überprüfen in Widmers berühmtester Erzählung Der blaue Siphon. Und dann ist da auch die Stadt Zürich und ihr Umland, wo er seit 1984 lebt. Er schreibt und schreibt über seine Heimat, also über die Schweiz und ihre Geschichten. Dabei leitet ihn die Erkenntnis, dass «der triviale Mythos ... der grösste gemeinsame Nenner (ist), der Projektionen, der Leute um mich herum, mich selbst inbegriffen». Mögen die Widmerschen Buchtitel noch so exotisch klingen - Das Verschwinden der Chinesen, Die Abenteuer Jim Strongs in Arizona, Im Kongo, Der Kongress der Paläolepideptorologen -, im Innern dieser Texte laufen die Erzählfäden stets in dieser unser aller Schweiz zusammen. Und immer steht Urs Widmers Anspruch im Hintergrund: «Kunst müsste ... ein Mittel sein, das Leiden abzuschaffen oder mindestens aushaltbar zu machen.»

«Realistischer» geworden
Die Widmerschen Hörspiele und Stücke sind Komödien und Grotesken, weil deren Schöpfer sich bewusst ist, dass wer zuletzt lacht, mit Grund lacht. Seinen grössten Coup landete Urs Widmer 1996 mit Top Dogs. Zusammen mit dem Theater am Neumarkt Zürich erarbeitete er einen zuvor dokumentarisch erschlossenen Stoff: Recherchen unter arbeitslosen Managern. Erstmals wurde in dieser Weise die Arbeitslosigkeit der gemeinhin für die Arbeitslosigkeit Verantwortlichen gekonnt bühnenwirksam thematisiert. Keineswegs zufällig avancierte Top Dogs zu einem der erfolgreichsten Bühnenstücke der letzten Jahre. Es scheint, als ob Urs Widmer in Bezug auf das Faktische der Historie das Wirkliche in jüngster Zeit sukzessive stärker konturiert hätte als das Phantastische. Er hat die blauen Schleifen des Skurrilen eindeutiger der Form zu geordnet. Mit anderen Worten: Urs Widmers Texte sind von Dekade zu Dekade etwas «realistischer» geworden, im Sinne einer linearen Handlung mit plausiblen Figuren, Dialogen und Situationen. Am deutlichsten tritt dies im neusten Roman Der Geliebte der Mutter zutage.

Das neue Schlüsselwerk
Wenn Sie sich in der Musikwelt zu Hause fühlen, insbesondere in der baslerischen oder in der zürcherischen, dann ist dieser Wurf für Sie eine Bestätigung all dessen, was Sie immer schon ahnten oder gewusst haben wollen. Falls Sie sich nicht in der Musikwelt zu Hause fühlen, auch nicht in der baslerischen oder in der zürcherischen, dann werden Ihnen bei der kurzweiligen Lektüre vielleicht die Augen aufgehen. Aber das ist nur die eine Hälfte der Musik. Der Geliebte der Mutter ist insbesondere auch ein Denkmal für all die ungezählten «Seelen» von Frauen an der Seite erfolgreicher, patriarchaler Künstler von Rodin bis Picasso, von Brecht bis zu Edwin, dem milliardenschweren Dirigenten, eben dem Geliebten der Mutter in Urs Widmers jüngstem Coup. Der Geliebte der Mutter ist ein Ehrenmal für all die opferwilligen Musen, welche bis zur Selbstaufgabe ihren Herren dienstbar waren und die im Werk des Künstlers aufgegangen sind, um von diesem auf dem Höhepunkt der Karriere wie ein Stück Nichts fallen gelassen zu werden. Der Geliebte der Mutter ist schliesslich auch die Geschichte einer verstummenden Leidenschaft der Nähe in der Distanz. Ein Sohn erzählt die Tragödie seiner Mutter, der im Schmerz immer wieder ein Lächeln entgegenfliegt. Der Geliebte der Mutter ist weniger ein Schlüsselroman als das neue Schlüsselwerk Urs Widmers.

Ein Quell aller Inspiration in der Literatur ist die Erinnerung. In seiner Autobiografie Erinnerung, sprich verrät Vladimir Nabokov, wo sein eigener Erinnerungsschatz verborgen liegt: «Wie klein der Kosmos ist... wie dürftig und belanglos, verglichen mit menschlichem Bewusstsein, mit einer einzigen individuellen Erinnerung und ihrem sprachlichen Ausdruck! Vielleicht sind mir meine frühesten Eindrücke übermächtig lieb, aber schliesslich habe ich Grund, ihnen dankbar zu sein. Sie geleiten mich in ein wahres Paradies.»

In eben dieses Paradies führt uns auch Urs Widmer.

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